Brasiliens Fußballlegende Afonsinho im Interview

»Männer, die sich rasieren, kann ich nicht verstehen«

Er spielte in einer Mannschaft mit Garrincha und war mit Sócrates befreundet – doch zur ganz großen Karriere reichte es nicht. Denn Botafogos Afonsinho trug Bart und vertrat unbequeme Ansichten.

Archiv

Afonsinho, sind Sie ein Rebell?
So haben mich andere häufiger genannt. Dabei vertrat ich nur meine Meinung und sah etwas anders aus.

Auf alten Bildern sehen Sie aus wie...

...eine Mischung aus Methusalem und Weihnachtsmann, ich weiß. Schon diese Vorliebe für Bärte und lange Haare hat mir Probleme eingebracht.
 
Sahen nicht viele Spieler so aus?
Damals noch nicht. Mário Zagallo fand es jedenfalls fürchterlich.
 
Erzählen Sie.
1970 überlegte ich, meine Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Ich unternahm eine Reise nach Europa und lernte dort das Studentenleben und die Kommunen kennen. Ich hörte Rock-Musik und ließ mir lange Haare und einen Vollbart wachsen. Als ich zurückkam, war Mário Zagallo schockiert. Er, der gerade als frisch gebackener Weltmeister aus Mexiko zurückgekehrt war, bestellte mich zum Rapport.
 
Was sagte er?
»Du siehst aus wie ein Musiker, nicht wie ein Fußballer. Entweder die Haare kommen ab, oder du spielst nicht mehr!« Diese Erpressung kam für mich nicht in Frage, und so begann ein Wechselstreit, der schon viele Jahre andauerte. Dabei wollte ich gerne bei Botafogo bleiben. Das war mein Klub, seit meiner Kindheit.
 
Sie gingen im Januar 1965 als 17-Jähriger zu Botafogo. Wieso entschieden Sie sich gerade für diesen Verein?
Als kleiner Junge bewunderte ich die Weltmeister von 1958: Didi, Nilton Santos, Pelé, aber vor allem Garrincha. Diese Auswahl verkörperte für mich den perfekten Fußball. Und bei Botafogo hatte ich die Möglichkeit, mit dem Helden meiner Kindheit, Garrincha, zusammenzuspielen. Da musste ich nicht lange überlegen.

Garrincha verließ allerdings noch im selben Jahr Botafogo. Mit seiner Karriere ging es danach bergab, er begann zu trinken und starb 1983.
Wer Garrincha nur als tragischen Helden sieht, vergisst, welche Bedeutung dieser Mensch für die brasilianische Fußballkultur hat. Er verkörperte wie kein anderer Spieler vor und nach ihm Natürlichkeit, Einfachheit und ein unglaublich ausgeprägtes Freiheitsempfinden. Dafür steht Garrincha, nicht für krumme Beine oder Alkoholexzesse. Deswegen finde ich auch das Cover seiner Biografie nicht gelungen, denn dort wird er als gebrochener Mann dargestellt.
 
Für Sie selbst lief es bei Botafogo in den kommenden Jahren gut.
Das stimmt. Bereits mit 21 Jahren trug ich als Spielmacher die Kapitänsbinde, und wir feierten 1968 die Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro. Ich organisierte im offensiven Mittelfeld das Spiel, hielt die Truppe zusammen und führte sie in schwierigen Phasen. Das brachte mir Anerkennung in der Mannschaft. Leider sah das unser Trainer Mário Zagallo nicht lange so...
 
Wieso?
Anfangs spielten wir mit zwei Spielmachern, mit Gérson und mir. In den heutigen Spielsystemen, in der Spielmacher vom Aussterben bedroht sind, eine undenkbare Vorstellung. Doch eines Tages stellte Zagallo das System um, setzte vermehrt auf Manndeckung und ließ nur noch Gérson auflaufen. Ich schmorte auf der Bank – auch nachdem Gérson verkauft worden war.
 
Während eines Trainingslagers in Mexiko sollen Sie Zagallo vor einem Testspiel zur Rede gestellt haben.
Kurz vor der Mannschaftsbesprechung im Stadion sah ich plötzlich auf der Tafel meine Rückennummer: 14. Also fragte ich ihn, warum ich trotz guter Trainingsleistungen wieder nicht spielte.
 
Wie war seine Reaktion?
Zagallo erklärte mir, das wolle er am nächsten Tag in Ruhe besprechen. Also verabschiedete ich mich von ihm, nahm ein Taxi und fuhr zurück ins Hotel. Das Tischtuch zwischen uns war zerschnitten. Hätte mir der Trainer erklärt, warum er mich nicht aufstellte, ich hätte es hingenommen. Aber Zagallo war ein verschlossener Typ, der seine Entscheidungen nicht begründete.
 
War das der einzige Grund für den Streit?
Nein, zu allem Überfluss fand ich mich im letzten Spiel in der Startelf wieder, wurde aber von Zagallo nach 20 Minuten wieder ausgewechselt. Warum so eine Aktion? Für mich war es reine Schikane. Nach dieser Episode strebte ich einen Vereinswechsel an. Dazu kam es aber nicht, denn Botafogo besaß trotz des abgelaufenen Vertrags noch immer die Rechte an mir und forderte eine exorbitant hohe Ablösesumme. Es war der Beginn einer kleinen Revolution im Fußball.
Wie sah die aus?
Zunächst verhärteten sich die Fronten. Im Gegensatz zu heute hatte man als Spieler in jenen Jahren nach Vertragsende geringe Chancen auf einen Vereinswechsel. Doch weil ich ein etablierter Spieler war, bat ich die Vereinsführung um die Freigabe meines Spielerpasses. Aber der Verein trieb es auf die Spitze, verweigerte meinen Wechsel, schloss mich sogar vom Trainingsbetrieb aus und verbot dem Zeugwart, mir Trainingskleidung auszuhändigen. Angebote gab es viele, aber der Präsident gab keine Informationen an mich weiter.
 
Wie begründete die Vereinsführung diese Entscheidung?
Gar nicht. Ich war Medizinstudent, politisch interessiert und wollte diese und andere Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren. Vor einem Spiel gegen Santos zum Beispiel verlangte ich als Kapitän im Namen der Mannschaft vom Präsidenten, uns die Auflaufprämie bar in der Kabine zu überreichen.
 
Ganz schön dreist.
Überhaupt nicht, denn das hatte seinen guten Grund: Oftmals erhielten wir die Prämie erst eine Woche später, und aus unerklärlichen Umständen war sie gelegentlich um die Hälfte geschrumpft. Man nannte mich wegen dieser Forderung einen Söldner und einen Rebellen, den man ruhigstellen musste.
 
Was den Verantwortlichen fast gelungen wäre, schließlich dachten Sie Anfang des Jahres 1970 an das Karriereende.
Ich hatte die Nase voll, dachte mir: Gut, du hast es mit dem Fußball probiert, aber es hat nicht sollen sein. Also wollte ich mich fortan ganz meinem Medizin-Studium widmen und auf andere Art meine Brötchen verdienen. Doch dann meldete sich der Vorstadtverein Olaria, überzeugte mich und wir schafften es, Botagafo zu überreden, mich für einige Monate an Olaria auszuleihen.
 
Haben Sie bei Olaria Ihre Spielfreude wiederentdeckt?
Das halbe Jahr bei Olaria war für mich wie eine Erlösung, auch wenn Botafogo weiterhin meinen Pass besaß. Ich hatte wieder Spaß am Fußball, vergaß die Querelen der letzen Monate und wollte es noch einmal wissen. Kurz vor der WM in Mexiko schlugen wir sogar die B-Elf der Seleção während einer Trainingspartie mit 1:0.
 
Nach dem Leihgeschäft stellte sich Botafogo erneut quer. Sie erzwangen 1971 erst vor Gericht den Wechsel und konnten als erster Spieler in Brasilien über Ihren Pass verfügen.
Der Erfolg vor Gericht in Brasilia gab mir nach den Auseinandersetzungen ein Gefühl der Genugtuung. Ich verließ Botafogo und wechselte zunächst wieder zu Olaria, aber dieses Mal mit meinem Pass in der Hand: ein unvergesslicher Moment! Kurze Zeit später, in der Saison 1972/73, trug ich das Trikot von Santos, wo ich gemeinsam mit Pelé spielte. Fußballerisch gesehen sicherlich eine meiner schönsten Stationen.
 
Unterstützten andere Spieler Ihren Kampf für den »Passe livre«?
Leider nicht direkt. Pelé zum Beispiel unterhielt sich viel mit mir und sprach mir Mut zu, bezog aber in der Öffentlichkeit keine Stellung.
 
Werfen Sie ihm das vor?
Nein, das respektiere ich, schließlich hatte er in jener Zeit viel zu verlieren. Jahre später hat er als Sportminister unter Präsident Cardoso 1998 ein Gesetz entworfen, das die Arbeitsverhältnisse zwischen Spielern und Vereinen besser regelt. Er beendete damit, was ich dreißig Jahre vorher begonnen hatte.
 
Wie waren die Reaktionen in der Öffentlichkeit nach Ihrem Erfolg vor Gericht?
Viele ehemalige Spieler wie Nílton Santos kamen auf mich zu und sagten: »Du machst das Richtige, Junge! Öffne den Menschen die Augen und zeig ihnen, wie dreckig das Fußballgeschäft ist.« Und der Musiker und spätere Kulturminister Gilberto Gil, der 1973 aus dem Londoner Exil nach Brasilien zurückgekehrt war, widmete mir Zeilen in seinem Lied »Meio de campo«.
 
Eine fehlende politische Stellungnahme werfen Kritiker auch den heutigen Spielern vor. Sollte ein Weltfußballer wie Cristiano Ronaldo die sozialen Missstände in Katar, dem Ausrichter der WM 2022, anprangern?
Das geht doch gar nicht: Er würde sich den Ast absägen, auf dem er sitzt.
 
Sie standen während der Zeit des Militärregimes von 1964 bis 1985 aufgrund Ihrer politischen Haltung unter ständiger Beobachtung. Viele Ihrer Zeitgenossen wurden gefoltert und verschleppt. Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte?
Diese Gefahr konnte ich irgendwie gut ausblenden. Ich habe nur an meinen Kampf für die Gerechtigkeit gedacht, alles andere erschien mir damals nebensächlich.
 
Was verbindet Sie mit Sócrates, der mit seiner Bewegung »Democracia Corinthiana« Anfang der 1980er demokratische Verhältnisse in Brasilien forderte?
Sócrates und ich waren Brüder im Geiste: Wir spielten beide als Spielmacher, haben beide Medizin studiert und sahen soziale und politische Ungerechtigkeiten, die wir nicht akzeptieren konnten und wollten. So nutzten wir unsere Popularität als Fußballer, um mit allen Mitteln gegen sie anzukämpfen.


Ihre Facebook-Seite ziert ein schönes Foto, auf dem Sie gemeinsam mit Sócrates ein Bier trinken.
Ein schönes Foto, das während eines gemeinsamen Interviews aufgenommen wurde. Aber eigentlich wollte ich es schon entfernen, weil jeder wieder sagt: »Schau dir den Sócrates an, immer am Saufen.« Aber nur die wenigsten wissen, dass Sócrates gar nicht soviel getrunken hat, wie es oft dargestellt wird. Er hatte wohl eine Art Allergie und vertrug ihn daher schlechter als andere Menschen.

Am 1. Mai 1976 gründeten Sie den »Trem da Alegria«, den Zug der Freude. Eine Mannschaft, bestehend aus ehemaligen Profis, Journalisten und Musikern, die durch Brasilien tingelte und gegen diverse Auswahlmannschaften antrat. Wie kam es zu dieser Gründung?
Nach dem Engagement bei Santos spielte ich jeweils eine Saison bei Flamengo und América, war aber zu Beginn der Saison 1976 plötzlich vereinslos. Daher kam die Idee auf, eine Mannschaft für arbeitslose Spieler zu gründen, damit diese weiterhin trainieren, spielen und Geld verdienen konnten.
 
Wer unterstützte Sie bei diesem Projekt?
Dem brasilianischen Fußball ging es insgesamt sehr schlecht: Die WM 1974 war eine sportliche Katastrophe, in den Vereinen spürte man deutlich den Einfluss des Militärregimes und die Freude am Spiel schien im ganzen Land abhandengekommen zu sein. So traf ich mich mit Garrincha, wir setzten uns bei ihm zu Hause zusammen und beschlossen dieser Situation entgegenzuwirken.
 
Wie entstand die Idee, die Mannschaft »Zug der Freude« zu nennen?
Den Namen verdanken wir Garrincha, dessen Spitzname die »Freude des Volkes« war, und so tauften wir das Team ihm zu Ehren »Zug der Freude«.
 
In der Mannschaft spielte die Crème de la Crème des brasilianischen Fußballs: Brito, Fio Maravilha, Nílton Santos, Dida, Altair, aber auch Musiker wie Gato Félix von der Band Novos Baianos. War es schwierig, diese Berühmtheiten für das Projekt zu begeistern?
Überhaupt nicht, denn jeder, der bei uns mitspielte, liebte den Fußball wegen der Freundschaft und Gemeinschaft, die unter uns herrschte, jeder Mitspieler ist wie ein Bruder für uns. In den Jahren 1976, 1978 und 1979 reisten wir gemeinsam durch Brasilien, aber auch ins Ausland.
 
Wäre das auch unter heutigen Profis möglich?
Nein, auf keinen Fall. Die Spieler von heute denken leider nur noch an den wirtschaftlichen Aspekt des Sports, nur an sich und den Profit. Spieler wie Cristiano Ronaldo sind eine Marke, selbst ihre Frisur und ihre Kleidung sollen Geld einbringen. Für mich aber war und ist das wichtigste beim Fußball die Kameradschaft. Bis heute.
 
Das Team existiert immer noch?
Ja, wir sind zwar etwas in die Jahre gekommene Veteranen, aber für vier Spiele pro Jahr reicht es noch: Am 1. Mai feiern wir die Gründung, kicken ein bisschen, grillen und hören Samba. Das zweite Spiel findet Mitte August statt. Dann treffen wir uns an Garrinchas Geburtstag, am 27. Oktober, in seinem Geburtsort  Pau Grande und spielen gegen die Einwohner, das ist immer eine riesige Gaudi. Und am 8. Dezember feiern wir den Geburtstag von Nei Conçeição, der mit mir bei Botafogo spielte. Der Geist von damals existiert bis heute.
 
Etlichen Brasilianern geht es aktuell ähnlich wie Ihnen damals: Viele kritisieren die enormen Ausgaben für die WM und fordern mehr soziale Gerechtigkeit.
Das ist absolut nachvollziehbar: Gerade unter den Jüngeren herrscht ein Gefühl der Unzufriedenheit, das sie nun vor der WM preisgeben können und das daher auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ich unterstütze ihren jugendlichen Drang, ihre Haltung und habe auch mit einigen Fans und Organisatoren gesprochen, aber auf einem Protest-Marsch auf der Straße war ich bis jetzt noch nicht.
 
Kommen wir zu den sportlichen Aspekten der bevorstehen Weltmeisterschaft: Sehen Sie Brasilien aufgrund des Heimvorteils in einer Favoritenrolle?
Wir haben außergewöhnliche Einzelspieler und können daher das Turnier gewinnen. Aber andere Mannschaften wie Deutschland, Spanien oder auch Argentinien haben sich weiterentwickelt und sind gewachsen. Gerade deutsche Spieler wie Müller oder Schweinsteiger haben sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Diese Entwicklung hat die Seleção noch nicht vollzogen.
 
Trauen Sie Trainer Felipe Scolari nach 2002 trotzdem den nächsten WM-Titel zu?
Scolari wäre nicht meine erste Wahl gewesen, aber der Verband stand enorm unter Druck und die Kriterien waren daher klar: Erfahren, erfolgreich und anerkannt, da blieb eigentlich nur Felipão übrig.
 
Der WM-Ball wird »Brazuca« heißen. Auch Sie hatten vor der Benennung einen Vorschlag abgegeben.
Nach dem Tod von Sócrates habe ich seine Kolumne in der Zeitschrift »A capital« übernommen. In einem meiner Artikel plädierte ich dafür, den Ball »menina«, Mädchen, zu nennen, zu Ehren des großen Didi. Der sprach nämlich immer mit dem Ball und sagte: »Komm her, mein Mädchen, ich streichle dich.«
 
Afonsinho, Sie tragen heute noch einen Bart. Opfern Sie ihn bei einem Titel der Seleção?
(lacht) Auf keinen Fall. Es gibt an einem Mann doch nichts Schöneres als einen Bart. Männer, die sich täglich rasieren, konnte ich noch nie verstehen.

Verwandte Artikel

0Sócrates wäre heute 60 Jahre alt geworden

In Gedenken an Sócrates

Che II.

0Nach den Ausschreitungen in Brasilien

Paranaense-Vasco

Im Würgegriff eines Gewaltproblems

0WM-Geschichte (1): Fußballpionier Arthur Friedenreich

WM-Geschichte (1)

Der spielende Mensch

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!