30.09.2012
Brasilien-Experte Martin Curi über Fans, Rassismus und die WM
»Es kommt keine Stimmung auf«
Der deutsche Anthropologe Martin Curi lebt in Rio de Janeiro und befasst sich mit dem brasilianischen Fußball. Er ist in zwei Jahren 30.000 Kilometer weit gereist, um alle zwölf WM-Städte zu besuchen. Ein Gespräch über niedrige Zuschauerzahlen, argentinische Fangesänge und Rassismus.
Interview:
Raffaela Angstmann
Bild: Imago
Sie greifen auch die Rassismus-Problematik auf. In der Partie zwischen Quilmes AC und Sao Paulo FC im April 2005 soll Leandro Desabato den ehemaligen Wolfsburger Grafite rassistisch beleidigt haben und wurde noch am Spielfeldrand festgenommen. Wie schlimm ist es mit Rassismus in Brasilien?
Die Brasilianer sehen sich als nicht-rassistisches Land, in dem alle Hautfarben zusammen leben können. Oberflächlich gesehen ist es auch so. Sie stellen sich gerne als moralisch überlegen dar und beschuldigen andere Völker des Rassismus. Argentinier, Europäer und die Amerikaner sind dabei ihre größten Gegner. Das mit Desabato unterstreicht gleich alle Vorurteile. Er war zwei Nächte lang in Untersuchungshaft, ohne dass irgendwelche Beweise vorlagen, am Ende ist die Geschichte im Sande verlaufen. Die Sozialstruktur Brasiliens ist meiner Meinung nach absolut rassistisch. Bei der Jobsuche werden Weiße Dunkelhäutigen vorgezogen und die Indianer werden allgemein diskriminiert.
Wurden Sie schon rassistisch behandelt?
Ich musste auch schon üble Erfahrungen machen und mich als Nazi beschimpfen lassen, weil ich deutsch bin.
Die großen Events können auch negative Auswirkungen haben. In Südafrika verwahrlosen Stadien, in Polen mussten Leute ihre Häuser verlassen, um Platz zu schaffen für Hotels, die heute niemand mehr braucht. Sehen Sie solche Schwierigkeiten auch auf Brasilien zukommen?
In Rio ist der Umbau voll im Gange. 2014 werden wir eine komplett andere Stadt haben. Wir hatten auch den Fall von Zwangsenteignungen. Menschenrechtsorganisationen versuchen darauf aufmerksam zu machen. Es gibt nicht nur Gewinner. Die WM hat eindeutig auch Verlierer und die haben keine Chance. Rio ist unglaublich teuer geworden. So kommen viele Leute in finanzielle Schwierigkeiten und müssen teils wegziehen.
Was passiert nach der WM mit all den Stadien und Hotels?
In Rio sehe ich da kein Problem. Rio wird immer Leute anlocken, Fußball wird hier immer gespielt werden. Aber was passiert in Cuiaba, Manaus, Porto Alegre, Natal und Brasilia? Wer geht da noch hin? Brasilia baut ein 70.000-Mann Stadion, hat aber keinen Fußballverein. Und das ist die Hauptstadt.
Zurück zu Ihrer Tour. Welches ist Ihr Lieblingsstadion?
Schwierig zu sagen. Ich finde, dass durch die neuen Stadien Fankultur zerstört wird. In Manaus und Brasilia werden schöne Stadien gebaut, aber die alten Komplexe sind meine Favoriten. »Estadio das Laranjeiras« von Fluminense ist ein wunderschönes Stadion von 1920. Dort schwebt man über dem Tor. Es wird aber leider nicht mehr für Ligaspiele genutzt. Dann das »Sao Januario« von Vasco da Gama. Es wurde 1927 gebaut und hat diese alten portugiesischen Fliesen am Haupteingang. Die sind so herrlich verschnörkelt. Das Stadion liegt mitten in einer Wohngegend und hat gerade deswegen Charme.
Was macht die alten Stadien sonst noch einzigartig?
Die haben besseres Essen! In Rio ist das unsäglich. Es gibt nur Hamburger und Hot Dogs. Im »Conde Rodolfo Crespi« in São Paulo werden in der Halbzeit sizilianische Süßigkeiten verkauft. Das sind Teigringe mit einer süßen Creme. Da ist man mitten im italienischen Migrantenviertel und der Bäcker um die Ecke verkauft seine Spezialitäten. Das »Conde Rodolfo Crespi« gehört zum Clube Atletico Juventus. Juventus ist ein kleiner Verein aus der dritten Liga, der von Migranten aus Turin gegründet wurde – wie der Name erahnen lässt. Die Farbe Weinrot haben sie aber vom Stadtrivalen FC Turin übernommen. Das Stadion ist aus den zwanziger Jahren und ein archäologisches Relikt, daher wird es oft für historische Filme verwendet.
Aus Ihren Erfahrungen wollen Sie nächstes Jahr ein Buch mit dem Titel »Brasilien – im Land des Fußballs« veröffentlichen. Wollen Sie damit die Fußballkultur Brasiliens bewahren?
Ich möchte eine kritische Position einnehmen und eine Seite abseits der üblichen Stereotypen aufzeigen. Ich werde kein Samba oder halbnackte Frauen zeigen. Ich will den brasilianischen Fußball so präsentieren, wie er ist.
Martin Curi hat die Erfahrungen seiner zweijährigen Reise durch die WM-Städte in seinem Blog »Brasilien - im Land des Fußballs« und auf Facebook festgehalten.




