Best of 2013: Predrag Pasic über Rebellen im Fußball

»Unsere Geschichte hat kein Happy End«

Die verrücktesten Transfers, die interessantesten Interviews, die schönsten Herzschmerz-Geschichten – zum Jahresende holen wir die besten Artikel des Jahres aus dem Keller. Diesmal: Der Fußball-Rebell Pedrag Pasic.

Heft: #
Spezial-Nr. 3

Predrag Pašić, sind Sie ein Rebell?
In dem Film »Rebellen am Ball« sage ich: »Ich bin ein normaler Typ.« Und das bin ich auch. Aber ich habe mich aufgelehnt und widersetzt. Zum Teil tue ich das immer noch. Wenn Sie so wollen: Ja, ich bin ein Rebell.

Inwiefern opponieren Sie heute noch?
Es ist immer noch sehr schwierig, in Sarajevo zu leben. Der Alltag ist geprägt von Hass und Misstrauen, was mich sehr traurig stimmt. Für meine Fußballschule bekomme ich zum Beispiel keine staatliche Unterstützung, denn die Politiker wissen, dass ich die Menschen zusammenbringen will. Diese Idee vom multikulturellen Miteinander geht nicht einher mit ihren Denkmustern.

Bekommen Sie denn Hilfe vom Fußballverband?
Nein. Ich bin weitgehend auf mich alleine gestellt. Wenn ich einen Job im Verband haben wollte – sei es als Trainer oder Direktor – müsste ich mich klar positionieren. Ich müsste also sagen: Ich bin Serbe, denke wie ein Serbe, spreche wie ein Serbe, und möchte Teil des serbischen Fußballverbands werden. Das widerstrebt mir, denn so etwas ist für mich nicht wichtig. Zumal der Fußball eine internationale und universelle Sprache hat.

Albert Camus sagte einmal: »Alles, was ich weiß, verdanke ich dem Fußball«.
Der Fußball hat mir auch viel beigebracht – über Freundschaft, Disziplin, Gemeinschaft, Solidarität. Man kann es so sagen: Meine Eltern bildeten mich, Fußball lehrte mich. Ab dem ersten Mal, als ich einen Fußballplatz in Sarajevo betrat.

Wie sah das Sarajevo Ihrer Kindheit aus?
Bunt. Die Menschen waren zusammen.

(Pause)

Wir lebten nur 50 Meter vom Stadion entfernt. Meine Schule war ebenfalls nur 50 Meter weg. Mein Leben fand also beinahe ausschließlich rund um das Olimpiski Koševo statt. Es war eine Zeit voller Stimmen, Farben und Gerüche. Wunderschön.

(Pause)

Jetzt herrscht an meinem alten Lieblingsort Stille. Dort, wo der alte Trainingsplatz des FK Sarajevo war, befindet sich heute ein Friedhof.

Wer waren die Helden Ihrer Jugend?
Zugegebenermaßen kein Spieler aus Sarajevo. Mein Idol war Dragan Džajić, Stürmer von Roter Stern Belgrad. Ein fantastischer Spieler. Ich bin immer wieder auf den Bolzplatz und habe versucht, seine Bewegungen und Dribblings zu imitieren.

Was war Ihnen bei einem Spieler wichtig? Seine Tore? Sein Spielstil? Sein Charakter?
Eine Mischung. Ich mochte etwa Johan Cruyff, weil er ein mannschaftsdienlicher Spieler war, der wunderbar mit Johan Neeskens harmonierte. Klar, es gab Spieler wie Diego Maradona, der alleine eine halbe Mannschaft ausdribbeln und dann ein Tor schießen konnte. Doch das hatte für mich nichts mit dem Fußball gemein, den ich mochte. Das entsprach einer Tennisphilosophie: ein Spieler gegen den Rest der Welt. Deswegen mag ich übrigens auch Lionel Messi lieber als Cristiano Ronaldo, denn Messi macht Mitspieler stark. Man kann sagen: Er macht Mannschaften.

War es Ihnen wichtig, wie sich die Spieler nach außen gaben?
Schon, aber sie nahmen leider viel zu selten Stellung. Anders war es im Basketball: Dort äußerten sich die Spieler häufig und riefen oftmals ein großes Echo hervor, denn die Sportart war in den achtziger Jahren sehr populär in Jugoslawien.

Wieso hielten sich die Fußballer denn so zurück?
Vielleicht weil sie befürchteten, den aktuellen Diskussionen nicht gewachsen zu sein. Kaum einer meiner Mitspieler hatte jemals studiert. Vermutlich, weil Fußball damals noch ein Sport war, den vornehmlich Kinder aus ärmeren Familien spielten. Die meisten Spieler besuchten also keine Eliteschulen, und sie hatten daher vielleicht nicht das Wissen, um sich gegen bestehende Verhältnisse aufzulehnen.

Heute scheint es nicht anders. Oder kennen Sie außer Didier Drogba einen aktuellen Superstar, der sich explizit positioniert?
Es ist mit der Zeit für Fußballer immer schwieriger geworden, sich kritisch zu äußern. Die Spieler sind eingebettet in Systeme, sie sind Werbefiguren oder Vertreter ihrer Klubs oder Länder. Nehmen wir zum Beispiel einen Fußballer wie Real Madrids Luka Modric oder den Tennisspieler Novak Djokovic. Das sind smarte Jungs, denen aber, sobald sie im Ausland aktiv sind, automatisch die Funktion eines Botschafters zugeschrieben wird. Sie tragen also eine immense Last.

Doch sie sind gerade dadurch in einer Position, Diskussionen anzuregen, die über den Fußball hinausgehen.
Absolut. Sie sind populär und werden gehört. Deswegen finde ich es auch sehr schade, dass eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Verhältnissen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nicht stattfindet. Aber das ist nicht nur im Sport so.

Sprechen wir über Ihre Zeit als Profifußballer. Sie haben beinahe 20 Jahre beim FK Sarajevo gespielt. Einige Jahre war der spätere Serbenführer und Kriegsverbrecher Radovan Karadžić dort als Sportpsychologe tätig. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Während unserer gemeinsamen Zeit in Sarajevo hatte ich ein gutes Verhältnis zu ihm. Ich mochte seine Ideen und Ansprachen. Sein Credo lautete: »Es ist egal, wer woher kommt. Wir sind ein Team!« Er mochte mich. Später wollte er mich sogar mit zu Roter Stern Belgrad nehmen. Ich sagte aber ab.

Haben Sie ihn jemals wieder gesehen?
Nein. Das erste Mal hörte ich wieder von ihm, als er seine Kriegsverbrechen beging. Ich war schockiert. Alles, was er uns über Freundschaft und Teamgeist erzählt hatte, brach in sich zusammen. Ich habe einige Male darüber nachgedacht, was in der Zeit passiert sein mag, nachdem er Sarajevo verlassen hatte. Doch fragen Sie mich nicht: Ich kann es schlichtweg nicht erklären.

Er hat bereits 1971 ein Gedicht geschrieben, in dem er die Zerstörung Sarajevos herbeisehnt. Ein Satz lautet: »Lass uns hinunter in die Stadt gehen und den Abschaum töten.«
Das ist mir neu. Ich wusste, dass er als Schriftsteller tätig gewesen war. Ich kannte allerdings nur seine Kinderbücher. Die waren großartig. Doch dieses Gedicht ist auch keine Überraschung mehr für mich, denn alles, was ich im Nachhinein über diesen Mann höre, ist schockierend und abgründig. Ich bin sehr froh, dass ich nicht mit ihm nach Belgrad gegangen bin.


Stattdessen wechselten Sie 1985 zum VfB Stuttgart. Wie kamen Sie in Deutschland zurecht?
Anfangs war es nicht einfach. Ich sprach kein Deutsch und nur wenig Englisch. Einige Spieler haben mich zunächst skeptisch beäugt.

Wer?
Zum Beispiel Karl Allgöwer.

Erstaunlich. Allgöwer war doch ebenfalls politisch interessiert. Er engagierte sich in den Achtzigern für die SPD und setzte sich für den Umweltschutz ein.
Vielleicht hatte er Angst vor Konkurrenz. Oder er war einfach misstrauisch, weil da ein Fremder auftauchte (lacht). Die Skepsis hielt sich allerdings nur ein paar Wochen. Später haben wir uns super verstanden. Karl wurde einer meiner besten Freunde beim VfB. Ich mochte auch die anderen und habe ihre Lebenswege verfolgt: Jürgen Klinsmann, Günther Schäfer oder Guido Buchwald. Tolle Männer.

Drei Jahre nach Ihrer Rückkehr nach Sarajevo brach der Bürgerkrieg aus. Warum sind Sie in der Stadt geblieben?
Ich hing an Sarajevo. Ich dachte, ich könnte anderswo nicht glücklich werden.

Sie hatten aber ein Angebot.
Richtig, Dieter Hoeneß war Anfang der neunziger Jahre Manager beim VfB Stuttgart. Er hat mir damals angeboten, einen Trainerschein in Stuttgart zu machen. Ich sollte meine Familie mitbringen.

Die wollte aber nicht?
Ich habe meine Frau mehrmals angefleht, ins Ausland zu gehen. Doch sie wollte unbedingt bei mir sein. Also blieb sie. Wie auch meine zwei Kinder, die zwei Jahre lang in einem Bunker unter der Erde gelebt haben. Es war für sie zu gefährlich, raus zu gehen.

Wie konnten Sie in diesem Szenario eine Fußballschule aufbauen?
Eigentlich habe ich ja als Galerist gearbeitet...

Sie leiteten eine Galerie? Sie hatten doch Wirtschaftswissenschaften studiert.
Stimmt. Kunst war aber immer schon meine zweite große Leidenschaft gewesen. Früher hatte mich meine Lehrerin immer wieder ermutigt, mehr zu zeichnen. Sie sagte, ich sei talentiert.

Wieso dann die Fußballschule?
Ich sah, was die Leute nach Ausbruch des Krieges hatten, nämlich: nichts. Gerade die Kinder haben in der Zeit sehr gelitten. Die Schulen waren geschlossen, die Sportvereine machten dicht, es gab keine Möglichkeit, die Freizeit aktiv zu gestalten. Als Galerist hatte ich noch keinen großen Namen und konnte nichts bewegen. Ich freundete mich also mit der Idee an, eine Fußballschule ins Leben zu rufen. Als ich Dieter Hoeneß davon erzählte, schickte er sofort 100 Fußbälle und mehrere hundert Trikots nach Sarajevo.

Sie haben dann einen Aufruf für Ihre Schule gestartet. Wieviele Kinder kamen zum ersten Training?
Anfang Mai 1993 war ich zu Gast in einer Radiosendung. Ich erzählte dort von meiner Idee und sagte, dass die Kinder am 15. Mai zum Skenderiju (Kultur- und Sportcenter in Sarajevo, d. Red.) kommen sollten. Ich hatte allerdings keine großen Hoffnungen, dass mehr als zehn Jungs ihren Weg durch die zerschossene Stadt finden würden. Doch als ich ankam, standen dort über 200 Kinder. Ich nahm sie mit in die Halle und sie streiften sich die VfB-Trikots über.

Wie präsent war der Krieg in dieser Halle?
Ich erinnere mich an einen Tag, als ein österreichisches Fernsehteam vor Ort war. Der Reporter stellte einem Jungen die Frage, was er bislang von diesem Krieg in Erinnerung behalten hat. Der Junge antwortete: »Ich werde nie vergessen, dass ich einmal zwei Tore in einem Spiel gemacht habe.« Der Reporter war verwirrt. Er fragte den Jungen, ob er wüsste, dass viele Menschen im Krieg gestorben seien. Der Junge bejahte. Danach fragte der Reporter noch einmal: »Und jetzt: Was erinnerst du?« Da sagte der Junge: »Das Spiel am Samstag, als wir in der letzten Minute das Siegtor erzielten.«

Was haben Sie da gedacht?
Ich war froh, denn ich merkte, dass der Krieg in diese Halle nicht hineinkam. Er hatte bei den Kindern, die Fußball spielten, keine Chance.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Kinder verstehen keinen Hass. Sie hören von ihren Eltern davon, und vielleicht reden sie auch wie ihre Eltern. Doch sie kennen das Gefühl nicht.

Sie kennen Angst.
Doch sie konnten diese überwinden. Die Kinder mussten auf dem Weg zum Training zum Beispiel eine 50 Meter lange Brücke überqueren. Auf der einen Seite lag die Halle, auf der anderen ein Berg, von wo aus die Serben mit Sniper-Gewehren geschossen haben. Die Kinder mussten jedes Mal über die Brücke rennen. Sie taten es, weil sie Fußball spielen und die anderen Kinder sehen wollten. Glücklicherweise ist nie etwas passiert. Kein einziges Kind wurde erschossen.

Wurde die Halle denn beschossen?
Ein paar Mal nur. Wenn es brenzlig wurde, sind wir in einen Tunnel unter der Halle geflüchtet und haben dort ausgeharrt.

Vor der Halle muss es unweigerlich zu Treffen der Eltern gekommen sein. Was waren das für Situationen, wenn Bosnier dort auf Serben trafen?
Zunächst unterrichtete ich vornehmlich bosnische Kinder in der Fußballschule. Erst 1995 organisierten wir eine Reise zu Inter Mailand, an der Kinder der verschiedenen Bevölkerungsgruppen teilnehmen sollten. Als ich davon erzählte, sahen mich die Kinder mit großen Augen an. Ich sagte: »Ihr seid Fußballspieler und Fußballspieler spielen zusammen – egal, woher euer Mitspieler kommt; egal, wie er aussieht; egal, an was er glaubt.«

Wie war die Reise?
Die bosnischen und die serbischen Kinder trafen sich erstmals in Triest, denn dort wartete ein Bus, der uns nach Mailand bringen sollte. Die Kinder aus unserem Bus starrten hinüber, und die serbischen Kinder starrten zurück. Es sah aus, als konnten sie nicht glauben, dass den anderen die Nase nicht aus dem Hinterkopf wuchs, dass die anderen keine Monster waren – so, wie sie es immer gehört hatten.

Wie brachen Sie das Eis?
Ich unternahm nichts, ich beobachtete nur. Anfangs herrschte Totenstille. Nach einer Stunde begannen die ersten Kinder untereinander zu flüstern. Nach zwei Stunden tuschelten sie miteinander. Nach drei Stunden redeten sie normal miteinander. Und nach vier Stunden stiegen sie alle gemeinsam lachend aus dem Bus. Im Camp war die Stimmung großartig. Die Kinder merkten, dass sie alle gleich sind: Alle spielten mit denselben Bällen und hatten dieselben Shirts an – Trikots von Inter Mailand. Als die serbischen Kinder nach der Reise in ihre Städte zurückfuhren, flossen einige Abschiedstränen.

Sie haben danach eine weitere Schule aufgemacht.
Diese Reise hat mich bestätigt, dass es im Fußball keine Grenzen gibt. Ich habe danach eine Schule in Serbien eröffnet und auch einen Austausch zwischen beiden Schulen organisiert. Dabei waren die Kinder jeweils bei den Familien ihrer Gastkinder untergebracht. So kamen auch die Eltern zusammen. Sie mussten sich gezwungenermaßen austauschen, wenn sie wissen wollten, wie es ihrem Kind in der Ferne erging. Anfangs herrschte eine gewisse Skepsis, später bekam ich mit, wie die Eltern freundlich miteinander telefoniert und sich auch gegenseitig besucht haben.

Herr Pasic, am Freitag treffen die Nationalteams von Kroatien und Serbien in der WM-Qualifikation aufeinander. Die Gästefans werden ausgeschlossen, um Krawalle zu vermeiden. Die Verbandschefs befürchteten zudem, dass die Nationalhymnen verhöhnt werden. Welche Bedeutung hat dieses Spiel für die Länder?
Die ganze Situation macht mich sehr traurig. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich bereits am Samstag gesagt habe, als ich zu Gast beim »11mm-Festival« in Berlin war, um über den Film »Rebellen am Ball« zu diskutieren: Die Geschichten der anderen Protagonisten des Films enden irgendwie in einem Happy End. Wenn man sich die heutige Situation in den ehemaligen jugoslawischen Ländern anguckt, muss ich leider sagen: unsere nicht.

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»Rebellen am Ball« läuft heute Abend (19. März 2013 um 21:15 Uhr) im Rahmen des 11mm-Fußballfilmfestivals. Weitere Infos auf 11-mm.de

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