06.09.2007

Bernd Stange im Interview

„Ich bin Fußballtrainer“

Bernd Stange ist weißrussischer Nationaltrainer – nicht seine erste Station in einer instabilen Region. Kann er vor Zensur, Repression und Mord die Augen verschließen? Wie sprachen mit ihm über den Drahtseilakt zwischen Sport und Politik.

Interview: Daniel Müller Bild: Imago
Wie man liest, haben sich acht weitere Trainer für den Posten in Weißrussland beworben. Sie sprechen fließend Russisch - hat das letztlich den Ausschlag gegeben, dass Sie den Job bekommen haben?

Den Ausschlag haben in keiner Weise meine Russischkenntnisse, sondern vielmehr meine langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Föderationen gegeben. Ich habe zehn Jahre in der DDR und zweieinhalb weitere im Irak und im Oman als Auswahltrainer gearbeitet. Und eines kann ich Ihnen sagen: Auswahl- und Clubtrainer sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

Was zieht Sie immer wieder ins Ausland?

Nun ja, Bayern München und Borussia Dortmund haben halt nicht angerufen. Und ich möchte als Fußballtrainer weiterarbeiten und nicht wie viele meiner bekannten DDR-Kollegen andere Jobs in Unternehmen oder im Verkauf annehmen. Ich habe mein Leben auf Fußball gesetzt und bin froh, einen so guten Job erhalten zu haben. Ich träume nicht von einer anderen Stelle. Ich bin zufrieden. Ich will beweisen, dass all meine Erfolge keine Zufallsprodukte waren, sondern das Ergebnis extrem harter Arbeit.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er liebt sein Essen, seine Umgebung, die Menschen. Wie kommen Sie mit den immer wieder wechselnden Mentalitäten und Gewohnheiten zurecht?

Mentalitätsgeschichten sind natürlich schwierig, aber es geht in vorderster Front um Fußball. Und da braucht man heutzutage nur eine einzige Mentalität - nämlich Professionalität. Und zwar von früh bis morgens. Mentalitäten müssen letztendlich im Erfolg münden, und das geht nur über Professionalität. Da kommt es nicht darauf an, dass der eine Hühnchenfleisch und der andere lieber Schwein isst. Man muss die Kulturen beachten in so einer Mannschaft, aber am Ende geht es doch nur um harte Arbeit. Aber natürlich muss man auch Respekt haben. Man kann einer belorussischen Mannschaft keine deutsche oder brasilianische Spielkultur aufzwingen. Man muss auf den Stärken dieser Tradition versuchen, einen eigenen Weg aufzubauen. Wer das schafft, hat auch Erfolg.

Aber Sie sind ja nicht 24 Stunden Fußballtrainer. Das Umfeld muss doch auch stimmen.

Keine Frage. Es ist mir extrem wichtig, nicht nur auf die Umgebung, sondern auch auf die Menschen zu achten. Es war einfach wundervoll, wie korrekt und höflich wir hier empfangen wurden. Wie alles organisiert ist und auch wie die Leute in der Föderation gekleidet waren - das hat mich stark beeindruckt. Wenn Sie mich hier in Minsk besuchen würden, wären Sie überrascht: Das hätten Sie nicht erwartet. Die Stadt glänzt, moderne Kaufhäuser und topsanierte Altbauten überall. Aber ich muss ja hier niemanden überzeugen, soll doch jeder selbst herkommen und sich das anschauen.

Nun ja, Ihrer Familie müssen Sie das schon erklären.

Natürlich, die haben ein Stimmrecht. Meine Familie hat mir in diesem Fall zugeraten. Meine Söhne arbeiten im Ausland, und meine Frau hält den Laden zusammen. Wir sind alle Kosmopoliten und auf diese Lebensweise ausgerichtet.

Werden Sie Ihren Wohnsitz nach Minsk verlegen?

Ja, ich ziehe komplett nach Minsk. Wir haben natürlich ein Haus in Jena, das ist unsere Heimat, unser Sammelpunkt. Wir wollen die Arbeit aber hier aufnehmen. Die Föderation hat zwar fantastische Bedingungen, aber keine Ergebnisse geliefert. Wir müssen hier vor Ort eine neue Konzeption brutal durchsetzen, um hier Erfolg zu haben.

Sie haben eine sehr junge Mannschaft, aber auch ein paar Denkmäler, die Ihrer brutalen Neukonzeption zum Opfer fallen.

Nicht alle, so radikal sind wir auch nicht. Aber wir machen einen klaren Schnitt und versuchen, Leute in den letzten EM-Qualifikationsspielen zu sichten, die noch keine internationale Erfahrung haben. Wir wollen das Jahr bis zur WM-Qualifikation nutzen, eine ganz stabile, schlagkräftige, nach modernen taktischen Prinzipien aufgestellte Mannschaft aufzubauen. Für diesen Plan haben wir von der Föderation grünes Licht bekommen.

Wie realistisch beurteilen Sie die Chance, sich für die WM zu qualifizieren?

Das kann ich nach so kurzer Zeit im Land nicht beantworten.

Wenn das klappen sollte, wären Sie bis 2010 im Amt und 62 Jahre alt. Wie wäre es mit einem Job in Afrika? Da waren Sie ja noch nicht.

Mal schaun, vielleicht werde ich eine Kindermannschaft trainieren. Aber eines weiß ich: So lange wie Kalli Feldkamp (73, Trainer bei Galatasaray Istanbul; Anm. d. Red.) halte ich nicht durch.

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Rudi Gutendorf, der Weltenbummler schlechthin, im Interview www.11freunde.de/interviews/100429

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