Bjarne Mädel über seinen HSV

»Richtig dicke Eier«

Bjarne Mädel liebt schräge Figuren. Er war Berthold »Ernie« Heisterkamp in »Stromberg« und spielt Heiko Schotte im »Tatortreiniger«. Trotzdem wäre es ganz schön, wenn sein HSV ein bisschen normal
wäre. Für Ausgabe #144 sprachen wir mit ihm über Bert van Marwijk, Pinkelrituale und dicke Eier.

Christoph Voy
Heft: #
144

Bjarne Mädel, wie oft haben Sie in den vergangenen Monaten die Schlagzeile »Uwe Seeler sorgt sich um seinen HSV« gelesen?
Viel zu oft. Aber er hat ja recht. Leider.

Warum?
Der HSV will ein Luxusschlitten sein: geile Optik und richtig teuer. Was fehlt, ist der Motor.

Sportdirektor Oliver Kreuzer sprach von »zu viel Gucci« im Kader. Fehlt den Spielern von heute die Demut?
Einigen, ja. Aber eine Mannschaft braucht verschiedene Typen. Sie braucht einen launischen Superstar, sie braucht aber auch einen Heiko Westermann. Der läuft sich die Lunge aus dem Leib, trägt die Raute mit Stolz und kommt ziemlich geerdet rüber. In einem sonst eher gesichtslosen Team bietet er Identifikationspotenzial, obwohl er fußballerisch im Spiel nach vorne … (Pause) ein wenig limitiert ist.

Wird mit Bert van Marwijk alles gut?
Er ist unter allen Kandidaten die beste Lösung gewesen. Und ich bin mir sicher, dass diese Mannschaft auf Dauer keine kumpeligen Trainer wie Thomas Doll oder Thorsten Fink verträgt. Sie braucht Typen wie Martin Jol oder eben einen Bert van Marwijk.

Sie sind Jahrgang 1968 und haben die große Zeit des HSV miterlebt. Was unterscheidet den motorlosen HSV von dem der goldenen Jahre?
Der HSV der späten Siebziger und frühen Achtziger war mir sympathischer. Er war nahbar.

Nicht auch arrogant?
Fand ich überhaupt nicht. Ich habe mir jedenfalls oft vorgestellt, wie ich mit Manni Kaltz abends ein Bier trinken gehe.

Auch mit Ernst Happel oder Dr. Peter Krohn?
Die umgab eine kalte Aura. Happel war ein Fachmann und Erfolgstrainer, aber für Außenstehende irgendwie furchteinflößend. Mir haben schon dieser Dialekt und die Augenbrauen Angst gemacht. Doch auch bei »Breaking Bad« gibt es unangenehme Figuren, aber trotzdem – oder gerade deshalb – ist es ja eine coole Serie. 



Aber Fußballfan zu sein war damals nicht cool.
Ich mochte dieses Raue immer. Diese riesige Betonschüssel des Volksparkstadions, die gefühlt drei Stunden von jedem Ort in Hamburg entfernt lag und in der es immer geregnet hat. Damals war Fußball Kampf – auch für die Fans. 

Haben Sie im Stadion mal geweint?
Einmal. Das muss in der Saison 1979/1980 gewesen sein. Der HSV verlor unglücklich die Meisterschaft und es war sicher, dass Kevin Keegan den Verein wieder verlassen würde. Ich stand in der Westkurve und sah, wie hunderte erwachsene Männer heulten – da machte ich einfach hemmungslos mit.

Mitte der Achtziger sind Sie ins hessische Friedberg gezogen. Konnten Sie dort mit dem HSV angeben?
Da trug ich mein Fantum nicht sonderlich zur Schau, aber dort gab es ein einschneidendes Erlebnis: Ich beendete meine aktive Fußballkarriere.

Wie kam’s?
Ich habe in meiner Jugend viele Jahre beim TSV Reinbek (Klub im Hamburger Osten, d. Red.) gespielt. Wir waren ein eingeschworener Haufen. In Hessen meldete ich mich bei einem neuen Verein an, doch da war alles anders. Nach dem ersten Training stand ich unter der Dusche und spürte auf einmal einen warmen Strahl an meiner Wade. Ich drehte mich um und sah, wie mich ein Mitspieler anpinkelte – ein Ritual für die Neuen. Tags darauf habe ich mich abgemeldet, das war nicht mein Humor.

Immerhin hätten Sie beinahe mal ein Comeback auf dem Rasen hingelegt. Sie sollen in der Endauswahl für das »Wunder von Bern« gestanden haben.
Als ich hörte, dass Sönke Wortmann Nebendarsteller für die deutsche Mannschaft sucht, habe ich mich um die Rolle des Jupp Posipal beworben. Bis in die letzte Castingrunde habe ich es geschafft. Wortmann hat für die Fußballer – mit Ausnahme der Hauptdarsteller – allerdings keine Schauspieler gesucht, sondern semiprofessionelle Kicker. Und so wurde in der Kabine vor meinem Auftritt erfragt, wo man spiele. Die anderen Jungs antworteten: »Beim 1. FC Kaiserslautern.« Oder: »Bei der SpVgg Greuther Fürth.« Das waren allesamt austrainierte Nachwuchsspieler! Als sie mich fragten, wo ich spiele, sagte ich: »In Hamburg. Im Schauspielhaus.«

Trotz Ihrer Erfolge als Schauspieler haben Sie mal gesagt, dass Sie immer noch wie ein Student leben. Würden Sie nicht gerne mal einen Tag mit Mario Balotelli tauschen?
Und dann mit einem Camouflage-Rennwagen durch die Stadt heizen? Die materiellen Dinge der Profis interessieren mich überhaupt nicht, aber deren medizinische Betreuung würde ich gern genießen. Ich bin mal vor einer Aufführung mit starken Wirbelschmerzen zu Rostocks Mannschaftsarzt gegangen, der den Satz »Ich muss am Samstag spielen« kannte. Er renkte ein und gab mir Schmerz- und Vitaminspritzen. Danach bin ich wie neugeboren aus der Praxis geschwebt.

Sie träumen also nicht davon, mal vor 60 000 Zuschauern in ein Stadion einzulaufen?
Ich habe mal bei Stefan Raabs Eishockey-Fußball mitgemacht, da waren immerhin 20 000 Zuschauer. Klar war das aufregend. Und ich habe dabei ein gewisses Verständnis für Profis entwickelt, die so etwas über Jahre jede Woche erleben.

Was haben Sie denn verstanden?
Dass man irgendwann ziemlich dicke Eier bekommt, wenn Zehntausende unentwegt deinen Namen schreien.

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