24.12.2007

Best of 2007: Peter Neururer im Interview

„Ich habe geheult wie ein Kind“

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Dieses Diktum des Philosophen Thomas Hobbes hat nirgends solche Gültigkeit wie in der Trainerbranche. Auch Peter Neururer ist ein Wolf – umzingelt von Wölfen. Hier heult er den Mond an.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Peter Neururer, im Job als Bundesliga-Trainer sind Sie mal der Vater des Erfolges, dann wieder das schwächste Glied in der Kette. Wie kommen Sie damit zurecht?

Wer in diesem Beruf arbeiten will, muss damit leben. Bei Erfolg ist der Trainer ein Motivationskünstler, bei Misserfolg ist er mit den gleichen Maßnahmen plötzlich ein Sprücheklopfer. Aber diese extreme Wahrnehmung kommt in erster Linie von Journalisten und Zuschauern. Und die sind bekanntlich bei Mannschaftssitzungen und im Training gar nicht dabei.

Wie wichtig ist die Arbeit eines Trainers für den sportlichen Erfolg?

Ein Trainerwechsel bringt häufig kurzfristigen Erfolg, weil sich alle im Kader durch den neuen Mann motiviert fühlen und sich neu positionieren müssen. Aber ohne eine Verstärkung des Kaders durch Transfers wird die Mannschaft langfristig wieder auf das alte Level absacken. Insofern muss ein Trainer seine Vorstand auch darauf hinweisen, wie er zur Verbesserung der Situation beitragen kann.



Wie verändert sich das Umfeld, wenn sich ein Trainerwechsel anbahnt?

Es ist ein schleichender Prozess. Leute die immer freundlich gegrüßt haben, schauen einen bei Misserfolg plötzlich nicht mehr an, wenn sie einem die Hand geben. Kurz: Ich merke es den Leuten an, die mich umgeben, wenn es für mich gefährlich wird.

Sie haben insgesamt zehn Vereine im deutschen Profifußball trainiert. Auf welches Angebot würden Sie nie mehr eingehen?

Ich mache keine kurzfristigen Einsätze als Lückenbüßer mehr. Ein Engagement wie Jürgen Röber es bei Borussia Dortmund angenommen hat, wäre für mich undenkbar. Es ist respektlos, wie vom Präsidium da mit einem Menschen umgegangen wurde. Kein Wunder, dass Röber bei der Mannschaft nie akzeptiert wurde, da ihm der Vorstand durch den kurzen Vertrag doch jegliches Vertrauen versagt hat.

Harte Worte. Anscheinend planen Sie nicht, demnächst bei Borussia Dortmund anzuheuern?

Als bekennender Schalker ist Borussia Dortmund der einzige Verein, bei dem ich stets kostenlos Essen und Trinken kann – jedes Mal, wenn ich dort auflaufe, fliegen mir schon die Bierbecher und Würstchen entgegen.

Was sind die ersten Maßnahmen, die Sie treffen, wenn Sie bei einem neuen Klub antreten?

An meinem ersten Tag erstelle ich ein Soziogramm um die soziale Hierarchie und die Querverbindungen innerhalb des Teams kennen zu lernen.

Wie machen Sie das?

Ich bestimme das Spielsystem und beauftrage alle Spieler bis zum nächsten Tag anonym eine Mannschaftsaufstellung für das kommende Spiel zu bestimmen. Anhand der Schnittmengen in diesen Aufstellungen erkenne ich die sportliche Wertigkeit der einzelnen Spieler. Um die sozialen Querverbindungen kennen zu lernen, frage ich - ebenfalls anonym - mit wem man im Trainingslager am liebsten auf ein Zimmer möchte und mit wem am wenigsten. Daran erkenne ich, welcher Spieler außen vor ist oder im Mittelpunkt steht.

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