Berti Vogts über Aserbaidschan

»Nur eine Stunde Training«

18 Jahre lang arbeitete Berti Vogts in verschiedenen Trainerfunktionen für den DFB. Am Mittwoch gibt es ein Wiedersehen: In Baku tritt er mit Aserbaidschan gegen Deutschland an. Wir sprachen mit ihm über seine Gefühle. Berti Vogts über Aserbaidschan

Berti Vogts, am Mittwoch treffen Sie mit Ihrer Mannschaft in der WM-Qualifikation auf Deutschland. Inwieweit ist dieses Spiel für Sie als ehemaligem Bundestrainer eine besondere Partie?

Natürlich ist das für mich ein besonderes Spiel, denn ich habe immer noch ein sehr gutes Verhältnis zum DFB. Zudem verfolge ich die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft ganz genau. Ich glaube auch, dass ich stolz auf meine 19 Jahre beim DFB sein kann, in denen ich gute Arbeit geleistet habe. Ich habe beim DFB eine wunderschöne Zeit erlebt. Ich weiß auch, dass ich dem deutschen Fußball alles zu verdanken habe. Und egal, wo ich arbeite, interessieren mich immer zuerst die Ergebnisse meiner ehemaligen Mannschaften, der Nationalmannschaft und von Borussia Mönchengladbach.

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In der WM-Qualifikation haben Sie mit Aserbaidschan bislang noch keinen Sieg landen und auch noch kein Tor erzielen können. Ist das nicht frustrierend?

Nein, weil ich in in erster Linie sehen möchte, dass sich die Mannschaft in die richtige Richtung entwickelt. Und da sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Ähnlich wie in meiner Zeit in Schottland habe ich die Mannschaft nach und nach verjüngt. Die Erfolge nach einem solchen Umbruch stellen sich zwangsläufig erst später ein. Das hat man in Schottland gesehen und das wird man auch in Aserbaidschan sehen, wenn man die nötige Geduld hat. Wenn man an dem Konzept mit jungen Spielern festhält, wird man in vier bis fünf Jahren im europäischen Fußball mithalten können.

Ihr Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Können Sie sich vorstellen, den Kontrakt zu verlängern?

Vorstellen kann ich mir alles. Aber sicherlich muss man dann frühzeitig abklären, inwieweit der Verband in der Lage ist, meinen Vorstellungen zu folgen. Grundsätzlich habe ich im Verband eine sehr gute Unterstützung für meine Arbeit. Um aber weiter nach vorne zu kommen, müsste gewährleistet sein, dass mindestens vier einheimische Spieler in jedem Erstliga-Team spielen müssen. Zudem müssen wir einen Torjäger finden, weil sonst der Druck auf Dauer zu stark wird.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem professionellen Fußball in Deutschland und in Aserbaidschan?

Es existieren viele Unterschiede. Zwar gibt es auch in Aserbaidschan Vollprofitum, aber es wird am Tag im Schnitt nur einmal eine Stunde trainiert. Zudem kommen die meisten Nationalspieler in ihren Klubs nicht zum Zuge, da überwiegend Ausländer, zumeist aus osteuropäischen Nachbarstaaten, bei den Klubs spielen. Das beste Beispiel ist Meister FK Baku, wo praktisch nur ausländische Akteure unter Vertrag stehen und kaum einer die Landessprache spricht. Vor Länderspielen ziehe ich meine rund 20 Spieler eine Woche zusammen, um dann wenigsten ein normales Training mit zwei Einheiten pro Tag zu gewährleisten.

Haben Sie trotz der widrigen Umstände denn nach wie vor Spaß an Ihrer Arbeit?


Das habe ich, denn man sieht ja auch nach und nach kleine Fortschritte. Gegen Teams, die auf einem vergleichbaren Niveau spielen wie wir, haben wir uns gut aus der Affäre gezogen. Wir haben gegen Usbekistan 1:1 gespielt, in Kuwait ebenfalls 1:1 und in der WM-Qualifikation sind wir bislang noch kein einziges Mal richtig unter die Räder geraten.

Was erwarten Sie denn von dem Kräftemessen mit Vize-Europameister Deutschland?

Meine Mannschaft soll die Chance nutzen, von Deutschland zu lernen. Wenn wir das Hinspiel in Baku knapp und beim Rückspiel nicht zu hoch verlieren, wären wir mehr als zufrieden. Klar ist aber, dass die deutsche Mannschaft der Topfavorit in beiden Spielen ist. Ein Tor gegen Deutschland wäre für meine Mannschaft wie ein dicker Lottogewinn.

Wo erwarten Sie die deutsche Mannschaft am Ende der WM-Qualifikation und was trauen Sie ihr bei der WM-Endrunde in Südafrika zu?

Deutschland wird ohne Wenn und Aber Gruppensieger und ist für mich auch einer der großen Anwärter auf den WM-Titel. Das Team ist auf allen Positionen sehr stark besetzt und hat in Mario Gomez zudem einen Mittelstürmer, der meiner Meinung nach das Zeug zum kommenden Weltstar hat.

Hat es Sie überrascht, dass in diesem Jahr der deutsche Nachwuchs drei EM-Titel gewinnen konnte?

Nein, das hat mich nicht überrascht, weil sich die Rahmenbedingungen in Deutschland zum Positiven geändert haben. Schon 1981 war es mein Anliegen, eine einheitliche Ausrichtung im Nachwuchsbereich von der U15 bis zur U18 zu schaffen. Heute gibt es in diesem Bereich andere Möglichkeiten, vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal im deutschen Fußball zu arbeiten?

Mit Sicherheit. Vielleicht nicht als Trainer, sondern als Technischer Direktor. Ich könnte mir auch vorstellen, dem DFB als Berater zu helfen.

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