04.01.2008

Best of 2007: Jorge Valdano im Interview

„Wir zerstören den Fußball“

Mit Argentinien holte Jorge Valdano 1986 den WM-Titel. Heute arbeitet der ehemalige Spieler, Trainer und Sportdirektor von Real Madrid als Berater. Ein Gespräch über Ergebnisfußball, Werteverfall und Klinsmanns Vermächtnis.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Deutschland hat immerhin besser gespielt als sein Ruf: nicht nur diszipliniert und effektiv, sondern auch schön.

Ja, nicht nur der Fußball war anders, als man ihn kannte, ganz Deutschland war wie verwandelt. Deutschland hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Dieses Gefühl hat sich auch im Spiel widergespiegelt. Eine fußballerische Revolution war das Spiel der Klinsmann-Truppe aber auch nicht.

Sie meinen, mit dem Ende der WM endet nun auch wieder das schöne Spiel unserer Nationalmannschaft?

Ich fürchte, ja. Alles, was sich während der WM aufgebaut hat, verdanken sie einer Person, die den Mut hatte, ihre Ideen zu leben, auch wenn sie gegen die kulturellen Eigenheiten der Deutschen verstießen: Klinsmann. Ich wünsche Ihnen, dass Sie daraus gelernt haben, wie der Fußball die Einstellung der Menschen ändert. Und, dass Sie nun wissen, dass durch eine neue Einstellung auch das Unmögliche möglich ist.

Wir Deutschen sollten also mehr Vertrauen in den schönen Fußball haben und weniger ergebnisorientiert denken?


Klinsmann hat den Leuten ein Spektakel geboten. Das meinte ich anfangs mit dem »schönen Spiel«. Das Spiel ist so attraktiv, dass der Gewinn irgendwann sekundär wird. Deutschland konnte im Halbfinale trotz einer Niederlage das Feld mit erhobenem Haupt verlassen. Aber diese Theorie wäre natürlich glaubwürdiger, wenn Deutschland den Titel geholt hätte.

Stattdessen ist nun Italien Weltmeister.


Der Sieger heißt Italien, und damit hat der Ergebnisfußball gewonnen.

Wie schon zwei Jahr zuvor, als Griechenland bei der EM über Portugal triumphierte.


Das sind wirklich katastrophale Nachrichten für den Fußball. Deshalb ist es noch wichtiger, dass Mannschaften wie der FC Barcelona ihre Spiele gewinnen! Denn Sieger werden gern kopiert.

Ihre Heimat Argentinien steht für einen fortschrittlichen Fußball. Warum haben junge Spieler wie Carlos Tevez, Javier Mascherano oder Lionel Messi trotzdem Probleme, in Europa Fuß zu fassen?

Hauptursache ist, dass niemand mehr einem jungen Spieler einen Reifeprozess zugesteht. Vor zehn Jahren verließen die guten Leute Argentinien erst als ausgebildete Spieler. Mit 24, 25 Jahren ist es einfacher, sich sozial und sportlich auf ein anderes Land einzustellen. Heute verlassen die Spieler ihr Land als Kinder und wechseln zu großen europäischen Vereinen, deren Anforderungen wahnsinnig hoch sind. Diese Umstellung schaffen nur wenige.

Warum wagen trotzdem so viele Jugendspieler solch einen riskanten Schritt?

Versetzen Sie sich in den Verein, der ein Talent unter Vertrag hat. Der Klub braucht vielleicht Geld, weil er vor dem Bankrott steht. Versetzen Sie sich in den Käufer, der durch die Verpflichtung eines jungen Spielers auf neue sportliche Perspektiven hofft. Und versetzen Sie sich in das Talent, das immer davon geträumt hat, bei einem großen Klub zu spielen. Aus jedem Blickwinkel ist der Transfer nachvollziehbar – und trotzdem begeht jede Partei einen großen Fehler…

Nämlich?

Der Verkäufer, weil er einen jungen Spieler vor seiner Zeit und somit unter Preis verkauft. Der Käufer, weil er ein Talent, aber keinen vollständig ausgebildeten Spieler holt. Und der Spieler, weil er riskiert, die fehlende Ausbildungszeit nicht aufholen zu können. Kurz: Im Endeffekt hat vielleicht niemand etwas davon.

Fußballer als Ware.

Es ist ein Kampf ums Überleben. Die Welt teilt sich in Verkäufer-Länder und Käufer-Länder. Das gilt für Rohstoffe, für Informationen und auch für den Fußball. Argentinien, Brasilien, Paraguay und Kolumbien bilden Fußballer vor allem aus, um sie nach Europa zu exportieren. Europa ist wie eine reiche Familie, die sich billige Arbeitskräfte, junge Spieler aus Afrika und Südamerika, holt.

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