06.09.2007

Bernd Stange im Interview

„Ich bin Fußballtrainer“

Bernd Stange ist weißrussischer Nationaltrainer – nicht seine erste Station in einer instabilen Region. Kann er vor Zensur, Repression und Mord die Augen verschließen? Wie sprachen mit ihm über den Drahtseilakt zwischen Sport und Politik.

Interview: Daniel Müller Bild: Imago
Herr Stange, in den letzten zwölf Jahren haben Sie Mannschaften auf der ganzen Welt trainiert. In Australien, Europa und Asien. Sind Sie ein Getriebener?

Nein, auf keinen Fall, weil ich vergleichsweise wenig Erfahrung habe. Ich war gar nicht in vielen Ländern. Ich war in der Ukraine, in Australien, im Oman, im Irak und auf Zypern.

Und jetzt in Weißrussland. Das macht sechs Länder in zwölf Jahren.

Ja, aber das ist wirklich nicht so viel, das täuscht. Es gibt Trainer, die in weitaus mehr Ländern gearbeitet haben. Ich war ja auch relativ lang an den jeweiligen Positionen, immer zwei oder drei Jahre. Außer im Oman, da bin ich mit der Mentalität überhaupt nicht zurechtgekommen. Ich bin kein Kurzstreckenläufer, sondern ein konstanter und stabiler Arbeiter.



Sie haben auffällig oft in politisch instabilen, gefährlichen Regionen gearbeitet. Der Irak unter Saddam Hussein und jetzt Weißrussland sind nur zwei Beispiele. Was reizt Sie an der Arbeit in diesen Krisengebieten?

Ich bin Fußballtrainer und arbeite als Fußballtrainer, alles andere interessiert mich nicht. Ich arbeite mit Mannschaften in von der Fifa und UEFA akzeptierten Ländern. Wenn irgendwer politische Fragen hat, soll er sich an die Botschaften wenden, nicht an mich. Ich habe meine klar definierte Aufgabe. Ich bin Fußballtrainer, und das mit ganzem Herzen. Ich will fußballerisch etwas in diesen Ländern verändern.

Aber hat man in solchen Gebieten nicht Angst zu arbeiten?

Ich hatte keine Angst und ich habe keine Angst.

Im Irak haben Sie unter sehr widrigen Bedingungen gearbeitet. Sie erhielten lange keine Bezüge, haben aus eigener Tasche Flüge für die Mannschaft bezahlt, das Equipment besorgt, Bälle aufgepumpt. Da muss man doch irgendwann mal die Nase voll haben.

Absolut, das kann ich nur bestätigen. Nach dem Irak war ich physisch und vor allem psychisch völlig ausgebrannt. Nach diesen ganzen Erlebnissen habe ich kurzerhand einen Job bei Apollon Limassol, dem Tabellenletzten der zypriotischen Liga, angenommen. Ich wollte einfach mal in einer ruhigen Gegend arbeiten. Letztendlich ist es ja ein Ort, an dem die Götter Urlaub machen.

Der Irak hat nun überraschend den Asienpokal gewonnen. Sie müssen doch traurig sein, dass Sie bei diesem Erfolg nicht dabei sein konnten.

Mein Leben war in Gefahr, ich konnte dort nicht weiterarbeiten. Ich habe auf Anraten der deutschen Regierung den Irak verlassen müssen. Aber ja, es hat mich sehr geschmerzt, dass ich meine Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Athen nicht betreuen konnte. Und ich bin wehmütig, dass ich meine schwere Arbeit vor und auch nach dem Krieg, die ja dann auch von der Fifa mit dem Presidential Award ausgezeichnet wurde, nicht weiterführen konnte. Für mich ist der Erfolg des Irak allerdings völlig logisch, diese Mannschaft ist unglaublich stark. Und hat jetzt auf beeindruckende Weise ganz Asien hinter sich gelassen. Und trotzdem kennt keiner auch nur einen einzigen irakischen Spieler, das ist traurig.

Sie führen den Erfolg also auf Ihre Vorarbeit zurück?

Auf jeden Fall, diese Mannschaft habe ich zusammengestellt. Meine Arbeit dort war ein Erfolg, und das macht mich stolz. Und das ist sicherlich auch ein Nachweis, dass ich in der Lage bin, eine europäische Mannschaft erfolgreich durch eine Qualifikation zu führen.

Was nun Ihr Ziel mit Weißrussland sein wird. Ein Land, das als letzte Diktatur Europas gilt.


Genau. Nur das ist mein Ziel. Und wenn mir die Leute mit der Politik in diesem Land kommen, da kann ich nur abwinken und sagen: alles Kokolores, nächste Frage. Diese Fragen hängen mir so zum Hals raus, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Wenn irgendwer ein Problem mit diesem Land hat, sag ich nur: Kommen Sie nach Minsk und schauen sich an, was hier entstanden ist. Die Stadt strahlt, es ist sauber, das muss man einfach mal gesehen haben.

In Weißrussland finden massive Menschenrechtsverletzungen statt, die Wahlen werden manipuliert, Oppositionelle ermordet und Medien zensiert. Da kann man doch nicht entspannt arbeiten.

Das ist mir so was von wurscht. Ich bin Fußballnationaltrainer in einem Land mit riesiger Fußballtradition, nur das zählt. Mit meinem Kollegen Harald Irmscher will ich hier das Beste herausholen. Das ist meine Mission und mit allem anderen habe ich nichts zu tun. Ich lasse mich auch von niemandem hinreißen, irgendetwas zur politischen Situation zu sagen. Ich habe hier so tolle Bedingungen vorgefunden, wie ich sie selten in meinem langen Fußballerleben erlebt habe. Es ist eine nagelneue, brillante Föderation, die vor sechs Monaten von Michel Platini eröffnet wurde. Es gibt 18 Fußballplätze, eine überdachte Fußballhalle mit dem Rasen, den auch Trapattoni in Salzburg zur Verfügung hat. Da sag ich doch: Hallo, was für eine tolle Herausforderung? Die möchte ich doch annehmen.

Sie sind also kein politischer Mensch.

Ich bin Fußballtrainer.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden