27.12.2010

Best of 2010: Valerien Ismael über Defensivkunst

»Ich liebe Zweikämpfe!«

Valerien Ismael war einer der letzten Verteidiger der alten Schule – jetzt wechselt der Franzose verletzungsbedingt vom Rasen an den Schreibtisch. Wir sprachen mit ihm über verpasste Chancen, die Liebe zum Zweikampf und neue Ziele.

Interview: Dirk Gieselmann und Alex Raack Bild: Imago
Valérien Ismael, wie haben Sie sich vor 20 Jahren den Verlauf Ihrer Karriere vorgestellt?

Ich wollte einfach Profi werden und nichts anderes. Und zwar Profi für Straßburg, meine Stadt, meinen Verein. Damals ging es mir nicht ums Geld, sondern darum, meine Stadt zu vertreten, das war das Größte für mich. Erst später habe ich neue Herausforderungen gesucht.



Ihr Vorbild ist die italienische Abwehrlegende Franco Baresi. Wo würden Sie sich historisch einordnen?

Um eine Legende zu sein, habe ich viel zu wenig auf internationaler Ebene erreicht.

Sie meinen die verpasste Weltmeisterschaft 2006?

Dieser Stachel sitzt noch tief. Dass ich niemals bei einer WM spielen durfte, ist die einzige große Enttäuschung in meiner Laufbahn.

Woran ist es damals gescheitert?

In Frankreich fand nach den großen Erfolgen 1998 und 2000 ein Generationswechsel statt – nur nicht in der Innenverteidigung. Da war jahrelang kein Platz neben Lilian Thuram und Marcel Desailly. Als dann die Vorgabe lautete, junge Spieler in der Nationalelf spielen zu lassen, war ich angeblich schon zu alt. Dabei hätte ich eine Chance verdient gehabt.

Hatten Sie das Gefühl, in Frankreich nicht akzeptiert zu sein?

Möglicherweise. Ich habe mich in Frankreich eigentlich immer fremd gefühlt. Ich war unglaublich ehrgeizig, diszipliniert und 20 Minuten vor Trainingsbeginn auf dem Platz. Vielleicht war ich zu deutsch für Frankreich (lacht). Und als ich nach Deutschland kam, wusste ich: Hier bin in richtig.

Warum hat es dann nicht geklappt, dass Sie 2006 für Deutschland bei der WM mit am Start waren?

Ganz einfach: Ich hatte schon ein offizielles U-21-Match für Frankreichs absolviert und durfte nach den damaligen FIFA-Regeln anschließend nicht mehr für ein anderes Land auflaufen.

Hätte Jürgen Klinsmann Sie denn gewollt?

Ja. Er wollte, ich wollte, aber es hat nicht geklappt. Bei der WM saß ich bei einigen Spielen im Stadion, und durfte diese grandiose Stimmung erleben. Dieses Turnier war mein Ziel, aber ich hatte es verpasst. Ich war unendlich traurig.

Sprechen wir über das Dasein als Innenverteidiger. Frankreich steht im Fußball für sensible Kunst, Deutschland war Jahrzehnte lang das Land der Innenverteidiger. Ist verteidigen an sich eine Kunst?

Gute Frage. Es ist eine Kunst, die aber in der Gegenwart – auch in Deutschland! – verloren geht.

Wie meinen Sie das?

Was sind denn die Aufgaben eines Verteidigers? Er muss sich Respekt verschaffen und zwar so, dass der Stürmer schon beim Warmlaufen spürt: Heute wird es verdammt unangenehm.

Wie schafft man das als Verteidiger? Indem man gleich nach ein paar Sekunden die Grätsche auspackt?

Wichtig ist, dass man in jeder Sekunde deine Präsenz spürt. Du musst den Zweikampf lieben! In der Bundesliga verkörpern das aktuell vielleicht noch Josip Simunic und Marcelo Bordon diesen klassischen Typus des Innenverteidigers. Solche Typen haben schon vor dem Anpfiff 50% des Zweikampfs gewonnen, weil die Gegenspieler Angst vor ihnen haben. Schauen Sie sich einen Bordon oder einen John Terry an: Da sieht man jede Muskelfaser, wenn die in den Mann gehen, siehst du ihnen sofort an, dass sie jeden Zweikampf unbedingt gewinnen wollen!

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