11.06.2007

Best of 2007: Vic Kasule im Interview

„Wir haben es krachen lassen“

Gegen ihn, so heißt es, sei Paul Gascoigne ein Waisenknabe gewesen. »Vodka« Vic Kasule fegte wie ein Derwisch durch die unteren britischen Ligen und wurde besonders in Shrewsbury zur Legende. Unser Korrespondent Matthias Paskowsky traf ihn.

Interview: Matthias Paskowsky Bild: Matthew Ashton
Victor Kasule, als Sie Anfang 1988 zum damaligen englischen Zweitligisten Shrewsbury Town kamen, haben Sie sich innerhalb weniger Monate den Titel »The King« verdient. Wie kam es dazu?

Nun, ich glaube, ich habe damals ganz gut Fußball gespielt und den Fans gegeben, was sie sich wünschten.

Der »Guardian« nannte Sie »einen Panzer von einem Flügelspieler, mit einem kanonenartigen Schuss«. Mit leuchtenden Augen sprechen viele Fans noch heute von Ihrem wichtigen Tor aus 30 Metern im entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt gegen Leeds.

Ein ganz hübsches Tor…

…das Sie stilecht zelebrierten. Mit einem Salto, bei dem Sie sich den Zeh brachen.

Das ist Unsinn. Ich hatte mir den Zeh schon gebrochen, als ich beim Schuss mit einem Verteidiger zusammengerasselt war.



Man sagt, Sie hätten Shrewsbury auf die Landkarte des Rock’n’Roll gesetzt.


Die Grafschaft Shropshire wirkte relativ verschlafen, wir haben halt für ein bisschen Leben gesorgt. Bei allem Drumherum war meine Woche allerdings auf die 90 Minuten am Wochenende ausgerichtet. Nach dem Anpfiff hätte ich meine Mutter umgerannt, wenn sie sich mir in den Weg gestellt hätte. Aber am Sonntag danach war ich um zehn Uhr im Pub »The Crown« – egal, wie ich gespielt hatte. War ich gut, haben sie mich gefeiert; war ich scheiße, haben sie gelästert. Den Fans gegenüber gab es keine Ausreden. Diese Leute zahlen deinen Lohn.

Im Pub waren Sie offenbar häufig. Zu häufig, sagen viele Beobachter. Man hielt Sie damals für einen der talentiertesten Flügelspieler der Insel. Haben Sie Ihr Talent verschleudert?


Meine Einstellung zum Fußball war immer: Spiel, als wenn es kein Morgen gäbe! Als ich nach Shrewsbury kam, standen gleich Spiele gegen die großen Klubs der Liga auf dem Plan: Manchester City, Sheffield, Leeds und so weiter. Wir hatten keine Chance und ich habe mir einfach gesagt »let’s do it.« Ich wollte am Ende nichts bereuen müssen. Musste ich auch nicht, denn wir haben viele der großen Teams geschlagen. Aber auf Analysen und ähnlichen Quatsch hatte ich nie große Lust.

Ist das der »Gazza-Faktor«, den englische Fans bei den heutigen Profis so sehr vermissen?


Ich glaube, die Spieler sind einfach nicht mehr greifbar, leben in ihrer eigenen Welt. Ich habe allen möglichen Mist gebaut, aber ich war präsent und die Leute haben mich verstanden. Bei mir gab es keinen Stromsparmodus. Ich habe gespielt und gekämpft wie ein talentierter Schuljunge. Ich hatte das Gefühl, gut genug zu sein und ich habe alle Hindernisse aus dem Weg geräumt.

Manch einer würde ins Feld führen, Sie hätten sich selbst im Weg gestanden.


Später kann man immer alles bedauern. Natürlich hätte ich gerne länger und erfolgreicher Fußball gespielt. Doch es hat auch so verdammt viel Spaß gemacht.

Weniger erfreuliche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema Rassismus gemacht.

Das waren doch nur die üblichen Idioten. Einmal hat mir die Polizei in Shrewsbury einen Baseballschläger gegeben, damit ich mich gegen die Spinner von der EBF (English Border Front, Neonazi-Gruppierung in Shropshire, Anm. d. Red.) verteidigen kann. »Pass auf dich auf, Victor!«, haben sie gesagt.

Wie sah es im Stadion aus?

Nicht viel besser. Vor allem gegen Millwall, Sheffield und Crystal Palace musste ich mir einiges anhören. Ich muss aber dazu sagen, dass mich so etwas nie besonders aufgeregt hat. Die Leute kommen ins Stadion, um rumbrüllen zu können. Und offen gesagt, war es mir scheißegal, wenn die Spinner mich aus 30 Metern und hinter einem Zaun sitzend mit »Black Bastard« beschimpft haben.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Missverstehen Sie mich nicht, Rassismus ist falsch. Falsch! Aber ich weiß, dass sie es aus fünf Metern Entfernung nicht machen würden. Dieses Wissen reicht mir, was soll also das ganze Gejammer? Ich gebe meine Antwort auf dem Platz oder gerne auch persönlich.

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