Stichwort: Motivation. Seit der WM kennen wir Zuschauer durch den Film „Deutschland – Ein Sommermärchen“ die Mechanismen, Spieler vor einem Match heiß zu machen. Entspricht Klinsmanns Diktion auch Ihrer Form der Ansprache an die Spieler? Bei mir würde es so etwas nie geben. Die Kabine ist der Intimbereich. Und, ganz ehrlich, für mich war das Schauspielerei. Mit Floskeln wie „Jetzt haut die weg“ beeinträchtigt ein Trainer höchstens die Konzentration der Spieler. Direkt vor dem Spiel spricht ein Trainer nur noch das Nötigste, etwa indem er einige Spieler persönlich anspricht. Die eigentliche Sitzung ist vorher.
Wer sind die wichtigsten Vertrauten eines Trainers?Der Co-Trainer. Er stellt bei mir nicht nur Hütchen auf, sondern ich mache alles in Kooperation mit ihm. Auch der Physiotherapeut und der Vereinsarzt sind sehr wichtig. Denn sie glauben gar nicht, was Spieler alles erzählen, wenn sie in der Waagerechten sind.
Können Sie nachempfinden, was Toni Schumacher einmal als Trainer von Fortuna Köln passiert ist, als ihn Präsident Jean Löring in der Halbzeitpause entließ?Ich war mal Nutznießer in einer vergleichbaren Situation. Bei Rot-Weiß Essen kam der Vorstand in der Halbzeit in die Kabine und sagte Horst Hrubesch, unter dem ich damals Co-Trainer war, er brauche nach dem Spiel nicht mehr wieder zu kommen. Eigentlich wollte ich dann aus Solidarität auch aufhören, aber der lange Hrubesch hat mir sogar dazu geraten, den Posten als Cheftrainer zu übernehmen.
Wäre so was im modernen Fußball auch noch möglich? Ich denke nicht. Patriarchen vom Format eines Jean Löring gibt es heute nicht mehr. Aber Präsidenten haben natürlich das Recht, sich zu erkundigen, wie es in der Mannschaft läuft. Aber wenn mir jemand in die Aufstellung reinreden will, dann ist sofort Schluss!
Wie gehen Sie mit dem Präsidium um?Das Verhältnis zwischen Trainer und Präsidium hängt stark vom Verein ab. Der Präsident sollte sich heraushalten und dem Trainer jegliche Unterstützung zukommen lassen. Loyalität ist elementar, denn aus ihr resultiert das Verhalten der jeweiligen Mannschaft. Ist der Trainer unantastbar, kann er in Ruhe und vernünftig arbeiten. Das war beispielsweise beim VfL Bochum der Fall, beim 1. FC Köln nicht.
Aber es gibt Situationen, in denen ein Trainer einen Job annimmt, um zurück ins Geschäft zu kommen?Als Trainer sucht man keinen Job, als Trainer wird man gefunden. Man schreibt schließlich keine Bewerbungen.
Wie geht es Ihnen derzeit? Sie kriegen ja noch bis 30. Juni 2007 von Hannover 96 Ihr Geld.
Na und? Es ist zum Kotzen, wenn die Hobbys plötzlich zum Lebensmittelpunkt werden. Wenn ich arbeite, freue ich mich wie verrückt aufs Golfen oder darauf, mit meiner Harley zu fahren. Aber jetzt geht es mir manchmal schon gehörig auf die Nerven. Das sehe ich auch an meinem Golfhandicap...
Wie meinen sie das?Golf spielt sich im Kopf ab. Wenn ich einen Job habe, spiele ich mitunter glänzende Runden. Derzeit habe ich aber ein Handicap von 17,5.
Strahlt Ihre innere Unruhe in der Arbeitslosigkeit auch auf Ihr Familienleben ab?
Meine Frau ist froh, wenn ich nicht da bin. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, denke ich, Berlusconi ist dran. Wenn Antje dann am Apparat ist, kommt es schon mal vor, dass ich zu ihr sage: „Ach, Schatz, Du bist es bloß.“
Kriegen Sie als Trainer ohne Job eigentlich Arbeitslosengeld? Nein, ich muss von meinem Ersparten leben. Aber das Arbeitsamt zahlt meine Sozialversicherungsbeiträge weiter. Da gab es 1993 eine große Boulevardgeschichte: Ich war beim 1. FC Saarbrücken entlassen worden und kam im Sommer zurück nach Gelsenkirchen. Das DSF wollte eine Homestory machen, aber ich sagte: „Jungs, kommt inner Stunde, ich muss mich eben noch schnell beim Arbeitsamt melden.“ Ich stieg also mit Sonnenbrille, in Jogginghose und mit Badelatschen in meinen Porsche Targa und fuhr auf die Behörde. Aber – ich Idiot – sie hatten die Kameras schon aufgebaut. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Peter Neururer – Mit dem Porsche zum Arbeitsamt.“
Peter Neururer, wann sehen wir Sie wieder als Trainer an der Seitenlinie?Die, die als letztes entlassen werden, bekommen als erstes wieder einen neuen Job. Das ist so in diesem Geschäft. Also gehe ich davon aus, dass ich im Herbst wieder arbeite.