Bernd Krauss über Gladbach im Europapokal

»Was für ein Sprint! Ich bin heute noch außer Atem!«



Auch wenn es heute nicht zur Champions-League-Qualifikation reichen sollte: Borussia Mönchengladbach ist zum ersten Mal seit 1996 wieder im Europapokal dabei. Dass es dort tolle Geschichten zu erleben gibt, weiß kaum jemand besser als Gladbachs ehemaliger Spieler und Trainer Bernd Krauss.

Bernd Krauss, Borussia Mönchengladbach ist zurück in Europa und hofft heute Abend auf das Wunder von Kiew: den sensationellen Einzug in die Champions League. Glauben Sie noch daran?
Im Fußball kann alles passieren. Wahrscheinlich geht es aber in der Europa League weiter. Und das ist ja auch schon ein gewaltiger Sprung. Vom Abstiegskandidaten direkt zum Champions-League-Teilnehmer ist dann vielleicht auch des Guten zu viel.

In der Champions League wäre allerdings ein Duell gegen den FC Arsenal möglich. Ein Gegner, der der Borussia liegt, wie Sie als Gladbacher Trainer in der Saison 1996/97 bewiesen haben.


(lacht) Arsenal war damals schon ein Spitzenteam. Einige Leute im Verein hatten die europäische Saison nach der Auslosung schon abgehakt. Ich sagte ihnen: Wir müssen erstmal spielen, danach wird der Kuchen verteilt.

Sie schlugen Arsenal in ersten UEFA-Cup-Runde auswärts und zu Hause jeweils mit 3:2. Hört sich nach einem souveränen Erfolg an.
Wir hatten auch Glück. Gerade im Hinspiel. Schiedsrichter Urs Meier zeigte gegen Ende der Partie an, dass er fünf Minuten nachspielen lassen würde. Das hat uns überrascht, denn eine so lange Nachspielzeit war damals unüblich. Uns sind in diesen fünf Minuten dann die Bälle nur so um die Ohren geflogen. Arsenal hatte Möglichkeiten, um das 3:3 oder sogar noch das 4:3 zu erzielen. Als Meier abpfiff, habe ich ganz schön durchgeschnauft.



Waren Sie danach der Held von Gladbach?
Von wegen. Als ich mich nach dem Schlusspfiff zur Ersatzbank umdrehte, stand mein spezieller Freund (Gladbachs damaliger Präsident Karl-Heinz Drygalsky, d. Red.) vor mir. Anstatt zu gratulieren, schnaubte er: »Das Gegentor zum 2:3 war ja wohl unnötig.« 



Wie haben Sie reagiert?



Ich habe nichts dazu gesagt und bin direkt in die Kabine zu den Jungs. Es war mir wichtiger, den Erfolg mit den Spielern zu genießen, anstatt eine sinnlose Diskussion zu führen. Es gibt nicht viele deutsche Teams, die mal ein Europapokalspiel in England gewonnen haben. Selbst wenn wir danach noch ausgeschieden wären, würde der Sieg von Arsenal noch heute als ganz besonderes Datum in der Gladbacher Geschichte stehen.

Werden Sie heute noch darauf angesprochen?
Wenn ich meine Spieler von damals sehe, flachsen wir öfters über die alten Zeiten. Vor einem Jahr saß ich mit Kalla Pflipsen und Peter Wynhoff in der Buisness-Lounge im Borussia-Park. Plötzlich entdeckten wir ein besonderes Bild aus dem Spiel in London. Ich bin erstmal aufgestanden und näher hingegangen, weil ich es nicht glauben konnte.

Was war auf dem Bild zu sehen?
Hubert Fournier, ein französischer Innenverteidiger, an den sich heute viele Gladbach-Fans wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Er hat es sich nach seiner überragenden Leistung auf jeden Fall verdient, dort wieder verewigt zu sein. (lacht)

Gab es weitere Spieler, die damals herausragten, von denen man es eigentlich nicht erwartet hätte?
Stephan Paßlack machte als Außenverteidiger einen so guten Job, dass er einen Monat später Nationalspieler wurde. Stefan Effenberg als Leader war natürlich extrem wichtig für die Mannschaft. Er war das Mosaiksteinchen, das wir noch gebraucht hatten, um uns nach langjähriger Abstinenz überhaupt wieder für den Europapokal zu qualifizieren.

Wie sich Borussia Mönchengladbach in der Vergangenheit im Europapokal schlug, seht ihr auch in unserer Bildergalerie!


Ein Jahr vor den Spielen gegen FC Arsenal traten Sie im Pokal der Pokalsieger an. Welche Erinnerungen sind haften geblieben?
In der ersten Runde spielten wir gegen Sileks Kratovo aus Mazedonien. Wenn wir heute darüber sprechen, muss ich mir immer wieder Sprüche anhören. »Was hast du uns damals verrückt gemacht! Uns Märchen erzählt, wie stark die sind!« (lacht) Aber was hätte ich machen sollen? Meinen Spielern erzählen, dass wir locker weiterkommen? Als Trainer darf man manchmal nicht die Wahrheit sagen. Mir war klar, dass wir in Normalform keine Probleme bekommen.



Sie schlugen Kratovo mit 3:0 und 3:2. Danach ging es zunächst gegen AEK Athen und dann gegen Feyenoord Rotterdam.
Da hat man die weniger angenehme Seite des Europapokals gesehen. Beide Spiele waren von Gewalt geprägt. In Athen wurden wir mit Steinen beworfen, als wir mit dem Mannschaftsbus am Stadion ankamen. Wir blieben jedoch cool und gewannen mit 1:0. Rotterdam war noch extremer.

Was passierte?


Vor dem Rückspiel gab uns die niederländische Polizei den Hinweis, dass es besser wäre, mit einem niederländischen Bus anzureisen. Sie hatte Hinweise bekommen, dass einige Rotterdamer Fans auf der Autobahn einen Anschlag auf uns planten. Nachdem wir die 20 Kilometer von Gladbach bis nach Venlo hinter die Grenze gefahren waren, wartete dort also ein Bus mit niederländischem Kennzeichen, in den wir umstiegen, um auf der Autobahn nicht erkannt zu werden.



Half der Buswechsel?
Ja. Auf der Autobahn passierte nichts. In Rotterdam verschwanden wir schnell ins Stadion. Wie ich später erfuhr, wurden unsere Fans, die mit dem Zug anreisten, nach der Ankunft mit Kartoffeln beworfen, in denen Nägel steckten.



Ließ sich Ihre Mannschaft beeindrucken?


Dass wir nach dem 2:2 im Hinspiel durch eine 0:1-Niederlage rausflogen, hatte damit nichts zu tun. Rotterdam hatte eine gute Mannschaft.






Im UEFA-Pokal scheiterten Sie 1996 nach den Siegen über Arsenal in der zweiten Runde am AS Monaco. War das auch verdient?
Definitiv. Monaco wurde später französischer Meister. Victor Ikpeba und Thiery Henry bildeten das Sturmduo. Wir machten Fehler, Monaco bestrafte sie eiskalt. So wie die Borussia vor einer Woche gegen Kiew. Nach dem Hinspiel, das wir zu Hause 2:4 verloren, tat sich auch unser Präsident wieder hervor. Er forderte mich öffentlich auf, ihm zu erklären, warum Henry so schnell und unsere Abwehrspieler so langsam seien. Daran musste ich immer denken, als Henry später beim FC Arsenal ganz Europa aufmischte (lacht).

Das Hinspiel gegen Monaco wurde auch von einem Boulevard-Thema begleitet: Stefan Effenbergs Frau Martina erwartete ein Kind.

Effe wollte bei der Geburt dabei sein, doch die Sache zog sich hin. Die Medien begleiteten dieses Thema fast ausführlicher als unser Spiel. Als wir in den Bus stiegen, um zum Spiel zu fahren, sagte ich zu Effe. »Jetzt ist Feierabend.« Er musste spielen. Sein Kind kam einige Tag später zu Welt. Es war ein ganz schönes Hickhack, aber ehrlich gesagt nicht ausschlaggebend für unser Ausscheiden.



Die Europapokalspiele gegen Arsenal und Monaco bestritt die Borussia nicht in Gladbach, sondern in Köln. Ein Nachteil?


Als Trainer war ich pro Bökelberg. Das war unsere Heimat. Dort war es eng und stimmungsvoll. Aber gegen die finanziellen Argumente konnte ich dann auch nichts mehr ein einwenden. In Gladbach hätten uns nur 15.000 Zuschauer unterstützen dürfen. Das hätte sich in einem Europapokalspiel nicht gerechnet.



Wie sich Borussia Mönchengladbach in der Vergangenheit im Europapokal schlug, seht ihr auch in unserer Bildergalerie!


In den Achtzigern waren Europapokalspiele auf dem Bökelberg ganz normal. Sie waren als Spieler dabei. Welchen Moment haben Sie bis heute nicht vergessen?


Im März 1987 gelang mir das wohl schönste Tor in meiner Karriere. Wir spielten im Viertelfinale gegen Viktoria Guimares. Kurz vor der Pause gab es Eckball für die Portugiesen, den Uwe Kamps abfing. Ich stand am kurzen Pfosten und sprintete sofort los in Richtung gegnerischen Strafraum. Kamps warf den Ball zu Ewald Lienen, der über links Meter machte und die Kugel in den gegnerischen Strafraum flankte. Dort stand ich und versenkte die Kugel volley. Was für ein Sprint! Ich bin heute noch völlig außer Atem.

1984 scheiterte die Borussia in der zweiten Runde nach einem 0:1 bei Widzew Lodz. Das Spiel sorgte dafür, dass die Borussia nicht zum nachfolgenden Bundesliga-Spiel anreisen konnte. Wie kam es dazu?
Wir wollten von Warschau aus nach Deutschland zurückfliegen, doch über Polen hatte sich so dichter Nebel ausgebreitet, dass keine Flüge mehr erlaubt waren. So hingen wir zwei Tage lang in Warschau fest. Es musste extra noch ein Hotel öffnen, das eigentlich schon geschlossen hatte, damit wir die Nacht nicht auf der Straße verbringen mussten. 



Blieb denn wenigstens Zeit für einen Stadtbummel?
Nein. Wir waren ständig in Bereitschaft, spontan nach Deutschland zurückzufliegen. Kein Mensch wusste, wie lange sich der Nebel noch halten würde. Unser damaliger Trainer Jupp Heynckes konnte zumindest noch einen Trainingsplatz auftreiben, auf dem wir eine Einheit absolvierten. Ansonsten blieben wir im Hotel.



In den legendären Duellen gegen Real Madrid in der Saison 1985/86 fehlt Ihr Name in der Aufstellung. Warum?
Als meine Kollegen Real im Hinspiel mit 5:1 bezwangen, lag ich nach einer Leisten-Operation im Krankenhaus. Für die Jungs hat es mich gefreut. Aber nicht dabei gewesen zu sein, ärgerte mich natürlich. Am nächsten Tag kamen einige Mitspieler ins Krankenhaus und klopften sich gegenseitig auf die Schulter, wie stark sie doch gewesen waren. Beim Rückspiel war ich immer noch nicht fit und sah am Fernseher, wie war das Weiterkommen durch ein 0:4 noch vergeigten. Himmel und Hölle liegen manchmal nah beieinander.






Die Borussia musste lange Zeit auf solche Erlebnisse verzichten. Glauben Sie, dass sich daran nun dauerhaft wieder etwas ändert?



Das muss das langfristige Ziel sein. Wer bei Borussia Mönchengladbach arbeitet, der muss sich mit den erfolgreichen siebziger Jahren auseinandersetzen. Das war damals bei uns so, das wird auch noch 2020 so sein. Daher ist es immer der Anspruch der Borussia, oben mitzuspielen. Jetzt hat der Klub die Chance, sich mal wieder in höheren Tabellenregionen zu etablieren.



Wird die Borussia auch in dieser Saison wieder um die europäischen Qualifikationsplätze mitspielen?
Abwarten. In der vergangenen Saison hat Marco Reus die entscheidenden Tore gemacht, wenn es eng wurde. Er fehlt nun. Es sind talentierte Spieler dazugekommen, die sich erst entwickeln müssen. Ein Platz im gesicherten Tabellenmittelfeld wäre für die kontinuierliche Entwicklung auch schon viel wert. Wenn ein paar tolle Erfahrungen in der Europa League dazukommen – umso besser.

Wie sich Borussia Mönchengladbach in der Vergangenheit im Europapokal schlug, seht ihr auch in unserer Bildergalerie!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!