Brasilien-Experte Martin Curi über Fans, Rassismus und die WM

»Es kommt keine Stimmung auf«

Der deutsche Anthropologe Martin Curi lebt in Rio de Janeiro und befasst sich mit dem brasilianischen Fußball. Er ist in zwei Jahren 30.000 Kilometer weit gereist, um alle zwölf WM-Städte zu besuchen. Ein Gespräch über niedrige Zuschauerzahlen, argentinische Fangesänge und Rassismus.

Martin Curi, für Ihren Blog »Brasilien im Land des Fußballs« haben Sie ganz Brasilien bereist. Wo sind Sie derzeit?
Zuhause in Rio de Janeiro. Mittlerweile war ich in allen WM-Städten und habe über 30.000 Kilometer hinter mich gebracht. Von Rio nach Manaus alleine sind es 4400 Kilometer.

Sie sprechen verschiedene Problematiken des brasilianischen Fußballs an, unter anderem die niedrigen Zuschauerzahlen. Ist Fußball nicht das Wichtigste in Brasilien?

Es ist eine Katastrophe! Man erwartet hier mehr Fußballbegeisterung – so sagt es der Stereotyp. In Brasilien herrscht aber Zuschauermangel. Es kommt keine Stimmung auf. In Deutschland wird ein Stadion durchschnittlich von 40.000 Zuschauern besucht. Bei der Partie Vasco da Gama gegen Palmeiras (3:1) waren nur 2000 Leute im Stadion - und das in der ersten Liga!

Was sind Ihrer Ansicht nach die Hauptursachen?

Aus meiner Sicht finanziert sich der brasilianische Fußball in erster Linie über den Spielerverkauf nach Europa. Er ist dazu da, um Spieler heranzuzüchten. Für die Vereine ist der Fan daher absolut unwichtig. Also werden Anspielzeiten nach anderen Kriterien angesetzt. Mittwochspiele um 22 Uhr sind gut für Einschaltquoten, aber schlecht um ins Stadion zu gehen.

Was haben Sie über die Fanszene in Erfahrung gebracht?

In die Fanblocks zu gehen ist trotz den niedrigen Zuschauerzahlen immer ein Erlebnis. Die Ultragruppierungen nennen sich »Torcida organizada« (auf Deutsch: Fanklub). Aber wie in Deutschland, ist auch hier Gewalt immer ein Thema. Meist sind es aber nur einzelne Krawallmacher, aber trotzdem werden sie dann pauschal im Kollektiv verurteilt. 2006/07 habe ich dann aber eine Reaktion der Fanszene beobachtet.

Die da wäre?

Es gibt zwei deutliche Veränderungen. Die Eintrittspreise sind stark angestiegen. Als ich 2002 ankam, musste ich für einen Stehplatz nur drei Real bezahlen. Das ist umgerechnet ein Euro. Heute kostet das Ticket 16 Euro. Der Fußball ist etwas für Besserverdiener geworden. Das ist eine typische Konsequenz großer Ereignisse, wie eben der WM. Die zweite Reaktion ist eine Individualisierung der Fans. Sie wollen nicht mehr mit den Torcidas, sondern alleine ins Stadion gehen. Damit wollen diese Gruppierungen den Polizeischikanen aus dem Weg gehen. Diese kesselt homogene Gruppen gerne ein und nimmt sie alle gemeinsam fest. Da sich diese Individuen aber im Stadion wieder treffen, werden sie trotzdem als Kollektiv wahrgenommen.



Haben Sie schon einmal eine solche Polizeischikane erlebt? 

Für meine Magisterarbeit begleitete ich einen Fanklub von Fluminense. Ich fuhr mit dem Fanbus sechs Stunden lang zum brasilianischen Pokalfinale nach Sao Paulo. Wir kamen erst gegen Abend an. Es war schon sehr kalt, weil es Winter war. Vor der Stadt wurden wir von der Polizei angehalten und stundenlang draußen in der Kälte wie Schwerverbrecher abgetastet. Es war fürchterlich und hat so lange gedauert, dass wir zu spät zum Spiel kamen. Auf der Rückfahrt wurde unser Bus mit Steinen beworfen, doch die Polizei hat nicht reagiert. Wir mussten ohne Fenster durch die eiskalte Nacht zurückfahren.
 
Wie unterscheiden sich diese neuen Gruppierungen sonst noch von anderen?

Sie suchen sich ihre Vorbilder, zumindest die Gesänge, in Argentinien. Der Verein Gremio aus Porto Alegre hat einen solchen Fanklub. Die Fans haben die Lieder von den Nachbarn übernommen und ins Portugiesische übersetzt. Das wurde in den letzten fünf Jahren zu einer Modewelle.

In Ihrem Blog erwähnen Sie weitere Skurrilitäten. Viele Sportler werden später zu Politikern. Was hat das für Auswirkungen?

Aus deutscher Sicht ist das natürlich eine kuriose Situation. Es ist vorteilhaft, wenn dich die Leute bereits aus der Sportszene kennen. Ich habe jetzt den Fall der Patricia Amorim aufgegriffen. Sie ist ehemalige Schwimmerin und heutige Präsidentin vom Fußballklub CR Flamengo und nebenbei Stadträtin in Rio. Nun kam ans Licht, dass sie Leute von ehrenamtlichen Stellen im Stadtrat angestellt hat. Sprich: Öffentliche Gelder bezahlen ehrenamtliche Mitarbeiter eines Fußballvereins, was als Misswirtschaft ausgelegt werden kann. Das kommt in Brasilien sehr häufig vor.



Es ist allgemein bekannt, dass die Kriminalitätsrate in Rio hoch ist. Wie gefährlich ist die Stadt wirklich?

Natürlich gibt es immer Gebiete, in die man nicht gehen sollte. Aber hier hat die WM eine positive Auswirkung. Es wurde in die öffentliche Sicherheit investiert und in den Favelas Stationen der sogenannten »Friedenspolizei« eingerichtet. Seither ist die Situation in den Armensiedlungen viel besser geworden. Als ich hier her kam, hab ich nachts noch Schüsse gehört. Die Favelas sind direkt vor meinem Haus. Man kann jedoch kritisieren, dass die Polizei nur in den reichen südlichen Teil der Stadt gekommen ist und den Norden vernachlässigt. Denn die Touristen werden sich in der Südzone tummeln.  




Sie greifen auch die Rassismus-Problematik auf. In der Partie zwischen Quilmes AC und Sao Paulo FC im April 2005 soll Leandro Desabato den ehemaligen Wolfsburger Grafite rassistisch beleidigt haben und wurde noch am Spielfeldrand festgenommen. Wie schlimm ist es mit Rassismus in Brasilien?

Die Brasilianer sehen sich als nicht-rassistisches Land, in dem alle Hautfarben zusammen leben können. Oberflächlich gesehen ist es auch so. Sie stellen sich gerne als moralisch überlegen dar und beschuldigen andere Völker des Rassismus. Argentinier, Europäer und die Amerikaner sind dabei ihre größten Gegner. Das mit Desabato unterstreicht gleich alle Vorurteile. Er war zwei Nächte lang in Untersuchungshaft, ohne dass irgendwelche Beweise vorlagen, am Ende ist die Geschichte im Sande verlaufen. Die Sozialstruktur Brasiliens ist meiner Meinung nach absolut rassistisch. Bei der Jobsuche werden Weiße Dunkelhäutigen vorgezogen und die Indianer werden allgemein diskriminiert.

Wurden Sie schon rassistisch behandelt?

Ich musste auch schon üble Erfahrungen machen und mich als Nazi beschimpfen lassen, weil ich deutsch bin.

Die großen Events können auch negative Auswirkungen haben. In Südafrika verwahrlosen Stadien, in Polen mussten Leute ihre Häuser verlassen, um Platz  zu schaffen für Hotels, die heute niemand mehr braucht. Sehen Sie solche Schwierigkeiten auch auf Brasilien zukommen?

In Rio ist der Umbau voll im Gange. 2014 werden wir eine komplett andere Stadt haben.  Wir hatten auch den Fall von Zwangsenteignungen. Menschenrechtsorganisationen versuchen darauf aufmerksam zu machen. Es gibt nicht nur Gewinner. Die WM hat eindeutig auch Verlierer und die haben keine Chance. Rio ist unglaublich teuer geworden. So kommen viele Leute in finanzielle Schwierigkeiten und müssen teils wegziehen. 


Was passiert nach der WM mit all den Stadien und Hotels? 

In Rio sehe ich da kein Problem. Rio wird immer Leute anlocken, Fußball wird hier immer gespielt werden. Aber was passiert in Cuiaba, Manaus, Porto Alegre, Natal und Brasilia? Wer geht da noch hin? Brasilia baut ein 70.000-Mann Stadion, hat aber keinen Fußballverein. Und das ist die Hauptstadt.

Zurück zu Ihrer Tour. Welches ist Ihr Lieblingsstadion? 

Schwierig zu sagen. Ich finde, dass durch die neuen Stadien Fankultur zerstört wird. In Manaus und Brasilia werden schöne Stadien gebaut, aber die alten Komplexe sind meine Favoriten. »Estadio das Laranjeiras« von Fluminense ist ein wunderschönes Stadion von 1920. Dort schwebt man über dem Tor. Es wird aber leider nicht mehr für Ligaspiele genutzt. Dann das »Sao Januario« von Vasco da Gama. Es wurde 1927 gebaut und hat diese alten portugiesischen Fliesen am Haupteingang. Die sind so herrlich verschnörkelt. Das Stadion liegt mitten in einer Wohngegend und hat gerade deswegen Charme.

Was macht die alten Stadien sonst noch einzigartig?

Die haben besseres Essen! In Rio ist das unsäglich. Es gibt nur Hamburger und Hot Dogs. Im »Conde Rodolfo Crespi« in São Paulo werden in der Halbzeit sizilianische Süßigkeiten verkauft. Das sind Teigringe mit einer süßen Creme. Da ist man mitten im italienischen Migrantenviertel und der Bäcker um die Ecke verkauft seine Spezialitäten. 
Das »Conde Rodolfo Crespi« gehört zum Clube Atletico Juventus. Juventus ist ein kleiner Verein aus der dritten Liga, der von Migranten aus Turin gegründet wurde – wie der Name erahnen lässt. Die Farbe Weinrot haben sie aber vom Stadtrivalen FC Turin übernommen. Das Stadion ist aus den zwanziger Jahren und ein archäologisches Relikt, daher wird es oft für historische Filme verwendet.

Aus Ihren Erfahrungen wollen Sie nächstes Jahr ein Buch mit dem Titel »Brasilien – im Land des Fußballs« veröffentlichen. Wollen Sie damit die Fußballkultur Brasiliens bewahren? 

Ich möchte eine kritische Position einnehmen und eine Seite abseits der üblichen Stereotypen aufzeigen. Ich werde kein Samba oder halbnackte Frauen zeigen. Ich will den brasilianischen Fußball so präsentieren, wie er ist.

Martin Curi hat die Erfahrungen seiner zweijährigen Reise durch die WM-Städte in seinem Blog »Brasilien - im Land des Fußballs« und auf Facebook festgehalten.

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