16.11.2007

Bruno Labbadia im Interview

„Da hieß es: Friss oder stirb“

Wandervogel, Pistolero, Torjäger – als Spieler hatte Bruno Labbadia viele Gesichter. Doch wie ist er als Trainer der SpVgg Greuther Fürth? Schleifer oder Kumpeltyp? Wir sprachen mit ihm über das Werden und Sein eines Fußballmenschen.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Sie wurden als jüngstes von neun Kindern geboren und wuchsen in einfachen Verhältnissen auf. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Extrem, denn ich hatte eine super Kindheit. Wir konnten uns zwar nicht alles leisten, aber damals war es auch noch nicht so schwer, mit weniger Geld auszukommen. Wir haben einfach die Sachen von den Geschwistern mitgetragen. Heutzutage wäre so etwas natürlich viel schwieriger – bei den ganzen Markenartikeln. Ich kann nur sagen, dass es wunderschön für mich war, weil wir als Großfamilie viel an der frischen Luft waren, und ich besonders mit meinen nächsten drei Geschwistern ständig unterwegs war.

Gehörten Sie auch zu den Kindern, die auf dem Bolzplatz standen bis es dunkel wurde?

Und noch länger. Es wäre schon gut gewesen, wenn ich etwas früher kapiert hätte, dass die Schule auch ein Thema sein sollte. Das hat leider gedauert.

Wo haben Sie gespielt?

Hinterm Bauernhof hatten wir unseren einen eigenen Bolzplatz, den wir mit Freunden und den ganzen Geschwistern geschaffen hatten. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir erst mit Sensen das ganze Gestrüpp weggehauen und dann gleich mit dem Spielen angefangen haben. Da war natürlich immer was los.

Zurück zum Verein. Hat Sie dort jemand gefördert?

Es gibt eine Person, Georg Linnert, die wie ein Ziehvater für mich ist. Diesem Mann habe ich sehr viel zu verdanken, denn er hat mich von der E-Jugend bis zu den Senioren geführt. Mit ihm trifft sich heute noch die ganze ehemalige Mannschaft - zweimal im Jahr mit den kompletten Familien. Wir halten ständig Kontakt, und er ist mittlerweile der Patenonkel meines Sohnes.

Beziehen Sie sich heute noch in Ihrer Trainerarbeit auf ihn?

Auf alle Fälle – insofern, dass das Fußballspielen und die Technik auch bei mir große Schwerpunkte sind. Darin hat er mich von Anfang an geprägt. Wir haben zum Beispiel damals schon einmal die Woche auf einem Handballplatz trainiert, weil ihm das Spiel auf engem Raum sehr wichtig war. Heute lasse ich selbst als Trainer auch immer wieder Spiele auf Kleinfeld machen, um den Bolzplatz zu simulieren.

Wie sehr hat Sie ihre italienische Abstammung in Ihrer Jugend beeinflusst?


Damals waren die Italiener noch fast die einzigen Ausländer. Klar wurde man dann auch mal Spaghetti-Fresser genannt. Aber ich habe mich immer als Deutscher gefühlt, weil ich ja hier geboren wurde. Heute bin ich sehr froh, dass ich beides in mir habe. Einmal dieses Akribische, Geordnete, gut Organisierte, und andererseits auch ein Stück weit das „Dolce Vita“, wenn es denn angebracht ist. Das möchte ich auch meinen Jungs vermitteln: Auf der einen Seite muss man hart für den Erfolg arbeiten - aber dann auch genießen können. Das ist es, was das Leben ausmacht.

War es für Sie als Gastarbeiterkind schwieriger?

Schwer zu sagen. Wir hatten ja einfach nicht die Möglichkeiten. Wenn man mit acht Geschwistern groß wird, beide Eltern berufstätig sind und auch nicht das große Geld verdienen, kann man sich gewisse Dinge einfach nicht leisten.

Sie haben mit 18 Ihren ersten Profivertrag unterschrieben. Konnten Sie dadurch auch Ihrer Familie finanziell helfen?

Das haben meine Eltern nicht gewollt. Heutzutage ist es so, dass viele Eltern Talent in ihr Kind hineininterpretieren, das gar nicht vorhanden ist und ihre Kinder damit unter Druck setzen.

Und Ihre Eltern?

Die haben sich nie bei mir eingemischt. Meine Eltern haben sich damals ein Haus gekauft und von ihrem eigenen Geld abbezahlt, ohne dass sie von mir jemals einen Pfennig wollten. Wie sie das geschafft haben, bewundere ich.

Also sind ihre Eltern auch Vorbilder für Sie?


Ja, ich habe einen Riesenrespekt vor ihnen. Sie kamen mit so einer großen Familie in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht mächtig waren, und haben es dann geschafft, im Laufe der Zeit soviel zu arbeiten und so sparsam zu sein, dass sie sich ein Haus leisten konnten. Das war eine riesige Leistung.

Haben Sie auch mal davon geträumt, in Italien zu spielen? Eventuell bei Ihrem Lieblingsverein Sampdoria Genua?

Ja, ich war mehrmals nah dran. Bei verschiedenen italienischen Vereinen war ich immer mal kurz ein Thema. Einer der letzten war der SSC Neapel, aber da war das Risiko zu groß, und einige Sachen stimmten nicht. Damals war ja Italien fußballerisch noch das Land, wo jeder hin wollte. Für mich persönlich wäre das auch etwas Besonderes gewesen, aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich auch die Bundesliga sehr schätze. Andererseits ist es natürlich immer interessant, auch mal in einem fremden Land zu arbeiten.

Trauern Sie der verpassten Chance nach?

Nein. Ich bin ein Mensch, der nie etwas nachtrauert, weil ich die Vergangenheit nicht mehr verändern kann. Ich kann nur zwei Sachen beeinflussen: Das Jetzt und das Morgen.

Warum haben Sie sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden?


Das war damals eine schwierige Entscheidung. Es gab noch die Regelung, dass in der 2. Liga nur zwei Ausländer in einer Mannschaft spielen durften. Wir waren drei Ausländer, und ich war der jüngste und auch derjenige, der in Deutschland geboren war. Ich wurde dann gefragt, ob ich Deutscher werden möchte. Es war für meine Eltern nicht so einfach, dass ich mit 18 Jahren Deutscher wurde. Letztendlich nur, weil ich unbedingt in der 2. Liga spielen wollte.

Also eher eine pragmatische Entscheidung?


Damals schon, weil ich einfach spielen wollte. Aber ich habe mich immer als Deutscher gefühlt, genauso wie ich auch meine italienischen Wurzeln nicht verleugne. Die haben mir in meinem Leben viel mitgegeben.

Waren Sie in den Länderspielen trotzdem mit dem Herzen dabei?


Also, ich wäre da auch schon vorher zu Fuß hingelaufen. In der Nationalmannschaft zu spielen, ist immer etwas Besonderes, und die deutsche und die italienische Nationalmannschaft sind beide ganz große Mannschaften.

Und wenn sie aufeinander treffen, wie beim Halbfinale der WM?

Ich weiß, was Sie fragen wollen. Ganz ehrlich, bei diesem Spiel verfahre ich ausschließlich nach dem Motto: „Der Bessere soll gewinnen.“ Ich war auch beim Halbfinale in Dortmund, und das war eine ganz komische Sache, als Deutschland ausgeschieden ist. Irgendwo waren die Italiener den Tick stärker, aber in dem Moment habe ich gemerkt, dass die WM für Deutschland vorbei ist.

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