Bodo Rudwaleit über die Wendezeit

»Sie riefen: Stasi-Schweine«

Bodo Rudwaleit über die Wendezeit
Heft#96 11/2009
Heft: #
96

Herr Rudwaleit, wo haben Sie den Mauerfall erlebt?

Beim Schlachtefest! Wir waren gerade bei meinen Schwiegereltern in Heiligenstadt in Thüringen. Am frühen Morgen ging es los, wir haben das Schwein und das Bolzenschussgerät geholt, das Schlachten zog sich über den ganzen Tag hin. Nachmittags kamen Kumpels meines Schwippschwagers und sagten: »Wir waren im Westen, wir kommen gerade von drüben!«

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Wie war Ihre Reaktion?

Abends, als alles angerichtet war, schalteten wir den Fernseher an. Und tatsächlich: Die Grenzen waren offen. Wir konnten es gar nicht glauben.

War es speziell als Spieler des »Stasi-Klubs« BFC Dynamo ein Spießrutenlauf bei den Spielen nach dem Mauerfall?

Anfeindungen von den Rängen waren wir ja schon gewohnt. Durch die sich ändernde Atmosphäre im Land hat sich das dann weiter hochgeschaukelt.

Was mussten Sie sich als BFC-Spieler anhören?

Rufe wie »Stasi-Schweine« gab es regelmäßig. Die Aggressionen begannen aber schon, als wir zwei, drei Mal Meister geworden waren. Mich als Torwart haben sich die gegnerischen Fans als besonderes Feindbild aufgebaut. Ich war nur »Bodo Eierkopp« für die. Aber das kennt man ja, Olli Kahn hat man ja auch ohne Ende beschimpft. Ich habe daraus eher zusätzliche Motivation gezogen.

Alle DDR-Profis hatten auch einen zivilen Beruf. Wer war Ihr Arbeitgeber?

Ich hatte einen Dienstgrad bei der Volkspolizei, andere waren auch direkt beim Ministerium für Staatssicherheit angestellt. Das bedeutete natürlich nicht, dass sie automatisch Leute bespitzelt haben. Ich wäre auch gerne bei der Stasi angestellt gewesen – da gab es nämlich mehr Geld. Da meine Oma im Westen wohnte, hatte ich kadermäßig keine weiße Weste, mir war deshalb dieser Weg verbaut.

Ende 1989 verließen Sie den BFC Dynamo nach über 20 Jahren. Warum?

Nach dem Ausscheiden im Europapokal in Monaco erfuhr ich, dass ich beim Pokalspiel in Halle nicht spielen sollte. Mich hat gestört, dass keiner es für nötig hielt, mir das vorher zu sagen. Es hatte schon längere Zeit Strömungen gegen mich in der Mannschaft gegeben. Für mich war der Punkt erreicht, wo ich mich dem Druck nicht mehr unbedingt stellen wollte.

Hatten Sie die Hoffnung, dass ein Bundesligist auf Sie aufmerksam werden würde?

Ach was, dafür war ich doch zu alt. Ich war ja bei der Wende schon 32. Ich wäre auch nicht mehr ganz woanders hingegangen, dafür bin ich viel zu bodenständig.

Statt in den Westen gingen Sie zu Stahl Eisenhüttenstadt.

Vor meinem Wechsel trat ich aus der Polizei aus und gab mein Parteibuch ab. Ich wollte einen richtigen Cut. Bei Stahl herrschte in der Mannschaft eine wunderbar ehrliche Atmosphäre. Statt Intrigen zu schmieden, sprachen die Leute dort alles offen an. Das war eine wirklich tolle Zeit für mich.

Ihren Wohnsitz haben Sie nicht verlegt, sondern sind aus Erkner bei Berlin gependelt.

Es spielten damals noch einige andere Berliner bei Stahl. Wir sind maximal einmal pro Woche dort geblieben und sind am Anfang oft zusammen im Auto gefahren. Den Rekord habe ich mit meinem Mercedes 280 aufgestellt, den ich mir damals gebraucht gekauft hatte: Berlin – Eisenhüttenstadt in 35 Minuten! (lacht)

Merkte man schon in den ersten Monaten nach der Wende, wie der Kapitalismus Besitz ergriff von den Ostvereinen?

Stahl Eisenhüttenstadt hatte einen guten Geschäftspartner: Günter Netzer hatte die Bandenwerbung übernommen. Er kam einige Male persönlich vorbei und hat auch uns Spieler beraten und uns Tipps gegeben. Netzer sagte damals: »Ihr müsst auch wissen, was ihr selber könnt. Verlasst euch nicht nur auf die Leute, die von außen kommen und etwas von euch wollen.«

Wie lief es sportlich für Sie?


Ich brauchte ein halbes Jahr, um wieder richtig fit zu werden. 1990/91 spielte ich dann noch einmal so etwas wie die Saison meines Lebens. Wir hatten insgesamt ein Superjahr, kamen bis ins Pokalfinale, qualifizierten uns dadurch für den Europapokal und scheiterten erst in der Relegation zur 2. Bundesliga an Lok Leipzig.

Dennoch wechselten Sie nach Ende der letzten DDR-Oberligasaison noch einmal, zu Tennis-Borussia Berlin.

Stahl hat alles versucht mich zu halten. Aber das Angebot war zu verlockend. TeBe warf damals ja mit seinen Sponsorenmillionen nur so um sich. Ich hatte sowieso nur noch ein, zwei Jahre. Sportlichen Wert hatte das natürlich nicht mehr, das habe ich schnell gemerkt. Schon während der Trainings war das Hauptthema, wo am Abend gefeiert werden sollte.

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