Bernd Schröder über Terminfluten

»Wehret den Anfängen«

Der deutsche Frauenfußball ist in der WM-Saison ein einziges Lazarett. Wir sprachen für die neue Ausgabe von 11FREUNDINNEN mit Turbine Potsdams Trainer Bernd Schröder über Trainingsmethoden und Verletzungsprävention. Bernd Schröder über Terminfluten
Heft#110 01/2011
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Bernd Schröder, in der Pressekonferenz am 13. Spieltag kritisierten Sie, dass Ihre Spielerin Tabea Kemme zur A-Nationalmannschaft eingeladen wurde.

Dazu stehe ich immer noch. Ich bin nicht gegen Belastung. Belastung ist wichtig, um sich zu entwickeln. Aber wir mussten fünf Spielerinnen zu der U20-WM abstellen, nur zwei von ihnen haben gespielt, die anderen mussten nach der WM erstmal psychisch aufgebaut werden. Dann hatten wir Spielerinnen bei der U-17-WM in Trinidad und Tobago, die überhaupt keine Pause hatten. Die kamen wieder und starteten direkt in die Saison.

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Sie meinen die Kapitänin der U-17-Nationalelf Kristin Demann? 

Zum Beispiel. Sie kam wieder und war gleich verletzt. Wir haben zwar genug Kapazitäten, doch andere Vereine wie Essen-Schönebeck mit Kyra Malinowski bekamen nach den Turnieren echte Probleme. Eigentlich müssten all die Spielerinnen nach der WM erst mal pausieren.
 
Besonders in dieser Saison verletzen sich auffällig viele Spielerinnen, die in U-Nationalmannschaften gespielt haben. Diese Saison traf es schon über ein Dutzend. Woran liegt das?
 
Man kann das nicht verallgemeinern, aber die Vorbereitung ist in vielen Klubs sicherlich nicht optimal für den Hochleistungsbereich, der von allen Seiten gefordert wird. Zudem werden junge Spielerinnen recht schnell in die Mannschaften geschmissen, weil die qualitative Breite in den Klubs nicht da ist. Dann kommt die Mehrfachbelastung dazu: Mal spielst du im Verein, dann in der Nationalmannschaft.
 
Inwiefern können nicht alle Klubs die Vorbereitung leisten?   

Ich war in einer Präventionsgruppe der ehemaligen Gesundheitministerin Ulla Schmidt, in der die Bundesregierung festgestellt hat, dass mindestens 30 Prozent der Gesamtmotorik beim Menschen zurückgegangen ist. Das ist ein gesellschaftliches Problem, aber aus der Gesellschaft bekommen wir ja unsere Spielerinnen. Daher ist der Belastungsgrad, dem die Spielerinnen im Fußball-Profibereich ausgesetzt sind, mit Vorsicht zu genießen.
 
Und aus der fehlenden Stabilität resultieren Verletzungen?   
 
Natürlich muss man bei Verletzungen jeden Fall einzeln betrachten. Viele passieren aber ohne Gegnerkontakt, auch im Training. Diese sind tatsächlich zurückzuführen auf jenen Mangel an Gesamtkörperstabilität. Wir haben für unsere U15 im Internat jetzt schon spezielle Kraftprogramme eingerichtet, um diesen Mangel auszugleichen. Aber: Die Möglichkeiten haben viele Klubs nicht – sie sind dazu weder zeitlich noch logistisch in der Lage.

Oft hört man, dass U15-Jährige noch kein Kraftraining machen sollten.

Das ist der größte Quatsch. Wir müssen das sogar mit ihnen machen, um die für den Fußball wichtige Grundstabilität zu bekommen. Krafttraining bedeutet ja nicht Millionen Gewichte stemmen.
 
Können Sie die Verletzungsmisere noch einmal zusammenfassen?

Erstens: Die Belastung nimmt zu. Es gibt mehr Spiele, mehr Trainingseinheiten und schon im Kinderbereich Turniere wie Weltmeisterschaften. Zweitens: Die Voraussetzungen in den Klubs sind nicht immer optimal. Drittens: Trainingsmethodische Aspekte. Es gab etwa Hinweise vom DFB, wie zu trainieren ist. Dabei habe ich festgestellt, dass bei den U-Mannschaften im hohen Maße mit geführten Geräten gearbeitet werden soll. Das Problem ist: Solche Geräte haben viele Klubs überhaupt nicht. 
 
Das Training in den Nationalmannschaften gilt als sehr professionell.

Ich mag es nicht, wenn immer davon gesprochen wird, dass nur in der Nationalmannschaft richtig trainiert wird. Das ist falsch und oberflächlich. Wir fangen bei Turbine Potsdam mit richtigem Training schon in unserer Eliteschule an. Schon in dieser Zeit müssen alle Klubs darüber nachdenken, wie man den vielen Verletzungen durch Training vorbeugen kann. Dafür müssen allerdings auch die Gegebenheiten geschaffen werden.    
 
Kann es auch sein, dass junge Spielerinnen die Symptome ihres Körpers überhören oder falsch deuten?   
 
Die jungen Spielerinnen müssen von klein auf lernen, mit Verletzungen richtig umzugehen. Da spielen die Betreuer, Trainer und Eltern eine ganz wichtige Rolle. Jeder Mensch empfindet Schmerzen anders. Da muss jeder für sich erkennen, wann das Limit erreicht ist. Eine Nadine Angerer oder Birgit Prinz weiß das ganz genau, bei den jüngeren Spielerinnen muss der Trainer es sehen. Ich muss also einschätzen können, ob es eine Spielerin nur an Willensstärke mangelt oder ob sie tatsächlich eine Verletzung hat, die Schonung erfordert.
 
Wie kann ein Trainer denn Verletzungen bemerken, die Spielerinnen selber nicht wahrnehmen?   
 
Die Trainer müssen beim Training die Augen aufmachen und erkennen, wer sich nicht normal bewegt. Und ein Trainer muss auch wissen, wie das Mädchen sich bei möglichen Verletzungen verhält. Mit dieser Kompetenz sind viele Vereine nach wie vor überfordert. Das führt dann wiederum dazu, dass Verletzungen nicht bemerkt werden und dann aufbrechen, wenn die Spielerinnen 18 oder 19 Jahre alt sind – dann ist manchmal alles zu spät. Mein Appell: Wehret den Anfängen! Dann hätten wir solche gravierenden Verletzungszustände jedenfalls nicht.    
 
Macht der Termindruck die deutschen Talente kaputt?   
 
Druck ist notwendig, um sich als Mensch, Fußballerin und Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Wenn Termine aber so gelegt werden, dass kein Raum für Regeneration oder Entwicklung bleibt, ist das für den Sport tödlich.

Was kann man tun?

Einen Weg aus der Terminflut kann nur gemeinsam mit Spielern, Vereinen und DFB gefunden werden. Dabei muss jede einzelne Spielerin analysiert werden, denn jede geht anders mit Stress um. Auch das Umfeld, das Training und selbst die Schule müssen beachtet werden. Und ein Trainer muss einfach mehr machen, als das Training zu leiten und dann nach Hause zu gehen.

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Lest in 11FREUNDINNEN #06 die Geschichte »Böse Diagnosen«: Warum der deutsche Frauenfußball in der WM-Saison ein einziges Lazarett ist. 11FREUNDINNEN #06 liegt dem aktuellen 11FREUNDE-Heft bei.


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