08.09.2007

Bettina Wiegmann im Interview

„Das Team ist gefordert“

2003 führte Bettina Wiegmann die deutsche Frauen-Nationalmannschaft zum ersten WM-Titel. Im Gespräch mit 11freunde.de analysiert sie die Chancen der DFB-Auswahl bei der Weltmeisterschaft in China, die am Montag beginnt.

Interview: oliver zeyen Bild: Imago

Muss man der Öffentlichkeit bewusst machen, dass – trotz guter Leistungen – bereits nach dem Spiel Schluss sein könnte?

Ja, denn in der Wahrnehmung der Masse wird vom amtierenden Welt- und Europameister mindestens der Finaleinzug erwartet. Schon das 2:2 im letzten Testspiel gegen Norwegen wurde kritisch beäugt. Dass die Norwegerinnen einfach eine starke Mannschaft sind, fand kaum Erwähnung. Es ist ein deutsches Phänomen, dass Leistungen abseits von Platz eins kaum gewürdigt werden.

Ärgert Sie das?

So ist halt die Mentalität. Über Platz vier bei einer Olympiade oder Weltmeisterschaft wird sich doch nur geärgert. „Ooh, keine Medaille“ ist die einzige Reaktion. Die Leistung dahinter wird nur sehr selten objektiv beurteilt und anerkannt.

Dabei hat die WM 2006 doch das Gegenteil bewiesen.

Das stimmt. Und es war schön zu sehen, dass die Bemühungen mit Anerkennung belohnt wurden. Aber man darf nicht vergessen, dass die Mannschaft bis ins Halbfinale kam. Ich weiß nicht, wie die Reaktionen gewesen wären, wenn sie im Viertelfinale ausgeschieden wären. Aber ich will da gar nicht zu viele Worte zu verlieren, sondern vom Positiven ausgehen, dass wir auch diesmal ins Halbfinale einziehen.

Was gibt Ihnen diese Zuversicht?

In der Mannschaft sind viele erfahrene Spielerinnen, die schon 2003 die WM gewonnen haben und eingespielt sind. Darüber hinaus verfügt das Team über starke individuelle Akteurinnen und ein gutes Trainergespann, das sie taktisch optimal einstellen wird.

Die Wettanbieter favorisieren das Team der USA.

Die sind immer einer der Favoriten. Man wird bei der WM jedoch feststellen, dass die Mannschaften immer enger zusammenrücken. Nordkorea, Norwegen, Brasilien und China wird man auch im Auge haben müssen. Gerade die Chinesinnen könnten von der Euphorie im eigenen Land beflügelt werden.

Für acht der 21 nominierten Spielerinnen ist es das erste große Turnier ihrer Karriere. Kann das zu einem Problem werden?

Nein. Die jungen Spielerinnen, die jetzt dabei sind, haben sich ja schon in Jugendnationalmannschaften, der Bundesliga und den Testspielen bewiesen. Die sind nicht zufällig im Kader. Die Unbekümmertheit dieser Akteurinnen könnte sich bei einer Symbiose mit der Erfahrung der „Alten“ eher als positiv herausstellen.

Könnte man diesen Überraschungseffekt auch im Spiel nutzen, indem eine Spielerin in die Partie kommt, die der Gegner vielleicht nicht unbedingt auf dem Schirm hat?

Jede Mannschaft analysiert die anderen heute so gut, dass man damit keinen mehr überraschen kann. In Deutschland haben wir einfach viele gute, junge Spielerinnen, die man um einen Stamm von Erfahrenen herum schnell ins Team integrieren kann.

Wurden auch Sie als Spionin eingesetzt?

Nein. Maren Meinert und Ralf Peters (ehem. Trainer der U 15, d. Red.) sichten vor Ort. Ich schaue mir die Spiele von zu Hause aus an, werde häufiger mit Maren Meinert telefonieren und ihr meine Beobachtungen zu den Spielen mitteilen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden