31.03.2012

Best of 2012: Wolfram Wuttke im großen Karriere-Interview

»Zum Glück habe ich nie ein Buch geschrieben«

Genie oder Spalter. Kleiner König oder Parasit. Kein Spieler polarisierte in den achtziger Jahren so wie Wolfram Wuttke. Ein Gespräch über Osram, Bier vor dem Spiel und Verträge mit Gyroshändlern.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Die Fans haben Sie geliebt. Ein Fan sprayte mal den Satz »Wutti, wir brauchen dich!« auf eine Wand. Hat Sie das nicht wehmütig gemacht? 
Wolfram Wuttke: Es gab ja auch mal einen Westkurven-Boykott. Die Fans versperrten die Zugänge zu den Blöcken, weil Happel mich nicht einsetzte. Doch er konnte und wollte nicht zurückrudern. Und letztendlich war es mein Glück, denn ich wechselte nach Kaiserslautern und hatte dort meine beste Zeit. 

Für den FCK schossen Sie in Ihrer ersten kompletten Saison 14 Tore. Was machte denn Trainer Hannes Bongartz besser als Happel und Netzer? 
Wolfram Wuttke: Er ließ mir Freiheiten hinter den Spitzen und faltete mich nicht sofort zusammen, wenn ich mal keine Abwehrarbeit machte. Ich konnte mich auf alles konzentrieren, was mir im Fußball Spaß machte: Freistöße, Ecken, Flanken, Pässe, Schießen. 

Sie sind in Kaiserslautern zum Nationalspieler geworden. Bis zum Karriereende haben Sie allerdings nur vier Länderspiele gemacht. Wieso? 
Wolfram Wuttke: Kommen Sie mir jetzt nicht mit verschenktes Talent. Ich weiß, dass ich ein paar Spiele mehr hätte machen können, wenn ich diplomatischer gewesen wäre. Es ist müßig, darüber nachzudenken. Außerdem war damals die Konkurrenz mit Pierre Littbarski, Thomas Häßler und Olaf Thon sehr groß. Immerhin habe ich vier gute Spiele gemacht. Andere machen 50 Länderspiele und davon sind 49 schlecht. Das habe ich dem Netzer auch mal gesagt. 

1988 waren Sie Teil der Olympia-Elf, die in Seoul die Bronzemedaille geholt hat. Wie wichtig war diese Erfahrung? 
Wolfram Wuttke: Mein bestes Fußballerlebnis! Wir hatten sogar kurz zuvor die A-Nationalelf besiegt und waren eine eingeschworene Truppe. Mit Jürgen Klinsmann, Frank Mill oder Fritz Walter kam ich richtig gut aus. Dem Fritz habe ich einmal Traumasalbe in die Unterhose geschmiert.

Zurück in Kaiserslautern wurde ein Weinfest zu Ihrem Verhängnis. 
Wolfram Wuttke: Ich wohnte ja zu der Zeit im pfälzischen Bad Dürkheim, dort findet einmal im Jahr das größte Weinfest der Welt statt. Für mich war es selbstverständlich, dort mal vorbeizuschauen, zumal ich in jener Woche an einer Leistenzerrung laborierte. Doch ich wurde tags darauf vom Trainer zur Rede gestellt und versuchte mich mit einer Notlüge rauszuretten. Ich sagte, dass ich prinzipiell nicht auf Weinfeste gehe, ich sei ja schließlich Biertrinker. Dumm nur, dass Hans-Günter Neues, Fanbeauftragter beim FCK, mich dort gesehen hatte. Ich bekam eine Geldstrafe von 5000 Mark. 

Ihr Name war in Deutschland ziemlich ramponiert. War das auch ein Grund für den Wechsel ins Ausland? 
Wolfram Wuttke: Das Ausland war immer ein Traum von mir. 1988 hatte es bereits Gespräche mit Olympiakos Piräus gegeben. Ich unterschrieb am Tag des EM-Endspiels in München einen Vorvertrag. Präsident Georgios Koskotas schenkte mir danach seinen goldenen Cartier-Füllfederhalter, der 2000 Mark wert war. Mensch, Wutti, hier bist du richtig, dachte ich noch. Ich informierte prompt die FCK-Verantwortlichen. 

Die glaubten Ihnen aber nicht. 
Wolfram Wuttke: Sie hatten erfahren, dass Lajos Detari anstelle von mir zu Olympiakos wechseln sollte. Ich merkte, dass Koskotas ein Blender ist, doch nun galt ich als der Depp von der Pfalz. Selbst unser Präsident glaubte mir nicht. Er fragte: »Mit wem hast du denn gesprochen, Wutti? Mit ’nem Gyroshändler?«

Immerhin wechselten Sie wenig später zu Espanyol Barcelona nach Spanien. 
Wolfram Wuttke: Die spanische Liga war ein anderes Kaliber als Griechenland. Besonders die Spiele gegen den FC Barcelona waren toll, auch wenn wir immer verloren. Die waren mit Michael Laudrup, Andoni Zubizarreta oder Christo Stoitschkow damals schon so gut besetzt, dass ich in den Derbys nur in zwei Situationen an den Ball kam – bei Ecken und Freistößen.

Sie beendeten 1992 Ihre Karriere beim 1. FC Saarbrücken. Am Ende konnten Sie sogar Lobeshymnen in der Presse auf sich lesen. 
Wolfram Wuttke: Sie spielen auf die Geschichte nach der Partie gegen Dortmund an. Wir gewannen 3:1, und ich machte ein super Spiel. Als ich danach ein Interview gab, sackte neben mir ein Mann zusammen. Ein Herzinfarkt. Er lag auf dem Rücken und erbrach sich. Ich drehte ihn also zur Seite, damit er nicht erstickte. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: »Erst Fußballheld, dann Lebensretter.« Ich musste lächeln: Am Ende meiner Fußballlaufbahn meinten es die Journalisten endlich mal gut mit mir.

Wolfram Wuttke, Sie haben mal gesagt, dass Ihre Biografie »Das verdammte Fußballleben des Wolfram Wuttke« heißen wird. Wann erscheint sie denn endlich? 
Wolfram Wuttke: Nie! 

Warum nicht? 
Wolfram Wuttke: Vor einigen Jahren sah ich im Supermarkt auf einem Grabbeltisch den Schinken von Stefan Effenberg für 4,95 Euro liegen. Ich dachte nur: Ein Glück hast du dein Buch nie geschrieben. Auf so einem Tisch hätte ich nicht landen wollen. 

Genug zu erzählen hätten Sie aber. 
Wolfram Wuttke: Ach, die Leute interessiert doch eh nur, wer wie oft im Puff war oder ob ich dem Dietrich Weise damals ins Bett gepinkelt habe. Das ist mir zu anstrengend. 

Die Geschichte mit Weise wurde so häufig erzählt. Warum haben Sie das nie richtiggestellt? 
Wolfram Wuttke: Ich sage Ihnen mal was: Der Weise war ein ganz spezieller Typ, der holte beim Training seine uralten DDR-Methoden raus und achtete tunlichst darauf, dass wir keine Cola trinken. Einmal sahen Matthias Hönerbach und ich, dass seine Tür offen steht, wir füllten einen Putzeimer mit Wasser und schlichen in sein Zimmer. Dann kippten wir es in sein Bett. Ein dummer Jungenstreich, mehr nicht.

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