Best of 2012: Tony Adams über sein Alkoholproblem

»Ich hatte Angst vor dem Tod«

In Deutschland sorgt die Biografie von Uli Borowka derzeit für eine Diskussion über den Umgang mit Alkohol im Profifußball, in England ist man da schon viel weiter. Dank Tony Adams. Für unsere Spezialausgabe über den britischen Fußball sprachen wir mit ihm.

Heft: #
Spezial-Nr. 2

Tony Adams, spielen Sie eigentlich immer noch Klavier?
Nein, schon seit einer Weile nicht mehr. Aber als ich nach der Europameisterschaft 1996 aufgehört hatte zu trinken, wurde das Klavierspielen zu einem Teil meiner Therapie. Ich übte jeden Tag. Ich wollte lernen, mich zu konzentrieren, mich abzulenken, an etwas anderes zu denken als an den verdammten Alkohol. Mittlerweile gelingt mir das aber auch, wenn ich nicht am Klavier sitze.

Aber an Weihnachten greifen Sie doch bestimmt noch mal in die Tasten.
Ich muss Sie enttäuschen, nicht mal das. Ich habe auch nie das Mozart-Level erreicht, es blieb beim Geklimper. Meine Tochter hat mich längst überholt. Sie ist bei uns für die Hausmusik zuständig. Ich höre ihr liebend gern zu.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag ohne Alkohol nach dreizehn Jahren Sucht?
Das erste Wochenende war ein einziger verschwommener Fleck, die Erinnerungen sind entsprechend undeutlich. Aber ich weiß noch sehr genau, dass ich es satt hatte, alles satt zu haben – I was sick and tired of being sick and tired. Ich wollte einfach kein Alkoholiker mehr sein.

Gab es einen konkreten Anlass für Sie aufzuhören?
Anlässe hätte es zu Genüge gegeben, auch schon in all den Jahren zuvor. Aber ich habe sie ignoriert, bis ich schließlich ein Mann war, der ich nicht sein wollte. Und selbst um das zu erkennen, habe ich eine ganze Weile gebraucht.

Wie lang hat der Entzug gedauert?
Er begann an jenem Wochenende und mit der ersten Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern am Montag – und dauert bis heute. Denn ich weiß: Sobald ich schwach werde, wird mich der Alkohol wieder besiegen.

Wann haben Sie sich entschieden, Ihre Suchterfahrungen in dem Buch »Addicted« öffentlich zu machen?
Das war 1998, als ich zwei Jahre lang trocken war und genug Abstand gewonnen hatte. Natürlich war auch das Teil der Therapie, eine notwendige Aufarbeitung. Aber ehrlich gesagt: In erster Linie wollte ich Geld für meine Stiftung generieren. Mit der »Sporting Chance Charity« und der dazugehörigen Klinik versuchen wir, suchtkranken Athleten zu helfen, ihr Leben zu reparieren, egal ob sie nun dem Alkohol, harten Drogen oder dem Wettspiel verfallen sind.

War das Schreiben für Sie auch eine Art Wiederherstellung kaputter Erinnerungen?
Ja, sicher. Ich hatte all das verdrängt, ignoriert, vieles war im Suff untergegangen. Ich musste ein ganzes Jahrzehnt wieder zusammensetzen. Das war sehr schmerzlich. Wer erkennt schon gern, dass er nicht der Supersportsmann ist, als den ihn die Öffentlichkeit sieht, als den er sich selbst gesehen hat, sondern ein Versager, ein Häuflein Elend?

Wann haben Sie eigentlich angefangen zu trinken?
Mit 17. Mir schmeckte das Zeug zwar nicht, aber mir gefiel sehr, was es mit mir anstellte. Ich wurde locker und selbstsicher, wenn ich trank.



Ist die Anfälligkeit für Alkoholismus angeboren? Oder eine Folge der Sozialisation?
Meiner Erfahrung nach beides – »nature and nurture«, wie es bei uns heißt.

Konnten Sie als junger Profi überhaupt einen Drink ablehnen, der Ihnen hingehalten wurde?
Ablehnen kann man alles, wenn man bereit ist, mit den Folgen zu leben. Im englischen Fußball der Achtziger war das gemeinsame Trinken nach dem Spiel ein Sakrament, ganz so wie das gemeinsame Abendmahl in der Kirche. Wer nicht mitzog, blieb Außenseiter. Ich zog mit. Aber das soll kein Alibi sein. Denn ich zog ja gern mit.

Jimmy Greaves, Weltmeister 1966, spritzte Wodka in Orangen, die er dann den ganzen Tag über aß, um seine Sucht geheim zu halten. Welche Tricks haben Sie entwickelt?
Alkoholismus schwächt den Körper wie jede andere Krankheit auch. Das passt natürlich nicht zum Image eines Athleten. Also habe auch ich viel Aufwand betrieben, damit mich niemand in einem desolaten Zustand zu Gesicht bekommt. Niemand sollte sehen, wie ich nachts im Hausflur lag, wie ich morgens eine halbe Stunde brauchte, um meine Sporttasche zu packen – kurzum: dass ich ein Wrack war. Das aktive Trinken aber, am Tresen, inmitten einer gutgelaunten Gruppe, galt damals paradoxerweise als Zeichen von Lebenskraft. Je mehr einer vertragen konnte, desto mehr war er ein echter Kerl. Das Trinken selbst musste ich also nicht verbergen, aber die fatalen Folgen. 

Wer wusste, dass Sie zu viel tranken?
Die meisten Mitspieler und unser Trainer George Graham kannten meinen Konsum, aber für sie war das ebenso wenig eine Krankheit wie für mich. Nur meine Frau erkannte die Gefahr, aber ich schlug ihre Warnungen in den Wind.

Wie viel tranken Sie?
Eine typische Woche sah so aus, dass ich von sonntags bis mittwochs durchsoff und anschließend bis zum Spiel am Samstag ausnüchterte. Dann begann das Ganze von vorn.

Wie trainiert man, wenn man einen Kater hat?
Lieber gar nicht. Also trank ich noch vor den Einheiten das erste Konterbier. Am Ende hatte ich eine so hohe Alkoholtoleranz erreicht, dass es keinen Unterschied mehr machte, ob ich ein Bier trank oder zwanzig.

Haben Sie je betrunken ein offizielles Spiel bestritten?
Ja, ein paar Mal gegen Ende meiner Trinkerphase, als ich komplett die Kontrolle verloren hatte. Ich sah den Ball, die Mitspieler und meine eigenen Füße doppelt und machte spielentscheidende Fehler. George Graham hätte mich sofort vom Platz nehmen müssen. Dennoch bin ich froh, dass er es nicht tat. Ich hätte mich wahrscheinlich totgesoffen.

Sie bestritten über 500 Spiele für den FC Arsenal, wurden vier Mal Meister und einmal Europapokalsieger. Hätten Sie ohne Alkohol ein noch besserer Spieler sein können?
Auf jeden Fall! Ich hatte wohl das Glück, dass ich nicht der einzige Spieler in jener Zeit war, der an der Flasche hing.

Sie bildeten eine legendäre Defensivreihe mit Steve Bould, Lee Dixon und Nigel Winterburn. Waren diese Männer auch Ihre Saufkumpels?
Nein. Ich ging zum Trinken nur in den Pub vor meiner Haustür. Deshalb habe ich auch nie mit unserem Stürmer Paul Merson getrunken. Was erstaunlich ist. Jeder Londoner hat damals mindestens einmal mit Paul am Tresen gestanden.



Sie wurden mehrfach betrunken hinterm Steuer erwischt und saßen deswegen sogar hinter Gittern. Außerdem waren Sie in ein paar Diskoschlägereien verwickelt. Hat der Alkohol Sie so aggressiv gemacht?
Wahrscheinlich. Mit dem Verfall kommt die Verrohung. Die drei Monate im Knast haben alles noch schlimmer gemacht. Obwohl ich dort natürlich nicht trinken konnte, kam ich nicht vom Alkohol los. Ich träumte die ganze Zeit davon. Nicht von einem Drink, sondern von hundert. Als ich wieder rauskam, betrank ich mich wie niemals zuvor.

Hatten Sie Angst, am Alkoholismus zugrunde zu gehen?
Ja. Ich hatte Angst vor dem Tod, dem physischen und dem sozialen – meine Familie litt schließlich extrem darunter, dass ich ein Trinker war. Und diese Angst betäubte ich wiederum mit Alkohol. Ein Teufelskreis.

Könnte ein Alkoholiker sich heute noch im englischen Profifußball durchsetzen?
Auf keinen Fall! Die körperliche Belastung ist viel höher geworden. Der Ausleseprozess lässt es nicht mehr zu, dass Spieler mit derartigen Formschwankungen, wie ich ihnen unterlag, sich durchmogeln können. Die Wende kam 1992 mit der Einführung der Premier League. Mit dieser neuen Ära kam das dicke Geld. Und das verdient nur derjenige, dessen Körper die Investition wert ist. Heute lauern andere Gefahren auf die Jungs, wie etwa Spielsucht, Kaufsucht oder Selbstsucht. Auch das führt dazu, dass sie zugrunde gehen, selbst wenn sie körperlich fit sind wie Maschinen.

War Arsène Wengers Amtsantritt beim FC Arsenal im Sommer 1996 Ihre persönliche Zeitenwende?
Ich wurde sechs Wochen, bevor Arsène kam, trocken. Wie es so schön heißt: »Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer.«

Was hat er Sie in der Folge gelehrt?
Ich wurde erst durch ihn zum Profi, im Alter von 30 Jahren. Die 13 Jahre zuvor waren reine Anarchie und Selbstzerstörung. Nur durch meine überdurchschnittliche Physis war ich überhaupt imstande, trotz meiner Alkoholsucht Sport zu treiben. Wenger hat mir beigebracht, wie ich meinen Körper pflege, ihn systematisch fordere und schone. So hat er mir noch sechs Jahre geschenkt, in denen ich an mein absolutes Limit gehen konnte – mit dem Double 2002 als krönendem Abschluss. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Sie arbeiten heute selbst als Trainer. Was würden Sie tun, wenn einer Ihrer Spieler ebenfalls alkoholsüchtig wäre?
Wenn er will, dass ich ihm helfe, helfe ich ihm auch. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Und die sind dank meiner Stiftung und der angegliederten Klinik relativ wirkungsvoll.

Tony Adams, vermissen Sie den Alkohol?
Nein, denn das hieße, dass ich mich nach dem Tod sehne.

Und den Fußball?
Den schon eher. Aber ich sage das lieber nicht zu laut, denn ich habe das Gefühl, dass der Fußball mich nicht vermisst.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!