02.04.2012
Bernd Trautmann über seine große Karriere in England
»Ich wollte weiterleben«
Bernd Trautmann wurde nach dem Krieg in England zur Legende. Im Kasten von ManCity reifte er zum besten Torhüter seiner Zeit, machte aber nie ein Länderspiel. Heute wird er 89 Jahre alt. Ein Gespräch über seinen Weg vom Kriegsgefangenen zum Helden vom Manchester.
Interview:
Benjamin Kuhlhoff
Bild: Imago
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Begegnung mit Bernd Trautmann
Zwei Finger breit
Letztendlich scheiterte der Wechsel an der horrenden Ablöseforderung von 25.000 Pfund, damals umgerechnet 250.000 Mark.
Diese Summe sprengte alles bisher Dagewesene. In der deutschen Presse drehte sich der Wind: Die anfängliche Euphorie um meinen möglichen Wechsel schlug in Skepsis gegenüber meiner Person um. City wurde die Ablöse als Arroganz ausgelegt, und ich hatte das Gefühl, die Menschen glaubten, auch ich wolle abkassieren. Ich habe gemerkt, dass die Deutschen sehr viel kritischer und kurzsichtiger mit solchen Dingen umgehen.
Haben Sie dieser Chance nachgetrauert?
Im Nachhinein war ich froh, dass es nicht geklappt hat. Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Mentalität des Neids hätte umgehen können.
Sie haben mit City fast 80 Freundschaftsspiele in Deutschland bestritten. Welche Bedeutung hatten diese Partien für Sie?
Ich wollte den Zuschauern zeigen, dass ich in einer guten Mannschaft spiele, doch meine Kollegen hatten eine andere Einstellung. Sie wollten sich in der Off-Season ausruhen und haben sich einen Spaß daraus gemacht, mich schlecht aussehen zu lassen. Das hat mich tierisch aufgeregt. Als wir 1953 in Frankfurt spielten, haben meine Mitspieler absichtlich einen Elfmeter verschuldet, doch ich konnte parieren. An diesem Tag saß auch Bundestrainer Sepp Herberger auf der Tribüne.
Hat er Ihnen jemals erklärt, warum Sie nie für Deutschland spielen durften?
Nein, aber ich glaube, er hatte Angst. Angst davor, dass er mich holt und ich nicht die Leistung bringe. Dann hätte er in der Kritik gestanden. Die Presse schaute genau hin. Er konnte nicht testweise einen Spieler aus dem Ausland holen, das war von höchster Brisanz.
War Herberger ein Angsthase?
Für ihn bestand keine Notwendigkeit, etwas zu riskieren. Turek, Kwiatkowski, Kubsch: Das waren hervorragende Torhüter. Warum sollte er mich holen? Ich kannte die Mannschaft nicht, das hätte wirklich nach hinten losgehen können. Ich habe Seppl verstanden.
Wie haben Sie den WM-Sieg 1954 erlebt?
Das Finale habe ich in Manchester im Radio gehört. Ich habe mich natürlich gefreut, mehr aber auch nicht. In England wurde anschließend auch nicht viel darüber berichtet.
Ohne Aussicht auf einen Nationalmannschaftseinsatz konzentrierten Sie sich auf den Verein und holten 1956 den FA-Cup mit City. Wie sah der Alltag in dieser Erfolgsmannschaft aus?
Es gab nur einen Boss: Les McDowall, unseren Trainer. Er hatte das Sagen. Wir haben zwar viele Fehler gemacht und uns gegenseitig kritisiert. Aber nie in der Öffentlichkeit, das galt als Todsünde.
Es krachte auf den Mannschaftsabenden?
Wir hatten nicht mal ein Vereinsheim, es gab auch keine Mannschaftsabende. Man war schlichtweg Angestellter des Vereins. Bier spendierte der Klub auch nur nach erfolgreichen Auswärtsspielen.
Nach Ihrer schweren Verletzung 1956 starb Ihr Sohn bei einem Unfall. Hat der Fußball Ihnen geholfen, darüber hinwegzukommen?
Ich war 33 Jahre alt, als das alles passierte. Nach dem Wirbelbruch wurde mir in die Schädeldecke gebohrt, ich bekam einen Gipshelm und musste wochenlang auf einem Holzbrett schlafen. Ich war wie ein kleines Baby. Mitten in der Genesung dann dieser Schock. Ich konnte nicht mehr und stürzte mich ins Training, um mich abzulenken. Doch mein Timing, das Gefühl für den Raum, alles war weg. Dennoch wollte ich schnellstmöglich zeigen, dass ich noch der Alte bin. Ich brauchte die Bestätigung.
City bekam in der Saison 1957/58 114 Gegentore. Wollten Sie hinschmeißen?
Wir verloren fast jedes Spiel. Also bin ich zum Boss gegangen und habe gesagt: »Ich kann nicht mehr. Ich höre auf.« Ich war frustriert, weil wir durch mich viele Punkte verloren hatten. Er sagte nur: »Hast du mal darüber nachgedacht, wie viele Spiele du uns schon gerettet hast? Du bleibst!« Nacheinander standen meine Mitspieler auf und sagten: »Du bleibst, Langer!«
Probierte der Trainer noch andere Motivationstricks mit Ihnen aus?
Vor einem Spiel gegen West Ham ließ der Boss extra einen Psychoanalytiker aus Neuseeland kommen. Der Mann bat Colin Barlow und mich in die Mitte. Wir sollten uns gegenseitig Fragen stellen, die wir aber ausschließlich positiv beantworten durften. Ich fragte: »Colin, wie bewertest du meine Leistungen?« Er sagte: »Langer, ich habe nie einen eleganteren Torwart gesehen als dich.« Ich kam mir vor wie ein Idiot.
Hat diese Methode Wirkung gezeigt?
Wir haben 0:4 verloren.
Sie haben den Weltkrieg erlebt, sahen durch den Fußball dem Tod ins Auge. Sieht man das Spiel vor diesem Hintergrund anders?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Natürlich gibt es Dinge, die man im Krieg gesehen hat und nie vergessen kann. Das prägt, härtet vielleicht ab und macht einen empfindlicher für Ungerechtigkeiten. Der Zweifel an Obrigkeiten, Misstrauen, das nimmt man mit für das weitere Leben. Beim Fußball konnte ich all das ausblenden. Vielleicht war ich deswegen immer so fokussiert.
War die Kriegsgefangenschaft im Rückblick vielleicht sogar ein Segen für Sie?
Ich habe oft darüber nachgedacht, was aus mir geworden wäre, wenn man mich nicht nach England gebracht hätte. Ich wäre wohl meinem Heimatverein Tura Bremen treu geblieben und hätte nie in das Sichtfeld des Weltfußballs rücken können. Der Weg, den ich gegangen bin, wäre in Deutschland unmöglich gewesen. Durch meine Herkunft stand ich in England sofort im Rampenlicht. Das hat mich herausgefordert, ständig an mir zu arbeiten. Diese Einstellung hat mir den Weg geebnet.
Hatten Sie eigentlich Vorbilder?
Wer war 1949 denn noch da? An wem sollte ich mich orientieren? Beim Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Russland im September 1956 traf ich Lew Jaschin. Er sagte, er habe mich einmal in England spielen sehen und möge meinen Stil. Von ihm habe ich mir auch ein Autogramm geholt.
Haben Sie ihm auch eins gegeben?
Er hat nicht danach gefragt, und ich dränge mich grundsätzlich nicht auf.



