Bettina Wiegmann im Interview

„Das Team ist gefordert“

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Am 10. September eröffnet die deutsche Mannschaft gegen Argentinien das Turnier. Was trauen Sie den Titelverteidigerinnen in diesem Spiel zu?

Für mich ist ein Sieg gegen Argentinien eingeplant.

...und im Turnier?

Wir werden die Gruppe als Erster überstehen, und dann kommt es auf den Gegner an. Das Viertelfinale wird dann entscheidend sein und die Weichen stellen.

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In der Gruppenphase treffen die Deutschen neben Argentinien, auf England und Japan. Eine dankbare Auslosung?

Es gibt weitaus schwierige Gruppen, aber die Engländerinnen werden, genau wie Japan, schwer zu spielen sein. Und bei Argentinien muss man abwarten, wie sich die Mannschaft in den letzten vier Jahren entwickelt hat. Aber die Frage, ob die deutsche Elf weiterkommt, stellt sich für mich nicht.

Dann warten höchstwahrscheinlich die hoch gehandelten USA oder die Mitfavoriten Schweden und Nordkorea auf die deutsche Auswahl.

Das sind drei harte Konkurrenten. In diesem Spiel wird die Tagesform entscheiden. Es wird wie bei uns 2003 im Halbfinale gegen die USA oder im Finale gegen Schweden sein. Häufig entscheidet einfach ein Quäntchen Glück solche Spiele. Hoffentlich tankt das Team in den Gruppenspielen so viel Selbstvertrauen, dass es gegen jeden dieser drei bestehen kann. Es geht ja auch um die Olympia-Qualifikation.

Sie rauschten bei der WM 2003 durch die Gruppe, gewannen alle drei Spiele und erzielten 13 Tore. Würde das die diesjährige Mannschaft ebenfalls beflügeln oder ist es gefährlich, „ungeprüft“ in das erwartet schwere Viertelfinale zu gehen?

Ich glaube schon, dass das Team gefordert wird. Spätestens im zweiten Spiel gegen England müssen wir 110 Prozent geben, um uns durchzusetzen. Manchmal ist es viel schwieriger gegen ein Team zu spielen, das sich hinten rein stellt, als gegen einen Favoriten anzutreten, der mitspielt. Aber es ist klar: Wenn es gut läuft, kann man sich in den drei Begegnungen das nötige Selbstvertrauen holen.

Wäre ein Ausscheiden im Viertelfinale ein Desaster?

Wenn wir verlieren, und uns für Olympia qualifizieren können, hätte man zumindest dieses Minimal-Ziel erreicht. Aber eine Viertelfinalniederlage schmerzt natürlich sehr. Auch weil sich dann keiner für einen interessiert. Dann wird nur vermeldet, dass die Deutschen im Viertelfinale raus sind, und das war’s.


Muss man der Öffentlichkeit bewusst machen, dass – trotz guter Leistungen – bereits nach dem Spiel Schluss sein könnte?

Ja, denn in der Wahrnehmung der Masse wird vom amtierenden Welt- und Europameister mindestens der Finaleinzug erwartet. Schon das 2:2 im letzten Testspiel gegen Norwegen wurde kritisch beäugt. Dass die Norwegerinnen einfach eine starke Mannschaft sind, fand kaum Erwähnung. Es ist ein deutsches Phänomen, dass Leistungen abseits von Platz eins kaum gewürdigt werden.

Ärgert Sie das?

So ist halt die Mentalität. Über Platz vier bei einer Olympiade oder Weltmeisterschaft wird sich doch nur geärgert. „Ooh, keine Medaille“ ist die einzige Reaktion. Die Leistung dahinter wird nur sehr selten objektiv beurteilt und anerkannt.

Dabei hat die WM 2006 doch das Gegenteil bewiesen.

Das stimmt. Und es war schön zu sehen, dass die Bemühungen mit Anerkennung belohnt wurden. Aber man darf nicht vergessen, dass die Mannschaft bis ins Halbfinale kam. Ich weiß nicht, wie die Reaktionen gewesen wären, wenn sie im Viertelfinale ausgeschieden wären. Aber ich will da gar nicht zu viele Worte zu verlieren, sondern vom Positiven ausgehen, dass wir auch diesmal ins Halbfinale einziehen.

Was gibt Ihnen diese Zuversicht?

In der Mannschaft sind viele erfahrene Spielerinnen, die schon 2003 die WM gewonnen haben und eingespielt sind. Darüber hinaus verfügt das Team über starke individuelle Akteurinnen und ein gutes Trainergespann, das sie taktisch optimal einstellen wird.

Die Wettanbieter favorisieren das Team der USA.

Die sind immer einer der Favoriten. Man wird bei der WM jedoch feststellen, dass die Mannschaften immer enger zusammenrücken. Nordkorea, Norwegen, Brasilien und China wird man auch im Auge haben müssen. Gerade die Chinesinnen könnten von der Euphorie im eigenen Land beflügelt werden.

Für acht der 21 nominierten Spielerinnen ist es das erste große Turnier ihrer Karriere. Kann das zu einem Problem werden?

Nein. Die jungen Spielerinnen, die jetzt dabei sind, haben sich ja schon in Jugendnationalmannschaften, der Bundesliga und den Testspielen bewiesen. Die sind nicht zufällig im Kader. Die Unbekümmertheit dieser Akteurinnen könnte sich bei einer Symbiose mit der Erfahrung der „Alten“ eher als positiv herausstellen.

Könnte man diesen Überraschungseffekt auch im Spiel nutzen, indem eine Spielerin in die Partie kommt, die der Gegner vielleicht nicht unbedingt auf dem Schirm hat?

Jede Mannschaft analysiert die anderen heute so gut, dass man damit keinen mehr überraschen kann. In Deutschland haben wir einfach viele gute, junge Spielerinnen, die man um einen Stamm von Erfahrenen herum schnell ins Team integrieren kann.

Wurden auch Sie als Spionin eingesetzt?

Nein. Maren Meinert und Ralf Peters (ehem. Trainer der U 15, d. Red.) sichten vor Ort. Ich schaue mir die Spiele von zu Hause aus an, werde häufiger mit Maren Meinert telefonieren und ihr meine Beobachtungen zu den Spielen mitteilen.

Sie sind seit 01. September U-15-Nationaltrainerin und gehören dem Kuratorium der Stiftung Jugendfußball an. Bringt der deutsche Frauenfußball so viele Talente hervor, wie es der Blick auf den WM-Kader suggeriert?

In Deutschland sind wir in der Jugendsichtung sehr weit. Nicht alle Länder haben eine U15-Nationalmannschaft. Das Niveau der Mädchen, die heute in die U15 kommen, wächst stetig. Wir haben fast jedes Jahr drei bis vier Spielerinnen, die es bis ganz nach oben schaffen könnten. Ich habe keine Angst, dass es in Zukunft anders sein wird. Der Mädchenfußball wächst ja auch noch in der Breite.

Was muss sich dennoch verbessern?


Ich kann nur dann oben Talente abschöpfen, wenn ich unten eine breite Basis habe. Dafür braucht man möglichst gute Trainer, welche die Mädchen betreuen, Räumlichkeiten, Plätze und Verbandsstrukturen für einen geregelten Ligabetrieb. Einige Landesverbände sind da schon sehr weit, bei anderen besteht noch großer Nachholbedarf.

Zwischen welchen Regionen bewegt sich dieses Gefälle?

In den einzelnen Landesverbänden ist der Mädchenfußball halt unterschiedlich verbreitet. In manchen Ländern liegt das Potenzial noch brach. Aber ich werde hier keinen Landesverband positiv oder negativ herausstellen. Ich muss mir auch erstmal einen Überblick verschaffen.

Wie ist die Situation in Ihrem Landesverband NRW?

Da läuft es schon recht gut. Es werden genügend Ressourcen von der NRW-Sportstiftung zur Verfügung gestellt, und es gibt auch bereits ein umfangreiches Sichtungsprogramm. Aber solche Kooperationen existieren natürlich auch in anderen Ländern.

2003 lief Frauenfußball zur besten Sendezeit in der ARD - und mehr als zehn Millionen Fans sahen den WM-Sieg der deutschen Nationalelf gegen Schweden. Von der EM 2005 übertrugen ARD und ZDF kein einziges Live-Spiel. Waren Sie enttäuscht?

Ich persönlich nicht, weil ich vor Ort war. (lacht) Aber natürlich wünscht man sich möglichst viel Medienpräsenz für seine Sportart. Jetzt kommt die WM, von der viele Spiele übertragen werden, und darauf freue ich mich.

Dieses Jahr wird es kein Golden Goal mehr geben. Sind Sie glücklich ob der Abschaffung?

Golden Goal ist eine gemeine Sache. Es fällt ein Tor und man kann nicht mehr zurückschlagen. Für den Sieger ist das eine feine Geschichte, aber man muss sich auch die Seite des Verlierers anschauen. Die Schweden haben beispielsweise zwei Finals hintereinander (EM 2001 und WM 2003, d. Red.) gegen uns durch ein Golden Goal verloren. Das ist bitter. Dementsprechend finde ich es okay, dass die Regel abgeschafft worden ist.

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