Bernd Schröder im Interview

»Hans Meyer lacht mich aus«

Seit 37 Jahren trainiert Bernd Schröder die Damen von Turbine Potsdam und hat mit ihnen so ziemlich alles gewonnen. Im Interview spricht er über die Verlegung des Pokalfinales, Spiele gegen Mailand und 40 Mädchen im Klubheim. Bernd Schröder im InterviewImago

Bernd Schröder, der Interviewtermin steht schon eine Weile, jetzt wurde uns auch noch ein aktueller Anlass geliefert. Das Pokalfinale der Frauen wird ab 2010 nicht mehr gemeinsam mit den Männern in Berlin stattfinden. Wie stehen Sie zu der Verlegung?

Eine Entscheidung, die mich sehr überrascht. Ich habe vorige Woche noch mit Theo Zwanziger gesprochen, da ist nichts dergleichen verlautet worden. Für mich ist das eine der ungünstigsten Entscheidungen des DFB, die man vor einer WM im eigenen Land überhaupt treffen könnte. Dass die beiden Spiele nacheinander in Berlin stattfinden, wurde vor 25 Jahren doch nur entschieden, um den Frauenfußball populärer zu machen. Es sollte von Seiten des DFB zu dokumentieren, dass der Oberbegriff Fußball für alle gilt, für Frauen und Männer gleichermaßen. Das wird mit einer Verlegung absolut ausgedünnt.

Sie befürchten, dass das Interesse an einem Finale an anderer Spielstätte nachlassen wird?

Unabhängig davon, wo gespielt werden wird: Es kommen doch maximal 10.000 Zuschauer. Für ein Pokalfinale der Frauen in Duisburg, München oder Hintertupfingen würde sich kein Mensch interessieren, und es würde den Frauenfußball in keiner Weise populärer machen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben am Tag des Finals die Spiele von Nachmittag bis zum späten Abend begleitet und damit den Frauenfußball in der Öffentlichkeit viel mehr in den Vordergrund gestellt. Die Entscheidung ist für mich nicht nachvollziehbar – es sei denn, der DFB garantiert wirklich eine Live-Übertragung, aber wie soll das gehen? Man hätte einfach mal mit den Leuten reden sollen, die was vom Frauenfußball verstehen.

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Es ist folglich der falsche Schritt, sich immer weiter von den Männern zu emanzipieren?


Wenn wir den Frauenfußball voran bringen wollen, müssen wir eine eigene Philosophie entwickeln, wir müssen uns von den Männern nicht abgrenzen, aber in irgendeiner Form anders darstellen.

Inwiefern?

Wir müssen sympathischer sein und weniger taktieren. Natürlich sind die Frauen Lichtjahre von den Männern entfernt, aber wir spielen beide unter dem Dach des DFB. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den Wintersportlern, gerade die Biathleten haben es überhaupt nicht nötig, dass Männer und Frauen gemeinsam an den Start gehen. Was haben sie daraus gemacht? Sie haben dafür gesorgt dass eine komplexe Sympathie für die ganze Sportart gibt, indem man bei allen wichtigen Veranstaltungen gemeinsam auftritt.

Sie sind jetzt seit über 37 Jahren Trainer der Frauen von Potsdam, haben die Frauen Abteilung des Vereins gegründet und waren zwischenzeitlich auch mal Präsident, können sie sich ein Leben ohne den Verein überhaupt vorstellen?


Man darf ja bei mir nicht vergessen, dass ich von 1968 bis kurz nach der Jahrtausendwende in leitender Position bei einem der größten Energieversorger Europas gearbeitet habe. Für mich gab es immer auch das Leben als Abteilungsleiter.

Was hat Sie in einer Zeit, in der sich so gut  wie niemand für Frauenfußball interessierte, bewogen, eine eigene Abteilung zu gründen?

Das war alles eine ganz spontane Sache. Eines Tages hing bei uns in der Firma die Meldung am schwarzen Brett: »Wir gründen eine Frauenfußballmannschaft«. Das sollte nur ein Scherz sein, eine Schnapsidee von irgendwelchen Leuten, doch dann standen mit einem Mal 40 Mädchen im Klubhaus, die diese Sache ernst genommen hatten. Von wem der Scherz kam, weiß bis heute niemand.

Waren Sie im Klubheim, als die Mädchen ankamen?


Ja, ich habe meinen ratlosen Freund und Sektionsleiter angesehen und gesagt: »Ich mach das erstmal!« Eine total spontane Entscheidung. Wir konnten die Mädchen ja nicht einfach wieder heimschicken. Dann stand ich mit einem Mal in der Verantwortung, ich konnte jedenfalls nach drei Wochen nicht einfach wieder aufhören. Das alte bekannte Problem des Zauberlehrlings: »Die Geister, die ich rief...«

War da schon abzusehen, das aus der neu gegründeten Frauenabteilung mal was ganz Großes werden könnte?

Nein, wir haben nie damit gerechnet oder nur daran gedacht, dass wir uns einmal in so eine Richtung entwickeln. Aber uns war klar: Wenn wir so was als Verein machen, dann müssen wir es auch mit hoher Ernsthaftigkeit und mit einem verantwortungsvollen Pflichtbewusstsein betreiben. Ich habe von der ersten Minute an leistungsorientiert gearbeitet.

Wie hat sich der Frauenfußball im Osten entwickelt?

Offiziell wurde es erst 1979, mit der Einführung der »Bestenermittlung«, Meisterschaft wollte  man es wegen der Verknüpfung des Wortes mit dem Leistungsgedanken nicht nennen. Auch vorher gab es schon viele Spiele und Hallenturniere mit sehr vielen Zuschauern. Es ist bloß in der Presse zu kurz gekommen, was ja auch verständlich ist bei den vielen Weltmeistern und Olympiasiegern, die wir hatten.

Kurzzeitig waren Sie auch Nationaltrainer der DDR, wie sind Sie  zu dem Posten gekommen?

Es gab bei uns drei Vereine, die Titel gewonnen hatten, dass waren Rotation Schlema, Wismut Aue und wir. Da hat man erkannt, dort arbeiten Leute, die spezifisch über diese Sportart Bescheid wissen und dann haben sie mir und dem Trainer von Aue  angeboten das einfach mal zu machen. Das Ganze wurde ja durch die Wende schnell beendet. Wir haben nur ein Länderspiel gemacht, eine 0:3 Niederlage gegen die CSSR.

Sie sind der letzte DDR-Funktionär, der noch immer im Amt ist. Das hat zur Folge, dass bei Wikipedia unter ihrem Namen sofort das Wort Stasi fällt. Wie geht man mit dem generellen Stasi-Verdacht um, der einem entgegen schlägt?  

Demjenigen, der solche Dinge da rein schreibt, könnte ich links und rechts in den Arsch treten. Das ist der größte Blödsinn. Ich bin ja sogar noch ein Jahr für internationale Aufgaben gesperrt worden, weil wir international in Tschechien gegen internationale Teams gespielt haben, etwa gegen den AC Mailand.

Das hat den Oberen nicht gepasst?

Natürlich nicht. Wir mussten sogar die Einladungen manipulieren. Wir durften ja nur in Tschechien, Polen oder Ungarn spielen. Wenn die Einladungen geschrieben haben, haben wir sie entweder gebeten, diese noch mal zurück zu nehmen und nur Mannschaften zu bekannt zu geben, die aus dem Ostblock kamen. Oder wir haben sie selber verändert. Das Problem waren nur die Funktionäre, die dabei waren und  gesagt haben, dass wir abreisen sollen. Wir haben uns immer dagegen gewehrt und demonstrativ weitergespielt.

Im Gegensatz zu den ostdeutschen Männerteams hat Turbine nach der Wende den Sprung zum Spitzenteam geschafft. Wie schwer war dieser Übergang?

Sehr schwer. Das sieht man ja daran, dass wir die einzige Fußballmannschaft aus dem Osten sind, die einen gesamtdeutschen Titel gewonnen hat. Zunächst einmal ging es darum, wie viele Teams aus der DDR in die erste Liga kommen, wir haben für vier plädiert, da wir zu dem Zeitpunkt nur Dritter waren, uns wurden aber nur zwei gestattet. Wir mussten uns erstmal neu konsolidieren, hatten dabei wie die Männervereine auch große Schwierigkeiten, aber wir wussten wo es lang geht und sind dann unseren Weg gegangen.

Mittlerweile haben Sie mit Ihrer Mannschaft nahezu alles gewonnen, was es im Frauenfußball zu gewinnen gibt, sind deutscher Meister und Pokalsieger geworden und haben 2005 den UEFA Women’s Cup gewonnen. Was für Ziele haben Sie noch?

Wir als Verein haben natürlich auch die WM 20011 im Blick. Wir versuchen über das Verbundsystem Schule, Verein, Verband  und Olympiastützpunkt eine große Anzahl von Spielerinnen auszubilden, die es in die Nationalelf schaffen und dort unseren Klub repräsentieren. Das Nahziel mit Turbine ist es natürlich wieder Mal einen Titel zu holen um unseren Ansprüchen und unserer Verantwortung gegenüber unseren tollen Fans gerecht zu werden.

Aktuell steht Turbine auf dem 3. Tabellenplatz. Sie haben acht Punkte Rückstand auf Tabellenführer Bayern München und im Pokal das Viertelfinale erreicht. Die obligatorische Frage: Wie lauten die Ziele für die Rückrunde?

Eins darf man nicht vergessen, wir haben die jüngste Mannschaft der Liga, der Anspruch ist aber trotzdem hoch, deswegen lastet ein großer Druck auf dem Team. Ganz wichtig für uns wäre es, ins Pokalfinale zu kommen, auch weil es nun das letzte Mal in Berlin stattfindet, und dass wir uns nach zwei Jahren Abstinenz wieder für den internationalen Wettbewerb qualifizieren. Das wird aber ganz schwer, durch die beiden Niederlagen gegen Bayern München haben wir einiges verspielt, wobei besonders die zweite Pleite sehr schmerzhaft war.

Stichwort Bayern München: Stehen der Damenabteilung des Herren-Rekordmeisters nicht ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung als der Konkurrenz?

Es ist ein eigener Bereich und sie haben auch nicht den Anspruch genauso zu sein wie ihre Männer. Auch langfristig mache ich mir keine Sorgen, es wird immer einen Mix aus großen und kleinen Teams geben.

Weltmeisterinnen wie Conni Pohlers oder Ariane Hingst haben den Verein in den letzten Jahren verlassen und sich danach nicht unbedingt positiv über Sie geäußert. Wie gehen sie damit um?

Das Problem ist, es gibt Spielerinnen, die zehn Jahre hier bei Turbine spielen und dann muss man ihnen auch zugestehen irgendwann den Verein zu wechseln. Dass sie dann sagen, sie gehen, weil der Trainer zu hart ist oder weil der Umgang des Trainers mit den Spielerinnen nicht funktioniert, finde ich nicht in Ordnung. Wenn Spielerinnen anfangen zu denken, sie wären Stars, dann kommen wir dahin, wo wir im Männerbereich schon lange sind, mit Kuranyi und anderen Gestalten. Das sind für mich keine Vorbilder, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Die sollten sich mal ein Beispiel an anderen Sportlern nehmen, wie den Wintersportlern oder den Kanuten, das sind für mich Vorbilder.

Hatten Sie nie das Ziel einmal eine höherklassige Männermannschaft zu trainieren?

Nein, das war ja allein durch meine dienstlichen Positionen gar nicht machbar. Wenn ich das hätte machen wollen, dann bräuchte man ein ordentliches Umfeld. Sie können auch in einem Team wie bei uns nur existieren, wenn das Team vom Busfahrer bis zum letzten Physiotherapeuten eine Einheit ist. Und jetzt erzählen Sie mir mal, wo das im Männerbereich möglich ist? Selbst bei Bayern München ist das nicht so. Sie müssten da ständig Kompromisse eingehen, um es bestimmten Selbstdarstellern Recht zu machen.

Gab es trotzdem konkrete Angebote?

Zu DDR-Zeiten gab es schon Anfragen von verschiedenen Clubs, aber das Problem war von vorneherein mein Arbeit. Der Unterschied zu Leuten wie Hans Meyer, Jörg Berger und Ede
Geyer ist eben, dass sie sich nach dem Abitur alle auf den Sport gestürzt haben, während ich mich auf mein Studium konzentriert habe. Wenn wir uns heute treffen, dann lachen mich natürlich alle aus. Die haben in den letzten Jahren so viel mit Fußball verdient, wie ich in meinem ganzen Leben nicht verdienen kann.

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