26.06.2009

Bernd Schneider zieht Bilanz

»Ich möchte nichts missen«

Wegen einer Rückenverletzung beendet Bernd Schneider seine Karriere. Zeit, noch einmal eines seiner wenigen Interviews hervor zu holen, das er uns 2007 gab: »Schnix« über den Unterschied zwischen Fußballmannschaft und Fußballschneider.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: imago
Bernd Schneider zieht Bilanz

Bernd Schneider, an welche Sternstunde Ihrer Karriere erinnern Sie sich am liebsten?

Zwei Tore sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Gegen Borussia Dortmund habe ich einmal von der Mittellinie aus getroffen, und bei einem Pokalspiel gegen Jahn Regensburg stand ich sogar in der eigenen Hälfte und habe das Ding rein gemacht.

Können Sie beschreiben, wie es sich anfühlt, so ein Tor zu schießen?

Im besten Fall spürt man bereits in dem Moment, wenn der Ball den Fuß verlässt, dass er rein gehen wird.

Ein traumhaftes Gefühl, oder?

Natürlich freuen mich solche Momente. Aber ich bin da nicht egoistisch: Wenn ich im Fernsehen sehe, wie Diego den Ball von der Mittellinie über den Torwart hebt und der Keeper nur noch machtlos in Rücklage gerät, macht mir das genauso Spaß.

Sehen Sie Spiele von sich im TV und erkennen erst dabei, wie gut eine bestimmte Aktion war?

Auf dem Platz ist alles viel enger. Deshalb stelle ich immer wieder überrascht fest, wie viele gute Pässe oder geistesgegenwärtige Aktionen von Kommentatoren einfach übersehen werden. Den Sprechern fehlt oft die Kompetenz nachzuvollziehen, wie schwierig mancher Pass auf dem Feld zu spielen ist.

Sind Sie ein Schachspieler, der Spielzüge im Voraus erahnt?


Nein, ich spiele intuitiv. Alles geschieht aus dem Bauch und der Situation heraus. Natürlich kenne ich viele Situationen aus dem Training, die auch im Spiel ähnlich ablaufen. Aber im Fußball gleicht keine Sequenz genau der anderen. Das macht es so spannend.

Mit Systemfußball können Sie demnach nicht so viel anfangen.

Das kommt immer darauf an. Jeder Profi muss in der Lage sein, in einer vorgegebenen Formation zu spielen und in der Defensive mitzuarbeiten. Aber wir sind alle Individuen, und um Erfolg zu haben, muss man immer wieder überraschende Akzente aus dem Spiel heraus setzen, die so nicht planbar sind.

Ist der Fußball in Deutschland taktischer geworden?

Früher haben wir mehr Manndeckung gespielt, heute entstehen die meisten Aktionen im Raum, obwohl es immer wieder vorkommt, dass der ein oder andere zur Manndeckung übergeht.

Kriegt jemand wie Sie oft einen Gegenspieler auf die Füße gestellt?


Ab und zu kommt es vor, dass mir selbst in der Defensive einer hinterherläuft. Aber früher war das deutlich extremer.

Wird Ihnen auf dem Platz oft wehgetan?

Nicht im Übermaß, körperliches Spiel gehört zum Fußball dazu.

Wobei einer wie Sie wahrscheinlich eher einsteckt als austeilt.


Wer das Spiel gewinnen will, muss sich wehren können. Zu meinem Job gehört es, die Auseinandersetzung mit dem Gegenspieler für mich zu entscheiden.

Auf Ihrer Homepage erwähnen Sie, dass Roberto Carlos Ihnen als Gegenspieler besonders in Erinnerung geblieben ist.

Weil er ein sehr starker, aber auch angenehmer Gegenspieler war.

Ist das kein Widerspruch?


Für mich nicht, denn es macht Spaß, gegen ein Mann solcher Klasse zu spielen. Zumal er als Defensivspieler auch sehr viel Druck nach vorne macht, woraus sich wiederum für mich Möglichkeiten ergeben: Er stand mir jedenfalls nicht dauernd auf den Füßen.

Sie wurden nach dem WM-Finale 2002 »der weiße Brasilianer« genannt. Erkennen Sie bei Leuten wie Roberto Carlos Ihre Grenzen?

Was die Körperbeherrschung und den Umgang mit dem Ball anbetrifft, sind die Brasilianer mit ihren Fähigkeiten zweifellos überlegen. Da mache ich mir nichts vor.

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