Bernd Stange im Interview

»Ich bin kein Politiker«

Bernd Stange betreut derzeit die weißrussische Nationalelf und trifft heute im Testspiel auf Deutschland. Wir sprachen mit ihm über politische Konflikte, die erschreckende Qualität der weißrussischen Liga und Saddam Hussein. Bernd Stange im InterviewImago

Herr Stange, was darf man von Ihrem Team im Spiel gegen Deutschland erwarten?

Meine Mannschaft wird ein mutiger und offensiv spielender Gegner sein. Ich denke nicht, dass wir wie die Schweiz mit 0:4 verlieren werden.

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Holland besiegt und gegen die Türkei unentschieden gespielt - Sie feierten mit Ihrem Team zuletzt Achtungserfolge. Dabei lief es anfangs überhaupt nicht rund.

Harald Irmscher, mein Assistent, und ich haben nach der Amtsübernahme im August einen radikalen Schnitt vorgenommen. Wir verabschiedeten Denkmäler wie Sergei Gurenko, weil diese Generation mit dem Nationalteam nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts erreicht hatte. Wir versuchten mit jungen Leuten, die teilweise in ihren Klubs noch in der zweiten Mannschaft spielten, einen Neuanfang. Damit sind wir zunächst auf die Nase gefallen.

Tiefpunkt war die Heimniederlage gegen Luxemburg…

…das war mehr als blamabel. Wir haben dann ein wenig korrigiert und ein, zwei erfahrene Spieler ins Team geholt, sonst aber unseren Weg konsequent weitergeführt. Irgendwie erinnert mich das ein bisschen an die Startphase unter Jürgen Klinsmann. Zu Beginn haben Harald Irmscher und ich auch kräftigen Gegenwind verspürt. Inzwischen schlägt uns und den Spielern eine Welle der Sympathie entgegen.

Was hat Sie an der Aufgabe in Weißrussland gereizt?


Es war das in sportlicher Hinsicht attraktivste Angebot. Damit öffnete sich für mich quasi wieder das Tor zur großen Fußballwelt. Ich treffe mit meinem Team auf Gegner wie Deutschland, Argentinien oder England.

Sie ließen sich nicht davon abschrecken, dass in Weißrussland laut westlicher Beobachter Menschenrechte verletzt werden?

Ich bin Fußballtrainer und kein Politiker und plädiere für die Unabhängigkeit des Sports. Minsk, wo ich wohne, ist eine Stadt mit hoher Lebensqualität. Und ich kann Ihnen nur sagen, dass Weißrussland ein sehr sauberes und aufgeräumtes Land ist, bei allen Gegensätzen, die hier wie in anderen GUS-Staaten nicht zu übersehen sind. Ich habe es mir abgewöhnt, öffentlich über Politik zu sprechen. In diesem Punkt bin ich durchaus störrisch.

Was wohl auch mit den Reaktionen auf Ihr früheres Engagement im Irak zusammenhängt.


Als ich das Angebot im Irak annahm, machte man mich in Deutschland zum Handlanger von Saddam Hussein. Welch eine Heuchelei und Verlogenheit. Dass zur gleichen Zeit deutsche Firmen im Irak gute Geschäfte machten, hat niemanden interessiert. Später bin ich dann von der Fifa mit dem Presidential Award ausgezeichnet worden. Die Arbeit im Irak war die härteste in meinem Leben. Sie hat mich wetterfest gemacht. Ich bin stolz darauf, dass ich das bei allen Schwierigkeiten durchgezogen habe und die Mannschaft sich für die olympischen Spiele 2004 qualifizierte.

Welche Arbeitsbedingungen fanden Sie denn in Weißrussland vor?

Überraschend gute, sie sind eigentlich ideal. Direkt neben der Verbandszentrale mit modernsten Büros und Konferenzräumen befinden sich 18 topgepflegte Rasenplätze und eine überdachte Fußballhalle. Auch die Verbandsstrukturen sind in Ordnung. Was mich allerdings negativ überrascht hat, ist die Qualität der 1. Liga. Die ist erschreckend schwach. Es herrscht ein völliges Desinteresse. Die Spiele finden vor 2000 oder 3000 Zuschauer in teilweise maroden Stadien statt. Es wird viel Geld in die Nachwuchsarbeit investiert, gleichzeitig aber vergessen, die 1. Liga zu fördern.

Was passiert mit den Talenten, die das System zutage fördert?

In Weißrussland sind die Spielergehälter sehr niedrig. Jeder, der nur irgendwie geradeaus Fußball spielen kann, geht nach Russland oder in die Ukraine. Dort kann man inzwischen richtig gut Geld verdienen. Aber es ist für die weitere Entwicklung natürlich nicht sinnvoll, sehr früh zu wechseln und dann nicht mehr zu spielen.

Sie waren als Trainer in der Ukraine, im Oman, im Irak, auf Zypern, in Australien und jetzt in Weißrussland. Können Sie sich überhaupt noch vorstellen, wieder in Deutschland zu arbeiten?


Auf jeden Fall. Es gab zwei Anfragen aus der Bundesliga. Beide Male hatte ich aber gerade eben woanders neue Verträge unterschrieben, es ging nicht mehr.

Sind Sie nicht einer dieser rastlosen Fußball-Weltenbummler?


Ich bin kein Vagabund, sondern eher ein bodenständiger Typ. Drei Jahre Australien, zwei Jahre Irak mit Unterbrechungen wegen der Sicherheitslage und auch zwei Jahre Zypern – meine Engagements waren stabil.

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der EM zu?


Das Team von Jogi Löw zählt zu den Top-Kandidaten für den Titel. Die Mannschaft hat sich erstklassig entwickelt, spielt einen aggressiven Offensivfußball und sollte als Beispiel für die Bundesliga-Klubs dienen.

Die Vereinstrainer und -manager tun sich schwer, die Nationalelf als Vorbild zu akzeptieren.


Ich verstehe nicht, warum die Klubs bei der Nationalmannschaft keine Anleihen für attraktiven Fußball nehmen wollen und dass Oliver Bierhoff stattdessen angegriffen wird.

Sie selber haben für Ihr Team die Qualifikation für die WM 2010 als Ziel ausgegeben. Ist das realistisch? Weißrussland spielt in einer Gruppe mit England, Kroatien und der Ukraine.

Weißrussland ist bei der letzten WM-Qualifikation Vierter geworden. Wir können doch nicht sagen, dass wir diesmal Dritter werden wollen, was eine erneute Nichtteilnahme bedeuten würde. Dann brauchen wir doch erst gar keine Mannschaft zu melden. Lasst uns doch mal höchste Ziele ausgeben und so viele Spiele wie möglich gewinnen. Es war eine psychologische Entscheidung. Wir wollen vorankommen und haben deshalb absichtlich schwere Gegner für die Freundschaftsspiele verpflichtet. Zuerst Deutschland, dann im August Argentinien – auch wenn wir vielleicht etwas um die Ohren bekommen.

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