Bernd Storck im Interview

»Man kann etwas wecken«

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Herr Storck, Sie sind neuer Nationaltrainer Kasachstans. Da darf man ruhig gratulieren, oder?

Gerne, das ist schon eine schöne Sache. Und unglaublich eigentlich. Im Sommer habe ich als Trainer der U 21 angefangen, dann ist der Job bei Kairat Almaty hinzugekommen – und jetzt bin ich auch noch Nationaltrainer, allerdings nur für ein Spiel.

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Das steht schon fest?

Zumindest hat sich der Verband so geäußert, aber er hat sich auch alle Optionen offen gelassen.

Es gibt auf jeden Fall Schlimmeres, als sein Debüt als Nationaltrainer im Wembley- Stadion gegen England zu geben.

Allerdings. Vor allem für meine jungen Spieler wird das eine große Sache. In meinem Kader für London gibt es einige Überraschungen. Der bisherige Stammtorwart ist nicht mehr dabei. Der hat in den letzten sechs Spielen 16 Tore kassiert und überhaupt keine Sicherheit ausgestrahlt. Und unseren einzigen Legionär von Dynamo Moskau kann ich auch nicht brauchen.

Warum nicht?


Der hat öffentlich gesagt, dass ihm die Nationalmannschaft scheißegal ist. Da vertraue ich lieber jungen, hungrigen Spielern. Von den 22, die bei den letzten beiden Qualifikationsspielen im Aufgebot standen, sind noch acht dabei. Alle anderen kommen aus der U 21.

Deren Trainer zufälligerweise Sie sind.


Die jungen Spieler sind fußballerisch einfach besser. Wir haben mit der U 21 in der EM-Qualifikation Polen 3:0 geschlagen, und gegen Spanien kurz vor Schluss das 1:2 kassiert, ein Eigentor. Die Spanier hatten Spieler dabei, die bei Real und Barcelona zum Stamm gehören.

Was erwarten Sie von Ihrer Mannschaft gegen England?

Dass die Jungs sich gut verkaufen, dass sie frech auftreten, aggressiv sind und nach vorne spielen, wenn sich ihnen die Chance dazu bietet. Ich bin da ganz zuversichtlich. Und Angst habe ich als Deutscher sowieso nicht.

Sie haben Ihrem Kollegen Fabio Capello zumindest eines voraus: Sie kennen seine Spieler vermutlich besser als er Ihre.


Wahrscheinlich kennt er keinen einzigen. Ich weiß auch nicht, ob ihn das interessiert. Das kann ein kleiner psychologischer Vorteil sein, dass die Engländer denken: Kasachstan? Die hauen wir weg!

Ihr Vorgänger wurde nach Niederlagen gegen Kroatien und Ukraine entlassen. Könnte es sein, dass die Ansprüche in Kasachstan etwas zu hoch sind?

Wenn man nur die Resultate nimmt, 0:3 in Kroatien, 1:3 gegen die Ukraine, hört sich das nicht besonders dramatisch an. Aber gegen Kroatien hätten wir auch sechs oder sieben Stück kriegen können. Fußballerisch war das viel zu wenig. Derjenige, der den Ball hatte, war die ärmste Sau. Es gibt hier im Fußball eine gewisse Stagnation. Wir müssen jetzt den nächsten Schritt machen. Von unten kommen gute Jungs nach. Die sind sehr willig und aufnahmefähig. Das ganze Land ist im Aufbruch. Wir wollen bei der EM 2016 dabei sein. Aber man muss auch realistisch bleiben. Das geht nicht von heute auf morgen.

Was wird von Ihnen in England erwartet?

Es gibt keine Vorgabe, dass ich ein bestimmtes Resultat erzielen muss. Man hat mir gesagt: Form eine Mannschaft, die den Engländern Paroli bieten kann und nicht nur hinten drin steht. Ich habe einen sehr guten Draht zum Verband. Ich kann mich hier total frei verwirklichen. Der Verband vertraut mir. Und er hilft mir, wo er kann.

Inwiefern?

Vor dem Spiel gegen England habe ich meinen Kader für zwei Wochen zusammen. Das war meine Bedingung. Diese Zeit brauche ich einfach. Dafür wurde extra ein Spieltag in der Liga abgesagt. Und letzte Woche habe ich mit den älteren Spielern einen Leistungstest gemacht.

Junge Spieler, Leistungstest – hört sich an, als wären Sie der Klinsmann von Kasachstan.

Wir wollen hier schon innovativ arbeiten, das stimmt. Es gibt noch eine Menge Nachholbedarf. Dass man Sprint- und Ausdauerwerte überprüft, kannten sie hier gar nicht. Ich habe vorige Woche einen Spieler zum zweiten Mal getestet. Der war beim ersten Mal wirklich schlecht und hat sich innerhalb von neun Wochen konditionell enorm verbessert.

Wie gut ist die kasachische Liga?


Die besten Klubs könnten in Deutschland in der Zweiten Liga mitspielen. Es gibt hier auch einige Spieler, denen ich die Bundesliga zutrauen würde. Das Schöne ist, dass jeder Verein mindestens zwei Spieler einsetzen muss, die 21 oder jünger sind. Bei 16 Mannschaften in der Liga hast du also schon mal mehr als 30 Spieler für die U 21 zur Verfügung, die in ihren Klubs regelmäßig zum Einsatz kommen.

Sie trainieren den Erstligisten Kairat Almaty, die U 21 und die A-Nationalmannschaft. Können Sie sich überhaupt noch frei auf der Straße bewegen?

Das ist kein Problem. Der Fußball ist hier nicht so populär wie bei uns in Deutschland. Es gibt nur wenige Zeitungen, das Fernsehen berichtet höchstens zwei- oder dreimal in der Woche über Fußball. Das ist ein bisschen schade. Und die Zuschauerresonanz ist enttäuschend. Wenn du aus Dortmund 80 000 Menschen gewohnt bist, ist es schon seltsam vor 500 oder 1000 Leuten zu spielen – in einem Stadion, das Platz für 25 000 hat. Allerdings hat man bei den Erfolgen der U 21 auch gesehen, dass die Leute verrückt werden können. Man kann hier was wecken.

Sie haben bisher als Kotrainer von Jürgen Röber gearbeitet. Hatten Sie keinen Bammel davor, zum ersten Mal alleine vor einer Mannschaft zu stehen?


Nein, das war ja immer mein Wunsch, dafür habe ich mal den Trainerschein gemacht. Und so groß sind die Unterschiede auch nicht. Im Training konnte ich immer schon eigenverantwortlich arbeiten. Neu ist, dass ich jetzt alles koordinieren muss, dass ich Mannschaftssitzungen leite und Pressekonferenzen gebe, noch dazu auf Englisch. Das ist schon spannend.

Und was hat Jürgen Röber gesagt?


Er fand es natürlich schade, dass unsere Zusammenarbeit jetzt endet. Dreizehn Jahre waren wir ein gutes Duo, dreizehn Jahre haben wir perfekt zusammengespielt. Aber jetzt ist ein guter Zeitpunkt, es auch einmal alleine zu probieren.

Wie sind die Kasachen eigentlich auf Sie gekommen?

Das lief über eine Agentur. Die haben den Kontakt hergestellt. Wir haben uns dann zweimal getroffen. Die Kasachen haben sich richtig schlau gemacht. Ich war völlig überrascht, was die alles über mich rausgefunden hatten.

Und was wussten Sie über Kasachstan?


Nicht viel. Ich musste erst mal im Atlas nachgucken, wo das überhaupt liegt und wie man da hinkommt.

Leben Sie noch im Hotel?

Nein, ich habe hier ein schönes Appartement, etwas oberhalb von Almaty. Im Hintergrund kann man die Berge sehen, Vier-, Fünftausender, mit Schnee bedeckt. Wie in den Alpen. Das ist richtig schön. Wahnsinn. Aber manchmal ist es schon sehr einsam hier. Seit Juli bin ich nicht mehr in Deutschland gewesen, seitdem habe ich weder meine Freundin noch meine kleine Tochter gesehen.

Kasachstan ist reich an Öl und Gas. Vermutlich lohnt sich Ihr Engagement zumindest finanziell?

Ich wurde schon besser bezahlt. Das Geld war aber sowieso nicht der Hauptgrund. Ich kann mir hier einen Namen machen. Man muss das realistisch sehen. In Deutschland bekomme ich ohne Erfahrung als Cheftrainer ja nicht einmal in der Regionalliga eine Chance.


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