04.01.2008

Best of 2007: Jorge Valdano im Interview

„Wir zerstören den Fußball“

Mit Argentinien holte Jorge Valdano 1986 den WM-Titel. Heute arbeitet der ehemalige Spieler, Trainer und Sportdirektor von Real Madrid als Berater. Ein Gespräch über Ergebnisfußball, Werteverfall und Klinsmanns Vermächtnis.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Jorge Valdano, welches Team spielt den schönsten Fußball in Europa?

Der FC Barcelona. Keine Mannschaft stellt sich mit so viel Eleganz gegen den Trend des Ergebnisfußballs. Aber auch Arsenal, ManU, Olympique Lyon oder Werder Bremen zeigen, dass schön spielen und gewinnen kein Widerspruch sein muss.

Warum gelingt es diesen Klubs und anderen nicht?

Weil ihre Trainer den Mut haben, ihre Vision von attraktivem Fußball durchzusetzen, indem sie die Spieler und das Umfeld im Klub von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugen.

Gilt das auch für José Mourinho beim FC Chelsea, dem Roman Abramowitsch die Visionen mit Unsummen finanziert?

Ich habe nichts gegen den FC Chelsea und Herrn Abramowitsch. Aber natürlich ist es Wettbewerbsverzerrung, wenn jemand in der Lage ist, einen jährlichen Verlust von 200 Millionen Euro zu kompensieren.

Dabei nimmt das Mäzenatentum im Fußball derzeit eher zu als ab.

Fußball ist ein Geschäft. Das ist okay. Aber wenn Vereine plötzlich ökonomische Spritzen in diesem Ausmaß erhalten, sollten die internationalen Fußball-Organisationen versuchen, diesen künstlichen Eingriff in den Markt zu reglementieren. Die Vereine sollten verpflichtet werden, mit festgelegten Budgets auszukommen.



Müssten die Fußballverbände nicht überhaupt, wie Michel Platini fordert, dringend etwas dagegen tun, dass die Schere zwischen großen und kleinen Vereinen immer weiter auseinander klafft?


Dafür dürfte es zu spät sein. Denn die Globalisierung bestimmt längst auch den Fußball. Der Markt von Real Madrid ist die ganze Welt, der von Recreativo de Huelva beschränkt sich hingegen auf Huelva. So wird es früher oder später im gesamten europäischen Fußball sein. An den großen Wettbewerben werden irgendwann nur noch Vereine teilnehmen, die weltumspannend Kaufkraft besitzen: Bayern München, Real Madrid, Milan, ManU. Daran wird auch Michel Platini als UEFA-Chef nichts mehr ändern können.

Dass Geld nicht immer Tore schießt, sieht man jedoch an der Entwicklung, die ihr Ex-Klub Real Madrid derzeit nimmt.


Real macht momentan viele Fehler, die sie in Madrid schon öfter gemacht haben: Sie verpflichten Spieler, die teuer sind, aber nicht ins System passen. Deshalb lässt sich kein klarer Stil ablesen und die Organisation im Team wirkt chaotisch.

Mit Fabio Capello ist dort aber ein Mann in der Verantwortung, der insbesondere für seine Disziplin bekannt ist.

Das Problem ist, dass auf Trainer mit romantischen Vorstellungen wie Luxemburgo und Caro jetzt ein extrem pragmatischer Trainer gefolgt ist. Es zeigt, dass auch die Vereinsführung nicht weiß, in welche Richtung sich das Team entwickeln soll. Es ist ein Teufelskreis: Das Chaos in der Führung wirkt sich auf die Mannschaft aus. Schlechte Ergebnisse wiederum erhöhen den Druck, der vom Publikum ausgeht. Und da der Klub über unglaublich viel Geld verfügt, fehlt ihm das Maß und die Verantwortlichen kaufen hektisch teure Spieler, die nicht ins System passen.

Könnte ein anderer Trainer wieder Struktur in die Mannschaft bringen?

Da ich nicht mehr bei Real bin, möchte ich mich dazu nicht äußern. In Madrid gibt es seit jeher die Forderung nach guten Ergebnissen, aber auch nach Inszenierung und Show. Deshalb ist es ein Fehler, derzeit nur auf die Ergebnisse zu schauen und das schöne Spiel außen vor zu lassen.

Lassen Sie uns über den deutschen Vereinsfußball sprechen. Im internationalen Vergleich scheint er derzeit kaum noch wettbewerbsfähig zu sein.

In der Tat scheint sich der Fußball in Ihrem Land in den letzten Jahren zurückzuentwickeln. Es fehlt ein einheitlicher, moderner Stil. Deshalb hinkt die Bundesliga im Vergleich mit den Spielklassen in Italien, England oder Spanien hinterher. Und das wirkt sich ökonomisch aus: Weil die Einnahmen zurückgehen, wird weniger gezahlt und junge Stars, die für neue Impulse sorgen könnten, spielen lieber woanders.

Bei der WM 2006 hat sich das deutsche Team jedoch mit einem eigenen Stil nicht nur gegen Argentinien durchgesetzt.

Die WM war eine Demonstration, wie ein Einzelner es mit einer optimistischen Einstellung und Ideen schafft, eine nationale Euphorie auszulösen. Ein tolles Erlebnis. Aber vergessen Sie nicht, dass die Mannschaft im Halbfinale ausgeschieden ist.

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