26.12.2013

Best of 2013: Predrag Pasic über Rebellen im Fußball

»Unsere Geschichte hat kein Happy End«

Die verrücktesten Transfers, die interessantesten Interviews, die schönsten Herzschmerz-Geschichten – zum Jahresende holen wir die besten Artikel des Jahres aus dem Keller. Diesmal: Der Fußball-Rebell Pedrag Pasic.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Predrag Pašić, sind Sie ein Rebell?
In dem Film »Rebellen am Ball« sage ich: »Ich bin ein normaler Typ.« Und das bin ich auch. Aber ich habe mich aufgelehnt und widersetzt. Zum Teil tue ich das immer noch. Wenn Sie so wollen: Ja, ich bin ein Rebell.

Inwiefern opponieren Sie heute noch?
Es ist immer noch sehr schwierig, in Sarajevo zu leben. Der Alltag ist geprägt von Hass und Misstrauen, was mich sehr traurig stimmt. Für meine Fußballschule bekomme ich zum Beispiel keine staatliche Unterstützung, denn die Politiker wissen, dass ich die Menschen zusammenbringen will. Diese Idee vom multikulturellen Miteinander geht nicht einher mit ihren Denkmustern.

Bekommen Sie denn Hilfe vom Fußballverband?
Nein. Ich bin weitgehend auf mich alleine gestellt. Wenn ich einen Job im Verband haben wollte – sei es als Trainer oder Direktor – müsste ich mich klar positionieren. Ich müsste also sagen: Ich bin Serbe, denke wie ein Serbe, spreche wie ein Serbe, und möchte Teil des serbischen Fußballverbands werden. Das widerstrebt mir, denn so etwas ist für mich nicht wichtig. Zumal der Fußball eine internationale und universelle Sprache hat.

Albert Camus sagte einmal: »Alles, was ich weiß, verdanke ich dem Fußball«.
Der Fußball hat mir auch viel beigebracht – über Freundschaft, Disziplin, Gemeinschaft, Solidarität. Man kann es so sagen: Meine Eltern bildeten mich, Fußball lehrte mich. Ab dem ersten Mal, als ich einen Fußballplatz in Sarajevo betrat.

Wie sah das Sarajevo Ihrer Kindheit aus?
Bunt. Die Menschen waren zusammen.

(Pause)

Wir lebten nur 50 Meter vom Stadion entfernt. Meine Schule war ebenfalls nur 50 Meter weg. Mein Leben fand also beinahe ausschließlich rund um das Olimpiski Koševo statt. Es war eine Zeit voller Stimmen, Farben und Gerüche. Wunderschön.

(Pause)

Jetzt herrscht an meinem alten Lieblingsort Stille. Dort, wo der alte Trainingsplatz des FK Sarajevo war, befindet sich heute ein Friedhof.

Wer waren die Helden Ihrer Jugend?
Zugegebenermaßen kein Spieler aus Sarajevo. Mein Idol war Dragan Džajić, Stürmer von Roter Stern Belgrad. Ein fantastischer Spieler. Ich bin immer wieder auf den Bolzplatz und habe versucht, seine Bewegungen und Dribblings zu imitieren.

Was war Ihnen bei einem Spieler wichtig? Seine Tore? Sein Spielstil? Sein Charakter?
Eine Mischung. Ich mochte etwa Johan Cruyff, weil er ein mannschaftsdienlicher Spieler war, der wunderbar mit Johan Neeskens harmonierte. Klar, es gab Spieler wie Diego Maradona, der alleine eine halbe Mannschaft ausdribbeln und dann ein Tor schießen konnte. Doch das hatte für mich nichts mit dem Fußball gemein, den ich mochte. Das entsprach einer Tennisphilosophie: ein Spieler gegen den Rest der Welt. Deswegen mag ich übrigens auch Lionel Messi lieber als Cristiano Ronaldo, denn Messi macht Mitspieler stark. Man kann sagen: Er macht Mannschaften.

War es Ihnen wichtig, wie sich die Spieler nach außen gaben?
Schon, aber sie nahmen leider viel zu selten Stellung. Anders war es im Basketball: Dort äußerten sich die Spieler häufig und riefen oftmals ein großes Echo hervor, denn die Sportart war in den achtziger Jahren sehr populär in Jugoslawien.

Wieso hielten sich die Fußballer denn so zurück?
Vielleicht weil sie befürchteten, den aktuellen Diskussionen nicht gewachsen zu sein. Kaum einer meiner Mitspieler hatte jemals studiert. Vermutlich, weil Fußball damals noch ein Sport war, den vornehmlich Kinder aus ärmeren Familien spielten. Die meisten Spieler besuchten also keine Eliteschulen, und sie hatten daher vielleicht nicht das Wissen, um sich gegen bestehende Verhältnisse aufzulehnen.

Heute scheint es nicht anders. Oder kennen Sie außer Didier Drogba einen aktuellen Superstar, der sich explizit positioniert?
Es ist mit der Zeit für Fußballer immer schwieriger geworden, sich kritisch zu äußern. Die Spieler sind eingebettet in Systeme, sie sind Werbefiguren oder Vertreter ihrer Klubs oder Länder. Nehmen wir zum Beispiel einen Fußballer wie Real Madrids Luka Modric oder den Tennisspieler Novak Djokovic. Das sind smarte Jungs, denen aber, sobald sie im Ausland aktiv sind, automatisch die Funktion eines Botschafters zugeschrieben wird. Sie tragen also eine immense Last.

Doch sie sind gerade dadurch in einer Position, Diskussionen anzuregen, die über den Fußball hinausgehen.
Absolut. Sie sind populär und werden gehört. Deswegen finde ich es auch sehr schade, dass eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Verhältnissen in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nicht stattfindet. Aber das ist nicht nur im Sport so.

Sprechen wir über Ihre Zeit als Profifußballer. Sie haben beinahe 20 Jahre beim FK Sarajevo gespielt. Einige Jahre war der spätere Serbenführer und Kriegsverbrecher Radovan Karadžić dort als Sportpsychologe tätig. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Während unserer gemeinsamen Zeit in Sarajevo hatte ich ein gutes Verhältnis zu ihm. Ich mochte seine Ideen und Ansprachen. Sein Credo lautete: »Es ist egal, wer woher kommt. Wir sind ein Team!« Er mochte mich. Später wollte er mich sogar mit zu Roter Stern Belgrad nehmen. Ich sagte aber ab.

Haben Sie ihn jemals wieder gesehen?
Nein. Das erste Mal hörte ich wieder von ihm, als er seine Kriegsverbrechen beging. Ich war schockiert. Alles, was er uns über Freundschaft und Teamgeist erzählt hatte, brach in sich zusammen. Ich habe einige Male darüber nachgedacht, was in der Zeit passiert sein mag, nachdem er Sarajevo verlassen hatte. Doch fragen Sie mich nicht: Ich kann es schlichtweg nicht erklären.

Er hat bereits 1971 ein Gedicht geschrieben, in dem er die Zerstörung Sarajevos herbeisehnt. Ein Satz lautet: »Lass uns hinunter in die Stadt gehen und den Abschaum töten.«
Das ist mir neu. Ich wusste, dass er als Schriftsteller tätig gewesen war. Ich kannte allerdings nur seine Kinderbücher. Die waren großartig. Doch dieses Gedicht ist auch keine Überraschung mehr für mich, denn alles, was ich im Nachhinein über diesen Mann höre, ist schockierend und abgründig. Ich bin sehr froh, dass ich nicht mit ihm nach Belgrad gegangen bin.

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