Best of 2010: Valerien Ismael über Defensivkunst

»Ich liebe Zweikämpfe!«

Valerien Ismael war einer der letzten Verteidiger der alten Schule – jetzt wechselt der Franzose verletzungsbedingt vom Rasen an den Schreibtisch. Wir sprachen mit ihm über verpasste Chancen, die Liebe zum Zweikampf und neue Ziele. Best of 2010: Valerien Ismael über Defensivkunst

Valérien Ismael, wie haben Sie sich vor 20 Jahren den Verlauf Ihrer Karriere vorgestellt?

Ich wollte einfach Profi werden und nichts anderes. Und zwar Profi für Straßburg, meine Stadt, meinen Verein. Damals ging es mir nicht ums Geld, sondern darum, meine Stadt zu vertreten, das war das Größte für mich. Erst später habe ich neue Herausforderungen gesucht.

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Ihr Vorbild ist die italienische Abwehrlegende Franco Baresi. Wo würden Sie sich historisch einordnen?

Um eine Legende zu sein, habe ich viel zu wenig auf internationaler Ebene erreicht.

Sie meinen die verpasste Weltmeisterschaft 2006?

Dieser Stachel sitzt noch tief. Dass ich niemals bei einer WM spielen durfte, ist die einzige große Enttäuschung in meiner Laufbahn.

Woran ist es damals gescheitert?

In Frankreich fand nach den großen Erfolgen 1998 und 2000 ein Generationswechsel statt – nur nicht in der Innenverteidigung. Da war jahrelang kein Platz neben Lilian Thuram und Marcel Desailly. Als dann die Vorgabe lautete, junge Spieler in der Nationalelf spielen zu lassen, war ich angeblich schon zu alt. Dabei hätte ich eine Chance verdient gehabt.

Hatten Sie das Gefühl, in Frankreich nicht akzeptiert zu sein?

Möglicherweise. Ich habe mich in Frankreich eigentlich immer fremd gefühlt. Ich war unglaublich ehrgeizig, diszipliniert und 20 Minuten vor Trainingsbeginn auf dem Platz. Vielleicht war ich zu deutsch für Frankreich (lacht). Und als ich nach Deutschland kam, wusste ich: Hier bin in richtig.

Warum hat es dann nicht geklappt, dass Sie 2006 für Deutschland bei der WM mit am Start waren?

Ganz einfach: Ich hatte schon ein offizielles U-21-Match für Frankreichs absolviert und durfte nach den damaligen FIFA-Regeln anschließend nicht mehr für ein anderes Land auflaufen.

Hätte Jürgen Klinsmann Sie denn gewollt?

Ja. Er wollte, ich wollte, aber es hat nicht geklappt. Bei der WM saß ich bei einigen Spielen im Stadion, und durfte diese grandiose Stimmung erleben. Dieses Turnier war mein Ziel, aber ich hatte es verpasst. Ich war unendlich traurig.

Sprechen wir über das Dasein als Innenverteidiger. Frankreich steht im Fußball für sensible Kunst, Deutschland war Jahrzehnte lang das Land der Innenverteidiger. Ist verteidigen an sich eine Kunst?

Gute Frage. Es ist eine Kunst, die aber in der Gegenwart – auch in Deutschland! – verloren geht.

Wie meinen Sie das?

Was sind denn die Aufgaben eines Verteidigers? Er muss sich Respekt verschaffen und zwar so, dass der Stürmer schon beim Warmlaufen spürt: Heute wird es verdammt unangenehm.

Wie schafft man das als Verteidiger? Indem man gleich nach ein paar Sekunden die Grätsche auspackt?

Wichtig ist, dass man in jeder Sekunde deine Präsenz spürt. Du musst den Zweikampf lieben! In der Bundesliga verkörpern das aktuell vielleicht noch Josip Simunic und Marcelo Bordon diesen klassischen Typus des Innenverteidigers. Solche Typen haben schon vor dem Anpfiff 50% des Zweikampfs gewonnen, weil die Gegenspieler Angst vor ihnen haben. Schauen Sie sich einen Bordon oder einen John Terry an: Da sieht man jede Muskelfaser, wenn die in den Mann gehen, siehst du ihnen sofort an, dass sie jeden Zweikampf unbedingt gewinnen wollen!

Ist dieses rustikale Verhalten nicht auch Schauspielerei?

Nein, ich war auch so. Ich habe von meine Zweikämpfen gelebt. Für mich gab es nichts Größeres, als mich mit den Größten zu messen. Wenn ich gegen Jan Koller spielen musste, wusste ich gleich: Oha, heute geht es richtig zur Sache. Das war fantastisch.

Und mittlerweile ist das anders?

Die gegenwärtige Generation scheint diese Art von Zweikampf nicht mehr zu lieben. Früher haben solche Typen wie Jürgen Kohler, Guido Buchwald oder Christian Wörns die Merkmale deutscher Verteidigerkultur repräsentiert – und waren deshalb auch so begehrt. Natürlich waren die Schiedsrichter früher auch etwas flexibler in ihrer Regelauslegung.

Per Mertesacker gilt als Prototyp des modernen Verteidigers: wenig Grätschen, wenig Fouls, schnelle Spieleröffnung. Das hört sich doch ganz vernünftig an.

Aber wenn ich Stürmer wäre, hätte ich vor Mertesacker keine Angst, auch wenn er ein toller Fußballer ist. Meiner Meinung nach müssen Verteidiger zurück zur Basis. Defensivspieler, speziell Innenverteidiger, müssen auf ihrer Position absolute Experten sein. Sie müssen Gegentore verhindern und Stürmer ausschalten. Erst danach kommt alles andere.

Woran machen Sie diese Entwicklung fest?

Es ist ein gesellschaftliches Problem. Ich sehe das an meinem Sohn. Wenn wir zusammen kicken, will er immer zaubern, den Ball in den Winkel zirkeln, mich tunneln... Ich sage dann immer: »Was machst Du für einen Zirkus?« Die Jungs heute wollen schönen Zauberfußball spielen, der aber keine Effektivität besitzt. Die Grundpfeiler meiner Ausbildung waren Zweikampf und Taktik. Erst als ich das einigermaßen verinnerlicht hatte, kamen Technik und Antizipation dazu.

Sie sprachen über die Bedeutung, sich mit den Größten zu messen. Gibt es da ein prominentes Beispiel aus Ihrer Karriere?

Ich habe mal zwei Spiele gegen Ronaldo gespielt, als er noch bei Inter Mailand unter Vertrag stand. Schon in der Nacht vor dem ersten Spiel habe ich davon geträumt, wie ich ihm den Ball abgrätsche. Das war mein Antrieb. Ich wollte jeden Zweikampf gegen Ronaldo gewinnen. Ich wollte, dass dieser Mann, wenn er den Platz verlässt, weiß, wer Ismael ist. Das habe ich geschafft.

Wie?

Im Hinspiel hat er mich nass gemacht. Ich kam mit seinem Bewegungsablauf nicht zurecht und habe mich furchtbar geärgert, weil ich ihn nicht zu fassen bekam. Also habe ich im Training anschließend immer und immer wieder gegen diese Tricks und Finten zu verteidigen versucht. Im Rückspiel hatte ich ihn im Griff, er hat keinen Stich gemacht. Später traf ich ihn nach seiner schweren Knieverletzung in einer Reha in Südfrankreich. Ich war da, um meine Meniskusverletzung auszukurieren. Ich sitze also auf dem Ergometer, als Ronaldo vorbeikommt. Er sieht mich und ruft: »Ah, Ismael! An dich kann ich mich erinnern!« Das war für mich das Allergrößte. Da wusste ich: Du hast es geschafft.

Wenn Sie Ronaldos Namensvetter Cristiano Ronaldo sehen – Hand aufs Herz: Was denken Sie?

Ich persönlich mag ihn nicht, Ribery beispielsweise gefällt mir besser. Ribery spielt mit Herz, und man kann schon an seinem Gesicht erkennen, dass sein Leben eine Geschichte zu erzählen hat. Er kommt von der Straße, hat mit seinem Vater auf dem Bau gearbeitet. So wie er lebt, so spielt er Fußball. Was Ronaldo macht ist Zirkus. Fußball scheint ihn anzuöden, zu langweilen. Aber, okay, die Fans kommen wegen ihm ins Stadion.

Juckt es Sie nicht in den Füßen, wenn Sie Ronaldo im Fernsehen sehen?

Natürlich. Ich sitze da und frage mich: Ist er wirklich so stark, oder hätte ich mich mit ihm messen können?

Gegen welche Stürmer haben Sie nur ungern verteidigt?

Die kleinen und wendigen Stürmer habe ich gehasst. Solche Bullen wie Jan Koller waren meine idealen Gegenspieler. Schlimm waren auch Typen wie Roy Makaay. Der hat 89 Minuten so getan, als ob er nichts drauf hat, als ob er im Zweikampf gegen dich kein Land sehen würde, nur um dann in der 90. Minute das Tor zu machen.

Haben die beiden Innenverteidiger auf dem Platz eigentlich das engste Verhältnis untereinander?

Das ist tatsächlich der Fall. Auf dem Feld müssen die beiden Innenverteidiger wie ein Paar funktionieren und harmonieren. Wenn es dir gelingt allein durch Blickkontakt zu kommunizieren, dann hast du es geschafft.

In Ihrer besten Saison 2003/04, als Sie mit Werder Bremen Deutscher Meister wurden, war Mladen Krstajic ihr Nebenmann. Waren Sie Freunde?

Überhaupt nicht. Wir waren und sind ganz unterschiedliche Typen, aber auf dem Platz waren wir wie Brüder. So eine Beziehung zwischen Innenverteidigern zu schaffen, das ist Perfektion. Die Bayern haben das vor zwei Jahren erfahren dürfen, als Lucio und Demichelis solch eine Einheit gebildet haben und nur 21 Gegentreffer zuließen.

Kann es überhaupt echte Freundschaften im Profifußball geben?

Kann es. Vor allem dann, wenn du mit deinen Kollegen Erfolge feierst, so etwas schweißt zusammen.

Wir erinnern uns dabei an die Szenen, als der Flieger von Werder nach der Meisterschaft 2004 in Bremen landete und Thomas Schaaf die Fans mit Fahne in der Hand begrüßte...

Da saß ich leider nicht mit in der Maschine, ich musste nach dem Spiel gleich ins Sportstudio. Wir zeigen Ismael das Foto, auf dem der jubelnde Schaaf bei der Ankunft in Bremen zu sehen ist. Solche Momente sind unbezahlbar, das ist pure Emotion. Und die bekommt man nur, wenn man etwas zusammen erreicht hat. Wenn du gelernt hast zu verstehen, dass die Erfüllung deiner Träume, das Erreichen deiner Ziele das Wichtigste ist, dann begreifst du auch die Mechanismen in diesem Geschäft. Viel Geld, große Verträge: das ist alles nur kurzfristig von Bedeutung. Mehr nicht.

Haben Sie als junger Profi nicht auch die Vorzüge eines extrem gut bezahlten Berufs genossen?

Doch, sicherlich. Als ich mit 18 meinen ersten Vertrag bekommen habe, bekam ich umgerechnet 150 Euro im Monat. In der Zeit habe ich von den Prämien gelebt. Wenn du dann plötzlich 1000 Euro für einen Sieg bekommst, ist das ein ganze Menge Geld! Da bin ich auch erst mal los und habe mir neue Schuhe gekauft. Das musst du auch machen, als junger Kerl hast du schließlich Bedürfnisse. Wichtig ist, dass dabei immer die Leistung im Vordergrund steht.

Sie haben vorhin von Ihrem Sohn gesprochen. Vor welchen Fehlern würden Sie ihn bewahren,  wenn er Profifußballer werden würde?

Ich würde ihm beistehen, wenn er diesen Weg gehen wollen würde, und ihm deutlich machen, welche Konsequenzen dieser Beruf mit sich bringt. Mehr kannst du nicht machen. Menschen lassen sich schließlich nicht ändern, sie müssen ihre eigenen Erfahrungen sammeln.

Würden Sie ihm auch vor Augen führen, auf was er alles verzichten müsste als Fußballprofi?

Disziplin ist das A und O. Wenn du keine Disziplin hast, wirst du kein Profi werden. Jedenfalls kein erfolgreicher. Als ich 16 war sind meine Kumpels ohne mich in die Disco gegangen – ich saß zu Hause, weil am nächsten Tag ein Spiel anstand. Das war natürlich frustrierend, aber der Erfolg gab mir Recht. Gleichzeitig habe ich mich immer mehr von meinen Freunden entfernt, wir führten ganz unterschiedliche Leben.

Thomas Schaaf hat auf die gleiche Frage geantwortet: »Ich hatte damit kein Problem. Ich lag dafür im Bett und habe mir gesagt, dass ich später die ganze Welt sehen werde.« War das bei Ihnen ähnlich?

Vielleicht unbewusst. Ich hatte allerdings nicht wirklich Probleme damit, wenn ich wusste, dass am nächsten Tag ein Spiel ansteht. Wenn du dich dazu schon zwingen musst, sieht es düster aus mit der Zukunft im Profisport. Mir war immer klar: wenn ich meinen Beruf respektiere, führt der Weg nach oben.

Sie hatten schließlich den Erfolg. Was passiert mit Fußballern, die den Sprung nicht schaffen?

Warum schaffen sie den denn nicht? Weil sie ihre Ziele aus den Augen verloren haben! Ich habe auch Rückschläge hinnehmen müssen, aber ich habe mich aufgerappelt. Die entscheidende Frage lautet doch, ob ich die Opfer gerne gebracht habe, oder nicht. Ich habe verdammt gerne Opfer gebracht.

In einem anderen Interview haben Sie gesagt, dass Sie Ihren Körper für den Fußball geopfert haben. Haben Sie das etwa gerne gemacht?

Ich musste meine Karriere als aktiver Fußballer beenden, weil mir der Körper Grenzen aufgezeigt hat, die der Kopf erst nicht hinnehmen wollte. Ich bin letztlich an die Grenzen gegangen, um am Ende aber doch auf meinen Körper zu hören. Wenn du tagtäglich aufwachst und schon beim Ausführen deines Hundes Schmerzen hast, stellst sich irgendwann die Frage, ob es wert ist deine Lebensqualität für ein, zwei weitere Jahre Profisport zu opfern. Spätestens, als mir mein Arzt sagte, ich würde bald ein künstliches Knie benötigen, wenn ich so weitermachen würde, war Schluss.

Viele Sportinvaliden sind nach dem unfreiwilligen Karriereende in ein Loch gefallen. Hatten Sie jemals Angst vor diesem Loch?

Unterbewusst war mir wohl schon seit längerer Zeit klar, dass es so nicht weitergehen würde. Ganz wichtig war bei mir, dass ich gleich ein neues Ziel vor Augen hatte. Schon vor einem Jahr habe ich mir gesagt, du musst dich neu orientieren. Also habe ich studiert und ein Praktikum gemacht. Jetzt ist ein neues Ziel definiert: Manager werden!  

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Lest im zweiten Teil unseres Interviews mit Valérien Ismael, wie er einst von Klaus Allofs nach Bremen gelockt wurde, welche Fähigkeiten es braucht einen Fußball-Verein erfolgreich zu führen und warum er niemals mit Ailton zusammen wohnen wollte.

»Liebe ist die Basis«
– Morgen, 14. Januar, auf 11freunde.de!       

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