23.08.2012

Best of 2012: Kevin-Prince Boateng im großen 11FREUNDE-Interview (#1)

»Ich wollte eigentlich immer für Deutschland spielen«

Kein Fußballer hat in den vergangenen Jahren so das deutsche Publikum elektrisiert wie Kevin-Prince Boateng. Vom Jahrhunderttalent zum Bad Boy zum Star beim AC Mailand. Für unsere große KPB-Story traf sich Tim Jürgens mit dem Berliner in Mailand und portraitierte eine bewegte Karriere. Lest hier exklusiv Teil 1 des großen Kevin-Prince-Boateng-Interviews!

Interview: Tim Jürgens Bild: Florian Kalotay

Kevin Prince Boateng, Sie gehen in Ihre dritte Saison beim AC Mailand. Fühlen Sie sich schon heimisch?
Mein großer Bruder sagt immer: »Leute aus Berlin sind wie Chamäleons, die passen sich an jede Umgebung an!«. Aber die Italiener haben es mir leicht gemacht, dass ich inzwischen Mailand meine, wenn ich sage, dass ich »nach Hause« fahre. 


Wie hat Mailand Ihnen die Ankunft erleichtert?
Es ist eine großartige Stadt und fußballerisch hat es von Anfang an geklappt. Die Menschen lieben mich, sie haben mich mit offenen Armen empfangen.


Die Bilder von Ihrem bejubelten »Moonwalk«-Auftritt im Mailänder Stadion bei der Meisterfeier 2011 gingen um die Welt.
Die Teamkollegen nennen mich »Popstar«, weil es immer wieder mal vorkommt, dass die Leute kreischen, wenn sie mich auf der Straße sehen. Aber ich lasse die Leute auch an mich heran, bin auch mal am Dom unterwegs. Ich glaube, die Leute spüren, dass ich nicht abgehoben bin.


Die Hysterie um Sie in Italien ist enorm. Sie sollen inzwischen sogar zwei Bodyguards haben.
Ich habe keinen Bodyguard, sondern nur einen Fahrer, der Erfahrung mit Menschen hat und ein bisschen auf mich aufpasst. Die Menschen in Italien sind fußballverrückt, das ist schon anders als in Deutschland. Es ist nicht ganz einfach, Shoppen zu gehen, es sind immer Leute hinter mir her. Aber ich weiß das sehr zu schätzen, denn ich kenne ja auch die Schattenseiten. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich manchen Menschen mit einem Foto den Tag verschönern kann. 


Lange Zeit war Ihre Karriere ein stetiges Auf- und Ab. Wie müssen wir uns das vorstellen, als Sie 2010 im Sommer zu einer Mannschaft kamen, die mit Superstars gespickt war: Andrea Pirlo, Ronaldinho, Gennaro Gattuso, Zlatan Ibrahimovic. Sie marschieren in die Kabine und lassen sich nichts anmerken?
Meine Stärke war schon immer, dass ich keine Angst habe. Natürlich hatte ich Respekt vor diesen großen Namen, aber mir war klar, dass ich eine Chance habe, mich durchzusetzen. Wie, das wusste ich zwar nicht, aber irgendwie würde es schon klappen.


Eine schlaflose Nacht vorher gehabt?
Nein, ich bin kein Grübler. Es war ein geiles Gefühl, die Trainingsklamotten vom AC Mailand überzuziehen. Und dann tastet man sich halt an jeden einzelnen Charakter heran und schaut, wie man das händelt.


Mussten Sie sich beim AC Milan anders herantasten als in Berlin oder Portsmouth?
Wie gesagt: Berliner sind Chamäleons, die können sich überall anpassen. In jeder Gesellschaft, in jedem Verein, auf jeder Straße. Fußballer sind letztlich überall ähnlich.


Wie hat sich ein Routinier wie Andrea Pirlo Ihnen gegenüber verhalten?
Pirlo ist ein total relaxter Typ, der nimmt jeden Neuling in gleicher Weise auf, auch wenn es ein 23-Jähriger wie ich ist. Aber es gibt natürlich auch andere.


Zum Beispiel?
Gattuso gibt seinen Platz nicht so leicht her. Aber nochmal: Es war ein erhebendes Gefühl mit Spielern wie Ronaldinho oder Zlatan Ibrahimovic trainieren zu können und mit ihnen in einer Kabine zu sitzen. Und mich am Ende auch gegen sie durchzusetzen und festzustellen, dass ein Ronaldinho draußen bleiben muss, weil ich plötzlich spiele. 
Aber ein Konkurrenzkampf auf diesem Niveau läuft doch nicht freundschaftlich ab. Da geht es zur Sache. Natürlich kommt auch Feuer rein. Aber wie Spieler miteinander umgehen, hängt von den Charakteren ab. Ein Gattuso geht im Training dann auch mal drauf, ein Ronaldinho nimmt es eher hin.


Merken Sie im globalsierten Milan-Team, dass Sie deutsche Eigenschaften in sich tragen?
Die Kollegen weisen mich oft genug darauf hin. Ich will offenbar immer mit dem Kopf durch die Wand. So sind wohl die Deutschen, sie haben ein Ziel und gehen es auf direktem Weg an. Wenn die anderen mich reden hören, antworten sie auf zackig »Jarrr« und »Neinnn«. Pirlo sagte immer, wenn er mich sah: »Ausfahrrrt lllinks.« Und ich bin chronisch pünktlich. Wenn ein Teamkollege zu einem Treffen zu spät kommt, wird immer gewitzelt: Na, Boa, wieder zu früh da gewesen? 


Würde man gar nicht annehmen, dass Sie so überdiszipliniert sind.
Ich war schon in der Jugend immer der Leader. Nicht weil ich gesagt habe, ich sei der Anführer, es war einfach so. Die Spieler schauen auf mich. Ich weiß nicht, ob es in der Vergangenheit immer besonders schlau war, mich nach vorne zu stellen. Aber die Augen ruhen auf mir. Es gab schon immer auch andere, die Mist gebaut haben, nur bei mir kam es eben raus.


Der schmale Grat zwischen Klassensprecher und Klassenclown.
In der Schule war ich eigentlich sehr gut, doch dort ist es mir nicht so zugefallen wie auf dem Platz. Den Ball kann ich mit geschlossenen Augen jonglieren, aber einen Test ohne Lernen zu schreiben, wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Leider.


Haben Sie Abitur?
Nein, ich bin vorzeitig abgegangen, weil ich im Amateurbereich schon vormittags trainieren musste. Aber was habe ich eigentlich? Naja, einen erweiterten Hauptschulabschluss, aber bitte nicht schreiben.


Was denn dann?
Schreiben Sie, ich hätte Abitur, ich soll doch ein Vorbild sein. (lacht)


Als Sie 2007 von Hertha BSC zu Tottenham Hotspur wechselten, verbrachten Sie anfangs viel Zeit auf der Ersatzbank. Sie sagten im Nachhinein, Sie seien zu früh aus Berlin geflüchtet.
Es war ein Fehler, es so auszudrücken, denn im Prinzip bin ich nicht geflüchtet, sondern wurde einfach verkauft. Mit mir wurde Geld gemacht und man hat mich gedrängt, diesen Schritt zu gehen. Damals war ich zu unerfahren, um die Auswirkungen abzusehen, also habe ich zugestimmt. Doch letztlich hat mich dieser Fehler hierher gebracht und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.


Tottenhams Trainer Martin Jol hat Ihnen gleich am Anfang gesagt, dass er nicht mit Ihnen plant.
Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Damals habe ich das Geschäft überhaupt noch nicht verstanden, auch nicht, was er versuchte, bei mir auszulösen. Also habe ich die falschen Schlüsse gezogen.


Nämlich?
Ich bin in die Defensive gegangen und habe alles gemacht, was ich nicht machen sollte. Alles, was dem Trainer nicht gefällt. Dumme Trotzreaktionen. Ich war viel unterwegs und habe nicht gelebt wie ein Profi.


Weil Sie das erste Mal in ihrem Leben nicht der Leader waren.
Ich war schlicht und einfach unglücklich. Ich habe versucht, das Glück woanders als im Fußball zu finden. Die Geschichten kennen Sie: Ich habe Autos gekauft.

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