Best of 2012: Kommentator Wolff Fuss über Brehme, Messi und den »Ejakulativ«

»Wenn ich will, dann schweige ich«

Kein Live-Kommentator ist beliebter als Wolff Fuss. Wir sprachen mit ihm über den Ejakulativ, Brehmes Elfmeter im Endspiel 1990 und die legendäre Werner-Hansch-Maschine.

Sat.1/ Marcus Hoehn

Wolff Fuss, herzlichen Glückwunsch!
Woff Fuss: Wozu?

Für die Wortneuschöpfung »Ejakulativ«, gehört beim 7:1-Sieg von Barcelona gegen Bayer Leverkusen.
Wolff Fuss: Besten Dank.

Spontan eingefallen oder vorher auf den Spickzettel geschrieben?
Wolff Fuss: Spontan eingefallen. Obwohl ich nicht vollständig ausschließen kann, dieses Wort im normalen Sprachgebrauch schon einmal verwendet zu haben.

Ihre schreibenden Kollegen hätten sich die Veröffentlichung dieses Wortes noch einmal ganz genau überlegt, Ihnen fehlt dafür die Zeit. Wie mutig müssen Live-Reporter sein?
Wolff Fuss: Keine Ahnung. Aber das macht den Job ja gerade so faszinierend. Innerhalb von einer Sekunde musst du dich entscheiden: Machen oder nicht machen. 

Und? Machen oder nicht machen?
Wolff Fuss: Machen. Ohne natürlich Gefahr zu laufen, sich komplett im Ton zu vergreifen.

Ihr schlimmster Fehler?
Wolff Fuss: Beim Spiel Schalke gegen Inter Mailand soll ich in einer Szene von »Schalke 05« gesprochen haben.

Nicht möglich!
Wolff Fuss: Ich habe das während der Übertragung gar nicht gemerkt. Am nächsten Morgen kam ein Kollege der »Bild«-Zeitung auf mich zu: »Sag mal, hast Du gestern ´Schalke 05´ gesagt?« Ich so: »Bist du bekloppt?« 

Und?
Wolff Fuss: Es wurden immer mehr Kollegen, da habe ich mir meinen Kommentar noch einmal angehört. »Schalke 05« habe ich nie gesagt. Aber »S05«. Hm. Dumme Sache, aber nicht mehr zu ändern.

Braucht der Fußball eigentlich Live-Kommentare?
Wolff Fuss: Zum Erlebnis Fußball im Fernsehen gehört der Kommentar dazu. Genauso wie die Kritik daran.

Kritik? Sie werden doch seit Jahren mit Abstand zum besten Live-Kommentator gekürt! 
Fuss: Nett von ihnen. Aber: Haben Sie sich noch nie über den Kommentar beim Fußball aufgeregt?

Naja...
WolffFuss: Das gehört doch auch dazu. Ich bin mir schon bewusst, dass ich bei jedem Spiel die Privat-Party im Wohnzimmer als ungeladener Gast sprenge. Dass sich die Menschen dann über mich aufregen, ist vollkommen legitim. Von zehn Leuten sagen vielleicht neun: »Hey, toll, dass du da bist!« Aber mindestens einer fragt sich, wer denn dieser Vollidiot ist.

Und was machen Sie?
Wolff Fuss: Authentisch bleiben. Und sich nicht wichtiger nehmen, als das Spiel, das man begleitet. Dann kann dir wenigstens deshalb keiner ans Bein pinkeln.

Gefällt Ihnen Ihr Job?
Wolff Fuss: Natürlich. Das ist der schönste Beruf der Welt.

Wie viel Spaß macht Ihnen ein 1:7 von Bayer Leverkusen gegen Barcelona?
Wolff Fuss: Es kommt auf die Voraussetzungen an. In diesem Fall war ich mir nach der Auslosung ohnehin sicher, dass Leverkusen das Achtelfinale nicht übersteht. Also bin ich zum Rückspiel gefahren, um ein bisschen Barcelona zu gucken. Ich wurde nicht enttäuscht.

Gehört Barcelona zu den Mannschaften, die Sie persönlich am liebsten kommentieren? 
Wolff Fuss: Für mich sind die einzelnen Mannschaften eher zweitrangig, die Spiele sind entscheidend.

Welches Spiel hätten Sie gerne kommentiert?
Wolff Fuss: Deutschland-Argentinien, WM-Finale 1990. Da wäre ich schon gerne dabei gewesen.

Bei Brehmes Elfmeter: Hätten Sie geschrien oder still genossen?
Wolff Fuss: Ich glaube, ich wäre aus dem Sattel gegangen, dass mir die Herberger-Büste von der Wand gefallen wäre. 

Statt WM-Finale haben Sie ganz klein angefangen: Als Kommentator für den Bezahlsender DF1. 
Wolff Fuss: Großartige Reporterschule! Mein erstes Spiel habe ich an einem schmuddeligen Dezembermorgen um drei Uhr kommentiert. Brasilianische Liga, Palmeiras gegen Vasco da Gama. 

Ein echter Knaller.
Wolff Fuss: Wenn die Deutschen in ihren Betten lagen, kamen wir aus unseren Löchern und berichteten über Spiele aus Argentinien, Brasilien und den USA. Irgendwann haben wir den Selbsttest gewagt und die Zuschauerresonanz überprüft. Resultat: Null. Ich habe für mich und meine drei Kollegen im Sender kommentiert.

Wann besserte sich Ihre Situation?
Wolff Fuss: Als ich anfangen durfte, bei Tageslicht zu kommentieren. Da wusste ich: Jetzt hast du es geschafft! (lacht) Im Ernst: Die WM 2002 war das erste richtige Highlight. Da tauchte mein Name auch mal in der Berichterstattung auf und ich konnte mir sicher sein, dass mir ein paar Menschen zuhören.

Haben Sie eigentlich immer noch Lampenfieber?
Wolff Fuss: Ja, in unregelmäßigen Abständen und unabhängig vom Spiel. Mein Vorteil, dass mit dem Anpfiff alle Aufregung verflogen ist. Dann heißt es: Anstoß und Rock´n´Roll. 

Wie gefällt Ihnen die Champions-League-Hymne?
Wolff Fuss: Die sorgt immer noch für Gänsehaut. Und ist für mich das Zeichen, den Mund zu halten. 

Gute Steilvorlage: Wie schlimm sind Reporter, die bei »You´ll never walk alone« nicht still sein können?
Wolff Fuss: Mag ich auch nicht. Als Fan und Zuschauer denke ich dann: Jetzt halt die Schnauze! Als Reporter kann ich nur um Verständnis bitten: Wenn ich zehnmal an der Anfield Road »You´ll never walk alone« höre, neunmal schweige und einmal was erzähle, dann nur, weil ich die Hymne vorher schon neunmal gehört habe. Ein Luxusproblem, ich weiß.

Wie viel Freiheit haben Sie bei Ihrer Arbeit?
Wolff Fuss: Ich bin frei wie ein Vogel.

Das heißt, wenn Sie zehn Minuten schweigen möchten...
Wolff Fuss: ...dann schweige ich. 

 

Und nichts passiert?
Wolff Fuss: Nach circa sechs Minuten würde ich wahrscheinlich in meinem Kopfhörer eine Stimme hören: »Willst du nicht mal etwas sagen?« Nach sieben Minuten würde die Technik aus München anrufen und fragen, was da los sei. 

Und dann?
Wolff Fuss: Könnte ich, wenn ich wollte, weiter schweigen. 

Was viele Zuschauer nicht wissen: Viele Kommentatoren haben einen Einflüsterer an Ihrer Seite sitzen, der Sie während des Spiels unterstützt, ohne, dass der Zuschauer davon etwas merkt. Sie auch?
Wolff Fuss: Den habe ich: Michael Morhardt, ein ehemaliger Drittligafußballer, seit circa 500 Jahren im Geschäft und einer meiner besten Freunde. Der hat seine Augen und Ohren dort, wo ich sie gerade nicht habe. Wer hat die Torvorlage gegeben? Wer hat eben die gelbe Karte bekommen? War der Elfmeter wirklich berechtigt? Er ist meine zweite Meinung.

Wie schauen Sie eigentlich privat Fußball? Als umjubelter Experte am Stammtisch?
Wolff Fuss: Gott bewahre. Am liebsten ganz alleine und vor allem: wortlos. 

Bei Champions-League-Partien sitzen Sie inmitten von Kollegen aus Spanien, Italien, England oder Südamerika. Wie interpretieren die anderen Nationen die Arbeit als Live-Kommentator?
Wolff Fuss: Bei den Spaniern, Italienern und vor allem Südamerikanern habe ich häufig den Eindruck, dass der Kommentar zu einer Art Kunstform erhoben wird. Da fallen drei oder sogar vier Journalisten gleichzeitig live übereinander her, der Zuschauer wird 90 Minuten lang dauerbeschallt. Da sind wir in Deutschland doch etwas zurückhaltender – was ich persönlich ganz angenehm finde. Außerdem sind wir distanzierter: Als die Kollegen am vergangenen Mittwoch Lionel Messi feierten, konnte man glauben, der Leibhaftige sei gelandet.

Kennen Sie eigentlich die Youtube-Videos, in denen Ihre angeblich besten Sprüche gewürdigt werden?
Wolff Fuss: Kennen ja. Unglaublich, wie viel Mühe sich da viele machen. Aber trotzdem muss ich sie mir nicht jeden Tag anschauen.

Die »Werner-Hansch-Maschine« sagt Ihnen was?
Wolff Fuss: (lacht) Oh ja!

Gibt es schon eine »Wolff-Fuss-Maschine«? 
Wolff Fuss: Nicht, dass ich wüsste. Aber wenn Sie so etwas im Netz entdecken, wäre es schön, wenn Sie mich darüber informieren würden!

Heute kommentieren Sie für Sat.1 das Champions-League-Achtelfinale zwischen Real Madrid und ZSKA Moskau. Macht das Spaß, dauernd quer durch Europa zu reisen?
Wolff Fuss: Mir schon.

Gibt es denn einen »Fußballtempel«, den Sie bislang noch nicht aus beruflichen Gründen besucht haben?
Wolff Fuss: Die Stamford Bridge (Stadion vom FC Chelsea, d. Red.). Da war ich privat schon einmal, aber nicht als Reporter. Das ist schon ein Running Gag in unserer Redaktion: Dass wir seit Jahren zielstrebig an der Stamford Bridge vorbei fahren. 

Ihre Top 3 der schlimmsten Kommentatoren-Floskeln?
Wolff Fuss: Erstens: Die langen Kerls sind jetzt vorne mit drinnen. Zweitens: Es gibt Chancen hüben wie drüben. Drittens: Sie müssen den Bock jetzt mal umstoßen. Wahlweise geht auch: Sie müssen jetzt endlich den Schalter umlegen. Grausam. 

Man fragt sich: Welcher Bock und welcher Schalter?
Wolff Fuss: Genau! Ich habe mich mal schlau gemacht, was eigentlich das Wort »Vorentscheidung« bedeutet. Wissen Sie es?

Nein.
Wolff Fuss: Die Vorentscheidung ist das Eheversprechen – die Verlobung. Denken Sie dran, wenn Sie das nächste Mal Fußball gucken.

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