19.01.2008

Berti Vogts im Interview

„Keine Lust, Rentner zu sein”

Berti Vogts, kleiner Mann aus Deutschland, soll einen schlafenden Riesen wecken und Nigeria den Afrika-Cup bringen. Wir sprachen mit ihm über seine schwierige Mission, selbstgemachte Strafkataloge und seinen alten Kumpel Klinsi.

Interview: Wilfried Wittke Bild: Imago
Berti Vogts über die Qualität der afrikanischen Fußballer: „Wenn sie flügge geworden sind, gehen sie ins Ausland. Sie wollen raus und Geld verdienen, um ihre Familien zu unterstützen. Ich verstehe nicht, dass die Bundesliga so wenige Spieler auch aus Nigeria verpflichtet. Vielleicht sind sie zu preiswert.”



...Nigerias Nationalmannschaft, die Montag im ersten Gruppenspiel auf die Elfenbeinküste trifft: „Das sind alles sehr gute Fußballer, robust und groß. Zwei, drei Kleine sind dabei, denen ich in die Augen schauen kann. Wir sind Mitfavorit, haben eine starke Mannschaft und hohe Qualität.”

... die Disziplin der Spieler:
„Sie kommen aus europäischen Top-Klubs, haben professionelles Denken mitgebracht und selbst einen Strafenkatalog erstellt. Wer zu spät kommt oder in der Gemeinschaft telefoniert, der zahlt. Aber man darf sie nicht nur reglementieren. Sie dürfen im Training zehn Minuten lang tun, was ihnen gerade Spaß macht.”

...die taktischen Defizite der afrikanischen Nationalmannschaften:
„Als ich im März 2007 in Nigeria angefangen habe, hatte ich elf Einzelspieler. Es sind Afrikaner, ungeheuer fantasievoll. Ich habe ihnen gesagt: Ihr müsst zehn Prozent für das Team abgeben, dann haben wir einen Spieler mehr auf dem Platz. Ihnen fehlt das defensive Denken. Wenn sie lernen, Spiele mit 1:0 zu gewinnen, dann wird es schwer für Europäer und Südamerikaner, sie zu schlagen.”

... seine Motivation, Nigerias Team, zu trainieren:
„Es ist eine Herausforderung, mit Top-Spielern zu arbeiten. Und ich hatte außerdem keine Lust, jetzt schon von der Rente zu leben.”

... die angeblich so schlechte Zahlungsmoral des Verbandes:
„Mein letztes Gehalt ist am 20. Dezember gekommen, ein schönes Weihnachtsgeschenk. Aber es ist längst nicht so dramatisch, wie man es in Deutschland darstellt. Natürlich liegt organisatorisch einiges im Argen. So habe ich vor der Frauen-WM in China für sechs nigerianische Spielerinnen, die in Europa tätig sind, Flugtickets gebucht und bezahlt, weil der Verband nur die heimischen Spielerinnen auf der Rechnung hatte. Ich musste sechs Wochen auf die Zurückerstattung des Geldes warten. Das war nicht ganz so lustig.”

... den Stellenwert des Fußballs in Nigeria: „Es gibt nur Fußball, Fußball, Fußball. Deshalb frage ich mich, weshalb Borussia Dortmund nach Polen und Indonesien fliegt, um die Bundesliga zu repräsentieren. Afrika ist ein schlafender Riese, hier wird Fußball gelebt und geliebt. Aber es gibt kein Kind, dass das Trikot eines deutschen Vereins trägt. Hier ist alles auf England fokussiert.”

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