01.03.2013

Bielefeld-Trainer Stefan Krämer über Peitschen, Kumpelei und Neuanfänge

»Jetzt bin ich der große Zampano«

Nach Jahren der Talfahrt ist der sportliche Aufstieg von Arminia Bielefeld eng mit dem Namen Stefan Krämer verbunden. Hier spricht er über das Chaos von Bielefeld, seinen Umgang mit den Profis und Bielefelds neuen Weg der Gelassenheit.

Interview: Manuel Schumann Bild: Imago

Stefan Krämer, Sie haben früher als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sporthochschule Köln gearbeitet. Welche Rolle spielt die Sportwissenschaft nun in Ihrem Trainingsalltag?
Eine große. Mittlerweile können sich Trainer einer Profimannschaft nicht mehr erlauben, die Erkenntnisse der Wissenschaft  auszublenden. Ob Sportmedizin, Trainingslehre oder auch Sportpsychologie – die Disziplinen entwickeln sich doch stets weiter. Wir arbeiten hier in Bielefeld mit diversen Testbatterien, die uns verlässliche Ergebnisse liefern. Stichworte Schnellkraft, Kraftausdauer, Aktionsschnelligkeit.

Wie viele Prozentpunkte bringt das?
Das ist schwer zu sagen, aber ich denke, dass all diese Elemente ein Drittel ausmachen. Der Vorteil: Du kannst das Training wesentlich ergiebiger gestalten, individuelle Schwächen kommen sofort zum Vorschein. Das war früher sicherlich anders. Der ein oder andere Spieler entwickelt sich heutzutage vermutlich schneller, weil er regelmäßig objektive Rückmeldungen erfährt.

Was halten Sie von der Aussage, Drittliga-Spieler seien in der Regel genauso fit wie Bundesligaprofis?
Davon bin ich überzeugt! Ich kenne die Fitnesswerte einiger Bundesligisten und diese Werte sind keinen Deut besser als unsere. Die Dritte Liga ist eine unheimlich harte und körperbetonte Liga, willst du eine Chance haben, musst du topfit sein.

Und wofür steht der Trainer Stefan Krämer?
Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie meine Mannschaft auftreten soll. Allerdings kann ich dieses Idealbild nicht in zwei Sätzen erklären.

Versuchen Sie es.
Plakativ gesagt  geht es nur ums eins: Aktivität! Das Gerede von »Offensive« und »Defensive« greift zu kurz. Mir geht es um Aktivität in allen Spielsituationen. Passivität ist für mich das Schlimmste.

Gehören Sie also zu jenen Trainern, die Ballbesitz über alles andere stellen?

Das soll es gerade nicht bedeuten. Ein Spieler kann auch aktiv sein, wenn der Gegner den Ball hat; er kann dann Lücken schließen und den ballführenden Spieler in Korridore leiten, die ins Leere laufen. Das sind Automatismen, die wirken. Ich ärgere mich, wenn sogenannte Experten - nach einem kurzen Blick auf die Statistik - behaupten, Mannschaft X sei zu passiv, weil sie weniger Ballbesitz habe. Das eine hat mit dem anderen nämlich nichts zu tun! Manchmal ist es sogar wichtig, dass der Gegner den Ball hat.

Das müssen Sie erklären.
Verlieren wir den Ball in der Vorwärtsbewegung, sprich: der Gegner gewinnt den Ball, dann eröffnet sich für uns die größte Möglichkeit, ein Tor zu erzielen, und zwar indem wir ordentliches Gegenpressing spielen und somit den Gegner, der gerade öffnet,  hart treffen, ihn praktisch überrumpeln. In einem Satz: Gegenpressing ist der beste Spielmacher überhaupt.

Sie haben die TV-Experten angesprochen. Dazu…

…Heutzutage wird beim Thema »Taktik« viel zu viel über Zahlenaufreihungen geredet! Ob nun 4-1-4-1, 4-2-3-1 oder 4-3-3 – das ist doch im Grunde egal. Viel wichtiger ist es, wie die Spieler auf ihrer jeweiligen Position agieren, wie sie ihre Rolle interpretieren. Erst daran erkennt man doch die Idee des Spiels. Mein Appell:  Bitte haltet Euch nicht so lange mit Zahlenspielchen auf – die sind nämlich nicht gerade aussagekräftig.

Täuscht der Eindruck oder sind Sie als Trainer tatsächlich eher der Kumpeltyp?
(Pause) Hier rappelt es manchmal gehörig, keine Sorge. Aber es stimmt, ich bin nah dran an der Mannschaft und lege keinen großen Wert auf Distanz. Dennoch ist auch mir klar: Es gibt Mannschaften, mit denen ich so nicht arbeiten könnte. Kurzum: Ich behandele die Jungs so, wie ich als Spieler gern behandelt worden wäre.

Noch vor zwei Jahren waren Sie Co-Trainer - ein Problem?
In meinem Fall nicht. Ich habe mich aber auch nicht verstellt. Es wäre merkwürdig gewesen, hätte ich von einem Tag auf den anderen meine Art geändert. Zudem wäre ich mir wahnsinnig blöd vorgekommen, hätte ich den Spielern plötzlich gesagt, sie müssten mich ab sofort siezen, nach dem Motto: Jetzt bin ich der große Zampano! So was geht meistens schief. Die Mannschaft weiß doch genau, wie ich ticke.

Es gibt viele Negativbeispiele für ehemalige Co-Trainer, die nach ihrer Beförderung scheiterten. Wie lautet Ihr Rezept?
Königsweg: Fehlanzeige. Es geht nicht darum, geliebt zu werden, sondern um Akzeptanz, Verlässlichkeit und Kompetenz. Spieler wollen wissen, woran sie sind. Wir standen damals auf dem letzten Tabellenplatz, jeder wusste: Wir müssen punkten, sonst war's das. Nachdem wir einige Spiele hintereinander gewonnen hatten, wuchs auch das Vertrauen. Die Spieler merkten, dass der vorgebebene Weg Richtung Ziel führt. Nach den Erfolgen hatte sich eine eigene Dynamik entwickelt – glücklicherweise zum Positiven.

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