Berti Vogts im Interview

„Keine Lust, Rentner zu sein”

Berti Vogts, kleiner Mann aus Deutschland, soll einen schlafenden Riesen wecken und Nigeria den Afrika-Cup bringen. Wir sprachen mit ihm über seine schwierige Mission, selbstgemachte Strafkataloge und seinen alten Kumpel Klinsi. Imago

Berti Vogts über die Qualität der afrikanischen Fußballer: „Wenn sie flügge geworden sind, gehen sie ins Ausland. Sie wollen raus und Geld verdienen, um ihre Familien zu unterstützen. Ich verstehe nicht, dass die Bundesliga so wenige Spieler auch aus Nigeria verpflichtet. Vielleicht sind sie zu preiswert.”

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...Nigerias Nationalmannschaft, die Montag im ersten Gruppenspiel auf die Elfenbeinküste trifft: „Das sind alles sehr gute Fußballer, robust und groß. Zwei, drei Kleine sind dabei, denen ich in die Augen schauen kann. Wir sind Mitfavorit, haben eine starke Mannschaft und hohe Qualität.”

... die Disziplin der Spieler:
„Sie kommen aus europäischen Top-Klubs, haben professionelles Denken mitgebracht und selbst einen Strafenkatalog erstellt. Wer zu spät kommt oder in der Gemeinschaft telefoniert, der zahlt. Aber man darf sie nicht nur reglementieren. Sie dürfen im Training zehn Minuten lang tun, was ihnen gerade Spaß macht.”

...die taktischen Defizite der afrikanischen Nationalmannschaften:
„Als ich im März 2007 in Nigeria angefangen habe, hatte ich elf Einzelspieler. Es sind Afrikaner, ungeheuer fantasievoll. Ich habe ihnen gesagt: Ihr müsst zehn Prozent für das Team abgeben, dann haben wir einen Spieler mehr auf dem Platz. Ihnen fehlt das defensive Denken. Wenn sie lernen, Spiele mit 1:0 zu gewinnen, dann wird es schwer für Europäer und Südamerikaner, sie zu schlagen.”

... seine Motivation, Nigerias Team, zu trainieren:
„Es ist eine Herausforderung, mit Top-Spielern zu arbeiten. Und ich hatte außerdem keine Lust, jetzt schon von der Rente zu leben.”

... die angeblich so schlechte Zahlungsmoral des Verbandes:
„Mein letztes Gehalt ist am 20. Dezember gekommen, ein schönes Weihnachtsgeschenk. Aber es ist längst nicht so dramatisch, wie man es in Deutschland darstellt. Natürlich liegt organisatorisch einiges im Argen. So habe ich vor der Frauen-WM in China für sechs nigerianische Spielerinnen, die in Europa tätig sind, Flugtickets gebucht und bezahlt, weil der Verband nur die heimischen Spielerinnen auf der Rechnung hatte. Ich musste sechs Wochen auf die Zurückerstattung des Geldes warten. Das war nicht ganz so lustig.”

... den Stellenwert des Fußballs in Nigeria: „Es gibt nur Fußball, Fußball, Fußball. Deshalb frage ich mich, weshalb Borussia Dortmund nach Polen und Indonesien fliegt, um die Bundesliga zu repräsentieren. Afrika ist ein schlafender Riese, hier wird Fußball gelebt und geliebt. Aber es gibt kein Kind, dass das Trikot eines deutschen Vereins trägt. Hier ist alles auf England fokussiert.”

...die vorher von ihm betreute schottische Nationalmannschaft, die gegen Frankreich und Italien knapp die EURO-Qualifikation verfehlte: „Ich hatte den Mut und den Auftrag, eine neue Mannschaft zu bilden, habe die älteren Spieler heraus- und ganz junge hineingenommen. Damit gewinnt man nicht so viele Spiele. Die Jungs haben heute die Erfahrung von 30 oder 40 Länderspielen. Ich ärgere mich immer noch, dass Schottland in Georgien verloren hat. Jetzt, wenn ich meinen Sohn Justin in Schottland besuche, bedanken sich die Leute bei mir, damals haben sie mich verflucht. Vielleicht wollte ich zu schnell zu viel.”

... den Wechsel seines Freundes Jürgen Klinsmann zum FC Bayern:
„Ich habe ihm vor vier Monaten gesagt: Jürgen, Du darfst nicht so lange vom Fußball fernbleiben. Für ihn konnte es nur zwei Städte geben: München oder London.”

... das Konfliktpotenzial beim FC Bayern: „Da treffen starke Persönlichkeiten zusammen mit Klinsmann, Hoeneß, Rummenigge, Breitner und Geschäftsführer Karl Hopfner, der total unterschätzt wird. Entscheidend wird sein, dass sie ehrlich und respektvoll miteinander umgehen. Es wird auch mal knallen. Bei Bayern hat Jürgen die Möglichkeit, einen Spieler für 20 oder 30 Millionen Euro zu verpflichten. Das gab es in der Bundesliga sonst nur vor zehn Jahren bei Borussia Dortmund.”

... die Nachwuchsarbeit in Deutschland, die Vogts schon vor Jahren revolutionieren wollte:
„Mein Papier wurde zu 60 Prozent umgesetzt. Ich sehe Verband und Vereine auf einem richtig guten Weg, bin aber nicht damit einverstanden, dass wir Spieler in ganz jungen Jahren schon in bestimmte Positionen zwingen wollen. Das Kreative und Fantasievolle bleibt so auf der Strecke. Wo wäre im 4-4-2-System noch ein Platz für Franz Beckenbauer, Günter Netzer oder Uwe Bein?”

... die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika:
„Ein wunderbares Land, die Schweiz am Meer. Organisatorisch wird die WM reibungslos ablaufen, weil das Sache der FIFA ist. Und die Sicherheit? In Deutschland werden zu viele Schauermärchen verbreitet. Johannesburg sollte man meiden. Sportlich ist es für Afrika die letzte Chance, ein Ausrufezeichen zu setzen.”


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