Best of 2009: Thomas Schaaf im Interview

»Ich unterhalte mich gern«

Seit 1999 ist Thomas Schaaf Trainer von Werder Bremen. Er lotete Höhen und Tiefen aus – und erlebte den Imagewandel vom Griesgram zum Weltmann. Ein Gespräch über Medienstrategien und die Relevanz von Pokalen. Best of 2009: Thomas Schaaf im Interview
Heft #94 09/2009
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Thomas Schaaf, haben Sie nach all den Jahren überhaupt noch Lust, über Fußball zu reden? 

Aber natürlich! Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit darüber reden, das erschöpft sich nie. Egal, wen man trifft, man hat immer ein Thema. Das ist ja das Schöne am Fußball.

Brauchen Sie denn nie eine Pause?

Manchmal schon. Nach einer intensiven Phase mit so vielen Spielen wie im vergangenen Frühjahr bin ich froh, im Urlaub zu sein. Dann denke ich: Ah, herrlich, diese Ruhe! Aber schon nach einigen Tagen spreche ich gerne wieder über Fußball.

Aber mal ehrlich: Sie vermissen doch nicht den Fan, der Erklärungen für die Schlappe gegen Bielefeld einfordert. 

Da kommt es doch nur darauf an, in welchem Ton so etwas verläuft. Wenn jemand auf mich zukommt und sich ehrlich für meine Meinung interessiert, dann rede ich gern mit ihm.

Thomas Schaaf erteilt Fußballnachhilfe am Stehtresen? Wir sind erstaunt.

Mit Nachhilfe hat das nichts zu tun. Ich unterhalte mich gern, ich kann doch im Gegenzug auch etwas lernen, indem ich frage: »Mensch, wie läuft es denn bei dir in der Firma?« Dann geht es zwar nicht mehr um Fußball, mitunter treffen die Leute aber genau die Punkte, um die es auch bei Werder geht. Zum Beispiel: Wie wichtig ist Teamwork gegenüber dem Freiraum, den ich als Chef dem Einzelnen lasse? Das kann ich auf meinen Job übertragen.

Und doch gibt es Unterschiede zwischen  Werder und einem Maschinenbaubetrieb in Bremen-Hemelingen.

Auch wir sind eine Firma – eine »GmbH & Co. KGaA«, wie es so schön heißt. Auch wir müssen auf Wirtschaftlichkeit achten. Aber wir sind zugleich ein Fußballverein. Und da kommen die Emotionen ins Spiel, wie sie bei einem Maschinenbauer die Ausnahme sein dürften. Wir wollen diese Emotionen wecken und erleben. Das ist unser Antrieb.

Was war Ihr bewegendster Moment in nunmehr zehn Jahren als Cheftrainer?

Die Feier mit den Fans nach dem Double 2004. Das war ... unglaublich! Wenn ich an die Blicke denke, die wir erhaschen konnten, da kam so viel zurück, das war das pure Glück. (betrachtet seinen Arm) Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut. 

Als Sie nach dem entscheidenden 3:1 beim FC Bayern wieder in Bremen landeten, winkten Sie aus dem Cockpit. War das der kleine Junge, der 30 Jahre zuvor bei Werder angefangen hatte?

Ja, vielleicht. Das ist eigentlich ganz spontan passiert. Jemand in der Maschine hat mich gefragt: »Wollen Sie da oben mal rausgucken?« Und dann habe ich es einfach gemacht. Da fällt mir ein: Ich traf mal meine Grundschullehrerin wieder. Sie sagte: »Thomas, du wolltest immer schon Fußballer werden.« Und so ist es gekommen. Das betrachte ich als mein wahres Privileg: Zu tun, was ich am liebsten mag.       

Was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte?

Ich hätte versucht zu studieren. Ich war immer an Architektur interessiert, am Planen, Entwerfen, Zusammenbauen. So weit bin ich davon heute ja nicht entfernt.

Hatten Sie als Jugendlicher auch mal das Gefühl, etwas zu verpassen? Als Ihre Kumpels um die Häuser zogen, mussten Sie sich fürs nächste Spiel schonen.

Für mich war es kein Problem, auf die Disco zu verzichten. Ich wusste: Dafür sehe ich eines Tages vielleicht die ganze Welt.

Wenn Sie mit Ihrer Mannschaft beim Auswärtsspiel in Athen sind, sagen Sie dann: »Jungs, guckt euch mal die Akropolis an!«? 

Ich erinnere mich noch, wie ich als Jugendspieler zu einem Turnier in Lugano gefahren bin. Da haben wir alle geschrieen: »Hurra! Wir machen Urlaub im Ausland!« Aber die Zeiten haben sich geändert. Solche Reisen sind heute an der Tagesordnung. Die Spieler interessieren sich dafür, wie sie sich auf die Partie vorbereiten können, und vielleicht noch für die Programmpalette im Hotelfernsehen. Rund ums Spiel ist auch gar keine Gelegenheit für Stadtbesichtigungen. Inwieweit ein Spieler tatsächlich bereit ist, sich kulturell zu bilden, das kann und werde ich nicht erzwingen.

Versuchen Sie denn, den Reifeprozess an der einen oder anderen Stelle zu forcieren? 

Der moderne Fußball, die Arbeit in der Gruppe, all das beschleunigt diesen Prozess. Wo wir einwirken können, tun wir das. In Zusammenarbeit mit unserer Medienabteilung machen wir zum Beispiel Angebote, damit sich ein Spieler besser in der Öffentlichkeit präsentieren kann. Ich habe noch Boris Becker vor Augen, als er mit 17 Jahren in Wimbledon gewann. Plötzlich wurde er mit Weltfragen konfrontiert – und war damit überfordert. Auf solche Situationen wollen wir unsere Jungs vorbereiten. Das kann auch bedeuten, dass wir ihnen das Selbstvertrauen geben zu sagen: »Entschuldigung, aber dazu möchte ich mich wirklich nicht äußern.«

Haben Sie selbst eine bestimmte Strategie im Umgang mit den Medien?

Natürlich denke ich darüber nach. Das ist eine ständige Entwicklung, ich werde durch die Praxis ja quasi täglich geschult. Aber ich habe nie vorgehabt, jemand anderes zu sein als Thomas Schaaf.


Thomas Schaaf über seine WG mit Paul Stalteri, sein Verhältnis zu Sarah Connor und eine mögliche Zukunft als Bundestrainer – das komplette Interview findet Ihr in 11FREUNDE #94. Jetzt im Handel!

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