24.02.2013

Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht im Interview

»Mein Traumtransfer: Lumpi Lambertz«

Trainer Torsten Lieberknecht hat Eintracht Braunschweig zum Aufstiegsaspiranten geformt. Vor dem aktuellen Spieltag führt der BTSV die Zweitliga-Tabelle an. Für 11FREUNDE#135 sprachen wir mit Lieberknecht über ehrgeizige No-Names und die Betonfrisur seiner Nachbarin.

Interview: Tim Jürgens und Benjamin Kuhlhoff Bild: Tara Wolf

Torsten Lieberknecht, Sie sind in Hassloch aufgewachsen.
Dem deutschen Durchschnittsort, das stimmt.

Wo die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vor der Markteinführung zahllose Konsumgüter testet. Wie prägt das Leben in so einer Stadt einen Menschen?
Davon habe ich lange nichts mitbekommen. Meine Mutter sagte nur, wenn wir zum Einkaufen gingen: »Vergiss die GfK-Haushaltskarte nicht!« Ernsthaft Notiz davon genommen, dass Hassloch anders ist, habe ich erst, als unsere Friseurmeisterin von gegenüber, Frau Handrich, sich furchtbar über einen »Spiegel«-Artikel aufgeregt hat.

Was erregte denn das Gemüt der Dame?
In dem Beitrag stand, dass Hassloch so durchschnittlich sei, dass selbst die Frisuren aller Frauen identisch seien. Da ist sie auf die Barrikaden gegangen. Allerdings muss ich sagen: Es gab sie wirklich, die Frisur Marke »Beton«.

Ist Eintracht Braunschweig für den Trainer Torsten Lieberknecht die Teststation für höhere Aufgaben?
Nach zehn Jahren kann man nicht mehr von einer Zwischenstation sprechen. Und für einen Test ist die Verantwortung ehrlich gesagt zu hoch. Von den Stadtoberen bis zu dem kleinen Mann auf der Straße – alle hier sind Eintracht.

Als Sie die Lizenzmannschaft 2008 in der Regionalliga übernahmen, stand Eintracht sportlich und wirtschaftlich am Abgrund. Hatten Sie irgendeinen Plan, wie Sie den Klub zurück in die Erfolgsspur bringen?
Ich könnte jetzt davon sprechen, dass wir alles von langer Hand geplant haben, aber zu diesem Zeitpunkt Mehrjahrespläne aufzustellen, war unmöglich, weil es einzig und allein darum ging, den Verein für die dritte Liga zu qualifizieren und dem damit verbundenen, oftmals schleichenden Tod von der Schippe zu springen. Danach konnten wir anfangen, planvoll zu arbeiten.

Und jetzt liegen Sie an der Spitze der zweiten Liga  – dabei stammt der überwiegende Teil des Kaders noch aus der dritten Liga.
Genauer gesagt, 70 Prozent. Wir sind selbst überrascht, auch wenn wir wussten, dass unsere Mannschaft in der Lage ist, sich sportlich weiterzuentwickeln.

Sie haben seit der Saison 2008/09 angeblich insgesamt nur gerade mal 290 000 Euro für die Verpflichtungen neuer Spieler ausgegeben.
Ich kenne diesen Betrag zwar nicht, aber er kommt mir immer noch relativ hoch vor.

Vor dieser Saison war die Transferbilanz sogar ausgeglichen.
Als ich die erste Mannschaft 2008 übernahm, hatte Eintracht Schulden. Wir konnten und wollten also kein Geld für neue Spieler ausgeben. Unser Ziel ist es, entwicklungsfähige Jungs zu finden, das als Leitbild der Kaderplanung zu haben und uns so in der zweiten Liga zu etablieren. Das war aus meiner Sicht mit den getroffenen Maßnahmen machbar. Natürlich gehört dazu auch eine Portion Glück. Wenn wir mit vier Neuzugängen aus der Oberliga Südwest in die erste Zweitligasaison gehen, gibt es keine Garantie, dass es klappt. Aber ich weiß, dass unsere Philosophie vom ganzen Verein mitgetragen wird.

Und diese Sparpolitik ziehen Sie jetzt so lange durch, bis der Einbruch erfolgt?
Langfristig werden wir uns – vorausgesetzt, der Erfolg hält an – natürlich auch öffnen müssen und öfter mal einen für unsere Verhältnisse exotischen Transfer machen.

Wann passt einer zu Eintracht?
Wenn ein Spieler beim ersten Gespräch fragt, wo er in Braunschweig eine Straße wie die »Kö« findet, könnte es sein, dass er sich in dieser Stadt nicht wohl fühlen wird. Braunschweig hat sehr viele schöne Ecken, man muss nur in der Lage sein, sie selbständig zu suchen.

Sie sagen, Sie erkennen schon an der Art, wie ein Telefongespräch abläuft, ob ein Spieler Ihren Erwartungen entspricht.
Es gibt so eine Form von Profigehabe, das meine ich auch am Telefon erkennen zu können. Eine Art, sich bitten zu lassen. Aber wenn es mit der Entscheidungsfindung zu lange dauert, wenn einer partout nicht zurückruft, obwohl es abgesprochen war, oder Manager Marc Arnold oder ich das Gefühl haben, wir werden hingehalten, brechen wir die Gespräche auch mal von uns aus ab.

Ist Arnold der Bad Cop und Sie der Good Cop?
Ich bin nur für das Sportliche verantwortlich, um den Rest kümmert er sich. Mit einer stoischen Ruhe, die ihn auszeichnet und sehr im Sinne des Vereins ist.

Zu bedächtig?
Als Trainer wartet man eben ungern, aber Papierkram dauert halt seine Zeit. Es kam jedenfalls schon vor, dass sich ein Spieler nach vier Monaten Verhandlung immer noch nicht für uns entscheiden konnte und ich dann zu Marc gesagt habe: »Wenn er es jetzt noch nicht weiß, dann lassen wir es halt.«

Das Ziel, sich in der zweiten Liga zu etablieren, sollte mit der Herbstmeisterschaft abgehakt sein. Sie könnten sich neue Ziele setzen.
Eben nicht. Da bin ich ein gebranntes Kind.

Warum?
Ich habe lange für Mainz 05 gespielt und erlebt, dass ein Verein wegen eines Punktes am Ende nicht aufsteigt. Wir haben damals gedacht, schlimmer kann es nicht kommen. Doch nur ein Jahr später verpassen die 05er wieder den Aufstieg – wegen eines einzigen Tores.

Der Unterschied zum FSV Mainz 05 ist jedoch, dass Eintracht auf eine große Tradition zurückblickt, die das Anspruchsdenken im Umfeld befeuert.
Moment, der FSV Mainz 05 ist im Südwesten auch ein Klub mit viel Tradition.

Die aber nicht mit der Braunschweiger vergleichbar ist.
Es ist eine Kunst, mit einer großen Vergangenheit umzugehen. Klar ist, von der Geschichte können wir uns nichts mehr kaufen – abgesehen von einem alten Jägermeister-Shirt vielleicht. Aber wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, die Tradition als Chance und nicht mehr als Last zu verstehen. Wir haben die Historie lange wie Ballast mit uns herumgeschleppt und jetzt einen guten Weg gefunden, mit ihr zu leben und doch in die Zukunft zu schauen.

Und was sagen die Veteranen auf der Haupttribüne, die sich nach glorreichen Bundesligatagen zurücksehnen?
Die gibt es bei Fußballvereinen auf der ganzen Welt und bei uns sind deren Stimmen deutlich leiser geworden. Es sollten doch alle danach lechzen, dass Eintracht wieder erfolgreich ist. Mittlerweile haben die meisten verstanden, dass dafür Geduld nötig ist. Meckerer gibt es halt immer.

Der Titel ihrer Abschlussarbeit beim Trainerlehrgang lautete »Der schwierige Spagat zwischen Tradition und Zukunft bei Eintracht Braunschweig«. Was macht denn die Tradition aus?
Vor allem drei Bausteine: Die Meisterschaft von 1967, Günter Mast und Jägermeister und das Team um Paul Breitner und Danilo Popivoda, verbunden mit extrem emotionalen Fans. Es ist aber auch die lange Geschichte. Und wissen Sie, was uns diese Geschichte lehrt?

Sagen Sie es uns!
Dass Eintracht vor allem dann erfolgreich gespielt hat, wenn Ruhe im Verein war. In der Hinsicht können wir uns an der Tradition ein Beispiel nehmen.

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