Boris Becker über den Mythos FC Bayern

»Dieser Verein will nicht nur siegen – er muss!«

Die Nummer 1 über die Nummer 1: Für unsere neue Titelgeschichte »Die Bayern Formel« sprachen wir mit Boris Becker über seinen Lieblingsverein, was er mit ihm gemein hat, den Fluch des Erfolgs und sein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Titan. Boris Becker über den Mythos FC Bayern
Heft#118 09/2011
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Boris Becker, was heißt eigentlich »Mia san mia«?

Boris Becker: Mein Bairisch ist zwar nicht perfekt, aber ich versuche es mal: Wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen.

Wie sind Sie zu diesem Verein gekommen, der auf niemanden Rücksicht nehmen muss?

Boris Becker: Ich bin Fan seit 1974, seit der großen Generation der Weltmeister um Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Paul Breitner. Der unbedingte Erfolgswille dieser Männer hat mich schon als jungen Tennisspieler inspiriert und motiviert, immer das Beste aus mir herauszuholen.

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Sie saßen einige Jahre im Wirtschaftsbeirat des Vereins. Wie kam es dazu?

Boris Becker: Franz Beckenbauer hat mich Ende der Neunziger, als meine Karriere ausklang, angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Ich glaube, es ging ihm auch darum, den Altersdurchschnitt etwas zu senken.

Wohl auch um ihre Expertise.

Boris Becker: Wahrscheinlich. Ich habe es als meine Aufgabe betrachtet, die Interessen des FC Bayern etwas nüchterner zu sehen, nicht nur durch die bairische Brille. Ein Beispiel: Als Manchester United 2006 30 Millionen für Owen Hargreaves bot, war man zu stolz – stolz im urbayrischen Sinne –, den Spieler an einen Champions-League-Konkurrenten abzugeben. Ich habe mich vehement dafür ausgesprochen, weil ich 30 Millionen für eine Wahnsinnssumme hielt. »Was wenn der sich morgen den Fuß bricht?«, habe ich gefragt, aber leider hat man mich überstimmt. Und was passiert? Hargreaves verletzt sich tatsächlich, und Manchester zahlt im Endeffekt fünf Millionen weniger. Auch wenn ich mich nicht durchsetzen konnte, war die Diskussion doch allemal wichtig.

Betrachten Sie sich als Mitglied der Bayern-Familie?

Boris Becker: Absolut. Und darauf bin auch sehr stolz.

Was hat der FC Bayern Sie für Ihre Karriere gelehrt?

Boris Becker: Mein Idol war zunächst einmal Björn Borg. Aber auch der hat ja deutlich öfter gewonnen als verloren, wie man weiß. Man sucht sich als junger Kerl eben die Siegertypen aus.

Was macht die Bayern zu Siegertypen?

Boris Becker: Dieser Verein hasst nichts mehr als die Niederlage. Von daher würde ich sogar sagen: Er will nicht nur gewinnen, er muss es sogar.

Sie können es am ehesten beantworten: Wie lebt es sich als Nummer 1?

Boris Becker: Man polarisiert. Die Welt teilt sich in Menschen, die einen lieben, und Menschen, die das nicht tun. In Menschen, die hoffen, dass man gewinnt, und in Menschen, die hoffen, dass man verliert. Das ist die Krux. Aber das Gewinnen macht's wett.

Gewöhnt man es sich irgendwann ab, allen gefallen zu wollen?

Boris Becker: Anfangs ist man noch so naiv, dass man versucht, es allen recht zu machen. Aber je älter man wird, desto besser tut man daran, sich auf die eine Hälfte zu konzentrieren. Auf die, die einen lieben. Das tue ich, und das tut auch der FC Bayern. Wenn man die Hälfte der Menschen auf seiner Seite hat, ist das schon gigantisch. Das will eben die andere Hälfte nur nicht wahrhaben.

Das sind die Gegner.

Boris Becker: Ja, und die sind auch wichtig. Im Falle vom FC Bayern eben Schalke 04 und Borussia Dortmund und wie sie alle heißen. Man braucht sie, um immer wieder herausgefordert zu werden, um zu lernen und zu wachsen. Und am Ende natürlich, um zu siegen.

Woraus zieht der FC Bayern seine unbedingte Siegermentalität?

Boris Becker: Es ist seit den Siebzigern die gleiche Mentalität geblieben, eine Mentalität der Exzellenz. Der Verein hat es über Jahrzehnte geschafft, sich seine DNA zu bewahren. Und es sind die Weltmeister von 1974, die in entscheidenden Positionen darüber wachen – Hoeneß, Beckenbauer, hinzu kommt Kalle Rummenigge. Das sind keine Männer, die bloß einen Dreijahresvertrag unterschrieben haben. Sie tragen das FC-Bayern-Gen im Blut.

Ist das der entscheidende Vorteil gegenüber anderen Vereinen?

Boris Becker: Absolut. Bei anderen Klubs, die einmal die gleiche Ausgangsposition hatten wie der FC Bayern, etwa Gladbach oder der HSV, sind die einstigen Idole fast komplett aus dem Vereinsleben verschwunden. Wo ist Günter Netzer? Wo ist Uwe Seeler? Ich kenne keinen Verein auf der Welt, der so fest in der Hand seiner eigenen Helden ist wie der FC Bayern. Dadurch hat er den entscheidenden Vorteil, dass dort Männer am Ruder sind, die wissen, wie man gewinnt – Siegertypen eben.

Sehen Sie heute noch Gemeinsamkeiten zwischen sich und dem FC Bayern?

Boris Becker: Ich behaupte mal, dass ich ebenfalls sehr erfolgreich bin. Von daher kann ich nachvollziehen, was die Prioritäten des Klubs sind: Wenn man einmal den maximalen Erfolg hatte, gibt man sich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Als Sie abtraten, hat sich kaum mehr jemand für Tennis interessiert. So könnte es auch der Bundesliga gehen, wenn sich der FC Bayern verabschieden würde.

Boris Becker: Stimmt, wir sind durchaus beide Zugpferde dieses Sports. Und das vergessen die Neider leider allzu oft: Wenn ihr Wunsch, dass der FC Bayern verliert oder sogar absteigt, sich tatsächlich erfüllen würde, dann würde es auch Ihnen deutlich schlechter gehen. Der FC Bayern schürt das Interesse am ganzen Fußballsport, wie sich ja schon ganz einfach an den Einschaltquoten ablesen lässt: Spielt der Rekordmeister nicht mit, kann man zehn Prozent abziehen. Mindestens.

Und noch eine Gemeinsamkeit: Jenseits der sportlichen Erfolge wurde im Laufe der Zeit sowohl bei Ihnen als auch beim FC Bayern eines immer wichtiger: Storys.

Boris Becker: Oh, das ist ein abendfüllendes Thema, das Sie da anschneiden! Ohne jetzt in den Boulevard abgleiten zu wollen: Die Menschen interessieren sich nicht nur für das Sportliche, sondern vor allem für das Private – zumindest für das, was sie dafür halten. Es reichte nicht, wenn ich 7:6, 7:6, 7:6 gewonnen hatte, und es reicht auch nicht wenn der FC Bayern 1:0 gegen St.Pauli gewinnt. Die Leute sagen: »Das kennen wir, das reicht uns nicht. Wir wollen mehr wissen!« Das ist natürlich gut für den Marktwert, aber es kann auch anstrengend sein, weil man ja schon die eine oder andere Geschichte erlebt.

Haben Sie sich manchmal einen Uli Hoeneß gewünscht, der die Jalousien zuzieht, wenn es heikel wird?

Boris Becker: Es stimmt, Uli Hoeneß behandelt die Spieler wie seine Söhne. Lahm und Schweinsteiger wären ohne ihn nicht da, wo sie heute sind. Zu meiner Sturm- und Drang-Zeit hatte auch ich meinen Uli Hoeneß: Ion Tiriac. Aber irgendwann muss man erwachsen genug sein, für sich selbst einzustehen und auf sich selbst aufzupassen. Uli Hoeneß hat ja auch niemanden, der auf ihn aufpasst.

Wird man als erfolgreicher Sportler von den Fans vereinnahmt?

Boris Becker: Was mich selbst anbelangt: Ich werde immer der siebzehnjährigste Leimener aller Zeiten bleiben. Meine Fans sind gealtert, aber ich bleibe der Junge von 1985, der Wimbledon gewann. Ich bin gespeichert, ich bin ein Kulturgut, ich gehöre ihnen. Das ist nicht immer nur ein Kompliment, weil es dabei nicht ausschließlich um Zuneigung geht. Auch am FC Bayern wird diese Zweischneidigkeit deutlich: Spielt er international, drücken ihm alle die Daumen. Spielt er national, buht mindestens die Hälfte ihn aus. Beides spricht aber für eine hohe Emotionalität gegenüber dem Klub.

Warum rufen der FC Bayern und Sie stärkere Emotionen hervor als etwa Michael Schumacher, der ähnlich erfolgreich ist?

Boris Becker: Ganz einfach: Weil man weder beim Tennis noch beim Fußball, anders als im Motorsport, einen Helm trägt. Man kann den Spielern ins Gesicht schauen, wird Zeuge ihrer Emotionalität, des Schreiens, des Lachens, des Jubelns. Wie oft wird bei einer TV-Übertragung eines Bayernspiels allein das Gesicht von Uli Hoeneß eingeblendet? Der Emotionalität dieses Vereins – mittlerweile müsste man dazu sagen: der zum Teil auch von den Medien inszenierten Emotionalität diese Vereins  – kann man sich schwer entziehen.

Als Tennisspieler haben Sie Ihre Fans oft auf die Folter gespannt und wahre Wunder vollbracht. Müssten Sie von daher nicht eher Bremen-Fan sein?

Boris Becker: Ich verstehe, was sie meinen, aber ich bin nun mal Bayern-Fan. Trotzdem wünsche ich auch anderen Vereinen Erfolg. Es ist wichtig für den FC Bayern und die gesamte Liga, dass die Konkurrenz vorhanden ist – und das nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich über viele Jahre. Nur so kann man sich gegenseitig hochschaukeln, wie Chelsea und ManUnited, wie Barca und Real – und wie Becker und Edberg.

Wer war besessener: Oliver Kahn oder Sie?

Boris Becker: Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen!

Und wer ist größer: Franz Beckenbauer oder Sie?

Boris Becker: Ohne zu überlegen: der Kaiser!

…weil Sie nicht beim FC Bayern gespielt haben?

Boris Becker: Das zum einen. Und weil der ganze Franz einfach mit niemandem zu vergleichen ist.

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