25.02.2014

Brasiliens Fußballlegende Afonsinho im Interview

»Männer, die sich rasieren, kann ich nicht verstehen«

Er spielte in einer Mannschaft mit Garrincha und war mit Sócrates befreundet – doch zur ganz großen Karriere reichte es nicht. Denn Botafogos Afonsinho trug Bart und vertrat unbequeme Ansichten.

Interview: Sebastian Knoth Bild: Archiv

Afonsinho, sind Sie ein Rebell?
So haben mich andere häufiger genannt. Dabei vertrat ich nur meine Meinung und sah etwas anders aus.

Auf alten Bildern sehen Sie aus wie...

...eine Mischung aus Methusalem und Weihnachtsmann, ich weiß. Schon diese Vorliebe für Bärte und lange Haare hat mir Probleme eingebracht.
 
Sahen nicht viele Spieler so aus?
Damals noch nicht. Mário Zagallo fand es jedenfalls fürchterlich.
 
Erzählen Sie.
1970 überlegte ich, meine Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Ich unternahm eine Reise nach Europa und lernte dort das Studentenleben und die Kommunen kennen. Ich hörte Rock-Musik und ließ mir lange Haare und einen Vollbart wachsen. Als ich zurückkam, war Mário Zagallo schockiert. Er, der gerade als frisch gebackener Weltmeister aus Mexiko zurückgekehrt war, bestellte mich zum Rapport.
 
Was sagte er?
»Du siehst aus wie ein Musiker, nicht wie ein Fußballer. Entweder die Haare kommen ab, oder du spielst nicht mehr!« Diese Erpressung kam für mich nicht in Frage, und so begann ein Wechselstreit, der schon viele Jahre andauerte. Dabei wollte ich gerne bei Botafogo bleiben. Das war mein Klub, seit meiner Kindheit.
 
Sie gingen im Januar 1965 als 17-Jähriger zu Botafogo. Wieso entschieden Sie sich gerade für diesen Verein?
Als kleiner Junge bewunderte ich die Weltmeister von 1958: Didi, Nilton Santos, Pelé, aber vor allem Garrincha. Diese Auswahl verkörperte für mich den perfekten Fußball. Und bei Botafogo hatte ich die Möglichkeit, mit dem Helden meiner Kindheit, Garrincha, zusammenzuspielen. Da musste ich nicht lange überlegen.

Garrincha verließ allerdings noch im selben Jahr Botafogo. Mit seiner Karriere ging es danach bergab, er begann zu trinken und starb 1983.
Wer Garrincha nur als tragischen Helden sieht, vergisst, welche Bedeutung dieser Mensch für die brasilianische Fußballkultur hat. Er verkörperte wie kein anderer Spieler vor und nach ihm Natürlichkeit, Einfachheit und ein unglaublich ausgeprägtes Freiheitsempfinden. Dafür steht Garrincha, nicht für krumme Beine oder Alkoholexzesse. Deswegen finde ich auch das Cover seiner Biografie nicht gelungen, denn dort wird er als gebrochener Mann dargestellt.
 
Für Sie selbst lief es bei Botafogo in den kommenden Jahren gut.
Das stimmt. Bereits mit 21 Jahren trug ich als Spielmacher die Kapitänsbinde, und wir feierten 1968 die Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro. Ich organisierte im offensiven Mittelfeld das Spiel, hielt die Truppe zusammen und führte sie in schwierigen Phasen. Das brachte mir Anerkennung in der Mannschaft. Leider sah das unser Trainer Mário Zagallo nicht lange so...
 
Wieso?
Anfangs spielten wir mit zwei Spielmachern, mit Gérson und mir. In den heutigen Spielsystemen, in der Spielmacher vom Aussterben bedroht sind, eine undenkbare Vorstellung. Doch eines Tages stellte Zagallo das System um, setzte vermehrt auf Manndeckung und ließ nur noch Gérson auflaufen. Ich schmorte auf der Bank – auch nachdem Gérson verkauft worden war.
 
Während eines Trainingslagers in Mexiko sollen Sie Zagallo vor einem Testspiel zur Rede gestellt haben.
Kurz vor der Mannschaftsbesprechung im Stadion sah ich plötzlich auf der Tafel meine Rückennummer: 14. Also fragte ich ihn, warum ich trotz guter Trainingsleistungen wieder nicht spielte.
 
Wie war seine Reaktion?
Zagallo erklärte mir, das wolle er am nächsten Tag in Ruhe besprechen. Also verabschiedete ich mich von ihm, nahm ein Taxi und fuhr zurück ins Hotel. Das Tischtuch zwischen uns war zerschnitten. Hätte mir der Trainer erklärt, warum er mich nicht aufstellte, ich hätte es hingenommen. Aber Zagallo war ein verschlossener Typ, der seine Entscheidungen nicht begründete.
 
War das der einzige Grund für den Streit?
Nein, zu allem Überfluss fand ich mich im letzten Spiel in der Startelf wieder, wurde aber von Zagallo nach 20 Minuten wieder ausgewechselt. Warum so eine Aktion? Für mich war es reine Schikane. Nach dieser Episode strebte ich einen Vereinswechsel an. Dazu kam es aber nicht, denn Botafogo besaß trotz des abgelaufenen Vertrags noch immer die Rechte an mir und forderte eine exorbitant hohe Ablösesumme. Es war der Beginn einer kleinen Revolution im Fußball.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden