Besart Berisha im Interview

„Ich spiele um mein Leben“

Besart Berisha floh als Kind mit seiner Familie aus dem Kosovo. Nach einer Odyssee durch die Bürokratie ist er in der Bundesliga angekommen - und spricht mit 11freunde.de über Verantwortung, Verbissenheit und Verliebtsein in den HSV. Imago

Herr Berisha, was ist für Sie Verantwortung?

Wenn man Verantwortung übernimmt, muss man für seine Fehler geradestehen, und für die Mannschaft da sein. In dieser Situation, wie wir mit dem HSV jetzt sind, muss jeder mit hundert Prozent ins Spiel gehen. Jeder muss zeigen, dass er Verantwortung übernehmen will.

Sie haben trotz Ihrer 21 Jahre in der Vergangenheit schon sehr viel Verantwortung übernommen. Bereits mit 17 waren Sie dem Druck ausgesetzt, Ihrer Familie die Existenz zu sichern – die Aufenthaltsgenehmigung für Sie und Ihre Familie hing davon ab, ob Sie einen Profivertrag bekommen.


Die letzten Jahre waren nicht leicht für mich. Mit 16, 17 ging es mir nur darum, für meine Familie dazusein. Ich musste viele Hindernisse überwinden, die mir insbesondere von den Behörden gestellt wurden. Und hatte dabei nur auf wenige Dinge Einfluß. Wir waren als Flüchtlinge aus dem Kosovo nur geduldet, die Aufenthaltsberechtigung wurde immer nur für kurze Zeit verlängert. Und dann war da die Zeit, als ich einen Monat in Priština festhing, um einen Paß zu bekommen. Ich konnte das Land nicht verlassen, und hatte Angst, mein Vertrag beim HSV könnte platzen. Als ich endlich zurückkam, hatte die Vorbereitung schon begonnen, und ich wurde dann nach Dänemark ausgeliehen.

Gab es Momente, in denen Sie aufhören wollten?

Es gab Momente.. tja, wenn man meine Geschichte gelesen hat, weiß man, dass es wirklich sehr viel auf einmal war. Natürlich war ich, besonders während der Zeit in Priština, oft der Verzweiflung nah und habe gedacht, oh Gott, wie soll das je wieder gut werden? Es war schlimm. Aber die Hoffnung konnte und durfte ich nicht aufgeben. Die Frage ans Aufhören stellte sich da gar nicht.

Hatten Sie Unterstützung?

Die bekam ich durch viele Menschen, besonders meine Berater. Dietmar Beiersdorfer war immer für mich ansprechbar, Auch zu Thomas Doll, der damals HSV Amateurtrainer war, und mich in die Mannschaft geholt hatte, hatte ich während dieser Zeit viel Kontakt. Und natürlich meine Freunde und meine Familie. Die Kraft, die mir meine Familie gibt, ist die Kraft, die ich Tag für Tag für den Fußball brauche.

Ist denn diese Art von Verantwortung, die Sie übernehmen mussten, eine Frage der Erziehung?


Bei uns im Kosovo ist das so: Ich würde alles für meine Familie tun. Wenn ich spiele, kämpfe ich für meine Familie.

Gehen denn hier aufgewachsene Spieler mit weniger Ernsthaftigkeit an den Fußball?

Ich kann nicht nachvollziehen, wie einige Spieler an den Sport herangehen. Aber jeder muss wissen, wie er den Weg weiter geht. Ob man nach drei Jahren zufrieden ist, oder mehr will.

Aber es muss Sie doch ärgern, wenn Teamkollegen ihre Chance und ihr Privileg nicht nutzen, und nicht hundert Prozent von dem geben, was sie könnten.


Ich gehe sehr emotional in jedes Spiel. Ich spiele jedesmal um mein Leben. Es geht um so viel, für mich, meine Familie, meinen Verein. Wenn ich auf dem Feld merke, dass jemand nicht mitzieht, dann mach ich was, da kann ich auch nicht ruhig bleiben und zusehen. Es macht mich wütend, wenn jemand nicht alles gibt. Ich bin so, weil es bei mir immer um mehr als nur drei Punkte geht. Viel mehr.

Thimothee Atouba wurde aus dem Trainingslager in Dubai nach Hause geschickt.


Jeder Spieler muss wissen, was er im Training macht, und wofür er dabei ist. Ob er fußballspielen will, ob er aufhören will. Timmy ist ein starker Typ, und ein guter Fußballer. Ich wünsche ihm und uns, dass er schnell wieder der Alte wird.


Haben denn Ihre Kollegen Verständnis für Ihre Verbissenheit?

Einer meiner engsten Freunde, mit dem ich viel über diese Zeit rede, ist Rafael van der Vaart. Der zweite Satz, den ich normalerweise von Leuten höre, ist ein beeindrucktes „An deiner Stelle hätte ich schon längst aufgegeben.“ Viele können sich meine Geschichte einfach nicht vorstellen.

Allerdings unterscheidet sich Ihre Lebensgeschichte von denen der meisten.


Natürlich. Ich hatte, im Gegensatz zu den meisten Spielern in der Bundesliga, nie eine andere Perspektive als Fußball. Die anderen hatten Perspektive durch Schule, durch Verwandte. Ich musste ja alles geben, denn Fußball war für meine Familie und mich die einzige Möglichkeit. Nun bin ich stolz, Profi zu sein, weil für mich und meine Familie viele Dinge leichter geworden sind. Dennoch hatte es vielleicht einen Sinn, was ich durchgemacht habe. Ich hab vieles aus der Zeit mitgenommen, und gehe anders ans Leben ran.

Und an den Fußball.


Ich vergesse niemals, wo ich herkomme, und was ich hatte. Zu mindest droht da nicht, dass ich überheblich werde (lacht).

Aus Priština nach Berlin geflohen, nach Hamburg gezogen, nach Dänemark ausgeliehen, und wieder zurück nach Hamburg. Ihre Familie lebt immer noch in Berlin. Wo fühlen Sie sich zuhaus?

Ich habe die größte Zeit meines Lebens in Berlin verbracht. Aber ich spiele so gern für den HSV, ich liebe Hamburg, und wenn meine Familie nicht in Berlin wäre, sondern hier, würde ich vermutlich gar nicht mehr hinfahren müssen. (lacht)

Wenn der Verein zur Ersatzfamilie wird, muss Ihnen die momentane Situation doch besonders an die Nieren gehen.

Es tut besonders weh. Ich würde sehr gern noch lange bei diesem Verein spielen. Ich fühle mich sehr wohl hier. Der HSV ist ein besonderer Verein, mit vielen Traditionen. Wir sind noch nie abgestiegen. Vor allem tut’s mir leid, was die Fans jetzt durchmachen müssen. Das Stadion ist immer ausverkauft, und man merkt, wie sehr die Stadt darunter leidet, wie es jetzt um uns aussieht.

Jetzt möchte ich aber wissen, was das besondere am HSV ist.

Was soll ich sagen? Es macht mir einfach Spaß, hier Fußball zu spielen. Ganz einfach.

Sie haben also trotz all dem Druck und der Verantwortung noch so etwas wie Spaß am Spiel?

Natürlich! Wenn man den Spaß verliert, kann man gleich aufhören. Dann macht’s keinen Sinn. Außerdem: Die Mannschaft ist großartig, der Trainer, die Fans, das Stadion...(stutzt) Ich glaube, ich habe mich etwas in den HSV verliebt (lacht). Auch wenn’s mal nicht so gut läuft, und das tut’s ja – dann muss man aufstehen, weitermachen, an den Erfolg denken. Und ich denk an den Erfolg, und es macht einen Stolz, wenn man sich von unten aufrappeln muss, und es schafft. Aber nebenbei verliere ich nie, nie den Spaß am Fußball. Solange ich von mir sagen kann, ich habe alles gegeben, werde ich diesen Spaß auch nicht verlieren.



Haben Sie als Stürmer jetzt nicht besonderen Druck? Der HSV leidet unter einer Sturmflaute, Sie haben sich da mit Ihren Toren gegen Aachen und Moskau als einer der wenigen positiv hervorgetan.

In Berlin hatte ich sehr viel Druck. Da hieß es, wenn Du keine Tore schießt, bekommst Du keine Profivertrag und wirst abgeschoben. Aber ich könne ja gut mit Druck umgehen. Das ist eine andere Art von Problem: Ich glaube, ich brauche den Druck, wirklich! (lacht) Meine Anspannung vor dem Spiel ist dann eine andere. Stürmer werden nun mal an Toren gemessen. Wer Tore schießt, ist gut... und wer keine Tore schießt, ist schlecht. Also gehe ich ins Spiel mit dem Ziel, viele Tore zu schießen.

Wie läuft denn die Vorbereitung? Wird alles gegeben?


Die Vorbereitung läuft super. Wir haben einige Erfolgserlebnisse zu verbuchen, haben ein Turnier in Dubai gewonnen, und haben gerade Rostock in einem Testspiel 1:0 geschlagen. Am 20. haben wir ein Freundschaftsspiel gegen die Bayern vor ausverkauftem Haus, auf das wir uns freuen. Die Stimmung im Training ist super, auch wenn die Vorbereitung bisher sehr anstrengend war.

Thomas Doll dürfte erleichtert sein.

Wir stehen voll hinterm Trainer. Wir wissen, was wir an ihm haben, wir wissen, was er uns beibringt, und wir arbeiten konstant daran, uns zu verbessern. Ich fühle, dass ich bei ihm gut aufgehoben bin. Ich merke, wie ich ins Training gehe, und wie ich durch ihn meine Schwächen verbessern kann. Er bringt gute Laune ins Team und er ist ein sehr guter Motivator: Es macht sehr viel Spaß, mit ihm zu arbeiten.

Was für Ziele hat jemand, der schon soviel erlebt hat, wie Sie?

Mit dem Profivertrag habe ich ein ganz besonderes Ziel schon erreicht. Natürlich möchte ich weiter viele Spiele in der Bundesliga machen, Tore schießen, und, wie man am armen Sebastian Deisler sieht, gesund bleiben. Das direkte Ziel ist natürlich der Klassenerhalt mit dem HSV, dass wir so schnell wie möglich wieder da unten rauskommen. Vor allem ich werde vom ersten Spieltag an alles geben.

Können Sie denn den anderen Spielern etwas von dieser Energie mitgeben?

Rafael van der Vaart sagte mal „Wenn ich sehe, wie du losrennst, kann ich gar nicht anders, als hinterher zu rennen.“ (lacht) Und hinter him rennt dann der nächste los, und der nächste, wie eine Kettenreaktion. Wenn man nicht mitmacht, ärgert man sich ja auch nur über sich selbst und denkt sich „Warum laufe ich jetzt nicht?“ Das ist eine gute Sache, dass wir uns gegenseitig so aufpushen können. Hauptsache, wir haben Erfolg, egal, wer spielt. Es zählt nur der Klassenerhalt.

Besart Berisha, überzeugen Sie mich davon, dass der HSV am 19.05. nicht den Gang in die Zweite Liga antritt.


Ganz einfach: Weil wir haben ein super Team haben, super Charaktäre, tolle Fans, weil der HSV nie abgestiegen ist... und weil wir nicht die erste HSV-Mannschaft werden dürfen, die das tut. (lacht)

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