31.03.2012

Best of 2012: Wolfram Wuttke im großen Karriere-Interview

»Zum Glück habe ich nie ein Buch geschrieben«

Genie oder Spalter. Kleiner König oder Parasit. Kein Spieler polarisierte in den achtziger Jahren so wie Wolfram Wuttke. Ein Gespräch über Osram, Bier vor dem Spiel und Verträge mit Gyroshändlern.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Wolfram Wuttke, wo sollen wir nur anfangen? 
Wolfram Wuttke: Bitte nicht mit Dietrich Weise. 

Ihrem U 21-Trainer, dem Sie einst ins Bett gepinkelt haben? 

Wolfram Wuttke: Die Geschichte stimmt nicht. Wie so vieles, was über mich geschrieben wurde. Junger Freund, fangen wir doch ganz vorne an: Castrop, Schalke, Pott.

Sie haben mal gesagt: »Ich bleibe ewig der Junge aus dem Kohlenpott.« Was machte denn Ihre Heimat Castrop-Rauxel in den siebziger Jahren aus? 
Wolfram Wuttke: Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Wenn man damals in Castrop in eine Kneipe ging und alle Plätze belegt waren, rückten die Leute zusammen, so dass man sich dazusetzen konnte. In Hamburg, wo ich später spielte, legten die Leute demonstrativ ihre Jacken auf die freien Hocker neben sich. Das erklärt doch alles.

Wie zeigte sich dieser Charakter im Fußball? 
Wolfram Wuttke: Ich habe mich bei Schalke nie als Nummer gefühlt, sondern immer als Teil einer Familie. Als ich mit 15 von der SG Castrop zu Schalke wechselte, vermittelte man mir sofort eine Ausbildung zum Bürokaufmann auf der Geschäftsstelle. Unser damaliger Präsident Günter »Oscar« Siebert wusste, dass ich die Berufsschule hasste. Oft stand er deswegen bei mir auf der Matte: »Watt machste noch hier? Berufsschule? Ach watt, nu zieh dich um und ab auffen Platz!« So kam ich bereits mit 16 Jahren zu den Profis.

Sie stießen in eine Schalker Mannschaft mit Spielern wie Klaus Fichtel, Rüdiger Abramczik und Klaus Fischer. Hatten Sie Angst vor den Platzhirschen? 
Wolfram Wuttke: Überhaupt nicht. Ich machte alles, was man mir auftrug. Ich schleppte die Koffer der Stars, baute die Hütchen auf und trug die Ballnetze.

Sie achteten die Hierarchien?
Wolfram Wuttke: Na klar, warum denn nicht? 

Sie sollen kurz vor Ihrem 18. Geburtstag im Mercedes von Charly Neumann provokativ um den Platz gefahren sein, während Ihre Mitspieler trainierten. 
Wolfram Wuttke: Halbwahrheiten. Es stimmt, dass ich mit Charlys Auto fuhr, das war aber ein Scirocco. Ich habe auch keine Ohrfeige von ihm dafür bekommen, wie gerne erzählt wird. 

Warum fuhren Sie denn überhaupt in seinem Wagen? 
Wolfram Wuttke: Meine Führerscheinprüfung stand an, ich wollte ein wenig üben. Die anderen haben es mit Humor genommen.

Sie verließen Ihre Schalke-Familie bereits nach einem Jahr. Wieso? 
Wolfram Wuttke: Der Klub hatte große finanzielle Schwierigkeiten und gab mich deswegen nach Gladbach ab. Es folgten zwei richtig harte Jahre. 

Weil Sie nicht mit Jupp Heynckes zurechtkamen? 
Wolfram Wuttke: Heynckes war damals ein introvertierter Pedant, der achtete auf jede Kleinigkeit und hatte seine Augen überall. Er fand heraus, wenn wir rauchten, er wusste, wie viele Biere wir am Wochenende getrunken hatten. Ein Feldmarschall.

Heute ist es undenkbar, dass Spieler regelmäßig rauchen oder Alkohol trinken. Schlug sich Ihr Lebenswandel nicht in der Kondition nieder?
Wolfram Wuttke: Waldläufe habe ich tatsächlich gehasst. Schlimm fand ich auch die Typen, die daraus einen Wettbewerb machten und unbedingt als Erster ins Ziel kommen wollten. Nach dem Motto: Guck mal, Trainer, wie toll ich bin. 

Sie liefen immer als Letzter ein? 
Wolfram Wuttke: So war es. In Gladbach gemeinsam mit Frank Mill, in Hamburg mit Jürgen Milewski. Und wir haben herzlich über all die Superjogger gelacht, die acht Stunden am Stück laufen konnten, aber auf dem Platz keinen Ball trafen.

Und Ernst Happel, der Disziplinfanatiker, fand das okay? 
Wolfram Wuttke: Ach, der Alte konnte manchmal richtig lieb sein. Einmal verlief ich mich bei einem Waldlauf in einem Trainingslager im Taunus. Happel, der stets mit einer Art Buggy hinter der Gruppe herfuhr, fand mich abseits vom Weg und sagte nur: »Komm Wurschtl, setz di hin.« So ging es dann zurück zum Hotel. 

 

Ihr persönlicher Einstand verlief ebenfalls alles andere als traumhaft. Zu Beginn der Saison spuckten Sie Düsseldorfs Peter Löhr an.

Wolfram Wuttke: Auch wenn Löhr ein übler Treter war, wollte ich den nicht anspucken – ich wollte nur ausspucken. Doch just in dem Moment lief er auf mich zu und ich traf ihn. Ich bekam acht Wochen Sperre. Eine schlimme Phase.

Zumal Sie in der Hinserie ohne ein einziges Tor blieben. Wie sehr nagte die Angst des Versagens? 
Wolfram Wuttke: Sehr. Ich hatte vor der Saison noch großspurig mit der »Bild«-Zeitung gewettet, dass ich mindestens zehn Tore für den HSV machen würde. In der Rückrunde traf ich immerhin noch sieben Mal. 

Lösten Sie Ihre Wettschulden ein? 
Wolfram Wuttke: Klar, ich musste barfuß durch Ahrensburg laufen. 

Ernst Happel haben Sie mal als den besten Trainer Ihrer Karriere bezeichnet. Er hat Sie hingegen als »Parasit« oder »Arsch« beschimpft. Das klingt nach einer einseitigen Liebe. 
Wolfram Wuttke: Seine Beleidigungen durfte man nicht ernst nehmen. Happel hat viele Spieler niedergemacht. Doch als Trainer war er klasse. Er zeigte uns Übungen, die für mich neu waren. Und das Beste: Sie machten Spaß! 

Stimmt es denn, dass Sie in zwei Jahren nicht mehr als zehn Sätze gewechselt haben? 
Wolfram Wuttke: Totaler Quatsch. Der Alte und ich haben uns jeden Freitag getroffen und Klammern gespielt. Er trank dazu seinen Scotch auf Eis, und wir rauchten gemeinsam. Das ging zwei Jahre so. Erst im letzten halben Jahr verhärteten sich die Fronten. 

Er verbannte Sie eines Tages wegen Disziplinlosigkeit vom Training und schickte Sie für zwei Wochen auf die Aschenbahn. Wie kamen Sie damit zurecht? 
Wolfram Wuttke: Ich begegnete dem anfangs mit Ironie, einem Journalisten sagte ich, dass ich für den New York Marathon trainiere. Das verstanden die anderen natürlich wieder als Provokation. In Wahrheit ging es mir richtig mies. Jeden Morgen dachte ich, scheiße, wieder laufen. Und abends war mir zum Heulen zumute.

Haben Sie sich missverstanden gefühlt? 
Wolfram Wuttke: Ich habe beim HSV gewiss nicht immer gut gespielt, doch auch nicht durchweg schlecht. In der Saison 1983/84 schoss ich den HSV mit einem Tor gegen Schalke am letzten Spieltag noch in den UEFA-Cup. 

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