27.05.2008

Bernd Stange im Interview

»Ich bin kein Politiker«

Bernd Stange betreut derzeit die weißrussische Nationalelf und trifft heute im Testspiel auf Deutschland. Wir sprachen mit ihm über politische Konflikte, die erschreckende Qualität der weißrussischen Liga und Saddam Hussein.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Bernd Stange im Interview
Welche Arbeitsbedingungen fanden Sie denn in Weißrussland vor?

Überraschend gute, sie sind eigentlich ideal. Direkt neben der Verbandszentrale mit modernsten Büros und Konferenzräumen befinden sich 18 topgepflegte Rasenplätze und eine überdachte Fußballhalle. Auch die Verbandsstrukturen sind in Ordnung. Was mich allerdings negativ überrascht hat, ist die Qualität der 1. Liga. Die ist erschreckend schwach. Es herrscht ein völliges Desinteresse. Die Spiele finden vor 2000 oder 3000 Zuschauer in teilweise maroden Stadien statt. Es wird viel Geld in die Nachwuchsarbeit investiert, gleichzeitig aber vergessen, die 1. Liga zu fördern.

Was passiert mit den Talenten, die das System zutage fördert?

In Weißrussland sind die Spielergehälter sehr niedrig. Jeder, der nur irgendwie geradeaus Fußball spielen kann, geht nach Russland oder in die Ukraine. Dort kann man inzwischen richtig gut Geld verdienen. Aber es ist für die weitere Entwicklung natürlich nicht sinnvoll, sehr früh zu wechseln und dann nicht mehr zu spielen.

Sie waren als Trainer in der Ukraine, im Oman, im Irak, auf Zypern, in Australien und jetzt in Weißrussland. Können Sie sich überhaupt noch vorstellen, wieder in Deutschland zu arbeiten?


Auf jeden Fall. Es gab zwei Anfragen aus der Bundesliga. Beide Male hatte ich aber gerade eben woanders neue Verträge unterschrieben, es ging nicht mehr.

Sind Sie nicht einer dieser rastlosen Fußball-Weltenbummler?


Ich bin kein Vagabund, sondern eher ein bodenständiger Typ. Drei Jahre Australien, zwei Jahre Irak mit Unterbrechungen wegen der Sicherheitslage und auch zwei Jahre Zypern – meine Engagements waren stabil.

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der EM zu?


Das Team von Jogi Löw zählt zu den Top-Kandidaten für den Titel. Die Mannschaft hat sich erstklassig entwickelt, spielt einen aggressiven Offensivfußball und sollte als Beispiel für die Bundesliga-Klubs dienen.

Die Vereinstrainer und -manager tun sich schwer, die Nationalelf als Vorbild zu akzeptieren.


Ich verstehe nicht, warum die Klubs bei der Nationalmannschaft keine Anleihen für attraktiven Fußball nehmen wollen und dass Oliver Bierhoff stattdessen angegriffen wird.

Sie selber haben für Ihr Team die Qualifikation für die WM 2010 als Ziel ausgegeben. Ist das realistisch? Weißrussland spielt in einer Gruppe mit England, Kroatien und der Ukraine.

Weißrussland ist bei der letzten WM-Qualifikation Vierter geworden. Wir können doch nicht sagen, dass wir diesmal Dritter werden wollen, was eine erneute Nichtteilnahme bedeuten würde. Dann brauchen wir doch erst gar keine Mannschaft zu melden. Lasst uns doch mal höchste Ziele ausgeben und so viele Spiele wie möglich gewinnen. Es war eine psychologische Entscheidung. Wir wollen vorankommen und haben deshalb absichtlich schwere Gegner für die Freundschaftsspiele verpflichtet. Zuerst Deutschland, dann im August Argentinien – auch wenn wir vielleicht etwas um die Ohren bekommen.

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