Bernd Krauss im Interview

„Sagenhaftes Pech“

Jürgen Röber hat sein Amt beim BVB niedergelegt. Sein Fall ist symptomatisch für den Trainer als Feuerwehrmann: Ehe er sich versieht, steht er selbst in Flammen. So wie Bernd Krauss, der 2000 von elf Spielen mit dem BVB nicht eines gewann. Imago

Herr Krauss, als Sie den BVB an jenem 18. Spieltag der Saison 1999/2000 übernahmen...

... daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern (lacht)!

War Ihnen damals im Entferntesten klar, wie schwer Ihre Aufgabe werden würde?

Nein, ganz und gar nicht. Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass es ein Fehler war, den BVB zu diesem Zeitpunkt zu übernehmen. Ich hätte in der Winterpause anfangen sollen, dann hätte ich viel mehr Zeit gehabt, die Mannschaft kennen zu lernen und Korrekturen vorzunehmen.

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Sie hatten vorher über lange Phasen bei Gladbach und San Sebastian gearbeitet. Wie kamen die Dortmunder Verantwortlichen auf Sie als Feuerwehrmann?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe mit Gladbach immer gut in Dortmund ausgesehen, vielleicht hat das den Ausschlag gegeben.

In Hamburg kaserniert Huub Stevens seine Spieler, nachdem Thomas Doll die Leine lang gelassen hat. Muss ein neuer Trainer zwangsläufig das Gegenteil seines Vorgängers darstellen?

Wie soll er das fertig bringen? Er hat keine Zeit, sich mit dem Stil seines Vorgängers zu befassen. Und ohnehin ist er gut beraten, bei seinem eigenen Stil zu bleiben. Sonst wird er unglaubwürdig.

In welchem Zustand fanden Sie die Dortmunder Mannschaft vor?

Zunächst einmal waren die Trainingsbedingungen extrem schlecht. Jeden Tag musste ich von Neuem planen, wo wir trainieren, so matschig und kaputt waren die Plätze. Auch die Mannschaft war in einem überraschend schlechten Zustand. Ich selbst dachte noch, dass ich jetzt endlich mal mit einer Top-Truppe arbeiten könnte: Kohler, Reuter, Bobic, Ikpeba. Aber die Jungs waren mit hohen Erwartungen in die Saison gegangen und gerieten dann unten rein. Dem waren sie psychisch nicht gewachsen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt heute in einem satirischen Artikel über ein Handbuch, das angeblich von Udo Lattek geschrieben wurde und von Feuerwehrmann zu Feuerwehrmann weitergegeben wird. Darin sollen Sätze stehen wie: „Wir müssen Gras fressen“ „Das ist jetzt eine Charakterfrage“ und „Ich werde den Laden aufräumen“. Welche Rolle spielt Suggestion im Abstiegskampf?

In meinen Augen eine sehr geringe. Mit solchen Sätzen erreicht man niemanden. Es ist eine Fehlannahme, dass die Spieler auf so etwas anspringen. Deutschland ist die letzte Bastion dieses Klischees. Ich habe in Spanien beim abstiegsgefährdeten CD Tenerifa gearbeitet. Dort hätten Sie überhaupt nicht verstanden, wovon ich rede.



Wenn Parolen schon nichts bringen – blieb Ihnen in Dortmund wenigstens ein bisschen Zeit, die Mannschaft kennen zu lernen und gezielt auf die Einzelspieler einzuwirken?

Nein. Man muss als Trainer darauf hoffen, dass die Jungs ihr Selbstvertrauen auf dem Platz zurückgewinnen.

Das klappte nicht. In den elf Spielen, bei denen Sie auf der Trainerbank saßen, gelang der Mannschaft kein Sieg. Wie kam das nur?

Das rührte zum einen von den schlechten Bedingungen her, die ich vorfand. Dann hatten wir phasenweise 13 Verletzte, das ist kaum zu kompensieren. Und wir hatten ein sagenhaftes Pech in den Spielen. So oft wie wir kann man die Latte eigentlich gar nicht treffen. Trotzdem denke ich nach wie vor, dass auch ich den BVB vor dem Abstieg gerettet hätte – spätestens, wenn all die Verletzten zurückgekehrt wären.

Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, dass Ihre Zusammenarbeit mit dem BVB ein Missverständnis sein könnte?

Schon nach drei Tagen. Es war ein Fehler, dass ich nicht zu diesem Zeitpunkt hingeschmissen habe.

Wie funktionierte die Kommunikation mit der Mannschaft, als die schwarze Serie ihren Lauf nahm?

Aus meiner Sicht ganz gut. Aber vorsichtshalber sollten Sie auch die Spieler noch mal fragen.

Der Druck, den das Umfeld ausübte, muss enorm gewesen sein. Hatten Sie Fluchtgedanken?

Nein. Natürlich sind die Erwartungen in Dortmund sehr hoch, aber das ja auch nicht von ungefähr. Wenn der Verein dann unten rein gerät, ist die Enttäuschung zu Recht groß. Ich wurde aber nie persönlich angegriffen – vielleicht auch, weil ich gebürtiger Dortmunder bin.

Haben Sie die Entwicklung Jürgen Röbers beim BVB verfolgt?

Aus der Ferne, ja.

Erkennen Sie die Parallelen?

Die drängen sich auf. Jürgen Röber kam, so wie ich auch, in einer unbefriedigenden Situation und sollte den Verein wieder nach oben führen. Das ist ihm ebenso wenig gelungen wie mir. Die Erwartungen waren in seinem Fall aber noch weitaus höher, weil er ja gleich im ersten Spiel die Bayern schlagen konnte – das war ungünstig.



Ist es in einem Verein wie dem BVB möglich, in einer prekären Situation, in der alle sich nach dem schnellen Erfolg sehnen, die langfristige sportliche Entwicklung nicht aus den Augen zu verlieren?

Durchaus. Man hat ja immer wieder auch junge Spieler an die Mannschaft herangeführt: Kruska, Sahin, Brzenska, um nur einige zu nennen. Das ist im Hinblick auf die Zukunft sicherlich vernünftig. Aber es ist ein schmaler Grat: Du brauchst die Punkte in jedem Spiel.

Woran machen Sie den aktuellen sportlichen Niedergang des BVB fest?

Ähnlich wie 1999/2000 gibt es viele namhafte Spieler im Kader. Man hat aber versäumt, auch auf die Chemie zu achten. Die stimmt nun nicht. Außerdem ist Dortmund im Gegensatz zu Aachen oder Cottbus nicht auf den Abstiegskampf gefasst gewesen.

Ist Thomas Doll der Richtige für Dortmund?

Das kann ich nicht sagen.

Was sagt Ihnen Ihr Gefühl?

Die Mannschaft dürfte dann doch stark genug sein, um die Klasse zu halten. Und Thomas Doll ist sicherlich ein guter Trainer. Mich wundert nur immer wieder, dass ein Trainer bei einem Verein entlassen wird, weil man ihm nicht zutraut, das Ruder noch rumzureißen – und ein anderer Verein holt ihn, damit er genau das tut.

Was wird aus Jürgen Röber? Ist er als Trainer nun verbrannt?

Nein. Der Jürgen ist ein Guter und wird schon wieder einen Job finden.

Nach Ihrem persönlichen Desaster beim BVB sind sie nicht wieder in die Bundesliga zurückgekehrt.

Stimmt. Aber ich war nicht untätig, habe in Griechenland gearbeitet und auch wieder in Spanien, beim CD Tenerifa. Und dort sogar als Feuerwehrmann!


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