Best of 2014: Henrik Larsson über Ronaldinho und das Leben

»Dieser Schmerz wird immer bleiben«

Ein Highlight des Jahres: Henrik Larsson im Interview für unsere Serie »Der Fußball, mein Leben und ich«.

Martin Juul
Heft: #
152

Henrik Larsson, Sie sagten einmal: »Vor jedem Anpfiff denke ich: Gleich wird es weh tun!« Wie viel Schmerz mussten Sie während Ihrer Karriere ertragen?
Körperlicher Schmerz ist das eine, schlimmer war die psychische Belastung.

Sie meinen den Druck, immer zu funktionieren?
Verteidiger versuchen, dich mit allen Mitteln aus dem Konzept zu bringen. Wenn du auf ihr Spiel einsteigst, hast du verloren. Deswegen unterdrückte ich meine Gefühle. Wenn ich gefoult wurde, stand ich sofort auf und zeigte: »Ihr könnt mir nicht weh tun.« Diese Selbstkontrolle war das Schmerzhafteste überhaupt.

So hatten Sie den Ruf als Gentleman-Spieler. Kannten Sie keine dreckigen Tricks?
Sobald der Ball in der Nähe war, fand ich reichlich Wege, um Gegenspielern ihre Grenzen aufzuzeigen.

Berühmt wurden Sie auch durch Ihr Markenzeichen: die langen Dreadlocks. War diese Frisur nicht furchtbar unpraktisch?
Ich war jung und liebte meine Haare. Viele Gegenspieler trieb sie zur Weißglut. Die neunziger Jahre waren nicht die toleranteste Zeit im Fußball. Ich war ein gefundenes Fressen.

Sie jagten Sie wegen Ihrer Haare?
Sie ließen zumindest keine Gelegenheit aus, mich deswegen zu beschimpfen. Sie lachten, nannten mich einen Asozialen oder zogen an den Dreads.

Sie blieben trotzdem ruhig.
Ich hörte nicht hin und lächelte meine Gegner stattdessen freundlich an. Das machte sie noch wütender und brachte sie aus dem Konzept.

Wer war Ihr härtester Gegenspieler?
Craig Moore von den Glasgow Rangers. Er brüllte mich 90 Minuten an, trat mich über den Rasen und versuchte alles, um in meinen Kopf zu kommen. Doch eines muss man ihm lassen: Er hat nie gejammert, wenn er selbst was abgekriegt hat. Und ich habe ihn einige Male richtig hart erwischt.

Wo lernten Sie, sich zu wehren?
Mein Leben lang haben mir Leute gesagt, ich könne bestimmte Dinge nicht tun, weil ich klein und schmächtig sei. Niemand glaubte an mich, weil mein Vater nur ein Seemann von den Kapverden und meine Mutter eine Fabrikarbeiterin war. Ich musste mir immer Respekt verschaffen - auf dem Schulhof und auf dem Rasen. Ich lernte: Wenn du dich nicht wehrst, wirst du Freiwild.

Haben Sie beim Fußball Dinge kompensiert, die Sie im echten Leben erleiden mussten?
Ich habe Dinge erlebt, auf die ich gerne verzichtet hätte: Rassismus, Beleidigungen, Schicksalsschläge. Aber das gehört zum Leben. Ich habe nicht gegen eine große Wut angespielt, sondern für meinen Traum.

Colin Hendry, einst baumlanger Innenverteidiger der Rangers, sagte einmal: »Wenn ich gegen Larsson spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos.«
Wirklich? Gibt es ein schöneres Kompliment für einen Celtic-Spieler? (Lacht.)

Im Spiel waren Sie der entschlossene Schweiger, privat gelten Sie als Spaßvogel. Wie viele Rollen mussten Sie als Fußballer eigentlich spielen?
Zwei, neben meiner Rolle als Spieler war ich auch noch eine Medienperson. Als Fußballer will jeder etwas von dir. Diese extreme Form der Aufmerksamkeit muss man aber richtig einschätzen, um nicht überheblich zu werden.

Fehlt vielen Profis diese Demut?
Ein Beispiel: Anfang 2000 war ich für ein paar Tage in New York. Weil ich es gewohnt war, dass ich auf Autogramme angesprochen werde, setzte ich eine Cap und eine Sonnenbrille auf. Aber mich erkannte kein Mensch! Ich verstand, dass meine Verkleidung ziemlich albern war, und erlebte etwas, das mir fremd geworden war: Freiheit.

Erstaunlich, dass Sie niemand erkannte, immerhin ging Ihr Stern bei der WM 1994 in den USA endgültig auf, als Sie mit der schwedischen Nationalmannschaft sensationell Dritter wurden. Im Viertelfinale gegen Rumänien erzielten Sie ihr erstes Tor.
Im Elfmeterschießen gab es nach fünf Schützen noch keine Entscheidung und Trainer Tommy Svensson sagte zu mir: »Du bist der Nächste!« Ich war damals 22 und zitterte am ganzen Körper. Ich wollte nicht derjenige sein, der unseren WM-Traum beendet. Patrik Andersson hatte wohl erkannt, wie unruhig ich war. Er reichte mir eine kleine Metalldose und sagte: »Nimm etwas davon.«

Was war da drin?
Kautabak. Das Zeug ließ mich runterkommen. (Lacht.) Ich traf, und wir erreichten das WM-Halbfinale.

Seite 2: Henrik Larsson über weinende Fans und den nervösen Ronaldinho

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