Best of 2007: Vic Kasule im Interview

„Wir haben es krachen lassen“

Gegen ihn, so heißt es, sei Paul Gascoigne ein Waisenknabe gewesen. »Vodka« Vic Kasule fegte wie ein Derwisch durch die unteren britischen Ligen und wurde besonders in Shrewsbury zur Legende. Unser Korrespondent Matthias Paskowsky traf ihn. Matthew Ashton
Heft #66 05 / 2007
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Victor Kasule, als Sie Anfang 1988 zum damaligen englischen Zweitligisten Shrewsbury Town kamen, haben Sie sich innerhalb weniger Monate den Titel »The King« verdient. Wie kam es dazu?

Nun, ich glaube, ich habe damals ganz gut Fußball gespielt und den Fans gegeben, was sie sich wünschten.

Der »Guardian« nannte Sie »einen Panzer von einem Flügelspieler, mit einem kanonenartigen Schuss«. Mit leuchtenden Augen sprechen viele Fans noch heute von Ihrem wichtigen Tor aus 30 Metern im entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt gegen Leeds.

Ein ganz hübsches Tor…

…das Sie stilecht zelebrierten. Mit einem Salto, bei dem Sie sich den Zeh brachen.

Das ist Unsinn. Ich hatte mir den Zeh schon gebrochen, als ich beim Schuss mit einem Verteidiger zusammengerasselt war.

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Man sagt, Sie hätten Shrewsbury auf die Landkarte des Rock’n’Roll gesetzt.


Die Grafschaft Shropshire wirkte relativ verschlafen, wir haben halt für ein bisschen Leben gesorgt. Bei allem Drumherum war meine Woche allerdings auf die 90 Minuten am Wochenende ausgerichtet. Nach dem Anpfiff hätte ich meine Mutter umgerannt, wenn sie sich mir in den Weg gestellt hätte. Aber am Sonntag danach war ich um zehn Uhr im Pub »The Crown« – egal, wie ich gespielt hatte. War ich gut, haben sie mich gefeiert; war ich scheiße, haben sie gelästert. Den Fans gegenüber gab es keine Ausreden. Diese Leute zahlen deinen Lohn.

Im Pub waren Sie offenbar häufig. Zu häufig, sagen viele Beobachter. Man hielt Sie damals für einen der talentiertesten Flügelspieler der Insel. Haben Sie Ihr Talent verschleudert?


Meine Einstellung zum Fußball war immer: Spiel, als wenn es kein Morgen gäbe! Als ich nach Shrewsbury kam, standen gleich Spiele gegen die großen Klubs der Liga auf dem Plan: Manchester City, Sheffield, Leeds und so weiter. Wir hatten keine Chance und ich habe mir einfach gesagt »let’s do it.« Ich wollte am Ende nichts bereuen müssen. Musste ich auch nicht, denn wir haben viele der großen Teams geschlagen. Aber auf Analysen und ähnlichen Quatsch hatte ich nie große Lust.

Ist das der »Gazza-Faktor«, den englische Fans bei den heutigen Profis so sehr vermissen?


Ich glaube, die Spieler sind einfach nicht mehr greifbar, leben in ihrer eigenen Welt. Ich habe allen möglichen Mist gebaut, aber ich war präsent und die Leute haben mich verstanden. Bei mir gab es keinen Stromsparmodus. Ich habe gespielt und gekämpft wie ein talentierter Schuljunge. Ich hatte das Gefühl, gut genug zu sein und ich habe alle Hindernisse aus dem Weg geräumt.

Manch einer würde ins Feld führen, Sie hätten sich selbst im Weg gestanden.


Später kann man immer alles bedauern. Natürlich hätte ich gerne länger und erfolgreicher Fußball gespielt. Doch es hat auch so verdammt viel Spaß gemacht.

Weniger erfreuliche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema Rassismus gemacht.

Das waren doch nur die üblichen Idioten. Einmal hat mir die Polizei in Shrewsbury einen Baseballschläger gegeben, damit ich mich gegen die Spinner von der EBF (English Border Front, Neonazi-Gruppierung in Shropshire, Anm. d. Red.) verteidigen kann. »Pass auf dich auf, Victor!«, haben sie gesagt.

Wie sah es im Stadion aus?

Nicht viel besser. Vor allem gegen Millwall, Sheffield und Crystal Palace musste ich mir einiges anhören. Ich muss aber dazu sagen, dass mich so etwas nie besonders aufgeregt hat. Die Leute kommen ins Stadion, um rumbrüllen zu können. Und offen gesagt, war es mir scheißegal, wenn die Spinner mich aus 30 Metern und hinter einem Zaun sitzend mit »Black Bastard« beschimpft haben.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Missverstehen Sie mich nicht, Rassismus ist falsch. Falsch! Aber ich weiß, dass sie es aus fünf Metern Entfernung nicht machen würden. Dieses Wissen reicht mir, was soll also das ganze Gejammer? Ich gebe meine Antwort auf dem Platz oder gerne auch persönlich.


Erzählen Sie uns von dem Tag, als Sie mit dem Auto des Kollegen John McGinlay zum Spätkauf gefahren sind und sich überschlagen haben, weil Sie unbedingt eine Handbremsenkehre ausprobieren wollten.

So was passiert. Eigentlich wollte ich nur Orangensaft kaufen (grinst). Und er wollte die Karre eh loswerden. Das ganze wäre auch kein Problem gewesen, wenn ich einen Führerschein gehabt hätte. So aber hat die Versicherung nicht gezahlt und es wurde teuer für mich. Natürlich habe ich John den Schaden ersetzt. Doch bei seinem nächsten Transfer hat er es mir aus dem Handgeld zurückgezahlt.

Es scheint als habe die Gesellschaft anderer Hedonisten im Team, Alan Irvine oder Steve Pittman, sehr zur Legendenbildung beigetragen.

Wir haben es krachen lassen. So mancher Pub-Besitzer hat sich an uns gesund gestoßen.

Auch um Ihre amourösen Abenteuer ranken sich Mythen. Angeblich haben Sie es sich mit Ihrem Präsidenten verdorben, weil Sie mit seiner Tochter…

Das ist nun fast 20 Jahre her, warum sollte ich es noch leugnen? Shrewsbury war in dieser Hinsicht wirklich nicht schlecht. Fantastisch, wenn ich ehrlich sein darf. Es hat Vorteile, ein Star zu sein. Noch besser wurde es allerdings in Finnland…

Lassen Sie uns beim Fußball bleiben. Außer in Finnland haben Sie dann noch auf Malta und in Irland gespielt, bevor Sie Ihre Karriere mit Ende 20 wegen Problemen an der Achillessehne beenden mussten. Spielen Sie heute noch manchmal?

Nein, entweder ganz oder gar nicht. Und für »ganz« bin ich nicht mehr fit genug. Ich will meine Gegenspieler alle machen. Das letzte Mal habe ich vor einigen Jahren als Schiedsrichter bei einem Spiel der Pub-Liga auf dem Feld gestanden. Deren Referee hatte sich selbst wegen eines schweren Katers die Rote Karte gezeigt. Da habe ich gerne ausgeholfen.

Der Fußballsport aus der Sicht des Victor Kasule?

Spiel 90 Minuten wie ein Besessener. Dann trinke, soviel du kannst und mit wem du möchtest. Geh ins Bett, mit wem du willst. Und freu dich über all die Zeitungsartikel!

Gibt es davon auch eine jugendfreie Version?

Finde heraus, was du tun willst. Glaube an dich und bleib dran. Tritt den Ball gegen die Wand. Immer wieder. Und lass dich nicht von irgendwelchem Mist ablenken.


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Sympathy for the Devil – Ein Abend mit Vic Kasule www.11freunde.de/international/101354

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