Best of 2007: Jorge Valdano im Interview

„Wir zerstören den Fußball“

Mit Argentinien holte Jorge Valdano 1986 den WM-Titel. Heute arbeitet der ehemalige Spieler, Trainer und Sportdirektor von Real Madrid als Berater. Ein Gespräch über Ergebnisfußball, Werteverfall und Klinsmanns Vermächtnis. Imago
Heft #65 04 / 2007
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Jorge Valdano, welches Team spielt den schönsten Fußball in Europa?

Der FC Barcelona. Keine Mannschaft stellt sich mit so viel Eleganz gegen den Trend des Ergebnisfußballs. Aber auch Arsenal, ManU, Olympique Lyon oder Werder Bremen zeigen, dass schön spielen und gewinnen kein Widerspruch sein muss.

Warum gelingt es diesen Klubs und anderen nicht?

Weil ihre Trainer den Mut haben, ihre Vision von attraktivem Fußball durchzusetzen, indem sie die Spieler und das Umfeld im Klub von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugen.

Gilt das auch für José Mourinho beim FC Chelsea, dem Roman Abramowitsch die Visionen mit Unsummen finanziert?

Ich habe nichts gegen den FC Chelsea und Herrn Abramowitsch. Aber natürlich ist es Wettbewerbsverzerrung, wenn jemand in der Lage ist, einen jährlichen Verlust von 200 Millionen Euro zu kompensieren.

Dabei nimmt das Mäzenatentum im Fußball derzeit eher zu als ab.

Fußball ist ein Geschäft. Das ist okay. Aber wenn Vereine plötzlich ökonomische Spritzen in diesem Ausmaß erhalten, sollten die internationalen Fußball-Organisationen versuchen, diesen künstlichen Eingriff in den Markt zu reglementieren. Die Vereine sollten verpflichtet werden, mit festgelegten Budgets auszukommen.

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Müssten die Fußballverbände nicht überhaupt, wie Michel Platini fordert, dringend etwas dagegen tun, dass die Schere zwischen großen und kleinen Vereinen immer weiter auseinander klafft?


Dafür dürfte es zu spät sein. Denn die Globalisierung bestimmt längst auch den Fußball. Der Markt von Real Madrid ist die ganze Welt, der von Recreativo de Huelva beschränkt sich hingegen auf Huelva. So wird es früher oder später im gesamten europäischen Fußball sein. An den großen Wettbewerben werden irgendwann nur noch Vereine teilnehmen, die weltumspannend Kaufkraft besitzen: Bayern München, Real Madrid, Milan, ManU. Daran wird auch Michel Platini als UEFA-Chef nichts mehr ändern können.

Dass Geld nicht immer Tore schießt, sieht man jedoch an der Entwicklung, die ihr Ex-Klub Real Madrid derzeit nimmt.


Real macht momentan viele Fehler, die sie in Madrid schon öfter gemacht haben: Sie verpflichten Spieler, die teuer sind, aber nicht ins System passen. Deshalb lässt sich kein klarer Stil ablesen und die Organisation im Team wirkt chaotisch.

Mit Fabio Capello ist dort aber ein Mann in der Verantwortung, der insbesondere für seine Disziplin bekannt ist.

Das Problem ist, dass auf Trainer mit romantischen Vorstellungen wie Luxemburgo und Caro jetzt ein extrem pragmatischer Trainer gefolgt ist. Es zeigt, dass auch die Vereinsführung nicht weiß, in welche Richtung sich das Team entwickeln soll. Es ist ein Teufelskreis: Das Chaos in der Führung wirkt sich auf die Mannschaft aus. Schlechte Ergebnisse wiederum erhöhen den Druck, der vom Publikum ausgeht. Und da der Klub über unglaublich viel Geld verfügt, fehlt ihm das Maß und die Verantwortlichen kaufen hektisch teure Spieler, die nicht ins System passen.

Könnte ein anderer Trainer wieder Struktur in die Mannschaft bringen?

Da ich nicht mehr bei Real bin, möchte ich mich dazu nicht äußern. In Madrid gibt es seit jeher die Forderung nach guten Ergebnissen, aber auch nach Inszenierung und Show. Deshalb ist es ein Fehler, derzeit nur auf die Ergebnisse zu schauen und das schöne Spiel außen vor zu lassen.

Lassen Sie uns über den deutschen Vereinsfußball sprechen. Im internationalen Vergleich scheint er derzeit kaum noch wettbewerbsfähig zu sein.

In der Tat scheint sich der Fußball in Ihrem Land in den letzten Jahren zurückzuentwickeln. Es fehlt ein einheitlicher, moderner Stil. Deshalb hinkt die Bundesliga im Vergleich mit den Spielklassen in Italien, England oder Spanien hinterher. Und das wirkt sich ökonomisch aus: Weil die Einnahmen zurückgehen, wird weniger gezahlt und junge Stars, die für neue Impulse sorgen könnten, spielen lieber woanders.

Bei der WM 2006 hat sich das deutsche Team jedoch mit einem eigenen Stil nicht nur gegen Argentinien durchgesetzt.

Die WM war eine Demonstration, wie ein Einzelner es mit einer optimistischen Einstellung und Ideen schafft, eine nationale Euphorie auszulösen. Ein tolles Erlebnis. Aber vergessen Sie nicht, dass die Mannschaft im Halbfinale ausgeschieden ist.

Deutschland hat immerhin besser gespielt als sein Ruf: nicht nur diszipliniert und effektiv, sondern auch schön.

Ja, nicht nur der Fußball war anders, als man ihn kannte, ganz Deutschland war wie verwandelt. Deutschland hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Dieses Gefühl hat sich auch im Spiel widergespiegelt. Eine fußballerische Revolution war das Spiel der Klinsmann-Truppe aber auch nicht.

Sie meinen, mit dem Ende der WM endet nun auch wieder das schöne Spiel unserer Nationalmannschaft?

Ich fürchte, ja. Alles, was sich während der WM aufgebaut hat, verdanken sie einer Person, die den Mut hatte, ihre Ideen zu leben, auch wenn sie gegen die kulturellen Eigenheiten der Deutschen verstießen: Klinsmann. Ich wünsche Ihnen, dass Sie daraus gelernt haben, wie der Fußball die Einstellung der Menschen ändert. Und, dass Sie nun wissen, dass durch eine neue Einstellung auch das Unmögliche möglich ist.

Wir Deutschen sollten also mehr Vertrauen in den schönen Fußball haben und weniger ergebnisorientiert denken?


Klinsmann hat den Leuten ein Spektakel geboten. Das meinte ich anfangs mit dem »schönen Spiel«. Das Spiel ist so attraktiv, dass der Gewinn irgendwann sekundär wird. Deutschland konnte im Halbfinale trotz einer Niederlage das Feld mit erhobenem Haupt verlassen. Aber diese Theorie wäre natürlich glaubwürdiger, wenn Deutschland den Titel geholt hätte.

Stattdessen ist nun Italien Weltmeister.


Der Sieger heißt Italien, und damit hat der Ergebnisfußball gewonnen.

Wie schon zwei Jahr zuvor, als Griechenland bei der EM über Portugal triumphierte.


Das sind wirklich katastrophale Nachrichten für den Fußball. Deshalb ist es noch wichtiger, dass Mannschaften wie der FC Barcelona ihre Spiele gewinnen! Denn Sieger werden gern kopiert.

Ihre Heimat Argentinien steht für einen fortschrittlichen Fußball. Warum haben junge Spieler wie Carlos Tevez, Javier Mascherano oder Lionel Messi trotzdem Probleme, in Europa Fuß zu fassen?

Hauptursache ist, dass niemand mehr einem jungen Spieler einen Reifeprozess zugesteht. Vor zehn Jahren verließen die guten Leute Argentinien erst als ausgebildete Spieler. Mit 24, 25 Jahren ist es einfacher, sich sozial und sportlich auf ein anderes Land einzustellen. Heute verlassen die Spieler ihr Land als Kinder und wechseln zu großen europäischen Vereinen, deren Anforderungen wahnsinnig hoch sind. Diese Umstellung schaffen nur wenige.

Warum wagen trotzdem so viele Jugendspieler solch einen riskanten Schritt?

Versetzen Sie sich in den Verein, der ein Talent unter Vertrag hat. Der Klub braucht vielleicht Geld, weil er vor dem Bankrott steht. Versetzen Sie sich in den Käufer, der durch die Verpflichtung eines jungen Spielers auf neue sportliche Perspektiven hofft. Und versetzen Sie sich in das Talent, das immer davon geträumt hat, bei einem großen Klub zu spielen. Aus jedem Blickwinkel ist der Transfer nachvollziehbar – und trotzdem begeht jede Partei einen großen Fehler…

Nämlich?

Der Verkäufer, weil er einen jungen Spieler vor seiner Zeit und somit unter Preis verkauft. Der Käufer, weil er ein Talent, aber keinen vollständig ausgebildeten Spieler holt. Und der Spieler, weil er riskiert, die fehlende Ausbildungszeit nicht aufholen zu können. Kurz: Im Endeffekt hat vielleicht niemand etwas davon.

Fußballer als Ware.

Es ist ein Kampf ums Überleben. Die Welt teilt sich in Verkäufer-Länder und Käufer-Länder. Das gilt für Rohstoffe, für Informationen und auch für den Fußball. Argentinien, Brasilien, Paraguay und Kolumbien bilden Fußballer vor allem aus, um sie nach Europa zu exportieren. Europa ist wie eine reiche Familie, die sich billige Arbeitskräfte, junge Spieler aus Afrika und Südamerika, holt.

Die Medien sind mitverantwortlich, dass Fußball eine derartige Wirtschaftskraft besitzt. Wie verändern die Medien den Fußball auch in seiner Struktur?

Medien geht es nicht um Objektivität, sondern um Inszenierung. Fußball wird zerredet und durch dauernden Diskurs banalisiert. Die Medien individualisieren Siege und Niederlagen, denn die meisten Journalisten interessiert nicht das Spiel einer Mannschaft, sondern der Einzelne. Sie brauchen Persönlichkeiten, denen die Öffentlichkeit freundschaftlich gegenübersteht und Feindbilder, denn auf diese Weise wird die Attraktivität des Sports gesteigert.

Schadet diese Individualisierung dem Fußball?


Der größte Schaden wird durch die Fixierung auf Resultate ausgelöst. Es gibt kaum Journalisten, die gegen das Ergebnis urteilen. Stattdessen wird derjenige, der verliert – ob in Würde oder nicht ?– verurteilt. Egal, wie das Spiel war. Dieser Mangel trägt weder zu besserem Fußball noch zu einer besseren Gesellschaft bei.

Interessanter Ansatz. Aber wie genau ist das zu verstehen?


Menschen spielen, wie sie leben. Dazu reicht ein Blick ins Stadion, wo Menschen oft Dinge zum Ausdruck bringen, die sie im Alltag oft verstecken.

Zum Beispiel?


In Spanien gibt es immer mehr Zuwanderer aus Afrika. Rassismus wird zum Problem. Der Ort, an dem sich dieser Konflikt als erstes äußert, ist das Stadion. Oberflächlich betrachtet, scheint ein Spiel nur das Aufeinandertreffen von gegnerischen Teams und Fans zu sein – in Wahrheit aber sind die Besucherränge ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft.

Wenn Ihre Theorie stimmt, besteht für Italien nur noch wenig Hoffnung.


In Italien lässt sich schon lange ein politischer und sozialer, aber auch ein Verfall der fußballerischen Grundsätze beobachten. Dort geht der Verfall einher mit dem Niedergang der Ästhetik. Italienischer Fußball ist reiner Ergebnisfußball. Wie soll es auch anders sein in einem Land, in dem sich niemand mehr Gedanken darüber macht, dass es den Menschen gut geht und sie Freude an etwas haben? Im Fußball zeigt sich dies durch eine Welle ideologisch geprägter Gewalt – bedenken Sie, dass 80 Prozent der gewaltbereiten Fans in Italien aus dem rechtsextremistischen Lager stammen – und durch den Hang zur Manipulation. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in Italien ein derartiger Korruptionsskandal stattgefunden hat.

Was kann man tun?

Wenn Menschen gewaltbereit ins Stadion marschieren, ist es unmöglich, das Problem ohne staatliche Hilfe zu lösen. So eine Entwicklung lässt sich nur durch Prävention, massive Strafen und ein hartes Vorgehen der Exekutive aufhalten. Das Hooligan-Problem in England hat die Thatcher-Regierung auch nur mit rigiden Gesetzen in den Griff bekommen.

Zurück zum Spiel an sich. Bringt es den Fußball voran, dass die Trainingslehre stetig voranschreitet und Spieler auf Motivationstrainer und Physiotherapeuten zurückgreifen?

Je mehr Bedeutung der Fußball erlangt, desto mehr Mitläufer gibt es. Viele zusätzliche Trainer sorgen heute für die Fitness. Zumeist kommen sie aus der Leichtathletik. Fußball ist jedoch ein Spiel, mit eigenen Gesetzen. Wenn der Leichtathlet sein Ziel erreicht, enden seine Schwierigkeiten. Beim Fußball ist der Ball das Ziel. Wenn ein Spieler an den Ball kommt, enden seine Probleme nicht, sondern sie fangen erst an.

Schönes Bild, aber trifft es zu?

Natürlich kommt es auf die Mischung an. Was ich sagen will: Wenn nur noch die Athletik trainiert wird und die Technik außer Acht gelassen wird, ist das ein Fehler. Auch die Taktik darf man nicht überbewerten. Wenn im Fußball zu stark an die Athletik und das Ergebnis gedacht wird, verliert das Spiel seine Attraktivität.

Sagen Sie das mal einem Trainer, dessen Mannschaft dreimal hintereinander mit attraktivem Angriffsfußball verloren hat.

Das Problem ist, dass das Resultat über den Job entscheidet. Es gibt nur wenige, die an das Überleben des Spiels denken, es zählt nur das nächste Spiel, denn es könnte für einen Trainer das letzte sein. Absurd. Es ist dieselbe Mentalität, die der Boss einer Ölgesellschaft an den Tag legt. Er weiß zwar, dass die Öl-Emissionen der Autos und Fabriken die Erde vergiften. Aber bevor er an die Erde denkt, macht er sich Gedanken über seinen Arbeitsplatz. Genauso läuft es im Fußball. Wir zerstören den Fußball auf der Jagd nach dem nächsten Sieg. Es gibt nur einen Unterschied zum Klimawandel: Niemand kann den Ausgang eines Spiels vorherbestimmen, weder der, der defensiv hinten drin steht, noch der, der angreift. Niemand kennt die Gesetze für ein gutes Ergebnis.

Glücklicherweise!

Oh ja (lacht). Denn sollte die Wissenschaft irgendwann das Rezept für erfolgreichen Fußball ermitteln, ist es das Ende des Spiels.


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