Best of 2012: Trainer-Legende Uwe Klimaschefski im Interview

»Ja und? Ihr seid doch Arschlöcher!«

Uwe Klimaschewski ist der Mario Balotelli der deutschen Trainerszene. Mit einem Unterschied: Die meisten Geschichten über ihn stimmen. Ein Gespräch über kaputte Knie, Schlägereien mit US-Soldaten und ein Angebot des FC Bayern München.

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130

Uwe Klimaschefski, kennen Sie Mario Balotelli von Manchester City?
Natürlich.

Balotelli wurde vor ein paar Monaten in einem Interview von Musiker und City-Fan Noel Gallagher zu seinen angeblichen Eskapaden befragt. Die meisten Anekdoten, die über ihn im Umlauf sind, stimmen gar nicht.
Wie langweilig.

Hätten Sie Lust, dieses Frage-Antwort-Spielchen auch mit uns zu spielen?
Schießen Sie los.

Als Sie 1974 von einem Mainzer Fan beleidigt wurden, sollen Sie den Herren gebeten haben, Ihr Brötchen zu halten und verpassten ihm anschließend einen rechten Haken?
Stimmt.

Weil Sie als Trainer vom FC Homburg zu viele verletzte Spieler im Kader hatten, setzten Sie in der Nacht vor dem Spiel den Platz unter Wasser. Es war Winter, am nächsten Tag fiel die Partie wegen Glatteis auf der Spielfläche aus.
Nicht ganz. Es war unser Platzwart, der mit einem Gartenschlauch den Mittelkreis über Nacht bewässerte. Ich hatte ihm den Auftrag gegeben. Es war richtig kalt, und am nächsten Morgen waren Teile der Spielfläche spiegelglatt. Der Schiedsrichter schaute sich das an und sagte das Spiel dann wirklich ab.

Den Platzwart haben Sie 1976 an einen Torpfosten fesseln und mit Bällen beschießen lassen.
Leider wahr. Er war betrunken und hatte uns zuvor ziemlich genervt. Wir trafen ihn nur ein paar Mal, dann schnitt ihn seine Frau mit einem Küchenmesser los.

Weil er einen Rentner zusammengeschlagen hatte, schlugen Sie Anfang der Achtziger einen amerikanischen G. I. k. o. – mit einem Hammer. Ich stellte den Idioten, doch der bedrohte mich mit einem Messer.
In meinem Auto lag ein Vorschlaghammer, den ich dabei hatte, um Startblöcke für das Sprinttraining in die Aschebahn zu kloppen. Den rammte ich ihm in den Bauch und rief die Polizei.

Weil zu einem Heimspiel vom FC Homburg nur 1000 Zuschauer erwartet wurden, versprachen Sie eine ganz besondere Halbzeitshow: ein Wettrennen von weiblichen Oben-ohne-Models.
Es kamen schließlich 3000 Leute zu unserem Spiel.

Und die Frauen?
Waren erfunden. In der Halbzeit riefen die Zuschauer: »Klima, wo sind die Weiber?«

Eine letzte Posse hätten wir noch: Dem Spieler Günter Kirch hauten Sie im Training eine runter, weil er Sie im angetrunkenen Zustand mit einem Ball abgeschossen hatte. Abends versuchte der Mann auf einer Party, eine Frau zu begrapschen und bekam noch eine gescheuert – von Ihrem Vereinspräsidenten Udo Geitlinger.
Ich habe ihn nicht geschlagen, lediglich im Trainingsspielchen umgetreten, das tat aber sicherlich auch ordentlich weh. Dass Udo ihm eine geklebt hat, halte ich allerdings durchaus für realistisch.

Worauf wir hinauswollen: Während Ihrer Zeit als Trainer zwischen 1970 und 1994 gab es offenbar keinen verrückteren Trainer als Sie. Haben Sie ganz bewusst den Entertainer und Unberechenbaren gespielt?
Geschauspielert habe ich nie. Als Mensch und als Trainer habe ich immer aus dem Bauch heraus entschieden, nur ganz selten mit dem Kopf. Das war eben meine Art.

Woher stammt dieses Bauchgefühl?
Das ist sicherlich beeinflusst durch meine Herkunft. Ich wurde 1938 in Bremerhaven geboren, einen Kilometer vom Hafen entfernt. Ich war ein norddeutscher Straßenjunge, der gerne den ganzen Tag Fußball spielte und eine große Klappe hatte.

Was wollten Sie als kleiner Junge werden?
Vor allem wollte ich nie arbeiten, sondern Fußballer werden. Mein Vater war Hafenarbeiter, der schuftete sich den Rücken für ein paar Mark krumm. Nur meiner Mutter zuliebe machte ich die Ausbildung zum Bauklempner. Doch schon mit 17 verdiente ich mein erstes Geld als Fußballer, nach einem halben Jahr bekam ich schon mehr Gehalt als mein Vater. Da wusste ich, dass ich aufs richtige Pferd gesetzt hatte.
Als Abwehrspieler für den SC Bremerhaven, Bayer Leverkusen, Hertha BSC und den 1. FC Kaiserslautern eilte Ihnen der Ruf des knüppelharten Treters voraus. Ein berechtigter Vorwurf?
Ich war vielleicht kein Sensibelchen, aber auch kein gemeines Raubein. Das Image wurde mir erst in Kaiserslautern verpasst. Der Betzenberg war damals außergewöhnlich. Sehr eng, sehr laut und manchmal sehr aggressiv. Wenn der Linienrichter einen Fehler machte, hatte er schnell mal einen Regenschirm im Rücken. Wir Spieler ließen uns davon anstecken. 1966, beim legendären 1:2 gegen die Bayern, flogen drei Mann von uns vom Platz. Wilhelm Wrenger, Jürgen Neumann – und ich.

An Ihre Zeit als aktiver Spieler können sich heute nur noch die wenigsten erinnern, berühmt wurden Sie als Trainer. War es von Anfang an Ihr Wunsch, Trainer zu werden?
Den Plan dafür hatte ich jedenfalls nicht in der Schublade. Ich war Fußballer, über die Zukunft machte ich mir wenig Gedanken. Dann verletzte ich mich mit 29 Jahren schwer am Knie, mein Arzt sagte: »Ich gebe dir einen guten Rat: nie wieder Fußball! Deine Knie sind komplett im Eimer.«

Sie hätten auch wieder als Bauklempner arbeiten können.
Machen Sie Witze? Im Fußball kannte ich mich aus, hier war ich zu Hause, und hier gab es viel mehr Geld zu verdienen. 1970 machte ich meine Trainerausbildung bei Hennes Weisweiler an der Sporthochschule Köln – übrigens gemeinsam mit Otto Rehhagel. Im letzten Jahrgang, der von Weisweiler ausgebildet wurde.

Was war Weisweiler für ein Typ?
Ein fantastischer Trainer, aber als Mensch unberechenbar. Wenn der dich nicht mochte, aus welchem Grund auch immer, dann hat er dich fertiggemacht. Gyula Lorant, einer aus der ungarischen Wundermannschaft von 1954 und später ein Weltklassetrainer, wagte es einmal, Hennes an der Taktiktafel zu korrigieren. Weisweiler hat Lorant daraufhin durch die Prüfung fallen lassen.

Wie war Ihr Verhältnis?
Erstaunlich gut. Er mochte mich, ich weiß auch nicht, warum. Wenn er abends in seiner Mönchengladbacher Stammkneipe mal wieder etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, rief er mich am nächsten Morgen an: »Klima, mach du schon mal das Training!« Wir spielten dann ganz locker 4 gegen 2, bis der Chef in seinem großen Mercedes am Horizont auftauchte und wir blitzschnell zu den vorher aufgestellten Hütchen sprinteten, um brav die von ihm geforderten Übungen zu absolvieren. Die Prüfung bei ihm habe ich übrigens mit »gut« bestanden.

1970 starteten Sie Ihre Trainerlaufbahn – beim FC 08 Homburg in der Regionalliga West. Hatten Sie als ehemaliger Bundesligaspieler nicht ganz andere Ansprüche?
Ich merkte schnell, was ich an Homburg hatte. Mit dem damaligen Präsidenten Udo Geitlinger war ich schnell wie Arsch auf Eimer, uns verband bald eine richtige Männerfreundschaft. Außerdem hatte Udo genügend Geld, um mich sehr gut zu bezahlen.

Warum wechselten Sie dann nur ein Jahr später zu Hapoel Haifa nach Israel?
Weisweiler zuliebe. Er hatte mit Borussia Mönchengladbach Ende der Sechziger bereits gegen israelische Mannschaften gespielt, einer der ersten sportlichen Annäherungsversuche zwischen beiden Ländern. Die Israelis wollten einen deutschen Trainer, Hennes bat mich, den Job zu übernehmen. Ich sprach mich kurz mit meiner Frau und meinem Präsidenten ab und sagte zu. Außer mir hat übrigens bis heute nur noch ein deutscher Fußballtrainer in Israel gearbeitet: Lothar Matthäus.

Wir wurden Sie als Deutscher in Israel aufgenommen?
Erstaunlich gut. Ich hatte ja selbst mit Anfeindungen gerechnet, die Nazizeit war schließlich erst seit 26 Jahren vorbei. Aber die Menschen waren unglaublich gastfreundlich und irgendwie stolz darauf, einen Trainer aus Deutschland zu haben. Viele meiner Spieler sprachen Deutsch, die Kommunikation war also auch kein Problem.

Ihr prägendstes Erlebnis in Israel?
Vor dem letzten Auswärtsspiel der Saison gegen Beitar Jerusalem brauchten wir noch einen Punkt, um Meister zu werden. Dass die Fans von Beitar extrem waren, wusste ich, aber was sich dann abspielte, war der reine Wahnsinn. Schon auf dem Weg ins Stadion sah ich überall junge Männer, die uns die Halsabschneidergeste zeigten, im Stadion trennte uns nur ein Maschendrahtzaun von den Zuschauern. Nach wenigen Minuten war mein Shirt total vollgerotzt. Wir verloren unglücklich mit 0:1 und mussten nach dem Spiel trotzdem um unser Leben rennen. Eine Stunde saßen wir in der Kabine, draußen hagelte es Steine gegen unsere Tür, bis der Mob sich beruhigt hatte. Ich blieb noch ein halbes Jahr und ging dann zurück nach Homburg. Ein Meisterschaftsfinale hat mir gereicht.

Zwischen 1970 und 1994 trainierten Sie den FSV Mainz, Hertha BSC, den 1. FC Saarbrücken, FC St. Gallen, Darmstadt 98, Blau-Weiß Berlin und 1860 München, kehrten aber insgesamt fünfmal zum FC 08 Homburg zurück. Warum immer wieder Homburg?
Wegen Udo Geitlinger. Wir hatten ein Verhältnis, das sicherlich einmalig im deutschen Fußball war. Immer wenn ich eine neue Herausforderung suchte, ob in Israel, Mainz oder Berlin, brauchte ich nur mit Udo zu sprechen, irgendwann knickte er dann ein und gab mich frei.

Von Ihnen stammt der Spruch: »Nur in Homburg darf ich bei Rot über die Ampel fahren.« Hatten Sie in Homburg Narrenfreiheit?
Auf eine gewisse Art und Weise schon. Durch die Nähe zu Udo hatte ich einen extrem hohen Stellenwert im Verein. Auf mich hat er nichts kommen lassen. Als sich zum Beispiel einer meiner Spieler mal bei ihm mit den Worten »Der Klima hat uns als Arschlöcher bezeichnet« ausheulte, antworte Udo nur: »Ja und? Ihr seid doch Arschlöcher!«

Brauchten Sie so rabiate Methoden, um die Autorität als Trainer zu wahren?
Das hatte damit nichts zu tun. Sie haben die Geschichten am Anfang angesprochen: Die sind spontan passiert, aus der Situation heraus, die habe ich nicht generalstabmäßig geplant. So war ich drauf. Manchmal ruppig, aber immer ehrlich und direkt. Letztendlich hatte ich mit meiner Art ja auch Erfolg.

Sie haben Homburg in die zweite Bundesliga gebracht, den 1. FC Saarbrücken gar von der Regionalliga direkt in die erste Bundesliga und scheiterten mit dem Zweitligisten Saarbrücken 1985 erst im DFB-Pokal-Halbfinale am späteren Sieger Bayer Uerdingen. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie weniger erfolgreich gewesen wären?
Dann hätte man mich bei meinen Vereinen in hohem Bogen rausgeschmissen und mir hinterher gerufen: War doch klar, dass der mit seiner großen Klappe auf die Fresse fällt!

Mit 404 Spielen als Trainer halten Sie bis heute einen Rekord in der zweiten Liga. Hatten Sie nie die Motivation, mal einen Verein zu trainieren, mit dem Sie um Meisterschaften oder Pokale hätten spielen können?
Die Angebote waren ja da. 1977 schlugen wir mit Homburg sensationell den FC Bayern im DFB-Pokal-­Viertelfinale mit 3:1. Nach der Saison bekam ich eine konkrete Anfrage aus München. Sie wollten mich als Nachfolger für Dettmar Cramer. Aber ich lehnte ab.

Warum? Wollten Sie denn nicht Deutscher Meister werden?
Wer will das nicht? Aber das war 1977 und ich dachte: Klima, du hast noch so viel Zeit in deiner Trainerkarriere, jetzt gefällt es dir doch gerade so gut in Homburg, warte auf die nächste Chance in ein paar Jahren.

Im März 1994 wurden Sie vom FC Homburg beurlaubt, weil sich Ihre Spieler in einer Abstimmung gegen Sie entschieden. Als Konsequenz trat auch Udo Geitlinger zurück. War das Modell Klimaschefski / Geitlinger einfach nicht mehr zeitgemäß?
Die neue Spielergeneration kam mit mir nicht mehr zurecht und ich nicht mehr mit den Spielern. Als ich sie nach einer schwachen Partie zusammenstauchte, beschwerten Sie sich beim Vorstand, ich musste gehen. Letztendlich war ich froh, diese Mannschaft nicht mehr trainieren zu müssen. Meine Zeit war vorbei.

Sie waren zu diesem Zeitpunkt doch erst 55 Jahre alt.
Schon Ende der Achtziger wollte ich eigentlich als Trainer aufhören. Nach einer Begradigung meiner O-Beine bekam ich große Probleme und konnte nicht mehr richtig laufen. Den letzten Job in Homburg trat ich nur aus alter Verbundenheit an. Ich hätte es sein lassen sollen, es hat keinen Spaß mehr gemacht.

Über ein paar Ihrer Anekdoten haben wir zu Beginn gesprochen. Ohne Zweifel waren Sie ein spezieller Trainer, heute würde man sagen: ein Exzentriker. Konnten Sie vielleicht deshalb nur bei unterklassigen Vereinen funktionieren?
Möglicherweise. In München oder Hamburg hätte ich mich jedenfalls verändern müssen, das war mir auch bewusst. Wenn ich bei den Bayern den Platzwart an den Pfosten gebunden hätte, hätten die Leute gesagt: Der Idiot soll unsere Mannschaft trainieren?

Was hat Sie besonders für Ihren Job motiviert: den Alleinherrscher zu spielen, viel Geld zu verdienen oder das Gefühl, mit den Underdogs die großen Gegner zu ärgern?
Von allem ein bisschen. Die Freiheit, alles tun und lassen zu können, war mir wichtig, das Geld natürlich auch. Und das Gefühl, mit dem FC Homburg den FC Bayern zu schlagen, reicht sicherlich an den Glücksmoment heran, gerade die Meisterschaft gewonnen zu haben.

Glauben Sie, dass Sie als Bundesligatrainer in der Gegenwart Erfolg hätten?
Diese Vergleiche ergeben doch keinen Sinn: Ein Auto von 1970 sieht vielleicht schöner aus, aber besser ist das Modell von 2012. So ist das auch im Fußball: Alles ändert sich, alles entwickelt sich, alles wird besser. Der Klima von 1970 würde heute sicherlich Probleme bekommen.

Uwe Klimaschefski, Sie waren elf Jahre Spieler, 24 Jahre Trainer, Was war die schlimmste Niederlage in Ihrer Karriere?
1976 spielten wir mit Homburg im Pokal-Viertelfinale gegen den HSV. Beim Stand von 1:2 bekamen wir einen Elfmeter zugesprochen, mein sicherster Schütze, Harald Diener, schnappte sich den Ball. Ein herrlicher Schuss, aber irgendwie bekam Rudi Kargus noch seine Finger dran. Am nächsten Tag maß ich die Entfernung vom Tor zum Elfmeterpunkt: Unser Platzwart hatte im Suff zwölf statt elf Meter abgemessen! Ich hätte ihn erwürgen können.

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