Best of 2007: Peter Neururer im Interview

„Ich habe geheult wie ein Kind“

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Dieses Diktum des Philosophen Thomas Hobbes hat nirgends solche Gültigkeit wie in der Trainerbranche. Auch Peter Neururer ist ein Wolf – umzingelt von Wölfen. Hier heult er den Mond an. Imago

Peter Neururer, im Job als Bundesliga-Trainer sind Sie mal der Vater des Erfolges, dann wieder das schwächste Glied in der Kette. Wie kommen Sie damit zurecht?

Wer in diesem Beruf arbeiten will, muss damit leben. Bei Erfolg ist der Trainer ein Motivationskünstler, bei Misserfolg ist er mit den gleichen Maßnahmen plötzlich ein Sprücheklopfer. Aber diese extreme Wahrnehmung kommt in erster Linie von Journalisten und Zuschauern. Und die sind bekanntlich bei Mannschaftssitzungen und im Training gar nicht dabei.

Wie wichtig ist die Arbeit eines Trainers für den sportlichen Erfolg?

Ein Trainerwechsel bringt häufig kurzfristigen Erfolg, weil sich alle im Kader durch den neuen Mann motiviert fühlen und sich neu positionieren müssen. Aber ohne eine Verstärkung des Kaders durch Transfers wird die Mannschaft langfristig wieder auf das alte Level absacken. Insofern muss ein Trainer seine Vorstand auch darauf hinweisen, wie er zur Verbesserung der Situation beitragen kann.

[ad]

Wie verändert sich das Umfeld, wenn sich ein Trainerwechsel anbahnt?

Es ist ein schleichender Prozess. Leute die immer freundlich gegrüßt haben, schauen einen bei Misserfolg plötzlich nicht mehr an, wenn sie einem die Hand geben. Kurz: Ich merke es den Leuten an, die mich umgeben, wenn es für mich gefährlich wird.

Sie haben insgesamt zehn Vereine im deutschen Profifußball trainiert. Auf welches Angebot würden Sie nie mehr eingehen?

Ich mache keine kurzfristigen Einsätze als Lückenbüßer mehr. Ein Engagement wie Jürgen Röber es bei Borussia Dortmund angenommen hat, wäre für mich undenkbar. Es ist respektlos, wie vom Präsidium da mit einem Menschen umgegangen wurde. Kein Wunder, dass Röber bei der Mannschaft nie akzeptiert wurde, da ihm der Vorstand durch den kurzen Vertrag doch jegliches Vertrauen versagt hat.

Harte Worte. Anscheinend planen Sie nicht, demnächst bei Borussia Dortmund anzuheuern?

Als bekennender Schalker ist Borussia Dortmund der einzige Verein, bei dem ich stets kostenlos Essen und Trinken kann – jedes Mal, wenn ich dort auflaufe, fliegen mir schon die Bierbecher und Würstchen entgegen.

Was sind die ersten Maßnahmen, die Sie treffen, wenn Sie bei einem neuen Klub antreten?

An meinem ersten Tag erstelle ich ein Soziogramm um die soziale Hierarchie und die Querverbindungen innerhalb des Teams kennen zu lernen.

Wie machen Sie das?

Ich bestimme das Spielsystem und beauftrage alle Spieler bis zum nächsten Tag anonym eine Mannschaftsaufstellung für das kommende Spiel zu bestimmen. Anhand der Schnittmengen in diesen Aufstellungen erkenne ich die sportliche Wertigkeit der einzelnen Spieler. Um die sozialen Querverbindungen kennen zu lernen, frage ich - ebenfalls anonym - mit wem man im Trainingslager am liebsten auf ein Zimmer möchte und mit wem am wenigsten. Daran erkenne ich, welcher Spieler außen vor ist oder im Mittelpunkt steht.

Ihnen haftet das Image des Feuerwehrmanns und des Dampfplauderers an.

Mein Image interessiert mich überhaupt nicht. Darüber denke ich nicht mehr nach…

Aber würden Sie sagen, dass Sie in der Vergangenheit Fehler bei Ihrer Außendarstellung gemacht haben?

Überhaupt nicht! Es war Strategie, meine Fresse so weit aufzureißen, weil ich nicht über einen Background als langjähriger Bundesliga- oder Nationalspieler verfüge. Ein Trainer muss auch polarisieren, aber langfristig bekommt ein Coach nur Aufmerksamkeit, wenn er erfolgreich arbeitet. Jetzt habe ich mehr als 500 Profispiele gemacht. Da fragt keiner mehr, ob ich früher mal Bundesligaspieler war.

Ist es wichtig, dass ein Trainer weiß, was seine Spieler verdienen?

Hierarchie hat nichts mit dem Gehalt zu tun. Aber ich weiß grundsätzlich, was meine Spieler verdienen. Einerseits, um Verhaltensweisen zu deuten und andererseits, um finanzielle Sanktionen dem jeweiligen Gehalt des Spielers anzupassen.

Wie machen Sie Ihr Konzept den Spielern aus anderen Ländern und Kulturkreisen im Kader verständlich?

Es ist eine Sache der Erfahrung, wie man Spieler anspricht. Aber bei mir gilt grundsätzlich: Am Ende der Vorbereitung müssen alle Spieler so gut deutsch können, dass sie sich auf dem Fußballplatz verständigen können.

Beschreiben Sie doch mal den Druck, der auf einem Trainer im Abstiegskampf lastet.

Ganz ehrlich, der Job ist für mich kein Stress. Man hat nur während des Spiels Stress, ansonsten ist es ein Traumberuf.

Neigt ein Trainer bei Erfolg zum Abheben?

Kann ich nicht sagen. Vielleicht liegt das auch an meinen bisherigen Station. In Bochum wussten wir unsere Leistung – nach dem Aufstieg der 9.Platz in der Liga, dann der Einzug in den UEFA-Cup – immer richtig einzuschätzen. Uns war stets bewusst, dass das Glück eine wichtige Rolle spielte. Es kommt auch auf das Umfeld an. Beispiel: 1. FC Köln. Bei Erfolg wird dort durch die Medien eine Erwartungshaltung geweckt, die unrealistisch ist. Das macht es Trainern ungeheuer schwer.

Wie sehr beeinträchtigen die Medien Ihre Arbeit?

Man kann nicht alle Journalisten über einen Kamm scheren. Aber viele versuchen sich überall einzuschleichen und gieren nach Interna. Oft zapfen sie dabei die Spieler an. Deswegen achte ich genau darauf, wenn ein Spieler in den Bewertungen von Zeitungen öfter besser wegkommt als er spielt. Denn, wie Sie wissen, passiert es immer wieder, dass Inhalte aus der Teamsitzung am nächsten Tag in den Schlagzeilen sind.

Wie reagiert ein Trainer in einer solchen Situation?

Ich versuche, dem Spieler eine Falle zu stellen. Zum Beispiel, indem ich ihn mit vermeintlichen Interna vertraut mache und so tue, als wüssten auch andere Spieler Bescheid. Wenn ich die Infos dann aus der Presse entnehme, müssen Sanktionen folgen. Dabei ist es wichtig, dass die Sanktion den Spieler trifft und nicht der Mannschaft schadet. Wenn dieser Spieler der mit Abstand wichtigste Mann im Team ist, dann kann ich ihn nicht aus der Mannschaft nehmen. Da muss man differenzierter vorgehen.

Geldstrafen?

Zum Beispiel, aber es gibt auch andere Sanktionen. Man kann den Spieler auch vor der Mannschaft bloßstellen. Sie glauben gar nicht, wie in einem Team dann die selbst reinigenden Prozesse vonstatten gehen. In 1:1-Situationen beim Training wird ein Übeltäter vom härtesten Treter im Team schon mal rasiert – oft reicht es auch, dass der Trainer die Kabinentür von außen zu macht und die Spieler allein lässt.

Wie gehen Sie mit Stars um?

Prinzipiell behandle ich alle Spieler gleich. Extrawürstchen sind der Anfang vom Ende. Wenn ein sehr wichtiger Spieler über die Stränge schlägt, muss ich der Mannschaft mitunter plausibel machen, dass der Spieler nur dabei ist, weil es für ihn keinen Ersatz gibt.

Wie sehr leiden Sie, wenn Sie bei einem Verein die Koffer packen müssen.

Das kommt drauf an. In Bochum war es schlimm. Mit meiner Rücktrittsankündigung bei Abstieg wollte ich die Mannschaft motivieren, noch mal das letzte aus sich heraus zu holen. Doch der Plan ging voll nach hinten los. Die Spieler wollten, doch meine Ankündigung hemmte sie noch zusätzlich. Um meine Glaubwürdigkeit zu behalten, musste ich also zurücktreten, dabei hatte ich die volle Unterstützung des Klubs. Das tut mir bis heute weh. Nach dem letzten Spiel habe ich in der Kabine geheult wie ein kleines Kind. Ich war nicht mal mehr in der Lage, zur Pressekonferenz zu gehen.

Stichwort: Motivation. Seit der WM kennen wir Zuschauer durch den Film „Deutschland – Ein Sommermärchen“ die Mechanismen, Spieler vor einem Match heiß zu machen. Entspricht Klinsmanns Diktion auch Ihrer Form der Ansprache an die Spieler?

Bei mir würde es so etwas nie geben. Die Kabine ist der Intimbereich. Und, ganz ehrlich, für mich war das Schauspielerei. Mit Floskeln wie „Jetzt haut die weg“ beeinträchtigt ein Trainer höchstens die Konzentration der Spieler. Direkt vor dem Spiel spricht ein Trainer nur noch das Nötigste, etwa indem er einige Spieler persönlich anspricht. Die eigentliche Sitzung ist vorher.

Wer sind die wichtigsten Vertrauten eines Trainers?

Der Co-Trainer. Er stellt bei mir nicht nur Hütchen auf, sondern ich mache alles in Kooperation mit ihm. Auch der Physiotherapeut und der Vereinsarzt sind sehr wichtig. Denn sie glauben gar nicht, was Spieler alles erzählen, wenn sie in der Waagerechten sind.

Können Sie nachempfinden, was Toni Schumacher einmal als Trainer von Fortuna Köln passiert ist, als ihn Präsident Jean Löring in der Halbzeitpause entließ?

Ich war mal Nutznießer in einer vergleichbaren Situation. Bei Rot-Weiß Essen kam der Vorstand in der Halbzeit in die Kabine und sagte Horst Hrubesch, unter dem ich damals Co-Trainer war, er brauche nach dem Spiel nicht mehr wieder zu kommen. Eigentlich wollte ich dann aus Solidarität auch aufhören, aber der lange Hrubesch hat mir sogar dazu geraten, den Posten als Cheftrainer zu übernehmen.

Wäre so was im modernen Fußball auch noch möglich?

Ich denke nicht. Patriarchen vom Format eines Jean Löring gibt es heute nicht mehr. Aber Präsidenten haben natürlich das Recht, sich zu erkundigen, wie es in der Mannschaft läuft. Aber wenn mir jemand in die Aufstellung reinreden will, dann ist sofort Schluss!

Wie gehen Sie mit dem Präsidium um?

Das Verhältnis zwischen Trainer und Präsidium hängt stark vom Verein ab. Der Präsident sollte sich heraushalten und dem Trainer jegliche Unterstützung zukommen lassen. Loyalität ist elementar, denn aus ihr resultiert das Verhalten der jeweiligen Mannschaft. Ist der Trainer unantastbar, kann er in Ruhe und vernünftig arbeiten. Das war beispielsweise beim VfL Bochum der Fall, beim 1. FC Köln nicht.

Aber es gibt Situationen, in denen ein Trainer einen Job annimmt, um zurück ins Geschäft zu kommen?

Als Trainer sucht man keinen Job, als Trainer wird man gefunden. Man schreibt schließlich keine Bewerbungen.

Wie geht es Ihnen derzeit? Sie kriegen ja noch bis 30. Juni 2007 von Hannover 96 Ihr Geld.

Na und? Es ist zum Kotzen, wenn die Hobbys plötzlich zum Lebensmittelpunkt werden. Wenn ich arbeite, freue ich mich wie verrückt aufs Golfen oder darauf, mit meiner Harley zu fahren. Aber jetzt geht es mir manchmal schon gehörig auf die Nerven. Das sehe ich auch an meinem Golfhandicap...

Wie meinen sie das?

Golf spielt sich im Kopf ab. Wenn ich einen Job habe, spiele ich mitunter glänzende Runden. Derzeit habe ich aber ein Handicap von 17,5.

Strahlt Ihre innere Unruhe in der Arbeitslosigkeit auch auf Ihr Familienleben ab?

Meine Frau ist froh, wenn ich nicht da bin. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, denke ich, Berlusconi ist dran. Wenn Antje dann am Apparat ist, kommt es schon mal vor, dass ich zu ihr sage: „Ach, Schatz, Du bist es bloß.“

Kriegen Sie als Trainer ohne Job eigentlich Arbeitslosengeld?

Nein, ich muss von meinem Ersparten leben. Aber das Arbeitsamt zahlt meine Sozialversicherungsbeiträge weiter. Da gab es 1993 eine große Boulevardgeschichte: Ich war beim 1. FC Saarbrücken entlassen worden und kam im Sommer zurück nach Gelsenkirchen. Das DSF wollte eine Homestory machen, aber ich sagte: „Jungs, kommt inner Stunde, ich muss mich eben noch schnell beim Arbeitsamt melden.“ Ich stieg also mit Sonnenbrille, in Jogginghose und mit Badelatschen in meinen Porsche Targa und fuhr auf die Behörde. Aber – ich Idiot – sie hatten die Kameras schon aufgebaut. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Peter Neururer – Mit dem Porsche zum Arbeitsamt.“

Peter Neururer, wann sehen wir Sie wieder als Trainer an der Seitenlinie?

Die, die als letztes entlassen werden, bekommen als erstes wieder einen neuen Job. Das ist so in diesem Geschäft. Also gehe ich davon aus, dass ich im Herbst wieder arbeite.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!