Bernd Trautmann über seine große Karriere in England

»Ich wollte weiterleben«

Bernd Trautmann wurde nach dem Krieg in England zur Legende. Im Kasten von ManCity reifte er zum besten Torhüter seiner Zeit, machte aber nie ein Länderspiel. Im Juli 2013 verstarb er. Wir sprachen im Jahr 2009 mit ihm über seinen Weg vom Kriegsgefangenen zum Helden vom Manchester. Bernd Trautmann über seine große Karriere in England

Bernd Trautmann, sind Sie enttäuscht, wenn Sie an die fünfziger Jahre zurückdenken?
Wieso sollte ich enttäuscht sein?

Immerhin reiften Sie in England zu einem der besten Torhüter der Welt. In Ihrer Heimat waren Sie lange nur Experten ein Begriff.
Ich konnte damit umgehen, weil ich wusste, dass in beiden Ländern ein unterschiedliches Verständnis vom Fußball herrschte. In England ließen sie einen nicht sterben, wenn es mal nicht lief, während man in Deutschland vor allem auf die Erfolge schaute. Nach der WM 1954 hatte Deutschland seine Helden. Da konnte ich nur eine Nebenrolle spielen.

Ihre Geschichte liest sich wie ein Märchen: Vom deutschen Kriegsgefangenen zum Star in England, der trotz Genickbruch weiterspielt. Genug Potential für eine Heldenverehrung.
Die Verletzung war Fluch und Segen zugleich. Ich habe mich oft darüber geärgert, dass ich für die meisten nur der Mann bin, der sich in einem Spiel das Genick gebrochen hat. Ich habe 15 Jahre Fußball gespielt und alles, woran man sich erinnert, ist diese Verletzung?

Sie wurden zur Legende. Ein Symbol für Tapferkeit und Willensstärke.
Wissen Sie was: Hätte ich in diesem Spiel gewusst, wie schwer meine Verletzung wirklich ist, wäre ich sofort rausgegangen. Ich wollte doch weiterleben.


>> Zwei Finger breit: Eine Begegnung mit Bernd Trautmann


Sie kamen 1946 als Kriegsgefangener nach England. In den Gefangenenlagern wurde bereits regelmäßig Fußball gespielt. Was kam in diesen Teams an Fußballkompetenz zusammen?

Wir hatten eine respektable Truppe im Camp 50. Karl Krause hat später für Schalke gespielt, Günther Lühr in Bremerhaven. Der Fußball war eine wichtige Ablenkung. Ich freute mich den ganzen Tag aufs Spielen.

Hatten Sie als Kriegsgefangener überhaupt noch Kraft zum Fußballspielen?

Wir sind von den Engländern sehr gut behandelt worden. Wir haben das gleiche Essen bekommen wie die Dorfbewohner, denen es auch nicht gutging. Am Feind wurde nicht gespart. Das hat mich beeindruckt.

Wie ging die englische Politik nach der Entlassung mit ihren Kriegsgefangenen um?
Im Zuge der Entnazifizierung wurde ich als Nazi eingestuft. Deswegen lud mich der britische Geheimdienst MI-5 in meinen Anfangsjahren als Spieler noch regelmäßig zur Befragung vor. Nach Jahren ging es dort fast freundschaftlich zu. Wir haben uns zum Tee getroffen und über Fußball gesprochen.

Sie wurden 1948 zum Star des Kleinstadtvereins St. Helens Town. Ein Mitspieler nannte Sie gar den »ersten Posterboy des Fußballs«. Bald kamen Angebote aus der First Division.
Der Verein wusste vor meiner zweiten Saison, dass ich nicht zu halten war. Es gab Anfragen von Arsenal, Tottenham, Everton, Manchester United und City. Das finanziell beste Angebot hatte ich allerdings aus Burnley.

Dennoch gingen Sie 1949 zu Manchester City.
Die City-Verantwortlichen lockten St. Helens’ Direktor Jack Friar zu vermeintlichen Verhandlungen nach Manchester, standen aber plötzlich vor meiner Tür. Ich lag an dem Tag mit einer Grippe im Bett. Sie schwärmten von mir und hatten einen Vertrag dabei. Ich wollte sie einfach nur loswerden – weil ich auf die Toilette musste. Doch sie redeten weiter. Irgendwann hatte ich genug und unterschrieb. Von dem Tag an war ich ein Citizen.

Die Nachricht, dass ein Deutscher bei City das Tor hüten wird, sorgte in Manchester für massiven Widerstand. Erst die mahnenden Worte des Rabbis Dr. Alexander Altmann glätteten die Wogen ein wenig.
Die jüdische Gemeinde verehrte Altmann als bedeutenden Wissenschaftler. Leider konnte ich ihm nie dafür danken, dass er für mich Partei ergriff. Ich hätte ihn einfach einmal anrufen sollen, das wäre heutzutage kein Problem. Damals war das komplizierter. Und ehrlich gesagt, war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt.

Wie haben Sie die Proteste miterlebt?
Gar nicht. Ich habe zum Glück noch in St. Helens gewohnt und von den Demonstrationen erst aus der Zeitung erfahren. Ich bin froh, dass ich damals nicht vor Ort war, denn ich weiß nicht, wie ich das verarbeitet hätte. Wenn ich hätte erleben müssen, wie man mich persönlich angreift, wäre ich wahrscheinlich nie in England geblieben.

Sie spielten anfangs in der Reserve von City. Wollte der Verein Sie schützen?
Man konnte mich nicht schützen. Ich stand im Fokus. Zu meinem ersten Spiel bei Barnsley kamen 27 000 Zuschauer ins Stadion. Normalerweise gingen zu so einer Partie maximal 2000. Alle wollten den Deutschen sehen. Ich habe mich gefühlt wie ein Affe im Zoo.

Wie haben sich die Fans benommen?

Die ersten Minuten waren schlimm. Von den Rängen kamen Nazi-Rufe, einige rissen den rechten Arm in die Luft. So fair die Engländer auch zu mir waren, in den ersten Tagen habe ich viel Ablehnung in ihren Augen gesehen. Aber wer konnte es ihnen verübeln?

Wie gingen Sie damit um?
Ich versuchte, es zu ignorieren. Ich habe mit dem Gefühl gelebt, dass sie zu wenig über die wahren Begebenheiten in Deutschland wussten. Sie sahen nur die Mörder und Kriegstreiber. Für sie war ich einer von denen.

Wie würden Sie das englische Fußballpublikum der Fünfziger allgemein beschreiben?
Am Match Day waren immer um die 50 000 Zuschauer an der Maine Road. Die Leute hatten nach dem Krieg einiges nachzuholen. Vor dem Stadion standen drei berittene Polizisten und im Innenraum zwei. Doch von Gedränge keine Spur. Die Menschen haben sich in eine Schlange gestellt und gewartet. Fußball war ein soziales Ereignis, aber die Zuschauer interessierte auch, wie das Spiel funktioniert. Es gab kaum Gesang oder Tanz auf den Rängen. Man konzentrierte sich auf das Spiel. Ich würde behaupten, das Publikum hatte mehr Sachverstand als die heutige Generation. Für die ist Fußball doch nur noch eine Spaßveranstaltung.

Ihr erstes Spiel in London hat Ihre öffentliche Wahrnehmung gewandelt. Was war passiert?
London war das Medienzentrum des Landes. Alle sagten, wenn du es da schaffst, schaffst du es überall. Wir spielten zuerst gegen Fulham. Ich erinnere mich noch an den Geruch im Cottage: Die Mischung aus Holz und Zigarettenqualm, die kalte Feuchtigkeit der Themse stand in der Luft. Es war sehr eng, ich spürte den Atem der Fans in meinem Nacken.

City verlor das Spiel mit 0:1.
Nach dem Abpfiff geschah Erstaunliches: Die Zuschauer erhoben sich, die Spieler bildeten ein Spalier. Alle jubelten mir zu. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: »Gegen diese City-Mannschaft hätten wir zehn Tore machen müssen. Aber es war nur eins.« Ich hatte die Probe bestanden.

Woher nahmen Sie den Mut, sich als Deutscher kurz nach Kriegsende Woche für Woche der britischen Öffentlichkeit zu stellen?
Es war seltsam, denn ich litt seit meiner Kindheit unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Ein Beispiel: Ich musste bei City, genau wie meine Mitspieler, mit dem Bus zum Training fahren. Nach Trainingsschluss haben oft schon einige Mitspieler an der Haltestelle gewartet. Wenn ich sie sah, habe ich mich versteckt. Ich wartete lieber eine Stunde auf den nächsten Bus, in dem ich alleine saß.

Sie ließen sich im Stadion von tausenden Fans anfeinden, hatten aber Angst vor Ihren eigenen Kollegen?
Ich kann es nicht erklären. In kleinen Gruppen war ich einfach scheu. Das hat wohl etwas mit meiner autoritären Erziehung zu tun. Als kleiner Junge hatte ich nicht viel zu melden. Ich habe in meiner ganzen Karriere auch nie geglaubt, dass ich ein überragender Torwart bin. Egal wie groß die Lobeshymnen waren, ich habe immer an mir gezweifelt.

Wie gingen die Gegner mit Ihnen um?
Durchweg fair. Diejenigen, die mich hart attackierten, kann ich an einer Hand abzählen.

Der knochenharte englische Fußball der Fünfziger ist also ein Mythos?
Alles andere als das. Natürlich ging es sehr hart zu. Gerade als Torwart musste man auch mal die Schulter ausfahren. Ich habe überall Narben, wie oft meine Nase gebrochen war, weiß ich nicht mal mehr. Wenn dir ein Gigant wie John Charles gegenüberstand, musstest du ihm klar machen, wo die Grenze ist.

Charles wurde »Sanfter Riese« genannt. Er sah in seiner Karriere nicht eine Gelbe Karte.
Diese Kerle waren nie unfair, es gehörte einfach zum damaligen Spiel, dass man einander anging. Doch bei aller Härte ging es ehrlich zu. Man respektierte sich. Außerdem wollten wir die Leute unterhalten. Ich habe in England gelernt, dass man nicht immer gewinnen kann. So verbissen es auch zuging, es sollte vor allem Spaß machen.

Wie sah dieser Spaß aus?
In einem Spiel gegen Birmingham geriet ich mehrfach mit dem Rechtsaußen Murphy aneinander. Ein Schotte. Einmal schrie er: »Fucking german. I’m going to kill you!« In der Halbzeit sagte ich zu meinem Trainer, dass ich nicht mehr rausgehe, weil mir dieser Murphy gedroht habe. Ich meinte es ernst.

Wie hat Ihr Trainer Les McDowall reagiert?
Er ging aus der Kabine, kam wieder und sagte: »Ich habe das geklärt.« Murphy hielt sich in der zweiten Hälfte zurück. Nach dem Spiel klopfte es an unserer Kabinentür. Da stand Murphy – splitterfasernackt. Er kam auf mich zu und entschuldigte sich. Seine Mannschaft hatte ihn dazu gezwungen. Ich hatte größten Respekt vor so viel Anstand. Die Anderen haben lachend am Boden gelegen.

Heute gilt England als eine der besten Ligen der Welt. Wie war es in den Fünfzigern?
Auch da war England das Maß aller Dinge. Das haben wir auf unseren Auslandsreisen nach Spanien, Italien und Deutschland gemerkt. Dort gab es gute Mannschaften, aber bei uns ging es wesentlich intensiver zu.

Sie spielten gegen Bobby Charlton und Stanley Matthews. Wer ist für Sie die größte Persönlichkeit im englischen Fußball?
Tom Finney überragte alle. Er hat nie die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm gerecht geworden wäre, weil er immer nur bei Preston North End gespielt hat. Man hat ihn regelmäßig in Grund und Boden getreten, aber er ist stets wieder aufgestanden, hat sich das Hemd abgeklopft und weitergespielt. Ich habe nie einen bescheideneren und vorbildlicheren Menschen getroffen als Tom.

Konnte man als Profi in den fünfziger Jahren auf der Insel reich werden?
Natürlich standen wir finanziell besser da als normale Arbeiter, aber reich geworden ist niemand. Bei City bekamen alle das Gleiche: dreizehn Pfund pro Woche, zwei Pfund extra pro Sieg. Brutto. Manchmal gab es für ein Interview sieben Pfund. Schon während meiner aktiven Zeit habe ich eine Zeitungskolumne schreiben dürfen. Dafür gab es vierzehn Pfund pro Text, fast mehr als für meine Arbeit bei City. Allerdings weiß ich nicht, ob ich den gleichen Ehrgeiz hätte entwickeln können, wenn ich damals 100 000 Pfund pro Woche verdient hätte. Wir mussten spielen, um überhaupt etwas zu verdienen.

Hatten Sie noch andere »Nebenjobs«?
Wir haben im Jahr bis zu 90 ehrenamtliche Termine im Auftrag des Vereins wahrgenommen. Von kleinen Geschäftseröffnungen bis zu Besuchen in Krankensälen.

Was war Ihre kurioseste Aufgabe?
Die meisten Pubs hatten Patenschaften für Krankenhäuser. Wenn man dort ein Pint bestellte, ließ man das Wechselgeld auf dem Tresen liegen. Nach Wochen bildeten sich Pence-Stapel, mannshohe Zuckerhüte. Die Tresen mussten teilweise verstärkt werden, weil sie unter der Last zusammenzubrechen drohten. Wenn der Turm hoch genug war, bestellte sich der Pub einen Fußballer und die Presse. Als Spieler musste ich dieses Ungetüm umstoßen. Das Geld fiel in eine Wolldecke und wurde zum Krankenhaus gebracht.

Gab es seitens des Vereins einen Verhaltenskodex für die Auftritte in der Öffentlichkeit?
Wir bekamen kleine Benimmheftchen mit klaren Regeln: Vornehm zurückhaltendes Auftreten war genauso Pflicht wie gutes Benehmen und ordentliche Kleidung. Das galt für unsere gesamte öffentliche Präsenz, egal ob man auf Journalisten oder Fans traf. Wir wussten: Ohne die sind wir nichts.

Welches gesellschaftliche Ansehen hatten Sie als Profi?
Trotz all der Warmherzigkeit, all der Fairness, die ich erfahren habe, kam ich mir immer vor wie ein Fabrikarbeiter. Ich fühlte mich als Nummer. Nie voll integriert im Verein.

Es gab kein Familiengefühl?
Wenn man gut gespielt hatte, gab es viele Schulterklopfer. Dennoch lebte ich mit dem Gefühl, dass wir Fußballer in der Gesellschaft weit unten standen. Die öffentliche Meinung war: Fußballer sind dumm, das bisschen Hirn, das sie haben, tragen sie im kleinen Zeh.

Bekamen Sie denn viel Fanpost?
Säckeweise. Ich habe bis zu 300 Briefe in der Woche bekommen. Einige ehemalige Kriegsgefangene haben mir ihre Erfahrungen mitgeteilt. Die meiste Post aus der Heimat bekam ich übrigens aus Ostdeutschland.

Warum waren Sie im Osten so beliebt?

Ich kann es mir nicht erklären. Ich vermute, dass den Menschen meine Geschichte gefallen hat. Sie waren eingesperrt. Vielleicht mochten sie es, dass ein ehemaliger Kriegsgefangener die Freiheit erleben darf.

Wie haben Sie all die Jahre Kontakt zu Ihrer Familie in Deutschland halten können?

So gut ich als Torwart gewesen sein muss, so schlecht war ich im Briefeschreiben. Deswegen hatte ich leider nur sporadischen Kontakt zu den Eltern. Sie besaßen auch kein Telefon. Meiner Mutter hat das sehr zugesetzt. Sie hat mich mit 17 verloren, weil ich in den Krieg zog. Das sind Entbehrungen, Ängste, die man seiner Mutter nicht zumuten möchte. Unser Verhältnis hat darunter schwer gelitten. Während der Kriegsgefangenschaft durfte man genau einen Brief im Monat schreiben. Doch auf den Vordrucken des Roten Kreuzes war nur Platz für hundert Worte. Was kann man schon in hundert Worten sagen?

Hatten Sie denn in all der Zeit nie Heimweh?
Natürlich. Ich bin und bleibe Deutscher.

Fast wäre ich ja auch bei Schalke gelandet. 1952 buhlte der Verein um Sie. Wie kam der Kontakt zustande?
Karl Krause, mein Teamkollege aus dem Lager, spielte auf Schalke. Er rief mich an und sagte, dass man Interesse an mir habe. Ich war nicht abgeneigt, brauchte eine neue Herausforderung. Ich erzählte, meine Mutter sei sehr krank, und bin nach Gelsenkirchen gereist. Präsident Wildfang, Fritz Szepan und Ernst Kuzorra haben mir sogar eine Tankstelle gezeigt, die mir gehören sollte.


Letztendlich scheiterte der Wechsel an der horrenden Ablöseforderung von 25.000 Pfund, damals umgerechnet 250.000 Mark.

Diese Summe sprengte alles bisher Dagewesene. In der deutschen Presse drehte sich der Wind: Die anfängliche Euphorie um meinen möglichen Wechsel schlug in Skepsis gegenüber meiner Person um. City wurde die Ablöse als Arroganz ausgelegt, und ich hatte das Gefühl, die Menschen glaubten, auch ich wolle abkassieren. Ich habe gemerkt, dass die Deutschen sehr viel kritischer und kurzsichtiger mit solchen Dingen umgehen.

Haben Sie dieser Chance nachgetrauert?
Im Nachhinein war ich froh, dass es nicht geklappt hat. Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Mentalität des Neids hätte umgehen können.

Sie haben mit City fast 80 Freundschaftsspiele in Deutschland bestritten. Welche Bedeutung hatten diese Partien für Sie?
Ich wollte den Zuschauern zeigen, dass ich in einer guten Mannschaft spiele, doch meine Kollegen hatten eine andere Einstellung. Sie wollten sich in der Off-Season ausruhen und haben sich einen Spaß daraus gemacht, mich schlecht aussehen zu lassen. Das hat mich tierisch aufgeregt. Als wir 1953 in Frankfurt spielten, haben meine Mitspieler absichtlich einen Elfmeter verschuldet, doch ich konnte parieren. An diesem Tag saß auch Bundestrainer Sepp Herberger auf der Tribüne.

Hat er Ihnen jemals erklärt, warum Sie nie für Deutschland spielen durften?
Nein, aber ich glaube, er hatte Angst. Angst davor, dass er mich holt und ich nicht die Leistung bringe. Dann hätte er in der Kritik gestanden. Die Presse schaute genau hin. Er konnte nicht testweise einen Spieler aus dem Ausland holen, das war von höchster Brisanz.

War Herberger ein Angsthase?
Für ihn bestand keine Notwendigkeit, etwas zu riskieren. Turek, Kwiatkowski, Kubsch: Das waren hervorragende Torhüter. Warum sollte er mich holen? Ich kannte die Mannschaft nicht, das hätte wirklich nach hinten losgehen können. Ich habe Seppl verstanden.

Wie haben Sie den WM-Sieg 1954 erlebt?

Das Finale habe ich in Manchester im Radio gehört. Ich habe mich natürlich gefreut, mehr aber auch nicht. In England wurde anschließend auch nicht viel darüber berichtet.

Ohne Aussicht auf einen Nationalmannschaftseinsatz konzentrierten Sie sich auf den Verein und holten 1956 den FA-Cup mit City. Wie sah der Alltag in dieser Erfolgsmannschaft aus?
Es gab nur einen Boss: Les McDowall, unseren Trainer. Er hatte das Sagen. Wir haben zwar viele Fehler gemacht und uns gegenseitig kritisiert. Aber nie in der Öffentlichkeit, das galt als Todsünde.

Es krachte auf den Mannschaftsabenden?
Wir hatten nicht mal ein Vereinsheim, es gab auch keine Mannschaftsabende. Man war schlichtweg Angestellter des Vereins. Bier spendierte der Klub auch nur nach erfolgreichen Auswärtsspielen.

Nach Ihrer schweren Verletzung 1956 starb Ihr Sohn bei einem Unfall. Hat der Fußball Ihnen geholfen, darüber hinwegzukommen?
Ich war 33 Jahre alt, als das alles passierte. Nach dem Wirbelbruch wurde mir in die Schädeldecke gebohrt, ich bekam einen Gipshelm und musste wochenlang auf einem Holzbrett schlafen. Ich war wie ein kleines Baby. Mitten in der Genesung dann dieser Schock. Ich konnte nicht mehr und stürzte mich ins Training, um mich abzulenken. Doch mein Timing, das Gefühl für den Raum, alles war weg. Dennoch wollte ich schnellstmöglich zeigen, dass ich noch der Alte bin. Ich brauchte die Bestätigung.

City bekam in der Saison 1957/58 114 Gegentore. Wollten Sie hinschmeißen?
Wir verloren fast jedes Spiel. Also bin ich zum Boss gegangen und habe gesagt: »Ich kann nicht mehr. Ich höre auf.« Ich war frustriert, weil wir durch mich viele Punkte verloren hatten. Er sagte nur: »Hast du mal darüber nachgedacht, wie viele Spiele du uns schon gerettet hast? Du bleibst!« Nacheinander standen meine Mitspieler auf und sagten: »Du bleibst, Langer!«

Probierte der Trainer noch andere Motivationstricks mit Ihnen aus?
Vor einem Spiel gegen West Ham ließ der Boss extra einen Psychoanalytiker aus Neuseeland kommen. Der Mann bat Colin Barlow und mich in die Mitte. Wir sollten uns gegenseitig Fragen stellen, die wir aber ausschließlich positiv beantworten durften. Ich fragte: »Colin, wie bewertest du meine Leistungen?« Er sagte: »Langer, ich habe nie einen eleganteren Torwart gesehen als dich.« Ich kam mir vor wie ein Idiot.

Hat diese Methode Wirkung gezeigt?
Wir haben 0:4 verloren.

Sie haben den Weltkrieg erlebt, sahen durch den Fußball dem Tod ins Auge. Sieht man das Spiel vor diesem Hintergrund anders?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Natürlich gibt es Dinge, die man im Krieg gesehen hat und nie vergessen kann. Das prägt, härtet vielleicht ab und macht einen empfindlicher für Ungerechtigkeiten. Der Zweifel an Obrigkeiten, Misstrauen, das nimmt man mit für das weitere Leben. Beim Fußball konnte ich all das ausblenden. Vielleicht war ich deswegen immer so fokussiert.

War die Kriegsgefangenschaft im Rückblick vielleicht sogar ein Segen für Sie?
Ich habe oft darüber nachgedacht, was aus mir geworden wäre, wenn man mich nicht nach England gebracht hätte. Ich wäre wohl meinem Heimatverein Tura Bremen treu geblieben und hätte nie in das Sichtfeld des Weltfußballs rücken können. Der Weg, den ich gegangen bin, wäre in Deutschland unmöglich gewesen. Durch meine Herkunft stand ich in England sofort im Rampenlicht. Das hat mich herausgefordert, ständig an mir zu arbeiten. Diese Einstellung hat mir den Weg geebnet.

Hatten Sie eigentlich Vorbilder?
Wer war 1949 denn noch da? An wem sollte ich mich orientieren? Beim Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Russland im September 1956 traf ich Lew Jaschin. Er sagte, er habe mich einmal in England spielen sehen und möge meinen Stil. Von ihm habe ich mir auch ein Autogramm geholt.

Haben Sie ihm auch eins gegeben?
Er hat nicht danach gefragt, und ich dränge mich grundsätzlich nicht auf.

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