05.10.2012

Best of 2012: Tony Adams über sein Alkoholproblem

»Ich hatte Angst vor dem Tod«

In Deutschland sorgt die Biografie von Uli Borowka derzeit für eine Diskussion über den Umgang mit Alkohol im Profifußball, in England ist man da schon viel weiter. Dank Tony Adams. Für unsere Spezialausgabe über den britischen Fußball sprachen wir mit ihm.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Tony Adams, spielen Sie eigentlich immer noch Klavier?
Nein, schon seit einer Weile nicht mehr. Aber als ich nach der Europameisterschaft 1996 aufgehört hatte zu trinken, wurde das Klavierspielen zu einem Teil meiner Therapie. Ich übte jeden Tag. Ich wollte lernen, mich zu konzentrieren, mich abzulenken, an etwas anderes zu denken als an den verdammten Alkohol. Mittlerweile gelingt mir das aber auch, wenn ich nicht am Klavier sitze.

Aber an Weihnachten greifen Sie doch bestimmt noch mal in die Tasten.
Ich muss Sie enttäuschen, nicht mal das. Ich habe auch nie das Mozart-Level erreicht, es blieb beim Geklimper. Meine Tochter hat mich längst überholt. Sie ist bei uns für die Hausmusik zuständig. Ich höre ihr liebend gern zu.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag ohne Alkohol nach dreizehn Jahren Sucht?
Das erste Wochenende war ein einziger verschwommener Fleck, die Erinnerungen sind entsprechend undeutlich. Aber ich weiß noch sehr genau, dass ich es satt hatte, alles satt zu haben – I was sick and tired of being sick and tired. Ich wollte einfach kein Alkoholiker mehr sein.

Gab es einen konkreten Anlass für Sie aufzuhören?
Anlässe hätte es zu Genüge gegeben, auch schon in all den Jahren zuvor. Aber ich habe sie ignoriert, bis ich schließlich ein Mann war, der ich nicht sein wollte. Und selbst um das zu erkennen, habe ich eine ganze Weile gebraucht.

Wie lang hat der Entzug gedauert?
Er begann an jenem Wochenende und mit der ersten Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern am Montag – und dauert bis heute. Denn ich weiß: Sobald ich schwach werde, wird mich der Alkohol wieder besiegen.

Wann haben Sie sich entschieden, Ihre Suchterfahrungen in dem Buch »Addicted« öffentlich zu machen?
Das war 1998, als ich zwei Jahre lang trocken war und genug Abstand gewonnen hatte. Natürlich war auch das Teil der Therapie, eine notwendige Aufarbeitung. Aber ehrlich gesagt: In erster Linie wollte ich Geld für meine Stiftung generieren. Mit der »Sporting Chance Charity« und der dazugehörigen Klinik versuchen wir, suchtkranken Athleten zu helfen, ihr Leben zu reparieren, egal ob sie nun dem Alkohol, harten Drogen oder dem Wettspiel verfallen sind.

War das Schreiben für Sie auch eine Art Wiederherstellung kaputter Erinnerungen?
Ja, sicher. Ich hatte all das verdrängt, ignoriert, vieles war im Suff untergegangen. Ich musste ein ganzes Jahrzehnt wieder zusammensetzen. Das war sehr schmerzlich. Wer erkennt schon gern, dass er nicht der Supersportsmann ist, als den ihn die Öffentlichkeit sieht, als den er sich selbst gesehen hat, sondern ein Versager, ein Häuflein Elend?

Wann haben Sie eigentlich angefangen zu trinken?
Mit 17. Mir schmeckte das Zeug zwar nicht, aber mir gefiel sehr, was es mit mir anstellte. Ich wurde locker und selbstsicher, wenn ich trank.

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