Bielefeld vor dem Zwangsabstieg

»Das Griechenland der Liga«

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Ulrich Zwetz, wie sehr hängt die Stadt Bielefeld an ihrem Verein?

Augenscheinlich zu wenig. Der Hauptausschuss – mit Ausnahme der SPD – hat gestern Abend beschlossen, den klammen Klub finanziell nicht zu unterstützen. Für mich ist es unverständlich, warum sich die CDU dagegen verwehrt hat, vielleicht befürchtet sie, dass sie das Geld bei einem weiteren Abstieg in die 3. Liga nicht wiederbekommen, und das Ganze ein Fass ohne Boden wird.

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Was bedeutet ein Zwangsabstieg denn tatsächlich für die Stadt und den Verein?


Aus Marketingsicht bedeutet dies eine Katastrophe. Sie kennen sicherlich den Spruch, dass Bielefeld eigentlich gar nicht existiere. Ein Witz, der so nur noch weiter befeuert werden kann. Dann ist es auch finanziell ein Desaster. Was passiert etwa mit dem Stadion? Der Oberbürgermeister hat immer sarkastisch gesagt: Da können sie Ferienspiele drauf machen. Dann frage ich mich auch: Wo sollen die Kids in Zukunft hingehen? Welche Vorbilder werden sie haben? Ein Abstieg hat also nicht nur sportliche und finanzielle Folgen, sondern berührt auch soziale und kulturelle Apsekte.

Wie ist Arminia eigentlich in diese missliche Lage gekommen?

Der zu teure Ausbau der Osttribüne gilt als größter Fehler der Vergangenheit. Die Kosten dafür sind explodiert. Dann wurden auch Fehler im Sport-Management gemacht. Es wurden für die 2. Liga zu teure Spieler verpflichtet. Außerdem haben die Vereinsgremien zu wenig über die Finanzplanung gewacht und das Desaster zu spät erkannt.

Es war alles auf einen Aufstieg ausgelegt?

Richtig. Und genau das ist die Crux. DIe Mannschaft hätte von der Qualität her zwar aufsteigen können, doch muss ein Verein auch gewappnet sein für den Falle des Nichtaufstiegs.

Kann man die Finanzlücken eigentlich genau beziffern?


Schwierig. In der letzten Saison hieß es zunächst, der Verein hätte ein Defizit von 2 Millionen Euro, dann waren es 4 Millionen und auf einmal 7,7 Millionen, einschließlich der Stadionrate, die noch jedes Jahr abbezahlt werden muss. Unerklärlich ist es für mich, wie die DFL davon nichts merken konnte. Und auch von Arminias Seite hat es erst im März Gespräche mit der DFL gegeben.

Wie sieht es für die neue Saison aus?

Für den Lizenzantrag gab es eine Deckungslücke von etwa 12 Millionen Euro. Am 30. April wurde bekannt, dass der Verein bis zum 2. Juni dieses Geld aufbringen müsste. Der Verein plante mit 3 Millionen aus der Vereinskasse, 3 Millionen von Sponsoren und 6 Millionen von der Stadt.

Rettung gibt es nicht mehr?

Es sei denn ein Unternehmen treibt noch 6 Millionen auf. Daran glaube ich aber nicht.

Christian Ziege ist gerade als Trainer verpflichtet worden. Wusste er über die prekäre Lage Bescheid?

Das hat man ihm gesagt. Der Vertrag ist unter Vorbedingung nur für die 2. Liga geschlossen worden.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Es gibt in Bielefeld etliche Leute, die die Diskussion überhaupt nicht nachvollziehen können: Millionen für Arminia, während die Stadt überall kürzen und sparen muss. Das ist für mich aber Populismus. Genauso wie in der Griechenland-Diskussion: Ich habe gerade eben eine Umfrage zum Rettungspaket gelesen, das 65 Prozent der Deutschen ablehnte. Ich glaube, dass ein Großteil von denen wenig Ahnung hat, was das für die EU, für Deutschland und ihr eigenes Geld bedeuten würde.

Bielefeld ist also das Griechenland des Profifußballs.

Es herrscht jedenfalls eine allgemeine Antistimmung, vielleicht auch weil das Image des Klubs nicht das Beste ist. Man sollte sich einfach mal fern jeder Emotionalität mit den Zahlen und den Folgen eines Absstiegs beschäftigen. Aber dafür ist es zu spät. Und somit wird es in Bielefeld nach dieser Entscheidung nur Verlierer geben: Die Stadt, die Fans, der Verein, der gesamte Fußballkultur in Ostwestfalen-Lippe.

Das ist Ulrich Zwetz:

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