25.08.2011

Boris Becker über den Mythos FC Bayern

»Dieser Verein will nicht nur siegen – er muss!«

Die Nummer 1 über die Nummer 1: Für unsere neue Titelgeschichte »Die Bayern Formel« sprachen wir mit Boris Becker über seinen Lieblingsverein, was er mit ihm gemein hat, den Fluch des Erfolgs und sein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Titan.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Boris Becker, was heißt eigentlich »Mia san mia«?

Boris Becker: Mein Bairisch ist zwar nicht perfekt, aber ich versuche es mal: Wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen.

Wie sind Sie zu diesem Verein gekommen, der auf niemanden Rücksicht nehmen muss?

Boris Becker: Ich bin Fan seit 1974, seit der großen Generation der Weltmeister um Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Paul Breitner. Der unbedingte Erfolgswille dieser Männer hat mich schon als jungen Tennisspieler inspiriert und motiviert, immer das Beste aus mir herauszuholen.



Sie saßen einige Jahre im Wirtschaftsbeirat des Vereins. Wie kam es dazu?

Boris Becker: Franz Beckenbauer hat mich Ende der Neunziger, als meine Karriere ausklang, angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Ich glaube, es ging ihm auch darum, den Altersdurchschnitt etwas zu senken.

Wohl auch um ihre Expertise.

Boris Becker: Wahrscheinlich. Ich habe es als meine Aufgabe betrachtet, die Interessen des FC Bayern etwas nüchterner zu sehen, nicht nur durch die bairische Brille. Ein Beispiel: Als Manchester United 2006 30 Millionen für Owen Hargreaves bot, war man zu stolz – stolz im urbayrischen Sinne –, den Spieler an einen Champions-League-Konkurrenten abzugeben. Ich habe mich vehement dafür ausgesprochen, weil ich 30 Millionen für eine Wahnsinnssumme hielt. »Was wenn der sich morgen den Fuß bricht?«, habe ich gefragt, aber leider hat man mich überstimmt. Und was passiert? Hargreaves verletzt sich tatsächlich, und Manchester zahlt im Endeffekt fünf Millionen weniger. Auch wenn ich mich nicht durchsetzen konnte, war die Diskussion doch allemal wichtig.

Betrachten Sie sich als Mitglied der Bayern-Familie?

Boris Becker: Absolut. Und darauf bin auch sehr stolz.

Was hat der FC Bayern Sie für Ihre Karriere gelehrt?

Boris Becker: Mein Idol war zunächst einmal Björn Borg. Aber auch der hat ja deutlich öfter gewonnen als verloren, wie man weiß. Man sucht sich als junger Kerl eben die Siegertypen aus.

Was macht die Bayern zu Siegertypen?

Boris Becker: Dieser Verein hasst nichts mehr als die Niederlage. Von daher würde ich sogar sagen: Er will nicht nur gewinnen, er muss es sogar.

Sie können es am ehesten beantworten: Wie lebt es sich als Nummer 1?

Boris Becker: Man polarisiert. Die Welt teilt sich in Menschen, die einen lieben, und Menschen, die das nicht tun. In Menschen, die hoffen, dass man gewinnt, und in Menschen, die hoffen, dass man verliert. Das ist die Krux. Aber das Gewinnen macht's wett.

Gewöhnt man es sich irgendwann ab, allen gefallen zu wollen?

Boris Becker: Anfangs ist man noch so naiv, dass man versucht, es allen recht zu machen. Aber je älter man wird, desto besser tut man daran, sich auf die eine Hälfte zu konzentrieren. Auf die, die einen lieben. Das tue ich, und das tut auch der FC Bayern. Wenn man die Hälfte der Menschen auf seiner Seite hat, ist das schon gigantisch. Das will eben die andere Hälfte nur nicht wahrhaben.

Das sind die Gegner.

Boris Becker: Ja, und die sind auch wichtig. Im Falle vom FC Bayern eben Schalke 04 und Borussia Dortmund und wie sie alle heißen. Man braucht sie, um immer wieder herausgefordert zu werden, um zu lernen und zu wachsen. Und am Ende natürlich, um zu siegen.

Woraus zieht der FC Bayern seine unbedingte Siegermentalität?

Boris Becker: Es ist seit den Siebzigern die gleiche Mentalität geblieben, eine Mentalität der Exzellenz. Der Verein hat es über Jahrzehnte geschafft, sich seine DNA zu bewahren. Und es sind die Weltmeister von 1974, die in entscheidenden Positionen darüber wachen – Hoeneß, Beckenbauer, hinzu kommt Kalle Rummenigge. Das sind keine Männer, die bloß einen Dreijahresvertrag unterschrieben haben. Sie tragen das FC-Bayern-Gen im Blut.

Ist das der entscheidende Vorteil gegenüber anderen Vereinen?

Boris Becker: Absolut. Bei anderen Klubs, die einmal die gleiche Ausgangsposition hatten wie der FC Bayern, etwa Gladbach oder der HSV, sind die einstigen Idole fast komplett aus dem Vereinsleben verschwunden. Wo ist Günter Netzer? Wo ist Uwe Seeler? Ich kenne keinen Verein auf der Welt, der so fest in der Hand seiner eigenen Helden ist wie der FC Bayern. Dadurch hat er den entscheidenden Vorteil, dass dort Männer am Ruder sind, die wissen, wie man gewinnt – Siegertypen eben.

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