Bernd Schneider zieht Bilanz

»Ich möchte nichts missen«

Wegen einer Rückenverletzung beendet Bernd Schneider seine Karriere. Zeit, noch einmal eines seiner wenigen Interviews hervor zu holen, das er uns 2007 gab: »Schnix« über den Unterschied zwischen Fußballmannschaft und Fußballschneider. Bernd Schneider zieht Bilanzimago
Heft #70 09 / 2007
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70

Bernd Schneider, an welche Sternstunde Ihrer Karriere erinnern Sie sich am liebsten?

Zwei Tore sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Gegen Borussia Dortmund habe ich einmal von der Mittellinie aus getroffen, und bei einem Pokalspiel gegen Jahn Regensburg stand ich sogar in der eigenen Hälfte und habe das Ding rein gemacht.

Können Sie beschreiben, wie es sich anfühlt, so ein Tor zu schießen?

Im besten Fall spürt man bereits in dem Moment, wenn der Ball den Fuß verlässt, dass er rein gehen wird.

Ein traumhaftes Gefühl, oder?

Natürlich freuen mich solche Momente. Aber ich bin da nicht egoistisch: Wenn ich im Fernsehen sehe, wie Diego den Ball von der Mittellinie über den Torwart hebt und der Keeper nur noch machtlos in Rücklage gerät, macht mir das genauso Spaß.

Sehen Sie Spiele von sich im TV und erkennen erst dabei, wie gut eine bestimmte Aktion war?

Auf dem Platz ist alles viel enger. Deshalb stelle ich immer wieder überrascht fest, wie viele gute Pässe oder geistesgegenwärtige Aktionen von Kommentatoren einfach übersehen werden. Den Sprechern fehlt oft die Kompetenz nachzuvollziehen, wie schwierig mancher Pass auf dem Feld zu spielen ist.

Sind Sie ein Schachspieler, der Spielzüge im Voraus erahnt?


Nein, ich spiele intuitiv. Alles geschieht aus dem Bauch und der Situation heraus. Natürlich kenne ich viele Situationen aus dem Training, die auch im Spiel ähnlich ablaufen. Aber im Fußball gleicht keine Sequenz genau der anderen. Das macht es so spannend.

Mit Systemfußball können Sie demnach nicht so viel anfangen.

Das kommt immer darauf an. Jeder Profi muss in der Lage sein, in einer vorgegebenen Formation zu spielen und in der Defensive mitzuarbeiten. Aber wir sind alle Individuen, und um Erfolg zu haben, muss man immer wieder überraschende Akzente aus dem Spiel heraus setzen, die so nicht planbar sind.

Ist der Fußball in Deutschland taktischer geworden?

Früher haben wir mehr Manndeckung gespielt, heute entstehen die meisten Aktionen im Raum, obwohl es immer wieder vorkommt, dass der ein oder andere zur Manndeckung übergeht.

Kriegt jemand wie Sie oft einen Gegenspieler auf die Füße gestellt?


Ab und zu kommt es vor, dass mir selbst in der Defensive einer hinterherläuft. Aber früher war das deutlich extremer.

Wird Ihnen auf dem Platz oft wehgetan?

Nicht im Übermaß, körperliches Spiel gehört zum Fußball dazu.

Wobei einer wie Sie wahrscheinlich eher einsteckt als austeilt.


Wer das Spiel gewinnen will, muss sich wehren können. Zu meinem Job gehört es, die Auseinandersetzung mit dem Gegenspieler für mich zu entscheiden.

Auf Ihrer Homepage erwähnen Sie, dass Roberto Carlos Ihnen als Gegenspieler besonders in Erinnerung geblieben ist.

Weil er ein sehr starker, aber auch angenehmer Gegenspieler war.

Ist das kein Widerspruch?


Für mich nicht, denn es macht Spaß, gegen ein Mann solcher Klasse zu spielen. Zumal er als Defensivspieler auch sehr viel Druck nach vorne macht, woraus sich wiederum für mich Möglichkeiten ergeben: Er stand mir jedenfalls nicht dauernd auf den Füßen.

Sie wurden nach dem WM-Finale 2002 »der weiße Brasilianer« genannt. Erkennen Sie bei Leuten wie Roberto Carlos Ihre Grenzen?

Was die Körperbeherrschung und den Umgang mit dem Ball anbetrifft, sind die Brasilianer mit ihren Fähigkeiten zweifellos überlegen. Da mache ich mir nichts vor.

Was war das schönste Spiel Ihrer Karriere?

Ein ganz wichtiges war die Zweitligapartie mit Carl Zeiss Jena gegen Eintracht Frankfurt in der Saison 1997/98, in der ich aus 16 Metern ein schönes Tor gemacht habe. Durch den Treffer wurde nämlich die Eintracht auf mich aufmerksam, mit der ich im darauf folgenden Sommer in die 1. Liga aufstieg.

Wir dachten, das Spiel Ihres Lebens sei das WM-Finale 2002 gewesen?

Ein tolles Spiel, keine Frage. Aber mir fallen viele große Matches ein: etwa das Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United im gleichen Jahr, als wir uns mit einem 1:1 über die Zeit gerettet haben – Placente, wie er kurz vor Schluss den Ball auf der Linie rettet?… Auch solche Abwehrschlachten vergesse ich nicht.

Schlafen Sie vor Spielen schlecht?

Ich schlafe nach den Spielen schlecht, vor allem nach Abendspielen. Egal, ob wir gewonnen oder verloren haben.

Grübeln Sie über Spielsituationen?


Kann schon sein. Nach Spielen bin ich völlig aufgedreht, das Adrenalin steht mir noch bis in die Haarspitzen. Wenn wir also spät spielen, wird es schwierig mit dem Einschlafen.

Geht Ihnen bis heute Ihre vergebene Chance im WM-Halbfinale 2006 gegen Italien durch den Kopf?


Eher weniger. Ich weiß auch nicht, warum. Natürlich war es ärgerlich, dass der Schuss nicht drin war, viel ärgerlicher aber war, dass ich den Ball bereits schlecht mitgenommen habe.

Oliver Kahn sagt, er habe nach seinem Wechsel zum FC Bayern lange keine echte Freude über Siege empfinden können. Der Druck bei so einem Spitzenverein sei zu groß. Können Sie nachvollziehen, warum er so empfindet?


Nein, wieso soll er sich nicht über einen Sieg gefreut haben?

Weil er in Gedanken schon beim nächsten Spiel war.


Schwer vorstellbar, dass da kein Platz für Freude ist. Ich fahre nach einem Erfolg jedenfalls gut gelaunt nach Hause. Und die Freude hält auch bis zum nächsten Morgen an. Aber drei Tage später, vorm nächsten Spiel, muss ich mich dann auch wieder beruhigt haben.

Experten rühmen die Schussstärke von Roberto Carlos oder das Kopfballspiel von Michael Ballack. Welche Fähigkeit ist signifikant für Bernd Schneider?

Beim Kopfball habe ich sicherlich Defizite, das werde ich zum Karriereende wohl auch nicht mehr aufholen (lacht). Ansonsten ist meine Technik sicherlich ein eher positives Merkmal meiner fußballerischen Fähigkeiten.

Sie sind ein klassischer Allrounder. Wo spielen Sie selbst am liebsten?

Im halbrechten oder halblinken Mittelfeld, wo, ist mir eigentlich egal. Hauptsache, ich muss nicht auf den Flügeln spielen.

Sie werden im November 34. Wenn man die letzte Saison betrachtet, wirken Sie aber putzmunter.

Ich würde eher sagen: jung und frisch (lacht). Putzmunter bin ich ja auch, wenn ich morgens die Augen öffne.

War die letzte die bislang beste Saison Ihrer Karriere?


Nein, ich hatte schon viele gute Jahre in der Bundesliga. Die Saison 2003/04 ist mir auch in guter Erinnerung geblieben, weil ich damals zehn Tore gemacht habe und wir uns für die Champions League qualifiziert haben. Dieses Jahr habe ich nur sechs Tore geschossen und wir spielen UEFA-Cup.

Aber warum entdecken plötzlich alle Bernd Schneider?

Das ist eine Sicht, die durch die Medien gesteuert wird – und mit dem gesteigerten Interesse an den Nationalspielern nach der WM zu tun haben dürfte. Vielleicht haben auch die Tore dazu beigetragen, die ich in der Liga gemacht habe. Die waren ja durch die Bank alle etwas spektakulärer.

Empfinden Sie den gegenwärtigen Hype um Ihre Person als späten Lohn für Ihr uneitles Spiel?

Gar nicht, intern werde ich sowohl bei Bayer als auch in der Nationalelf schon lange geschätzt.

Stimmt die Geschichte, dass Sie während eines Spanien-Urlaubs von einigen Engländern nicht erkannt wurden, die Sie dann bei einem Freizeitkick schwindelig gespielt haben?


Die Geschichte wurde ein wenig aufgebauscht.

Wie lief es denn ab?


Na ja, wir haben halt Fußball gespielt – so wie man im Urlaub eben spielt – und die haben sich ein wenig gewundert (grinst).

Und Sie haben sich ins Fäustchen gelacht?

Mich stört es nicht, wenn mich die Leute nicht erkennen. Ich spiele seit fast zehn Jahren Bundesliga und in der Nationalmannschaft bin ich Stammspieler – das reicht mir völlig.

Ist Fußball für Sie immer noch mehr Spiel als Beruf?


Beides. Natürlich will ich Spaß bei der Arbeit haben, denn wenn ich beim Training permanent schlecht gelaunt rumlaufe, schlägt sich das auch auf mein Spiel nieder. Aber ich will und muss auch Erfolg haben.

Trotzdem wird Ihnen sogar in kleinen Testspielen eine ungeheure Spielfreude bescheinigt.

Was gibt es Schöneres, als bei strahlendem Sonnenschein gegen einen unterklassigen Verein zum Trainingsspiel aufzulaufen?

Es wirkt alles so leicht, wenn man Ihnen zuhört. Müssen Sie sich in Ihrem Alter gar nicht quälen?

Natürlich, und in meinem Alter muss ich mich noch viel mehr schinden als in jungen Jahren, um auf dem Fitnesslevel zu bleiben.

Mussten Sie Ihren Lebenswandel ändern? Jürgen Kohler entsagte ab dem 30. Geburtstag dem Alkohol.

Nein, aber ich bin noch nie jede Woche ins Nachtleben abgetaucht. Deshalb ist das kein Problem für mich.

Stimmt es, dass Sie Raucher sind?

Ab und zu. Doch das spielt überhaupt keine Rolle.

Weiß der Trainer darüber Bescheid?


Hier in Leverkusen weiß es fast das ganze Stadion, deshalb wundert mich Ihre Frage.

Sie waren im Laufe Ihrer Karriere selten verletzt.


In der Tat, ich habe Glück gehabt. Als 20-Jähriger hatte ich eine Arthroskopie (Gelenkspiegelung, Anm. d. Red.) im Knie, mit 16 eine Bänderdehnung und als Kleinkind einen Schien- und Wadenbeinbruch.

Ist es ein Vorteil, dass Sie Ihr erstes Bundesligaspiel erst mit 24 gemacht haben?


Nein, ich habe in Jena direkt nach der Jugend in der 2. Liga angefangen. Das Spiel dort ist deutlich körperbetonter als in der 1. Liga. Für die Physis ist es also eher ein Nachteil, nicht gleich ganz oben zu spielen.

Warum sind Sie so lange bei Carl Zeiss Jena geblieben? Haben die Bundesligascouts Sie einfach übersehen?

Nein, es gab auch vor 1998 schon drei Wechselangebote, die aber aus verschiedenen Gründen nicht geklappt haben.

Zum Beispiel?

Rudi Assauer wollte mich nach Schalke holen, doch die Ablösesumme, die Jena haben wollte, war ihm zu hoch.

Wussten Sie damals schon, dass Sie zu Höherem geboren waren?

Nein, damals waren die Champions League und die Nationalmannschaft noch ein Traum. Doch als die ersten Angebote kamen, habe ich natürlich darauf spekuliert, irgendwann in der Bundesliga eine Chance zu bekommen.

So gesehen, war es wohl ein harter Schlag, als Carl Zeiss Jena Sie wegen der Ablösesumme nicht nach Schalke ziehen ließ.

Ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch. Und es kommt so, wie es kommt.

So einfach ist das?


Wenn Sie vor einer roten Ampel stehen, fahren Sie ja auch nicht los.

Manchmal würden wir aber gern.

Aber Sie tun’s nicht. Wie gesagt, Jena bedeutet mir sehr viel, deshalb war es auch schön, dort noch ein bisschen zu bleiben.

Angenommen, Carl Zeiss Jena wäre mit Ihnen in die Bundesliga aufgestiegen, dann würden Sie dort immer noch spielen, oder?

Das ist jetzt sehr hypothetisch.

Vielleicht nicht mehr lang. Angeblich wird der Klub von einem osteuropäischen Investor übernommen.

Davon habe ich auch schon gehört, dass da jemand einsteigen soll und Sergej Kirjakow (russischer Ex-Bundesligaprofi, Anm. d. Red.) ein bisschen für diesen Mann vorarbeitet.

Ist das eine gute Entwicklung?

Klar mache ich mir meine Gedanken, aber mein Job ist derzeit noch auf dem Rasen, deshalb möchte ich dazu nichts sagen.

Planen Sie, nach der Karriere nach Jena zurückzukehren und dort im Verein eine Aufgabe zu übernehmen?

So lange noch kein Gegenspieler rückwärts an mir vorbei läuft, möchte ich spielen. Aber Sie haben Recht, gegenwärtig ist angedacht, nach der Karriere nach Jena zurückzukehren.

Zur rheinischen Frohnatur sind Sie also auch in neun Jahren bei Bayer Leverkusen nicht avanciert?

Was verstehen Sie unter einer rheinischen Frohnatur?

Menschen, die feierfreudig und außergewöhnlich kommunikativ sind.


Na gut, bei Ihnen wirke ich eher verschlossen. Wir werden heute wohl auch nicht mehr gemeinsam in eine Kneipe abtauchen. Und wenn hier der Karneval ansteht, müssen wir mit der Mannschaft fast immer in der Bundesliga antreten. Insofern bin ich wohl keine rheinische Frohnatur. Aber denken Sie nicht, dass wir nach Erfolgen nicht auch mal einen drauf machen.

Werden Sie nach der EM 2008 Ihre Karriere im Nationalteam beenden?

So ist es geplant. Aber im DFB-Dress zu spielen, ist für mich das Größte, und es erfüllt mich immer noch mit Stolz, bei der Hymne auf dem Platz zu stehen. Deshalb nageln Sie mich bitte nicht fest.

Dass nach Jürgen Klinsmann auch Jogi Löw große Stücke auf Sie hält, ist ja nicht zu übersehen.

Das war bei den anderen Bundestrainern aber auch so.

Na ja, Sie waren schon ein Spätberufener.


Der richtige Durchbruch kam erst kurz vor der WM 2002, das ist richtig.

Haben Sie in Jena noch einen intakten Freundeskreis, oder ist es eher die Familie, die da wohnt?

Die Familie sowieso. Aber ich habe dort auch noch meine Skatrunde…

…mit der Sie zur Weltmeisterschaft nach Südafrika fliegen wollen, um die Skatkasse auf den Kopf zu hauen.

Genau.

Würden die Ihnen denn verzeihen, wenn sie ohne Sie fliegen müssten, weil Sie Ihre Karriere in der Nationalelf verlängern?

Nein. Ich bin der Kassenwart.

Haben Sie Freunde im Leverkusener Team?

Ich habe auch Freunde im Rheinland, wenn Sie das meinen. Aber die Leute, mit denen ich die Schulbank gedrückt und auf der Straße gekickt habe, sind halt was Besonderes.

Gibt es denn hier bei Bayer jemanden, den Sie als Freund bezeichnen würden?

Es gibt auf jeden Fall Kollegen, mit denen ich mich sehr gut verstehe. Carsten Ramelow, zum Beispiel, früher Oliver Neuville, aber auch ein René Adler.

Es heißt, Sie seien mit dem Bielefelder Jörg Böhme befreundet.

Das stimmt. Auch mit dem Ex-Frankfurter Alex Schur, dem ich meine ganze Karriere verdanke.

Wieso das?


Als ich damals mit Jena gegen Frankfurt gespielt habe, ist ihm ein Fehlpass unterlaufen, den ich zu dem schönen Tor verwandelt habe, durch das die Frankfurter auf mich aufmerksam wurden.

Und wie verhält es sich mit Böhme? Sie beide sind ja doch recht verschieden.

Ja, klar. Aber wir haben zusammen in Jena gespielt, später dann in der Nationalmannschaft, und telefonieren heute noch öfter.

Gibt es eine Solidarität der Spieler, die in den neuen Bundesländern aufgewachsen sind, vielleicht auch mit einem Ballack oder Borowski?

Sicherlich. Wir teilen dieselben Kindheitserinnerungen und sind die letzten Absolventen des alten DDR-Sportfördersystems.

Sie hatten während Ihrer Karriere auch einige Angebote ausländischer Vereine, aber letztlich ist das alles nichts geworden. Sind Sie kein Typ fürs Ausland?

Doch, ich hätte es liebend gern gemacht, aber an irgendetwas ist es immer gescheitert. Irgendwann hatte es sich dann für mich erledigt.

Wie oft saßen Sie schon auf gepackten Koffern?


Das konkreteste Interesse hat der FC Barcelona nach der WM 2002 gezeigt. 

Als jetzt Bernd Schuster neuer Trainer bei Real Madrid wurde, ist auch Ihr Name als möglicher Neuzugang genannt worden. Ich nehme das mal als Anerkennung. War da denn was dran?

Ich weiß, ob was dran war.

Aber wir nicht. Kennen Sie Bernd Schuster persönlich?


Ja, aber von früher schon. Unabhängig davon, ob er angerufen hat oder nicht. Sie brauchen nicht alles zu wissen.

Wir hätten es jedenfalls mit großer Spannung gesehen, wie Sie als technisch starker Spieler in der Primera División zurechtgekommen wären.


Ich glaube schon, dass in Spanien mein Fußball gespielt wird. Aber es hat sich halt nicht ergeben.

Wenn man zurück denkt an das Leverkusener Team, das 2002 fast alles und am Ende gar nichts gewonnen hat – war das die stärkste Mannschaft, in der Sie je gespielt haben?


Da waren schon klasse Spieler dabei: Ballack, Lucio, Zé Roberto… Doch 2000 unter Christoph Daum waren wir auch nicht schlechter.

Auch so spektakulär?

Wir haben 9:1 in Ulm gewonnen.

Nichts gegen Ulm, aber das Team von 2002 hat, vor allem in der Champions League, ein berauschendes Spiel nach dem anderen abgeliefert. Und stand am Ende doch mit leeren Händen da. Kann es einen nicht furchtbar fertig machen, wenn man innerhalb weniger Wochen alles verspielt?


Klar ärgert man sich. Doch am Ende des Sommers geht’s weiter.

Wie verarbeitet man das? Nehmen Sie in solch einer Situation psychologische Hilfe in Anspruch?

Mache ich nicht. Es gehört zum Fußball dazu, auch in so einem Fall wieder aufzustehen. Es ist 2007, das Ganze ist fünf Jahre her, ich spiele immer noch Fußball und das gar nicht mal schlecht.

Das kann man so sagen, Sie sind noch immer einer der Leistungsträger der Nationalmannschaft. Wie sehen Sie den Übergang von Klinsmann zu Löw? Herrscht wirklich solch eine Kontinuität, wie es von außen erscheint?

Auf jeden Fall, zumal der Jogi ja auch in den zwei Jahren zuvor schon viel mit der Mannschaft gearbeitet hat.

Glauben Sie, dass die Titelchance für Deutschland bei der EM im nächsten Jahr größer ist, weil die 2006 noch recht junge Mannschaft dann zwei Jahre gereift ist?


Im Moment sieht es recht gut aus, doch ein paar andere Mannschaften werden auch mitspielen. Das Team glaubt aber an seine Chance und die größere Erfahrung wird gewiss nicht schaden.

Der Druck wird entsprechend groß sein. Das erste Mal seit vielen Jahren wird eine deutsche Nationalmannschaft nicht von großer Skepsis begleitet in ein Turnier gehen.


Von außen mag das so aussehen. Aber glauben Sie mir, wir haben auch 2002, 2004 und 2006 geglaubt, dass wir etwas erreichen können. 2002 waren sich sogar alle sicher: Die Leverkusener sind dabei, also kommen wir ins Finale (lacht). Und sie haben recht gehabt.

Sie machen einen ruhigen, fast leisen Eindruck. Werden Sie intern auch mal laut?


Ich mache auf jeden Fall klare Ansagen.

Das heißt, Sie können richtig unangenehm werden?

Weiß ich nicht. Ich bin vom Naturell her ein etwas ruhigerer Typ, aber ich weiß mich schon mitzuteilen. Es geht auch nicht darum, dass die jüngeren Spieler mir die Tasche tragen müssen, sondern darum, sie auf dem Platz besser zu machen.

In der Fußballberichterstattung wird oft das Individuum herausgestellt. Sie dagegen betonen dauernd, dass Fußball ein Mannschaftssport sei.


Ist er ja auch.

Was einige manchmal vergessen.

Das Individuum genauer zu betrachten, hat ja auch Vorteile. Heute wird das Training individuell gesteuert, und das ist gut so. Aber auf dem Platz stehen immer noch elf Leute und noch einige drum herum. Es heißt ja auch Fußballmannschaft und nicht Fußballschneider.

Liegen Sie eigentlich hin und wieder nachts wach und denken: »Solch eine tolle Karriere und am Ende habe ich vielleicht keinen einzigen Titel gewonnen«?

Nein, ich möchte nichts missen. Andere werden da nie hinkommen. Mir fehlt zum Beispiel nur noch ein einziges Endspiel, und das nehmen wir im nächsten Sommer in Angriff.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der Karriere?

Ich möchte auf jeden Fall dem Fußball erhalten bleiben.

Als Sportdirektor von Carl Zeiss Jena?

Vielleicht bleibe ich ja auch in Leverkusen. Aber interessant wäre es schon.

Und dann passiert das, was Sie sich während Ihrer aktiven Zeit immer erträumt haben: Deutscher Meister mit Jena.

(lacht) Schönes Schlusswort, nicht wahr?

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