24.02.2013

Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht im Interview

»Mein Traumtransfer: Lumpi Lambertz«

Trainer Torsten Lieberknecht hat Eintracht Braunschweig zum Aufstiegsaspiranten geformt. Vor dem aktuellen Spieltag führt der BTSV die Zweitliga-Tabelle an. Für 11FREUNDE#135 sprachen wir mit Lieberknecht über ehrgeizige No-Names und die Betonfrisur seiner Nachbarin.

Interview: Tim Jürgens und Benjamin Kuhlhoff Bild: Tara Wolf


Lassen sich neue Spieler noch damit locken, wenn Sie erfahren, dass Weltmeister Paul Breitner hier mal gespielt hat?
Wenn ich den Namen erwähne, höre ich eher: »Breitner? Dann müssen die Erfolge aber schon sehr lange her sein!« Aber mit Fußballemotionen sollten sich die Jungs schon locken lassen. Zumindest achten wir genau darauf, ob neue Spieler für die Tradition und die besondere Atmosphäre des Klubs Feuer fangen und sich damit identifizieren.

Sie führen mit Ihrer konsequenten Haltung das Sprichwort von »Geld schießt Tore« ad absurdum.
Ich hatte in meiner aktiven Zeit das Glück, oft in teamorientierten Mannschaften zu spielen. Waldhof, Kaiserslautern, Braunschweig – das waren alles sehr gut zusammengestellte Kader, in denen die Charaktere zueinanderpassten. Und wir waren im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgreich. Vielleicht lege ich deswegen als Trainer nicht so viel Wert auf die Vita eines Spielers. Wir sind mit dem schlechtesten Kader der dritten Liga aufgestiegen und haben nun wieder dem Vernehmen nach den schlechtesten Kader in der zweiten. (lacht) Aber wir haben einen Teamgeist, der offenbar beflügelt.

Ihre Mannschaft soll in der Lage sein, zwischen vier verschiedenen Systemen auf Zuruf zu variieren.
Das stimmt. Diese Variabilität erwarte ich von einer Profimannschaft, und es ist meine Aufgabe, den Spielern diese flexible Spielweise zu vermitteln.

Gibt es Codes, über die Sie einen Systemwechsel anzeigen?
Die gibt es. Grundsätzlich geben wir aber vor jedem Spiel eine Strategie vor und greifen während der Partie – wenn es sein muss – immer wieder ein. Was dieses Umschalten angeht, stehen wir aktuell vor einer neuen Entwicklungsstufe. Denn die Spieler sind derzeit noch zu sehr auf das Trainerteam angewiesen.

Wie meinen Sie das?
Die Mannschaft ist extrem im Empfängermodus. Übertrieben gesagt, wenn ich die Jungs auffordern würde: »Bei einer Ecke bleiben wir alle vorne und decken hinten nicht ab«, dann machen die das! Wir müssen dafür sorgen, dass zunehmend Dinge aus der Mannschaft heraus entschieden werden.

Woher kommt dieser Gehorsam?
Es zeugt von großem Charakter, dem Trainer zuzuhören und zu versuchen, dessen Ideen umzusetzen. Auch deswegen wählen wir unsere Spieler nicht nur unter sportlichen, sondern speziell unter charakterlichen Gesichtspunkten aus.

Das heißt, die Jungs folgen Ihnen blind?
Und dieses Vertrauen würde ich nie aufs Spiel setzen. Innerhalb der Mannschaft werden aber darüber auch mal Späße gemacht.

Zum Beispiel?
Als wir ins Trainingslager nach Österreich fuhren, haben ein paar Routiniers den Jüngeren gesagt, was sie einpacken müssen: Leibchen, Bälle, und vor allem den Kühlschrank sollten sie nicht vergessen. Und siehe da: Als wir uns am nächsten Morgen trafen, hatten zwei 19-Jährige tatsächlich den Kühlschrank rausgeschleppt.

Sie pflegen trotz einer Dekade in Braunschweig noch fleißig Ihren pfälzischen Dialekt und haben allein sechs Spieler aus der Pfalz im Team. Sind Pfälzer die besseren Menschen?
Der Pfälzer an sich ist wirklich teamorientiert, da mögen Sie recht haben. Aber er neigt auch leicht zum Einschnappen. Dass wir so viele Spieler aus der Pfalz haben, war eher Zufall. Die Korte-Zwillinge hat mein Bruder entdeckt. Der wohnt noch in der Pfalz und hat ein gutes Auge für Fußballer. Matze Henn war schon hier, und die anderen passten sportlich gut rein.

Wie bitter ist es für Sie als Ex-Lauterer, der auf dem »brennenden Betze« groß geworden ist, in einem Multifunktionsstadion mit Laufbahn spielen zu müssen?
Kein Problem. Ich mag diesen Old-School-Stil ganz gerne, denn das Stadion hat Charme, und es lebt durch die vielen unterschiedlichen Schichten, die sich hier treffen. Die Fans machen die Musik. Die Laufbahn kann ich mir allein deshalb schönreden, weil ich weiß, wie viele Klubs sich reine Fußballstadien gebaut haben und nun sehr unter den wirtschaftlichen Folgen leiden müssen.

Aber neidisch sind Sie schon, wenn Sie mit der Eintracht nach Kaiserslautern kommen?
Natürlich sind diese modernen Stadien sehr schön, aber vor und nach dem Spiel kann dort eine Mannschaft kaum noch Nähe zu den Zuschauern aufbauen. Am Betzenberg fährt man mit dem Bus ins Stadion, steigt aus, fährt im Fahrstuhl hoch auf den Platz, spielt und macht sich wieder auf den Heimweg. Das hat mich erschreckt, denn die Lauterer brauchen traditionell die Nähe zu ihren Spielern. Hier in Braunschweig muss man durch die Zuschauer durch, wenn man auf den Platz will.

So was kann natürlich auch oft unschön sein.
Ich stelle mich, wenn es sein muss, dem Gespräch. Allerdings sage ich dem betreffenden Fan vorab, dass ich eventuell eine andere Meinung habe, wenn er mit mir über Fußball reden will. Da kann es auch vorkommen, dass ich einem über den Mund fahre.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden