25.02.2014

Brasiliens Fußballlegende Afonsinho im Interview

»Männer, die sich rasieren, kann ich nicht verstehen«

Er spielte in einer Mannschaft mit Garrincha und war mit Sócrates befreundet – doch zur ganz großen Karriere reichte es nicht. Denn Botafogos Afonsinho trug Bart und vertrat unbequeme Ansichten.

Interview: Sebastian Knoth Bild: Archiv

Wie sah die aus?
Zunächst verhärteten sich die Fronten. Im Gegensatz zu heute hatte man als Spieler in jenen Jahren nach Vertragsende geringe Chancen auf einen Vereinswechsel. Doch weil ich ein etablierter Spieler war, bat ich die Vereinsführung um die Freigabe meines Spielerpasses. Aber der Verein trieb es auf die Spitze, verweigerte meinen Wechsel, schloss mich sogar vom Trainingsbetrieb aus und verbot dem Zeugwart, mir Trainingskleidung auszuhändigen. Angebote gab es viele, aber der Präsident gab keine Informationen an mich weiter.
 
Wie begründete die Vereinsführung diese Entscheidung?
Gar nicht. Ich war Medizinstudent, politisch interessiert und wollte diese und andere Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren. Vor einem Spiel gegen Santos zum Beispiel verlangte ich als Kapitän im Namen der Mannschaft vom Präsidenten, uns die Auflaufprämie bar in der Kabine zu überreichen.
 
Ganz schön dreist.
Überhaupt nicht, denn das hatte seinen guten Grund: Oftmals erhielten wir die Prämie erst eine Woche später, und aus unerklärlichen Umständen war sie gelegentlich um die Hälfte geschrumpft. Man nannte mich wegen dieser Forderung einen Söldner und einen Rebellen, den man ruhigstellen musste.
 
Was den Verantwortlichen fast gelungen wäre, schließlich dachten Sie Anfang des Jahres 1970 an das Karriereende.
Ich hatte die Nase voll, dachte mir: Gut, du hast es mit dem Fußball probiert, aber es hat nicht sollen sein. Also wollte ich mich fortan ganz meinem Medizin-Studium widmen und auf andere Art meine Brötchen verdienen. Doch dann meldete sich der Vorstadtverein Olaria, überzeugte mich und wir schafften es, Botagafo zu überreden, mich für einige Monate an Olaria auszuleihen.
 
Haben Sie bei Olaria Ihre Spielfreude wiederentdeckt?
Das halbe Jahr bei Olaria war für mich wie eine Erlösung, auch wenn Botafogo weiterhin meinen Pass besaß. Ich hatte wieder Spaß am Fußball, vergaß die Querelen der letzen Monate und wollte es noch einmal wissen. Kurz vor der WM in Mexiko schlugen wir sogar die B-Elf der Seleção während einer Trainingspartie mit 1:0.
 
Nach dem Leihgeschäft stellte sich Botafogo erneut quer. Sie erzwangen 1971 erst vor Gericht den Wechsel und konnten als erster Spieler in Brasilien über Ihren Pass verfügen.
Der Erfolg vor Gericht in Brasilia gab mir nach den Auseinandersetzungen ein Gefühl der Genugtuung. Ich verließ Botafogo und wechselte zunächst wieder zu Olaria, aber dieses Mal mit meinem Pass in der Hand: ein unvergesslicher Moment! Kurze Zeit später, in der Saison 1972/73, trug ich das Trikot von Santos, wo ich gemeinsam mit Pelé spielte. Fußballerisch gesehen sicherlich eine meiner schönsten Stationen.
 
Unterstützten andere Spieler Ihren Kampf für den »Passe livre«?
Leider nicht direkt. Pelé zum Beispiel unterhielt sich viel mit mir und sprach mir Mut zu, bezog aber in der Öffentlichkeit keine Stellung.
 
Werfen Sie ihm das vor?
Nein, das respektiere ich, schließlich hatte er in jener Zeit viel zu verlieren. Jahre später hat er als Sportminister unter Präsident Cardoso 1998 ein Gesetz entworfen, das die Arbeitsverhältnisse zwischen Spielern und Vereinen besser regelt. Er beendete damit, was ich dreißig Jahre vorher begonnen hatte.
 
Wie waren die Reaktionen in der Öffentlichkeit nach Ihrem Erfolg vor Gericht?
Viele ehemalige Spieler wie Nílton Santos kamen auf mich zu und sagten: »Du machst das Richtige, Junge! Öffne den Menschen die Augen und zeig ihnen, wie dreckig das Fußballgeschäft ist.« Und der Musiker und spätere Kulturminister Gilberto Gil, der 1973 aus dem Londoner Exil nach Brasilien zurückgekehrt war, widmete mir Zeilen in seinem Lied »Meio de campo«.
 
Eine fehlende politische Stellungnahme werfen Kritiker auch den heutigen Spielern vor. Sollte ein Weltfußballer wie Cristiano Ronaldo die sozialen Missstände in Katar, dem Ausrichter der WM 2022, anprangern?
Das geht doch gar nicht: Er würde sich den Ast absägen, auf dem er sitzt.
 
Sie standen während der Zeit des Militärregimes von 1964 bis 1985 aufgrund Ihrer politischen Haltung unter ständiger Beobachtung. Viele Ihrer Zeitgenossen wurden gefoltert und verschleppt. Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte?
Diese Gefahr konnte ich irgendwie gut ausblenden. Ich habe nur an meinen Kampf für die Gerechtigkeit gedacht, alles andere erschien mir damals nebensächlich.
 
Was verbindet Sie mit Sócrates, der mit seiner Bewegung »Democracia Corinthiana« Anfang der 1980er demokratische Verhältnisse in Brasilien forderte?
Sócrates und ich waren Brüder im Geiste: Wir spielten beide als Spielmacher, haben beide Medizin studiert und sahen soziale und politische Ungerechtigkeiten, die wir nicht akzeptieren konnten und wollten. So nutzten wir unsere Popularität als Fußballer, um mit allen Mitteln gegen sie anzukämpfen.


Ihre Facebook-Seite ziert ein schönes Foto, auf dem Sie gemeinsam mit Sócrates ein Bier trinken.
Ein schönes Foto, das während eines gemeinsamen Interviews aufgenommen wurde. Aber eigentlich wollte ich es schon entfernen, weil jeder wieder sagt: »Schau dir den Sócrates an, immer am Saufen.« Aber nur die wenigsten wissen, dass Sócrates gar nicht soviel getrunken hat, wie es oft dargestellt wird. Er hatte wohl eine Art Allergie und vertrug ihn daher schlechter als andere Menschen.
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