Best of 2012: Ultras, Kutten, ewige Liebe: Der große Fan-Roundtable

»Scheiß auf die VIPs«

Gehört Gewalt zum Fan-Dasein dazu? Wie wichtig sind die Ultras? Pyro ja oder nein? Über diese entscheidenden Fragen der deutschen Fanszene sprachen wir im 11FREUNDE-Spezial »Die Geschichte der Fußballfans« mit drei Veteranen aus der Kurve.

Andreas Teichmann

Bruno Reckers, Bernd Kroschewski, Thommy Kummetat, im Januar 2012 fand in Berlin ein Fankongress mit 400 Teilnehmern und dem DFB-Sicherheitschef als Podiumsgast statt. Hättet ihr euch bei eurem ersten Stadionbesuch vorstellen können, dass sich Fußballfans jemals in dieser ausgeprägten Form deutschlandweit organisieren würden?
Bernd Kroschewski (Fan des Hamburger SV): Im Leben nicht. Aber als ich 1981 das erste Mal beim HSV war, hätte ich auch diejenigen für geisteskrank erklärt, die mir erzählt hätten, dass 2012 Yuppies, Popper und Neureiche in die Stadien marschieren, um hinter dicken Glasscheiben Fußball zu gucken.

Bruno Reckers (Fan von Borussia Dortmund): Ich bin 1963 als Neunjähriger das erste Mal zur Borussia gegangen. Zu dieser Zeit trafen sich die Fans am Bahnhof, tranken ein paar Bier und gingen gemeinsam zum Stadion. Von straffer Organisation war da nichts zu spüren.

Thommy Kummetat (Fan von Eintracht Frankfurt): Zu meiner Zeit, Anfang der Siebziger, wurde jemand, der regelmäßig ins Fußballstadion ging, von anderen verspottet oder zumindest schief angeguckt.

Die Organisatoren des Fankongresses bemängelten, dass nur sehr wenige Vereinsvertreter gekommen seien.
Kummetat: Dabei ist das Verhältnis zwischen Vereinen und ihren Fans heutzutage fast vorbildlich. Als Fußballfan waren wir damals ein notwendiges Übel, das den Klubs die Kassen gefüllt hat.

Und trotzdem habt ihr nie aufgehört, regelmäßig ins Stadion zu gehen. Warum?
Kroschewski: Fußball gucke ich mir einfach immer noch sehr gerne an. Und die Randerscheinungen – sich mit Freunden treffen, was trinken, schnacken – sind auch nicht zu verachten.

Reckers: Als Fußballfan, der seit Jahrzehnten seinem Klub die Treue hält, hast du schnell einen riesigen Bekanntenkreis. Ich habe fast überall in Deutschland Freunde, bei denen ich immer einen Schlafplatz ergattern könnte.

Kummetat: Ich möchte gar nicht wissen, wie viele zukünftige Ehepaare sich beim Fußball in Frankfurt kennengelernt haben! Das Spiel an sich ist mir wichtig, steht aber nicht immer im Vordergrund. Ich habe schon Spiele verpasst, weil ich an der Bierbude stand.

Rückblickend scheint die Fanszene damals deutlich gewaltorientierter gewesen zu sein als heute. Wie habt ihr das erlebt?
Reckers: Gewalt war immer ein Thema beim Fußball. Aber bis in die achtziger Jahre hi­nein war das doch alles sehr unorganisiert. Im September 1969, beim legendären Derby zu Hause in der Roten Erde gegen die Blauen, als Friedel Rausch von einem Schäferhund gebissen wurde, kam ich zu spät zum Spiel und geriet in einen blau-weißen Mob. Im Stadion war es so voll, dass ich direkt hinter dem Tor stand, die Nase im Tornetz! Und das im Auswärtsbereich, ich hatte keine Chance rauszukommen. Als unser Stürmer Werner Weist das 1:1 schoss, sprang ich auf, bekam eine auf den Hinterkopf, und das war es dann auch.

Kroschewski: Klingt doch ganz friedlich.

Reckers: War es ja auch. Circa 15 Jahre später wurde unser Zug schon bei der Einfahrt in Gelsenkirchen von Steinen zerlegt, und man fuhr uns mit Bussen durch die Stadiontore direkt ins Stadion.

Kummetat: In Köln und Kaiserslautern war es als Frankfurter immer ungemütlich, in Hamburg konnte man im Gegensatz dazu zwei Tage durchsaufen, und in anderen Städten wurden wir schon am Bahnhof mit Dosenbier empfangen. Wenn man nicht völlig grün hinter den Ohren war, wusste man schnell, wo es Ärger geben konnte und wo nicht. Dann wurde eben der Schal in der Jacke versteckt, und man war feige. Aber dafür waren auf der Rückfahrt noch alle Zähne an Ort und Stelle.

Gewalt war, so gesehen, gesellschaftsfähig in der Fanszene.
Reckers: Prinzipiell nicht. Ich bin nie zum Fußball gefahren, um mich zu prügeln. Aber es war schon eine gewohnte Begleiterscheinung.

Kummetat: Ich habe einige Jahre lang das Fanzine »Bockenheimer Bembel« herausgegeben. 1981 haben wir mal eine Umfrage unter deutschen Fanklubs gestartet. Gesucht wurden die gefährlichsten Bundesligafans.

Kroschewski: Und wer hat gewonnen?

Kummetat: Schalke. Auf den Plätzen folgten die Kölner, die Fans von Hertha, Nürnberg und Dortmund. Wir bewegten uns als Eintracht-Fans im Mittelfeld. Schlusslichter waren Bochum, Braunschweig, Bielefeld und Leverkusen. Bei Spielen gegen Schalke, Köln, Hertha und Nürnberg musste man immer damit rechnen, dass es Ärger gab. Kein Wunder, dass diese Szenen jahrelang keine Fanfreundschaften hatten.

Wann wurde die Gewalt in den Kurven organisierter? In Dortmund war die »Borussenfront« eine berüchtigte Gruppe.
Reckers: Die »Borussenfront« wurde ursprünglich gegründet, um sich gegen den Erzfeind zu wehren. Beim Heimspiel gegen Saarbrücken am 18. März 1978 wurden im Westfalenstadion Flugzettel mit der Aufschrift »stehenbleiben, wenn die Blauen kommen!« verteilt.

Auch der HSV geriet durch die radikale Fan­gruppierung »Die Löwen« in Verruf.
Kroschewski: Bei uns war es wie in allen anderen Stadien: Erst gab es die Rocker, dann die Skins, dann die Hools. »Die Löwen« waren bald gefürchtet. Wenn man die sah, hieß es: Da kommen 1000 Jahre Knasterfahrung.

Kummetat: Bei uns war es ähnlich wie in Dortmund. Nachdem es 1982 beim Auswärtsspiel in Leverkusen – ich betone: Leverkusen – auf die Mütze gegeben hatte, gründete sich die »Adlerfront«, damit sich dieser Vorfall nicht mehr wiederholen würde. Eine Hoolgruppierung zur Selbstverteidigung, wenn man so will. Später hat die »Adlerfront« natürlich nicht nur reagiert, sondern leider auch agiert.

Sowohl der »Borussenfront« als auch der »Adlerfront« und den »Löwen« sagte man nach, rechtsradikal unterwandert zu sein. Wie viel Politik steckte damals im Fußball?
Reckers: Die »Borussenfront« war zunächst unpolitisch. Erst Anfang der Achtziger hat sie sich Richtung rechts radikalisiert. Wir haben immer versucht, die Nazis auszugrenzen.

Kroschewski: Ich habe einige Stunden damit verbracht, im Volksparkstadion Aufkleber der »Hamburger Liste für Ausländerstopp« und NPD-Sticker abzukratzen, weil ich keinen Bock auf diesen Nazidreck hatte. Heute traue ich dem Frieden immer noch nicht. Als wir 2009 gegen Hapoel Tel Aviv antraten, habe ich richtig Schiss gehabt, dass sich die rechten Arschgeigen wieder zu erkennen geben.

Kummetat: So schlimm?

Kroschewski: Vielleicht bin ich diesbezüglich auch etwas arg sensibilisiert. Die furchtbarsten Stunden meines Lebens habe ich beim Auswärtsspiel gegen Gornik Zabrze 1991 erlebt. Wir saßen zu viert in einem Bus voller Zombies. Kaum hatten wir Polen erreicht, mutierten die meisten Typen zu Landsern und grölten, dass dieses Land doch ihnen gehören würde. Dafür schäme ich mich bis heute. Kaum in Zabrze angekommen, bekam mein Bruder von einem polnischen Neonazi aufs Maul – was ja wiederum ein Gag für sich war.

Der negative Höhepunkt in der Geschichte der deutschen Fußballfans ist der Tod des Bremers Adrian Maleika, der am 17. Oktober 1982 nach Ausschreitungen beim Pokalspiel gegen den Hamburger SV starb. Wie sehr erschütterte dieses Ereignis die Fanszene?
Reckers: Der Tod von Adrian hat damals alle geschockt. Auch wenn es mich nicht so sehr überraschte. Die Gewalt beim Fußball hatte ja in den Jahren vorher immer weiter zugenommen. Adrians Tod war der negative Höhepunkt dieser Entwicklung.

Verantwortlich gemacht für den Tod von Maleika wurde der HSV-Fanklub »Die Löwen«.
Kroschewski: Ich war 13 und ausnahmsweise ging ich an diesem Tag alleine los. Ich weiß noch, wie meine Mutter zu mir sagte: »Das ist doch viel zu gefährlich!« – »Ach, Quatsch, das ist doch nur ein Fußballspiel«, habe ich geantwortet. Und einen Tag später war Adrian Maleika tot. Das war irgendwie surreal, aber auch absehbar. Ich habe es schon als Kind häufig genug erlebt, dass die Steine flogen.

Kummetat: Für Fußballfans war das eine beschissene Zeit. Jetzt wurde jeder, der für seinen Klub im Stadion brüllte, unter Generalverdacht gestellt, ein blutrünstiger Gewalttäter zu sein.

Gab es für euch jemals einen Moment, an dem ihr ernsthaft überlegt habt, nie wieder zum Fußball zu gehen?
Kummetat: Nein. Aber der könnte kommen. Wenn die 50+1-Regel abgeschafft wird und die Eintracht von einem Investor übernommen wird. Dann gehe ich definitiv nicht mehr hin.

Kroschewski: Krass. Ehrlich?

Kummetat: Ja. Die Eintracht ist mein Verein. Ich bin kein Geldanlageobjekt für irgendeinen gelangweilten Ölscheich.

Reckers: Wenn dieser Fall eintreten würde, dann ist es eben nicht mehr dein Verein. Dann mutiert dein Klub zu einer Missgeburt.

Kummetat: Richtig. Ich trage ja den Adler auf dem Herzen und keine Ölpumpe. Wenn es so weit kommen sollte, würde ich es einfach wie die Jungs vom FC United of Manchester machen und einen neuen Klub gründen.

Kritik an der Kommerzialisierung, Vereinstreue, der Fan als Träger und Entscheider seines Klubs – das sind auch Kernthemen der Ultrabewegung.
Kummetat: Warum auch nicht? Die Ultras sehen sich gleichzeitig als eine Art Subkultur, bedingungslose Unterstützer des eigenen Vereins und wichtige Eckpfeiler der Klubkultur. Wir waren da nicht anders. Auch wir haben uns optisch bewusst abgegrenzt, waren bewusst verrückter, haben gesoffen und uns daneben benommen, weil das den Rest der Bevölkerung so schön aufgeregt hat. Eine negative Ausformung dieser Denke war, dass beispielsweise in Kaiserslautern auch mal »Briegel nach Auschwitz« angestimmt wurde. Im Nachhinein finde ich das natürlich total daneben, aber damals war es Provokation in Reinform.

Ultras nehmen für sich in Anspruch, die »wahren« Fans zu sein. Wie seht ihr das?
Reckers: Fan zu sein bedeutet für mich, immer dabei zu sein, wenn die eigene Mannschaft spielt. Das verstehe ich auch unter dem Begriff »Ultra«. So gesehen sind selbst wir alten Säcke Ultras.

Kroschewski: Mir gehen die Ultras manchmal auf die Nerven, vor allem wenn sie mir was von Tradition erzählen wollen. Eine gern erzählte Anekdote in Hamburg zu diesem Thema ist ein Dialog zwischen zwei Mädchen in der U-Bahn: »Scheiße, jetzt heißt das Stadion Imtech-Arena. Für mich wird es immer die AOL-Arena bleiben!«

Kummetat: Der monotone Singsang geht mir auf den Keks. Und ich finde es nervig, wenn jemand 90 Minuten lang vor meiner Nase eine riesige Fahne schwenkt. Das ist rücksichtslos. Die Ultras sagen: »Dann setz dich doch woanders hin!« Das mag für Heimspiele eine Lösung sein, aber auswärts stehen wir alle im selben Block.

Kroschewski: Aber in letzter Konsequenz ist mir ein pickliger 16-Jähriger, der von Tradition spricht und mir seine Fahne ins Gesicht hält, dafür aber bei jedem Spiel am Start ist, lieber als jemand, der nicht da ist und die Schnauze hält. Vieles an der Ultrakultur finde ich auch sehr sympathisch: Die Choreos sind teilweise wirklich geil. Und das ganze soziale Engagement für den eigenen Verein – nicht nur die Fußballsparte – ist auch irgendwie romantisch.

Die Ultras geben in deutschen Fankurven längst den Ton an, nicht nur akustisch. Wie hat sich der Machtwechsel auf den Tribünen vollzogen?
Kummetat: Mitte der Neunziger gab es in den Kurven eine Art Vakuum. Die älteren Kreativköpfe waren in die Sitzplatzbereiche abgewandert, die Hools und Glatzen hatten längst Stadionverbote. Da war einfach nichts mehr los. Die Ultras Frankfurt haben sich 1997 ja vor allem deshalb gegründet, um wieder Stimmung im Waldstadion zu erzeugen.

Reckers: Die Kurven waren leer, die Ultras haben diese Plätze gefüllt. Das war ein ganz normaler Generationenwechsel.

Kummetat: Mit dem Unterschied, dass die Ultras keine Machtkämpfe gegen die Platzhirsche austragen mussten.

Sichtbarstes Zeichen dieser neuen Fankultur sind bengalische Feuer. Auch ein Kernthema der Ultrabewegung.
Reckers: Obwohl es die auch schon früher gegeben hat. Mit dem Unterschied, dass sich niemand dafür interessiert hat.

Kroschewski: Ich begreife weiterhin nicht, warum das so ein Thema geworden ist.

Kummetat: Weil die Ultras eine wichtige Lektion noch nicht gelernt haben: Wer in der Kurve das Sagen hat, der muss auch Verantwortung übernehmen! Wenn in den Achtzigern jemand im Waldstadion seine Wunderkerze in die Jacke seines Vordermanns schmiss, gab es dafür auf die Nase. Heute stellt sich einer neben den Vorsänger auf den Zaun und zündet eine Taucherfackel an. Obwohl niemand besser weiß als die Ultras, was das für Konsequenzen für den eigenen Klub hat. Ich vermisse die Selbstregulierung. Warum sagt niemand: »Wir haben Scheiße gebaut, und jetzt stehen wir dafür gerade«?

Kroschewski: Alle Beteiligten sollten sich endlich an einen Tisch setzen und einen Kompromiss finden. Vielleicht können die Pyrohersteller ein paar Fackeln entwerfen, die stadiontauglicher sind als die handelsüblichen Bengalos.

Reckers: Die E-Zigarette fürs Stadion. Eine super Idee!

Wir sprachen zu Beginn über den Fankongress. Eine von den Fans organisierte Veranstaltung, in der es um dieselben Themen geht, über die wir gesprochen haben: Gewalt, Polizei, Pyrotechnik. Wenn dieses Interview erscheint, nimmt in Würzburg das erste »Institut für Fankultur« seine Arbeit auf. Abschließende Frage: Wie viele Regularien hat das Fansein eigentlich nötig?
Reckers: Regeln? Ich glaube, wenn es irgendwann den Fan von der Stange gibt, dann ist der Fußball schon so gut wie tot.

Kummetat: Vielleicht darf es nur eine Regel geben und die heißt: Was zählt, ist einzig und allein der Verein, dein Klub. Scheiß auf die Spieler, scheiß auf die Trainer, scheiß auf die Manager, scheiß auf die VIPs.

Kroschewski: Oder, um diese Runde mit einem augenzwinkernden Zitat zu beenden: »Regeln und Knochen, beides wird gebrochen!«

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