23.08.2012

Best of 2012: Kevin-Prince Boateng im großen 11FREUNDE-Interview (#1)

»Ich wollte eigentlich immer für Deutschland spielen«

Kein Fußballer hat in den vergangenen Jahren so das deutsche Publikum elektrisiert wie Kevin-Prince Boateng. Vom Jahrhunderttalent zum Bad Boy zum Star beim AC Mailand. Für unsere große KPB-Story traf sich Tim Jürgens mit dem Berliner in Mailand und portraitierte eine bewegte Karriere. Lest hier exklusiv Teil 1 des großen Kevin-Prince-Boateng-Interviews!

Interview: Tim Jürgens Bild: Florian Kalotay



Stimmt die Story, dass Sie in einer Woche drei Luxuskarossen bestellt haben?
Ist doch egal, wie viele. Ich habe Autos gekauft und einen Moment lang war ich glücklich. Kurzzeitig war mir egal, dass ich auf der Tribüne saß, nicht bei den Profis auflaufe und mittwochs bei den Amateuren vor drei Leuten spielte. Doch nach vier Wochen war das mit den Autos langweilig und die Probleme des Alltags kamen zurück – mit voller Wucht. Ich lernte, dass ich vor dem Leben nicht weglaufen kann. Und dass es notwendig ist, sich den Problemen zu stellen. Ich habe fast eineinhalb Jahre gebraucht, um zu erkennen, was falsch läuft.


Wie lautet die Erkenntnis?
Dass jeder Mensch seinen Alltag, seinen Job selbst regeln muss.


Wie würden Sie heute mit so einer Zurücksetzung wie bei Tottenham umgehen?
Weiterarbeiten. Heute wüsste ich: Meine Chance wird kommen, ich habe die Fähigkeiten. Der liebe Gott hat mich mit Talent ausgestattet, das mir diese Möglichkeit gibt.


In Deutschland eilt Ihnen das Image des »Bad Boys« voraus. Das Foul an Michael Ballack, der Prozeß wegen der abgetretenen Autospiegel, der Karatetritt gegen Makoto Hasebe. Ein Trainer, der überhaupt keine Berührungsängste mit Ihrem Image hatte, war Jürgen Klopp, der Sie 2009 zum BVB holte.
Klopp ist einer, der sich sehr viel mit Menschen auseinandersetzt und in der Lage ist, Fehler zu verstehen und zu verzeihen. Ich habe in Dortmund in 14 Spielen sieben Mal auf der Bank gesessen und mich nicht einmal beklagt. Denn er hat es geschafft, jedem das Gefühl zu geben, dazu zu gehören. 


Bei Borussia Dortmund wollten Sie unbedingt bleiben.
Dort herrschte 2009 extreme Aufbruchsstimmung. Jeder konnte erkennen, dass sich dort etwas entwickelt. Deswegen wollte ich auch unbedingt dort bleiben. Aber letztlich scheiterte es am Geld. Ein Tor fehlte zur Qualifikation zur Europa League – und so konnten sie mich nicht verpflichten. 


Statt dessen avancierten Sie beim FC Portsmouth zum Führungsspieler. Trainer Paul Hart beorderte Sie ins zentrale, offensive Mittelfeld. Hat er Ihre positive Entwicklung in Gang gesetzt?
Ein Trainer kann einen Spieler nicht ändern, aber es gibt Leute wie Hart, die etwas in mir gesehen haben, was andere nicht gesehen haben und mir Vertrauen schenkten, auch Jürgen Klopp oder Avram Grant. Paul Hart ist ein Fußballer, der hat einfach gesagt: »Spiel, Junge, mach was du willst! Nur bitte keine Rote Karte.«


Muss man bei Ihnen immer dazu sagen, dass Sie keine Rote Karte herausfordern?
Natürlich nicht, ich habe in meiner Karriere vielleicht drei Platzverweise bekommen.


Drei?
Das Foul an Hasebe in Dortmund, zwei in Mailand und einen mit Hertha in der Europa League... Okay, vier!


Aber Sie gehören zweifellos zu den Spielertypen, die Freiheiten brauchen, um sich zu entfalten.
Schauen Sie Ronaldinho an. Ein Trainer kann doch froh sein, so einen Spieler im Team zu haben. Was will man dem noch beibringen? Der hat die absolute Perfektion, er braucht nur die Freiheit, sie auch ausspielen zu können. 


Haben Sie diese Perfektion auch?
Sicher nicht. In Mailand stand er nach dem Training vor mir und ich bettelte: Mach‘ Tricks für mich. Er hat 15, 20 Minuten lang immer wieder neue Tricks gemacht – und nicht einen einzigen wiederholt. Er nimmt den Ball an der Mittellinie hoch und knallt ihn an die Latte des Tores, so dass er wieder zu ihm zurückspringt. Das Gleiche nochmal. Vor dem dritten Mal sagt er: »Wenn es wieder klappt, musst du mir einen ausgeben.« Ich habe nur genickt und – zack – knallt er das Ding wieder an die Latte. Eine unglaubliche Gabe.


Kann man so eine Perfektion trainieren?
Nicht alles, aber manches. Zum Beispiel habe ich wesentlich an meiner Torgefährlichkeit gearbeitet. Von zehn Schüssen treffe ich jetzt acht Mal das Tor. Früher war die Quote schwächer.


Woran liegt es, dass die Halbwertzeit von Ausnahmespielern wie Ronaldinho oft nur kurz kurz ist?
Ich verstehe ihn zu einhundert Prozent. Er hat drei Jahre auf dem höchsten Niveau gespielt – und alles gewonnen. Was hat ein Mensch da noch für Ziele?


Aber das Leben geht doch weiter. Wünschen Sie sich nicht, in fünf oder sogar zehn Jahren noch auf diesem Niveau zu spielen?
Natürlich, aber Brasilianer stammen aus einem anderen Kulturkreis, bei denen gehört es einfach dazu, am Abend auch mal loszuziehen. Ein cleverer Trainer rät einem Ronaldinho sogar, einmal die Woche feiern zu gehen. Denn er weiß, dass Ronaldinho diese Freiheit auf dem Platz zehnmal zurück bezahlt. Natürlich sollte es nicht so sein, dass er sturztrunken in die Kabine torkelt, aber ein Ronaldinho, der sich wohlfühlt, schießt ein Team fast im Alleingang zum Gewinn der Champions League. Und dazu kommt das Finanzielle, denn auch da hat ein Spieler seiner Kategorie alles erreicht.


Hat ein Fußballer, der nur drei, vier Jahre Top-Niveau gespielt hat, wirklich für alle Zeiten ausgesorgt?
Ronaldinho hat unglaublich viel Geld verdient. Er lebt in einer Festung. Da muss jeder verstehen, dass er mit 27 Jahren sagt: Ich gehe es jetzt mal ein bisschen lockerer an.


Sie hingegen haben in letzter Zeit stark an Ihrem Körper und ihrer Fitness gearbeitet.
In Mailand habe ich am Anfang zwölf Kilo abgenommen, zwei habe ich inzwischen wieder an Muskeln zugelegt. 


Wieso waren Sie so viel schwerer?
In England was es anders. Andere Ernährung, fettreicheres Essen. Und ich habe dort auch nicht immer wie ein Profi gelebt, dann nimmt man zwangsläufig zu. Dort lag ich zeitweise über 90 Kilo.


Jürgen Klopp hat gesagt, das Faszinierende an Ihnen sei, dass Sie für eine Situation im Spiel hundert Lösungsideen hätten. Ist diese Handlungsschnelligkeit auf dem Feld im zivilen Leben manchmal von Nachteil, weil Sie eine Entscheidung nicht lang genug abwägen?
Es ist ein schnelles Leben und ein schneller Beruf. Fußball ist ein Tagesjob – es geht schnell rauf und schnell wieder runter. 


Dennoch, welchen fußballerischen Moment empfinden Sie rückblickend als Schicksalsschlag?
Schwer zu sagen. Natürlich war die Verbannung aus der U21 ein sehr bitterer Augenblick. Ich sah mich in der Mannschaft und wollte unbedingt mit zur U21-EM. Aber diese Tür schlug vor meiner Nase zu – und mir blieb nichts anderes übrig, als durch eine andere, die sich öffnete, hindurch zu gehen. 


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