05.10.2012

Best of 2012: Tony Adams über sein Alkoholproblem

»Ich hatte Angst vor dem Tod«

In Deutschland sorgt die Biografie von Uli Borowka derzeit für eine Diskussion über den Umgang mit Alkohol im Profifußball, in England ist man da schon viel weiter. Dank Tony Adams. Für unsere Spezialausgabe über den britischen Fußball sprachen wir mit ihm.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago


Ist die Anfälligkeit für Alkoholismus angeboren? Oder eine Folge der Sozialisation?
Meiner Erfahrung nach beides – »nature and nurture«, wie es bei uns heißt.

Konnten Sie als junger Profi überhaupt einen Drink ablehnen, der Ihnen hingehalten wurde?
Ablehnen kann man alles, wenn man bereit ist, mit den Folgen zu leben. Im englischen Fußball der Achtziger war das gemeinsame Trinken nach dem Spiel ein Sakrament, ganz so wie das gemeinsame Abendmahl in der Kirche. Wer nicht mitzog, blieb Außenseiter. Ich zog mit. Aber das soll kein Alibi sein. Denn ich zog ja gern mit.

Jimmy Greaves, Weltmeister 1966, spritzte Wodka in Orangen, die er dann den ganzen Tag über aß, um seine Sucht geheim zu halten. Welche Tricks haben Sie entwickelt?
Alkoholismus schwächt den Körper wie jede andere Krankheit auch. Das passt natürlich nicht zum Image eines Athleten. Also habe auch ich viel Aufwand betrieben, damit mich niemand in einem desolaten Zustand zu Gesicht bekommt. Niemand sollte sehen, wie ich nachts im Hausflur lag, wie ich morgens eine halbe Stunde brauchte, um meine Sporttasche zu packen – kurzum: dass ich ein Wrack war. Das aktive Trinken aber, am Tresen, inmitten einer gutgelaunten Gruppe, galt damals paradoxerweise als Zeichen von Lebenskraft. Je mehr einer vertragen konnte, desto mehr war er ein echter Kerl. Das Trinken selbst musste ich also nicht verbergen, aber die fatalen Folgen. 

Wer wusste, dass Sie zu viel tranken?
Die meisten Mitspieler und unser Trainer George Graham kannten meinen Konsum, aber für sie war das ebenso wenig eine Krankheit wie für mich. Nur meine Frau erkannte die Gefahr, aber ich schlug ihre Warnungen in den Wind.

Wie viel tranken Sie?
Eine typische Woche sah so aus, dass ich von sonntags bis mittwochs durchsoff und anschließend bis zum Spiel am Samstag ausnüchterte. Dann begann das Ganze von vorn.

Wie trainiert man, wenn man einen Kater hat?
Lieber gar nicht. Also trank ich noch vor den Einheiten das erste Konterbier. Am Ende hatte ich eine so hohe Alkoholtoleranz erreicht, dass es keinen Unterschied mehr machte, ob ich ein Bier trank oder zwanzig.

Haben Sie je betrunken ein offizielles Spiel bestritten?
Ja, ein paar Mal gegen Ende meiner Trinkerphase, als ich komplett die Kontrolle verloren hatte. Ich sah den Ball, die Mitspieler und meine eigenen Füße doppelt und machte spielentscheidende Fehler. George Graham hätte mich sofort vom Platz nehmen müssen. Dennoch bin ich froh, dass er es nicht tat. Ich hätte mich wahrscheinlich totgesoffen.

Sie bestritten über 500 Spiele für den FC Arsenal, wurden vier Mal Meister und einmal Europapokalsieger. Hätten Sie ohne Alkohol ein noch besserer Spieler sein können?
Auf jeden Fall! Ich hatte wohl das Glück, dass ich nicht der einzige Spieler in jener Zeit war, der an der Flasche hing.

Sie bildeten eine legendäre Defensivreihe mit Steve Bould, Lee Dixon und Nigel Winterburn. Waren diese Männer auch Ihre Saufkumpels?
Nein. Ich ging zum Trinken nur in den Pub vor meiner Haustür. Deshalb habe ich auch nie mit unserem Stürmer Paul Merson getrunken. Was erstaunlich ist. Jeder Londoner hat damals mindestens einmal mit Paul am Tresen gestanden.

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