Bruchhagen und Rettig im Interview

„Kein Fußbreit den Milliardären“

Die DFL-Vorstandsmitglieder Heribert Bruchhagen und Andreas Rettig über asiatische Märkte, Sumo-Ringer als Torhüter, den empfindlichen DFB-Chef und aufgeblähte Scoutingabteilungen. Christiane Haid
Heft #71 10 / 2007
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Heribert Bruchhagen, Andreas Rettig, am 25. Oktober könnte auf dem DFB-Bundestag beschlossen werden, dass künftig auch Investoren die Mehrheit an deutschen Profiklubs übernehmen können. Kommt es dazu?

Andreas Rettig: In der Bundesliga sind einige Protagonisten sehr daran interessiert, dieses Thema voranzutreiben. Es gibt dazu allerdings noch nicht einmal einen Antrag. Es macht aber für mich keinen Sinn, die Entscheidung jetzt über das Knie zu brechen. Wir sollten erst einmal externe Experten dazu holen und die Erfahrungen anderer Ligen auswerten, bevor wir beschließen, ob eine solche Satzungsänderung sinnvoll ist.

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Wo verläuft denn da die Grenze? Die großen Klubs gegen die kleinen?

Rettig: Nein. Bei dem Thema stehen sich Fußballromantiker und wirtschaftlich orientierte Entscheidungsträger diametral gegenüber. Aber: Nicht alles, was aus den USA oder von der Insel kommt, muss gut sein.

Sie klingen nicht sonderlich begeistert.

Heribert Bruchhagen: Ich komme von der TSG Harsewinkel und habe diverse Stationen in der Bundesliga durchlaufen. Ich weiß noch, was Vereinskultur bedeutet.

Diese Vereinskultur sehen Sie gefährdet?

Bruchhagen: Die Bundesliga ist für Investoren nicht der richtige Ort. So ein Investment ist doch immer nur eine temporäre Geschichte. Es kommt nur einmal frisches Geld in den Markt, strukturell verändert sich aber nichts.

Rettig: Wer solch große Summen in einen Klub investiert, macht das in der Regel nicht aus Liebe zum Sport. Wenn es eine Herzensangelegenheit wäre, würde ja auch eine Minderheitsbeteiligung ausreichen. Ich will das Investorentum gar nicht grundsätzlich geißeln. Nur wenn man sich darauf einlässt, dass derjenige die Geschäfte bestimmt, der das meiste Geld investiert, muss man auch mit den negativen Konsequenzen leben. Bisher sagen die Befürworter nur: »Wir brauchen frisches Geld, damit wir konkurrenzfähig sind.« Zu welchem Preis das geschähe, sagt aber niemand.

Wie hoch wäre der Preis?

Rettig: Der Fußball muss bezahlbar bleiben. Wenn am Ende die billigste Karte wie in England 35 Pfund kostet, ist er das aber nicht mehr, jedenfalls nicht für den, den wir auch gerne im Stadion haben wollen und der die Liebe zum Fußball mitbringt. Klar, wir wollen alle Geld verdienen. Wir müssen nur aufpassen, dass wir die Latte für die Fans nicht zu hoch legen.

Bruchhagen: Der Wettbewerb in der Bundesliga ist immer stärker gefährdet und hat in den letzten zwölf Jahren zementartige Züge angenommen. Die Großen bleiben groß, die Mittleren bleiben mittel und die Kleinen bleiben klein. Diese Entwicklung ist den Fernsehgeldern geschuldet. Wenn wir jetzt eine blühende Landschaft vor Investoren ausbreiten, wird man hinterher nicht mehr von Zement reden, sondern von Granit. Die Großen würden noch mehr bekommen und die Kleinen prozentual noch weniger.

Die Befürworter einer neuen Regelung argumentieren international. Nur durch Investoren könne die Bundesliga mit der englischen Premier League mithalten.

Rettig: Ich kann nicht mehr hören, dass wir in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig seien. Den Fernsehmarkt isoliert zu betrachten, ist Unfug. Die Fernsehlandschaft in England oder Frankreich ist eine ganz andere, dort hat sich ein anderer Pay-TV-Markt entwickelt. Dafür haben wir in Europa die höchsten Werbeeinnahmen. Und das liegt daran, dass wir im Free-TV laufen und an jedem Samstag sechs Millionen die Sportschau gucken. Wenn man die Marketingerlöse erhalten will, kann man den Fußball nicht im Pay-TV verstecken, es sei denn, es gibt signifikant höhere Reichweiten.

Kämpft die Liga jetzt schon ihr letztes Gefecht? Investoren wie der Red-Bull-Erfinder Dietrich Mateschitz stehen bereit. Auch Martin Kind würde gerne bei Hannover 96 investieren.

Bruchhagen: Hannover 96 ist da interessiert. Aber es würde nicht so kommen, wie 96 sich das wünscht. Es würde einen einmaligen »Return of investment« geben, strukturell würde sich aber nichts ändern. Denn nach den großen Investoren suchen auch noch sieben andere Klubs. Hannover wird da nicht der erste Kandidat sein und dasselbe gilt für Eintracht Frankfurt. Da aber Trends in Deutschland manchmal eine Eigendynamik kriegen, nicht zuletzt durch die Medien, will ich nicht ausschließen, dass ein solcher Hype irgendwann uns, die Puristen, wegfegt. Das haben wir schon zu oft erlebt.

Dann mischen russische Investoren und Dietrich Mateschitz in der Liga mit.

Rettig: Einen Mateschitz haben wir ja schon mit Herrn Hopp in der Liga. Wenn man die Meldungen über die Transfers der TSG Hoffenheim hört, horcht man schon auf. Für mich ist das immer noch ein Unterschied, ob der FC Bayern für Millionen Spieler kauft, schließlich ist das selbst erwirtschaftetes Geld. Ob andere Vereine solches Geld generieren können, stelle ich zumindest mal in Frage.

In vielen Klubs wird inzwischen sehr ökonomisch gedacht. Fans gelten als Kunden, deren Konsumwünsche es zu befriedigen gilt.

Bruchhagen: Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Der Fußball muss bezahlbar sein. Bei uns kostet die billigste Jahreskarte 100 Euro. Und solange ich Verantwortung habe, versuche ich, das beizubehalten. Auch was Würstchen und Bier kosten, sind elementare Dinge. Da lasse ich mir nicht reinreden; das bestimme ich – und nicht der Caterer.

Rettig: Es sind viele kleine Dinge, die den Ausschlag geben. Nehmen Sie die Trikots. In Augsburg gibt es das günstigste Trikot im bezahlten Fußball, es kostet unter 40 Euro. Wenn ich nun welche sehe, die ihr Trikot für 75 Euro verkaufen, gibt es dafür sicherlich einen Markt. Ich finde aber, dass das Trikot nicht zum Weihnachtsgeschenk verkommen sollte. Wenn du als Familienvater nicht mehr dazu in der Lage bist zu sagen »Gutes Zeugnis, jetzt kriegst du ein Trikot«, dann haben wir ein Problem.

Bruchhagen: Auch dieses ganze Ballyhoo, das anderswo um den Fußball erzeugt wird, ist nicht meine Sache. Es muss immer mit Fußball zu tun haben. Ich will auch keine Schreihälse als Stadionsprecher. Bei uns singt der Polizeichor »Eintracht vom Main«. Das Lied ist 40 Jahre alt – und das haben die Fans am Ende sogar lieb gewonnen. Da muss man ganz behutsam vorgehen. Man darf nicht jeden Scheiß mitmachen.

Sie sind Mitglieder des Vorstands der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Wie schwierig ist es für Sie, die Interessen ganz unterschiedlicher Klubs gemeinsam zu vertreten?

Rettig: Ich bin sehr froh über die jetzige Zusammensetzung des Vorstands. Es scheint zum ersten Mal gelungen, dass sich alle 36 Gesellschafter in den handelnden Personen wieder finden können. Wir haben mit dem FC Bayern auf der einen Seite und dem FC Augsburg auf der anderen Seite die ganze Schere abgebildet – von 220 Millionen bis zu zehn Millionen Umsatz.

Bruchhagen: Als wir uns gegründet haben, waren wir ein sehr homogenes Team. Früher konnte man mit Wildmoser, Dünnwald-Metzler, Klein oder Böhmert kameradschaftlich sprechen, schön mit einem Glas Wein dabei. Damals ging es auch lediglich darum, ob Reutlingen die Lizenz kriegt oder nicht.

Diese Zeiten sind vorbei.

Bruchhagen: Heute werden wir immer politischer, ob wir das wollen oder nicht. Wir sind Entsandte mit Interessenspaketen; das macht die Sache viel schwieriger. Da kann man nichts mehr nach Gutsherrenart entscheiden. Dass im Ausrüsterstreit nur Dr. Reinhard Rauball für die Gruppe gesprochen hat, ist ein Qualitätsmerkmal. Ich habe in der Vergangenheit ja auch nicht immer zielgerichtet gearbeitet, im Sinne der Gruppe ...

Warum kam es überhaupt zu solchen Differenzen? Ging es allein ums Geld, dass der Liga durch das Scheitern des Nike-Deals entgeht?

Rettig: Wir hatten als DFL nur ein Problem mit der Vorgehensweise. Es war uns nicht klar, warum ein monatelang schwelender Streit nach einer Schiedsgerichtsempfehlung plötzlich so schnell entschieden werden musste. Für uns wurde diese Entscheidung übers Knie gebrochen. Wir respektieren die Vertragshoheit des DFB, aber es kann niemand erwarten, dass wir einen solch komplexen Inhalt in 18 Stunden beurteilen können und in dieser Zeit zu einer fundierten Meinung gelangen. Aber nochmal: Wir wissen, dass wir uns gegenseitig brauchen, DFB und DFL. Es hat uns lediglich verwundert, dass Dr. Zwanziger so scharf darauf reagiert hat. Das war überzogen. Aber inzwischen ist die Friedenspfeife schon wieder geraucht.

Bruchhagen: Man muss ihn aber vielleicht auch etwas in Schutz nehmen: Ich bin seit 21 Jahren in der Bundesliga dabei und werde jeden Montag, Dienstag und Mittwoch angepiekst. Dr. Zwanziger kommt aus der Verbandshoheit, ist dort der erste Mann im Staate. Für ihn war das neu, dass man auch mal kritisiert wird. Wenn man täglich das Gefühl hat, zum Teil ungerechtfertigt kritisiert zu werden, geht man mit einem solchen Sachverhalt vielleicht etwas ruhiger um.

Beim Ligapokal herrschte im Gegensatz zum Adidas-Nike-Streit relative Uneinigkeit. Die Vor-Saison-Variante wird wegen sportlicher Bedeutungslosigkeit kritisiert, dann gab es Planspiele, den Pokal deutlich auszuweiten. Dagegen läuft nun wieder Bayern-Manager Hoeneß Sturm.

Bruchhagen: Ein paar Vereine haben leider das Problem: Sie spielen in der Champions League oder im UEFA-Cup, haben nur Nationalspieler in ihrem Kader und können über Freundschaftsspiele auch etwas Geld generieren. 30 Vereine haben derweil Spieler, die tendenziell unterbeschäftigt sind.

Rettig: Jetzt könnte man sagen: Macht doch den Ligapokal nur mit den 30 anderen Klubs! Ohne die Spitzenklubs ist das Fernsehen aber nicht mehr dabei. Frankfurt gegen Augsburg interessiert doch niemanden, aber bei Bayern München gegen Unterhaching sitzen dann wieder ein paar Millionen vor der Glotze.

Bruchhagen: Letztlich kommt es immer wieder zu dem selben Konflikt. Der Uli Hoeneß ist dann natürlich wieder dabei und sagt: »Wehret den Anfängen!« Wenn der am Montag vor Bundesliga-Start ein Freundschaftsspiel in Japan bekommt, fährt der dafür aber rüber, ohne mit der Wimper zu zucken. Oder dienstags nach Mallorca. Das ist natürlich ein Indiz dafür, dass auch die Bayern nicht überbelastet sind. Sonst würden sie solche Sachen nicht machen.

Kommen wir mal zurück zu der Wettbewerbsfähigkeit. Alle blicken neidisch auf die Premier League, die Unsummen durch die Auslandsvermarktung kassiert. Warum hinkt die Bundesliga da hinterher?

Bruchhagen: Der Schuldige an dieser Disparität zwischen dem englischen und deutschen Fußballmarkt ist eigentlich Bismarck. Wer Helgoland gegen Kolonien eintauscht, darf sich 150 Jahre später nicht wundern, dass das Ganze nicht richtig klappt. Englisch ist nun mal Weltsprache und der Engländer hat etwas früher mit dem Fußball begonnen, ist in alle Welt ausgeströmt und hat sein Fußballherz mitgenommen, während die Schalker und Dortmunder Bergleute schön im Ruhrgebiet geblieben sind.

Müssen wir alle Hoffnung fahren lassen?

Bruchhagen: Wenn man eine Kurve zeichnen würde, geht die Auslandsvermarktung stetig nach oben, aber auf niedrigem Niveau. Ich glaube, dass wir uns auf dem Gebiet verbessern werden. Dass wir gleichrangig werden mit England, kann ich mir aber nicht vorstellen. Dafür ist Deutschland nicht genug im Blickfeld. Die Premier League hat sich im richtigen Moment gut aufgestellt. Der Bodensatz war gut, die koloniale Vergangenheit – und sie haben es natürlich 15 Jahre früher angepackt als wir.

Wie kann denn die Bundesliga international präsenter werden?

Rettig: Ich bin schon dafür, auf anderen Kontinenten Präsenz zu zeigen, aber nicht so, wie es Real Madrid gemacht hat. Deren Asienreise war ja eher Negativwerbung, weil sie missmutig dorthin gefahren sind, ihr Programm schnell und lustlos abgespult haben und dann fix wieder nach Hause gefahren sind. Das merken die Leute vor Ort auch, wenn sowas ein Klub nur für Geld macht. Die Frage ist: Wo sind die Länder, in denen wir noch eine Chance haben? Und da ist zum Beispiel Indien ein Markt. Das muss aber langsam wachsen. Man kann nicht erwarten, dass man mal rüber fährt und ab morgen sprudeln dann die Dollars.

Also spielen demnächst viele Inder in der Bundesliga?

Rettig: Bei uns kommt immer zuerst die sportliche Einschätzung eines Spielers. Wenn er dann noch zufällig aus einem Land kommt, das uns perspektivisch Vermarktungserlöse bescheren kann, ist das schön. Wenn das nicht der Fall ist, nehmen wir den Spieler trotzdem. Es wäre kompletter Irrsinn, Spieler ausschließlich aus Marketinggründen zu verpflichten. Dann müssten wir demnächst einen Sumo-Ringer verpflichten und ihn bei uns ins Tor stellen. Das garantiert die Chance, die asiatischen Märkte zu erschließen, aber du wirst kein Spiel mehr gewinnen.

Wie globalisiert die Fußballwelt ist, zeigt das Ringen um immer jüngere Talente.

Rettig: Das bereitet uns allen wirklich Kummer; dieser Unsinn muss wieder aufhören. Ich muss da selbstkritisch sagen, dass wir das in Leverkusen früher auf anderem Niveau ähnlich gemacht haben, als Ghana mit Lamptey, Addo und Barnes U17-Weltmeister geworden ist. Wir haben diese jungen Spieler damals auch geholt, was aus heutiger Sicht ein Fehler war. Immerhin waren sie damals schon 17. Trotzdem war es falsch, sie von einem anderen Kontinent hierher zu verfrachten und zu verpflanzen. Ich behaupte heute: Das kann in dem Alter nicht gut gehen. Wenn man aber die Tendenz der letzten Jahre sieht, sind die Spieler immer jünger geworden. Jetzt werden schon Zwölfjährige verpflichtet! Deren sportliche Entwicklung ist doch überhaupt noch nicht abzusehen. Da kommt das Wachstum, der erste Pickel, die erste Freundin, die erste Zigarette …

Bruchhagen: Es liegt am immer weiter ausufernden Scoutingsystem. Die Scoutingabteilung hat Handlungsbedarf, muss nachweisen, dass sie handlungsfähig ist, eine Blase bildet sich. Wenn du zur U16-Weltmeisterschaft keine drei Scouts schickst, musst du dich rechtfertigen: »Wo waren Sie denn?« Da entsteht manchmal eine Eigendynamik, die in die falsche Richtung geht.

Zum Ligaverband und seinen Zielen. Reinhard Rauball hat nach seinem Amtsantritt gesagt, alles komme auf den Prüfstand: Winterpause, Spielplan, Anstoßzeiten. Was fällt denn eher: Sommer- oder Winterpause?

Bruchhagen:
Der internationale Kalender sieht alle zwei Jahre Welt- und Europameisterschaften vor. Da frage ich mich, wo da der Spielraum für Deutschland ist. Der Rahmenterminkalender der FIFA dominiert die nationalen Ligen derartig, dass es eigentlich egal ist, was wir da entscheiden.

Rettig: Ich würde mir wünschen, dass wir ein Alleinstellungsmerkmal für die 2. Liga kriegen. Warum müssen wir immer synchron enden? Wenn jetzt die Relegation kommt, geht das leider nicht anders, damit beide Klubs die gleichen Voraussetzungen haben. Im Vorfeld könnte man die Saison allerdings anders gestalten. Warum sollte die 2. Liga nicht am 15. Juli beginnen? Das wäre eine echte Vorwärtsentwicklung.

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