Best of 2012: Kevin-Prince Boateng im großen 11FREUNDE-Interview (#2)

»Ich bin der beste Fußballer der Welt!«

Unser Coverboy in diesem Monat heißt Kevin-Prince Boateng. Für seine Reportage über den Milan-Star traf Tim Jürgens Boateng zum Interview.

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Kevin-Prince Boateng, der Journalist Michael Horeni hat gerade ein Buch über »Die Brüder Boateng« veröffentlicht. Im Gegensatz zu ihren Halbbrüdern Jerome und George haben Sie ihm nicht als Gesprächspartner zur Verfügung gestanden.
Weil ich mit dem Buch nicht einverstanden war, es war nicht mit mir abgeklärt. Außerdem will ich mein eigenes Buch schreiben. Denn in vielen Dingen wurde ich – gerade in Deutschland – falsch verstanden und dargestellt. 


Wie schwer hat Sie die mediale Wahrnehmung des Ballack-Fouls getroffen?
Was soll ich dazu sagen? Sowas passiert auf dem Fußballplatz jeden Tag, aber dass bei mir mehr daraus gemacht wird, war doch klar: der »Bad Boy«, Ballack, die bevorstehende WM. Aber dass es nachher sogar in den rassistischen Bereich ging und meine Familie angegriffen wurde, hat mich schon getroffen.


Wie stecken Sie diese Anfeindungen weg?
Ich denke, es macht im Fußball eben auch den Unterschied aus, wie ein Spieler mit solchem Druck zurecht kommt. Es gibt keinen aktiven Fußballer in Deutschland, der in den letzten Jahren soviel negative Schlagzeilen bekommen hat. Aber wie Sie sehen, ruhe ich in mir und bin zufrieden.


Sie haben gesagt, Sie hätten den Eindruck, in Deutschland würde man Sie für einen »Verrückten« halten. Wie sehr nagt das an Ihnen?
Natürlich bedrückt es mich, wenn mich Leute für einen Bescheuerten halten. Aber auch hier habe ich gelernt, die Dinge nicht zu sehr an mich heran zu lassen. Früher habe ich mir über mein Image den Kopf zerbrochen. In Italien mögen mich die Menschen für das, was ich bin: Ein erfolgreicher Fußballer, der hart arbeitet und sich nichts zu Schulden kommen lässt. In Deutschland wird nicht viel über mich als Milan-Spieler geschrieben. Statt dessen aber erscheint ein Bild von mir in Badehose mit meiner Freundin, und alle Zeitungen drucken es ab. 


Dabei stehen italienische Medien nicht gerade in dem Ruf, besonders zimperlich mit Fußballstars umzugehen.
Die sind radikal, dagegen ist die deutsche Presse ein Kindergarten. Wenn es nicht läuft, hauen die ohne Kompromisse dazwischen. Die schreiben sogar Dinge, die schlicht und einfach gelogen sind.


Zum Beispiel?
Wenn ich abends in ein Restaurant zum Essen gehe, kann es schon vorkommen, dass morgens in der Zeitung steht, ich sei bis zum Morgengrauen feiern gewesen. Aber wenn es läuft, dann heben die Medien einen hier auch in den Himmel. 


Negative Schlagzeilen kennen wir viele von Ihnen. Gibt es auch eine, die Ihnen besonders gut gefallen hat?
Die stand in einer deutschen Zeitung.


Und zwar?
»Boateng, der Sexgott«.


Weil Ihre Freundin Melissa Satta einer italienischen Zeitung sagte, Sie hätten zwischen vier- und sieben Mal Sex in der Woche.
Im Ernst: So toll fand ich das nicht. Sie hat da leider etwas amateurhaft geantwortet. Sie ist den Journalisten auf den Leim gegangen. Was Sie gesagt hat, bezog sich eigentlich gar nicht auf unsere Beziehung, aber den italienischen Medien war das egal, die haben es gleich in diesen Zusammenhang gesetzt – und in Deutschland haben es die Boulvardzeitung gern übernommen. 


Und Sie waren sauer.
Nein, ich habe ihr aber gesagt, welche Tragweite solche Aussagen haben. Dass solche Sätze global verbreitet werden und sie genau aufpassen muss, was sie sagt. Ein kurzes mediales Erdbeben, dann war es vom Tisch.


Aber ein bisschen Spaß macht Ihnen das Popstarleben schon?
Was die Paparazzi machen, dafür kann ich ja nichts. Aber natürlich gehe ich ab und an unter Leute, ich tanze gerne und singe auch mal. 


Spielen Sie ein Instrument?
Leider nicht. Ich habe mal ein bisschen Klavier gespielt, jetzt überlege ich, Gitarre zu lernen. Meine Freundin macht mit. Es wird unser Hobby. Man sagt doch immer, Paare müssen etwas zusammen machen, das stärkt den Zusammenhalt. (lacht)


Stimmt es, dass Sie für 15.000 Euro die Sneakers ersteigert haben, die Michael J. Fox in dem Film »Zurück in die Zukunft« gestragen hat?
Ja, es ist eine meine frühesten Kindheitserinnerungen, dieser Film, in dem er in der Zeit zurückreist. 
Unter anderem tut er das, um sicher zu stellen, dass seine Eltern sich ineinander verlieben.



Gäbe es für Sie einen Grund, in die Vergangenheit zu reisen?
Ganz ehrlich: Ich bin glücklich, so wie es ist. Alles, was falsch gelaufen ist oder, was ich verloren habe, hat mich an diesen Punkt gebracht. Ich muss nicht im Nachhinein noch einmal Details korrigieren. 


Was wollten Sie werden, als Sie sechs Jahre alt waren?
Fußballer.


Wie haben Sie sich damals das Leben als Fußballer vorgestellt?
Keine Ahnung, ich war zu jung. Ich wollte einfach nur spielen. Auch mit 16 habe ich es mir noch nicht so vorstellen können, wie es jetzt ist.
Sie sind ohne Luxus groß geworden, im Moment können Sie sich materiell fast alles leisten.

Auf was könnten Sie ohne Probleme sofort wieder verzichten?
Auf gar nichts will ich verzichten! Weil ich mir all das, was ich jetzt habe, erarbeitet habe und es auch mein gegenwärtiges Glück mitbestimmt. Warum sollte ich darauf verzichten?


Gibt es denn Dinge, auf die Sie im Zweifelsfall verzichten könnten?
Wenn es sein müsste, bestimmt. Aber worauf? Keine Ahnung, das müsste ich dann entscheiden, ich kann mich immer umstellen. Wie gesagt, ich bin Berliner.


Wie gut ist aktuell Ihr Kontakt zu Ihrem Bruder Jerome?
Wir telefonieren fast täglich.


Vor der EURO 2012 war ausnahmsweise er es, der durch das Zusammentreffen mit Starlet Gina-Lisa Lohfink in die Schlagzeilen geriet.
Ich musste ein bisschen schmunzeln, als ich davon hörte. Aber er hat es mir erklärt, es war wohl alles von ihr geplant. 


Was haben Sie ihm in der Situation geraten?
Dass er Gas geben soll. Und das hat er getan – er hat im ersten Spiel Cristiano Ronaldo gestoppt.


Wem haben Sie im Halbfinale die Daumen gedrückt: Italien oder Deutschland?
Ich war für meinen Bruder, ich wünschte, dass er ein gutes Spiel macht. Der Rest war mir egal.


War Ihr Bruder in der Jugend eigentlich besser als Sie?
Der Große, George, möglicherweise. Er war Stürmer, da hat man als Spieler andere Aufgaben als auf meiner Position. Deswegen kann man auch nicht sagen, ob mein jüngerer Bruder besser ist, denn er hat als Verteidiger auch ganz andere Dinge zu erfüllen. 


George stoppte eine Gefängnisstrafe auf seinem Weg zum Profi. Glauben Sie, seine Fehler waren für Sie ein mahnendes Beispiel?
Ich glaube, jeder Mensch muss seine eigenen Fehler machen. Wie groß diese Fehler sind, hängt von jedem selbst ab. Ich glaube nicht, dass ich bewusst Dinge nicht gemacht habe, weil sie vorher schlecht für meinen Bruder waren. Jeder muss selbst gegen die Wand laufen.




Wie ausgeprägt ist aktuell Ihr Kontakt nach Berlin?
Der Draht ist nicht mehr so eng wie früher. Ich habe in Mailand ein neues Leben angefangen. Ich habe noch zwei sehr gute Freunde, mit denen ich regelmäßig telefoniere, zu meiner Mutter natürlich, meinem großen Bruder und meiner Schwester. Aber in Berlin ist lange Zeit nicht alles so glatt für mich gelaufen, insofern vermisse ich die Stadt nicht so stark. 


Fahren Sie ab und zu hin?
Das Verlangen ist nicht mehr so ausgeprägt. Warum auch? Ich habe zwanzig Jahre in Berlin gelebt, ich kenne dort alles. Meine Zeit ist aufgrund der vielen Termine ohnehin sehr begrenzt, da nutze ich sie lieber, um andere interessante Städte zu sehen. 


Wie gut ist Ihr Kontakt zur alten Berliner Clique, zu Patrick Ebert, Ashkan Dejagah, Sejad Salihovic, Chinedu Ede?
Wir haben lose Kontakt, manchmal sehen wir uns zwei Jahre nicht, aber wenn, ist es immer sehr lustig. Mit Dejagah und Salihovic war ich früher jeden Tag zusammen, diese Verbindungen bleiben, wir haben eine ähnliche Art zu denken.


Sind Sie jemand, der Freundschaften pflegt?
Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand wirklich Interesse an mir hat, bekommt er das auch zurück. Aber wie Sie sich vorstellen können, ist dieses Vertrauen auch oft ausgenutzt worden – und wenn ich das merke, kann ich Verbindungen auch radikal abbrechen.


Warum schafft es ein Ausnahmetalent wie Patrick Ebert nicht mehr, sich bei Hertha BSC durchzusetzen? Vielleicht fehlt ihm der letzte Wille, wie ein Profi zu leben und sich weiterzuentwickeln?
Man ist kein Profi, wenn es einem reicht, ein schickes Auto zu fahren und von zehn Spielen zwei gute zu machen. Früher war ich da auch nachlässiger, aber heute weiß ich: Ein Profi ist nur, wer von zehn Spielen neun sehr gute und eins macht, das okay ist. 


Auf »Twitter« haben Sie vor kurzem Nelson Mandela zum Geburtstag gratuliert. Täuscht der Eindruck oder interessieren Sie sich neuerdings stärker für die afrikanische Kultur?
Ich gebe zu, dass ich vor der Entscheidung, für Ghana zu spielen, nur sehr wenig Interesse für den Kontinent aufgebracht habe. Mein Vater hat mir seine Herkunft leider nur wenig nahegebracht, deshalb musste ich es mir selbst erarbeiten. 


Was fasziniert Sie an Mandela?
Ich hatte das Glück, Mandela kennenzulernen. Mich hat die Ruhe und Gelassenheit fasziniert, mit der er auf sein hartes Schicksal blickt. Ich wüsste nicht, wieviel Wut in mir stecken würde, wenn ich solange wie er im Gefängnis gewesen wäre. Aber als ich den Raum betrat und er – dieser kleine Mann mit den weißen Haaren – dort saß, ging von ihm eine enorme, friedvolle Ausstrahlung aus. 


Nun haben Sie entschieden, nach nur neun Länderspielen für Ghana Ihre Nationalmannschaftskarriere zu beenden.
Ich musste eine Entscheidung für meine Karriere treffen. Es ist enormer Stress, jeden Tag beim AC Mailand Höchstleistungen zu bringen. Sie haben es gesagt: Ich stehe hier in Italien unter extremer Beobachtung. Die viele Reiserei mit Ghana war auch nicht gut für meine Fitness. Ich arbeite jeden Tag mit meinem Personaltrainer, habe jeden Tag mein Programm im Milan Lab. Das ließ sich einfach auf Dauer nicht vereinbaren. 


Ist da das letzte Wort schon gesprochen?
Das ist Stand August 2012. Was in der Zukunft ist, kann ich nicht sagen. 


Wie war das Feedback aus Ghana?
Halb, halb. Viele haben verstanden, dass der Stress für mich enorm war. Aber es ist doch auch nachvollziehbar, dass einige nicht glücklich darüber waren.


Kevin Prince Boateng, wir müssen langsam zum Schluss kommen…
Wir haben doch alles besprochen. Sie können es ruhig schreiben: Ja, ich bin der beste Fußballer der Welt. (lacht)

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