Bochums Chong Tese im Interview

»Ich habe wenig Talent«

Bochums Stürmer Chong Tese ist Nordkoreas Gesicht in Deutschland. Dabei wuchs er in Japan auf. Gestern erzielte er bereits seinen achten Saisontreffer und sprach mit uns über Talent und deutsche Weihnachtsmärkte. Bochums Chong Tese im InterviewImago

Chong Tese, was lesen Sie im Moment?

Ich lese ein Buch zum Deutschlernen. Wieso?

Man hört, dass Sie auch Fußballbücher auf Deutsch lesen.

Ja (lacht). Letztens habe ich mich am Buch »Fußballgeschichten – Der neue Stürmer« (ein Kinderbuch, d.Red.) versucht. Aber es war für mich doch noch etwas zu schwer. Ich habe kaum etwas verstanden.

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Trotzdem können wir uns schon auf Deutsch unterhalten. Sie sprechen außerdem koreanisch, japanisch, portugiesisch und englisch. Warum sind Sie ein solcher Sprachenexperte?

Ich lerne gerne Sprachen. Als Kind fand ich es immer cool, viele Sprachen zu sprechen. Da hatte ich Spaß dran. Deshalb habe ich in Japan Englisch und Portugiesisch gelernt. Aber Deutsch ist schwerer. Da kann ich schon verstehen, dass es vielen anderen Fußballprofis zu anstrengend ist die Sprache zu lernen.

Wundert es Sie, dass über Ihre Lernerfolge ständig berichtet wird?

Schon. Als mich zum ersten Mal ein Reporter gefragt hat, warum ich so viel Deutsch lerne, wusste ich gar nicht, was er von mir wollte. Für mich ist das normal. Ich habe immer viel gelernt.

Sehen Sie sich auch als Botschafter Nordkoreas? Immerhin sind Sie neben der politischen Führung vielleicht der bekannteste Nordkoreaner der Welt.

Klar möchte ich Botschafter sein. Aber Sport und Politik sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich weiß, dass Nordkoreas Image sehr schlecht ist, aber vielleicht kann ich es durch meinen Sport ein wenig verbessern.

Was machen Sie eigentlich in Deutschland, wenn Sie gerade nicht Fußball spielen oder Deutsch lernen?

Ich höre sehr gerne Musik. Zur Zeit sehr viel von Bushido. Aber meine Lieblingsband sind die Fantastischen Vier. Bochum als Stadt gefällt mir auch gut, selbst wenn es kleiner als Tokyo und Kawasaki ist. Da habe ich vorher gelebt. Ich gehe gerne auf den Weihnachtsmarkt. Der ist fantastisch. Ich bekomme da immer Hunger und esse dauernd etwas.

Sie gelten auch als Autofan. In Japan hatten Sie einen riesigen Hummer-Geländewagen. Was fahren Sie in Deutschland?

Einen schnellen Sportwagen von VW. Eigentlich wollte ich wieder einen Hummer H2 kaufen, aber der ist in Deutschland sehr unpraktisch, weil man ihn fast nirgends parken kann.


Im Sommer sind Sie weltweit bekannt geworden, weil Sie vor Ihrem ersten Spiel mit Nordkorea gegen Brasilien geweint haben. Wie oft mussten Sie die Geschichte seitdem erzählen?

Eintausend Mal (lacht). Mein Dolmetscher Till Knaudt kann die Geschichte schon auswendig. Wenn ein Reporter danach fragt, sage ich nur: »Till, bitte.«

Während der WM wurden Sie stets »Rooney Asiens« genannt. Sie selbst vergleichen sich aber lieber mit Didier Drogba. Welcher Spielertyp sind Sie?

Bei der Weltmeisterschaft habe ich gegen Drogba gespielt. Er ist unglaublich, viel besser als ich. Die Dinge, die er macht, kann ich nicht nachmachen. Vom Stil her bin ich Rooney ohnehin ähnlicher. Was das Spiel angeht, versuche ich mir einige Dinge von ihm abzuschauen.

Es scheint zu helfen. Sie haben schon sieben Tore für den VfL geschossen. Sind Sie damit zufrieden?

Natürlich nicht. Unser Ziel ist der Aufstieg in die Bundesliga. Wir glauben daran. Dafür habe ich bisher zu wenige Tore geschossen. Ich hätte sicherlich vier- oder fünfmal öfter treffen können.

Mussten Sie sich erst an den Deutschen Fußball gewöhnen?

Nein, obwohl es schon härter zugeht als in Japan. In der 2. Bundesliga geht es richtig zur Sache. In jedem Spiel gibt es gelbe Karten, in Japan ist das eher selten der Fall.

Aber Sie haben auch schon einige gelbe Karten bekommen. Meistens aber nur wegen Meckerns.

Im Ernst: Ich muss mich da besser im Griff haben. Mittlerweile geht aber es schon besser.

Aber erst am vergangenen Montag haben Sie sich auf dem Platz mit ihrem Kollegen Antar Yahia gestritten.

So etwas passiert eben im Eifer des Gefechts. Bei solchen Szenen muss ich mich besser kontrollieren. Das ist nicht gut für die Mannschaft.

Sie wurden erst mit 22 Profi. Sind Sie manchmal neidisch auf einen Shinji Kagawa, der in diesem Alter schon beim BVB um die Meisterschaft spielt?

Man kann mich mit Kagawa nicht vergleichen. Er hat viel Talent, ich habe wenig Talent. Ich musste als Amateur immer besonders viel trainieren. Nach dem normalen Training habe ich immer noch ein bis zwei Stunden trainiert, um es mal in den Profibereich zu schaffen.

Die Bochumer Fans sind nicht gerade zimperlich. Bei schlechten Leistungen wird die Mannschaft gnadenlos ausgepfiffen. Kannten Sie so etwas aus Japan?

Gar nicht. Das ist ein sehr großer Unterschied. Bei meiner alten Mannschaft (Kawasaki Frontale, d. Red.) sind wir kein einziges Mal ausgebuht worden. In Bochum ist das Publikum kritischer. Da wird man auch mal ausgebuht. Aber daran sind wir letztlich selber schuld. Wir müssen einfach besser spielen.

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